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Gottes Zwiebel - SF und Theologie

1Gottes Zwiebel
SF und Theologie

Theologie und Science Fiction haben kaum Berührungspunkte.

Ziemlich oft werden Raumfahrer mit fortschrittlicher Technologie von den Bewohnern anderer Planeten zu Göttern erklärt, und wenn man Erich von Däniken und anderen Schriftstellern Glauben schenkt, war es ja auf Erden auch nicht anders.

Die ZeitpolizeiDer Schöpfer des Himmels und der Erde monotheistischer Religionen hingegen lässt sich höchst selten in seiner Schöpfung blicken. Heynes TITAN-Reihe präsentierte eine Kurzgeschichte von Lester del Rey mit dem Titel „For I Am a Jealous People“, in der jedoch genau das geschah: Außerirdische begannen mit einer Invasion der Erde, die Technik der Erdbewohner ließ sie in der direkten Konfrontation mit den Invasoren auf seltsame Weise im Stich, und die Fremden legten ganz besonderen Wert darauf, irdische Kirchen zu zerstören und Priester zu töten. Die Auflösung ergab sich, als Flüchtlinge in den Ruinen einer Kirche eine Gotteserscheinung hatten – allerdings sprach Gott zu den Angreifern. Die Menschheit hatte ihn einmal zu oft enttäuscht, und so hatte der HErr sich ein anderes Volk erwählt …

James Blish verdanken wir den Roman „A Case of Conscience“, an dessen Ende ein Jesuitenpater einen Exorzismus über einen ganzen Planeten spricht – der daraufhin explodiert. Zufall oder göttlicher Eingriff?

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Seelenfrage. Haben Nichtmenschen eine Seele oder sind sie in den Augen Gottes nur sprachbegabte Tiere, die fortschrittliche Werkzeuge benutzen? Hat Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz auf dem Berg Golgatha auch Extraterrestriern den Weg in den Himmel eröffnet, oder bekommt jede Spezies unter den Kindern Gottes einen eigenen Erlöser?

Bei meinen Betrachtungen lasse ich Kirchen als organisierte Glaubensgemeinschaften außen vor; die SF hat meistens einen Platz für sie.
Star Trek hat uns quer durch alle Serien eine Anzahl von sehr, sehr mächtigen Wesen präsentiert. Die Q waren ein Paradebeispiel. Ein Q konnte einfach so die Realität verändern, wenn ihm der Sinn danach stand. Das Einzige, was einem Q Einhalt gebieten konnte, waren ein oder mehrere andere Q, die dann imstande waren, den Unruhestifter seiner Kräfte zu berauben. Wie die Q zu dem wurden, was sie jetzt sind, ist nie erklärt worden. Den Ansprüchen, die polytheistische Religionen an Götter stellen, konnten die Q allemal gerecht werden – Monotheisten allerdings erwarten mehr von Gott.

Die ZeitpolizeiIm Perryversum war die theologische Welt immerhin lange Zeit einigermaßen in Ordnung. Gut, es gab Außerirdische. Vermutlich hatten sie auch Seelen – es gibt ja keinen Lackmustest, ob jemand eine Seele hat oder nicht. Und die Beschäftigung mit Seelen blieb ja allein den Theologen überlassen; Ernst Ellert war ja nicht da, um der Öffentlichkeit von seinen Abenteuern zu erzählen, und die Rückkehr seiner Seele zur Erde im Körper des Druufs Onot war zweifellos eine Verschlußsache mit sehr hoher Geheimhaltungsstufe.
Als die Pedotransferer der Cappins in der Milchstraße auftauchten, wurde es schon etwas problematischer. Das Wort von der ÜBSEF-Konstanten hielt Einzug in die Wissenschaft, und das war nichts Anderes als die Seele unter falscher Flagge. Das Fass zum Überlaufen brachte dann der Sturz der Erde in den Mahlstrom, als ES mal eben die Bewußtseine/Seelen/ÜBSEF-Konstanten aller zu diesem Zeitpunkt auf der Erde lebenden Menschen in sich aufnahm.
ES konnte nicht Gott sein. Denn Gott war schon da, bevor die Welt entstand. Von ES wusste man bereits, dass es sich zum Geistwesen entwickelt hatte und vorher etwas Anderes und weniger Mächtiges gewesen war. Gott entwickelt sich nicht.
Da machte es dann auch kaum noch etwas aus, dass ES sich einige Zeit später nicht als einmaliger Sonderfall entpuppte, sondern als nur eine Superintelligenz unter vielen. Das Zwiebelschalenmodell der kosmischen Evolution lehrte, dass Völker sich zu Superintelligenzen entwickeln können, wenn alles gut verläuft und sie nicht vom richtigen Pfad abkommen. Superintelligenzen können zu Materiequellen werden (oder zu Materiesenken …), aus denen wiederum unter den richtigen Umständen Kosmokraten (oder Chaotarchen) hervorgehen.
Dass an dieser Stelle noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist, erkennt man an den drei Ultimaten Fragen. Als Perry Rhodan nach langjähriger unwissentlicher Mitarbeit im Dom Kesdschan zum Ritter der Tiefe geweiht wurde und offiziell in den Dienst der Kosmokraten trat, hörte er die drei Fragen:
„Was ist der Frostrubin?“
„Wo beginnt und wo endet die Endlose Armada?“
„Wer hat DAS GESETZ initiiert und was bewirkt es?“
Wie sich bald zeigte, kannten die Kosmokraten die Antworten (oder jedenfalls gültige Antworten!) auf die ersten beiden Fragen. Die Antwort auf die dritte Frage war ihnen verborgen geblieben, und sie zu erfahren war ihnen wichtiger als Leben und Verstand eines vielversprechenden Mitarbeiters; Taurec und Vishna waren sehr unzufrieden,als Perry Rhodan ihnen erklärte, er habe die Antwort auf die dritte Frage beinahe erfahren, aber gespürt, dass sie seinen Verstand überfordern und zerstören würde und deshalb ganz bewusst auf dieses Wissen verzichtet.

Man kann daraus schließen, dass die Kosmokraten erkannten, dass die Universen einer Ordnung folgen, aber bis heute nicht wissen, ob diese Ordnung sich mit fortschreitender Zeit entwickelt hat oder von Anfang an gültig war – und falls letzteres, woher diese Ordnung stammt.
Das wäre der richtige Platz für den monotheistischen Gott, der vor der Welt existierte und der laut der mystischen Lehre der Kabbala die Welt überhaupt erst erschaffen konnte, indem er sich zunächst aus sich selbst zurückzog und eine Leere schuf – um sie anschließend mit der Schöpfung auszufüllen. Diesen Akt vor der eigentlichen Schöpfung bezeichnen die Kabbalisten als Tzimtzum, die Konzentration oder Kontraktion.

Die ZeitpolizeiNun kennt das Perryversum bisher keine Wesenheit, die vor dem ersten Universum da war. Andererseits haben wir mit THEZ von einer Wesenheit erfahren, die am Ende der Zeit und am Ende aller Universen existiert und von diesem … Ort? … aus bemüht ist, mit Hilfe des Atopischen Tribunals zumindest ein Universum davon abzuhalten, infolge dummer, verantwortungsloser Handlungen seiner Bewohner früher als kosmologisch unvermeidbar unterzugehen.
THEZ repariert (mindestens) dieses Universum vom hinteren Ende her. Ist es denkbar, von den Jenzeitigen Landen aus dafür zu sorgen, dass dieses unser Universum überhaupt erst entsteht? Haben wir den Schöpfer des Kosmos die ganze Zeit über am falschen Ende der Zeit gesucht?

Es gibt eine Kurzgeschichte von Stanislaw Lem, in der der Wissenschaftler Professor Rasglas entdeckt, dass es keinen Grund für die Existenz des Kosmos gibt; das ganze Universum ist eine Anomalie, die jederzeit in den Zustand des Nichtseins zurückkehren kann. Also gestaltet der Professor ein Urpartikel, mit dessen Hilfe der Kosmos überhaupt erst entsteht und quasi rückwirkend legitimiert wird, und schickt es in der Zeit zurück bis zum Nullmoment. Eigentlich will er in dieser Geschichte die Gelegenheit nutzen und den Kosmos gleich perfekt machen – aber die Assistenten pfuschen im Suff an den Einstellungen herum, und deshalb ist die Welt, in der wir leben, so unvollkommen wie wir sie nun mal vorfinden.

Wenn Atlan oder Richter Tifflor irgendwann aus den Jenzeitigen Landen zurück kommen in die Rechtzeitigkeit und sich jemals auf einen Plausch mit dem Papst und seinen Kardinälen (oder ein paar Ayatollahs und Rabbinern) zusammensetzen sollten, dann wird es viel zu bereden geben.


Kommentare  

#1 Andreas Decker 2017-09-19 11:10
THEZ ist natürlich ein legitimes Beispiel für die Frage, aber es ist auch das schlechteste Beispiel, weil das Konzept in seiner Darbietung nicht den geringsten Sinn gemacht hat. Aber darüber könnte man viele Artikel schreiben. :-)

In Rhodan hat Theologie nie eine Rolle gespielt. Aus gutem Grund. Man stelle sich vor, man hätte in den 60ern einen der Charaktere angesichts der Konfrontation mit ES sagen lassen, dass ES Gott ist. Was ja aus dem damaligen Kontext nicht so weit hergeholt gewesen wäre. Und es war auch besser so, den Themenkomplex zu meiden. Wenn man sich ansieht, wie peinlich die Romane waren, die sich mit terranischer Innenpolitik befassten, ist die Vorstellung theologischer Debatten zwischen Rhodan und dem außerirdischen Bösewicht des Zyklus' höchstens gruselig.

Voltz' Idee, die allmächtigen Superintelligenzen zu vervielfältigen, war schon clever. Damit war das Problem Es ist Gott vom Tisch, und man hatte neue Konfliktbereiche. Dass er sich damit irgendwann in eine Ecke geschrieben hat, hat er nicht geahnt oder nicht sehen wollen. Die von dir gebrachten Ultimaten Fragen ist dafür ja ein schönes Beispiel. Die Antworten auf 1+2 sind derart banal und unerheblich, dass sie nach dem Aufbau nur enttäuschen konnten. Frage 3 ist ein netter McGuffin, der notgedrungen durch die Herumbastelei diverser Generationen von Expokraten auch nur noch widersprüchlich ist.

In deine Aufzählung von SF-Romanen gehört eigentlich Pratchett, Cohen und Stewart "Die Wissenschaft der Scheibenwelt" rein. Eine so hervorragende Einführung in das Thema Evolution und den sich daraus ergebenden Fragen – vor allem in Bd3+4 – findet sich selten.
#2 AARN MUNRO 2017-09-20 08:16
Es ist sehr gut, dass die Expokraten unter KHS usw. sich früh dafür entschieden haben, die doch lächerlichen, irdischen, antiquiert wirkenden Theologien aus den kosmischen Beschreibungen herauszuhalten.Diese Theologien sind ja auch grösstenteils in der irdischen Antike entstanden und entsprechen damit keinem modernen, kosmischen Weltbild bzw. Überbau mehr.
Dass marginal irgendein unwichtiger Glauben bei Individuen mal positioniert wurde, rundete die Sache dann entsprechend ab. Damals konnten Scheersche Soldaten noch nach Mekka beten, ohne gleich für Terroristen gehalten zu werden. Auch Vandemaan hatte ja einen christlichen Topsider, den er zumindest glaubhaft herüberbrachte, im Buch. Auch bei der Beshreibung von Terrania-City wurden in Nebensätzen Kirchen als Gebäude erwähnt. Dabei solls, so finde ich, dann auch bleiben.
#3 AARN MUNRO 2017-09-20 08:18
Die-Däniken-Praktiken finden wir ja bei WE/CD, der ja ein Däni-Spezi war. In den Heften und TBs von Darlton ist dieses Thema oft dargestellt. Meist (für mich) auch überflüssig und unnötig.
#4 Des Romero 2017-09-22 04:33
Für mich sind alle wichtigen Fragen zu diesem Thema in der fünfteiligen Trilogie von Douglas Adams beantwortet worden.
#5 Laurin 2017-09-22 09:29
Na ja, für mich war das ganze mit den Superintelligenzen und Hohen Mächten bei PR samt dem Zwiebelschalenmodell faktisch schon immer eine überzogene und oftmals nervige Ersatzreligion.
#6 Heiko Langhans 2017-09-22 09:30
Angesichts der maßgeblichen Rolle, die Religionen und die durch sie motivierten Handlungen zu allen Zeiten in der Geschichte gespielt haben, halte ich ihr Abtun als "unwichtig" oder "lächerlich" für zumindest naiv.
Die Anzahl der Gäubigen übersteigt die der "aufgeklärten" Atheisten vermutlich um das Fünffache. Das zu ignorieren wäre unbedacht.
Im Übrigen ist die Theologie tatsächlich bis auf gelegentliche kurze und unverbindliche Überlegungen in der PR-Serie ignoriert worden, die Religion dagegen nicht. Und das ist auch gut so.

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