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Ein roter Engel auf Erden

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Hüters Weihnacht

Weihnachtsgeschichten aus dem Universum des Hüters

Norbert Aichele

EIN ROTER ENGEL AUF ERDEN

- ODER: DAS WEIHNACHTSSCHICKSAL EINES VAMPIRS

Heiligabend

„Ooooh! Du hast aber rote Haare.“

Elena Tepescu erstarrte mitten in der Bewegung, als sie die Kinderstimme vernahm. Sie sah zur Seite, aber da war niemand. Also ließ sie ihren Blick abwärts wandern, bis sie das kleine Mädchen sehen konnte, das praktisch direkt neben ihr stand, ihr gerade mal bis zur Hüfte reichte, und sie mit großen verwunderten Augen ansah. Sie trug einen schmutzigen, himmelblauen Anorak und hatte auf dem Kopf eine löchrige Pudelmütze gleicher Farbe, unter der dunkle, rote Haare hervorlugten.

.


„Die hast du doch auch“, erwiderte Elena etwas unwirsch. Diese kleine Rotznase hielt sie von einer wichtigen Sache ab, nämlich einer anständigen Weihnachtsmahlzeit. Da musste sie eigentlich nur noch etwas Passendes finden. Ein junger, knackiger Kerl sollte dafür her. Erst ein bisschen herumspielen und dann lecker speisen. Dieses Kind hatte kaum genug Blut, um als Vorspeise zu dienen. Mit so etwas gab sie sich gar nicht erst ab.

„Aber deine sind viel roter. Die leuchten ja richtig. Hast du das mit Farbe gemacht?“

Elena zog die Mundwinkel nach unten. Untoten, zu denen sie als Vampirin letztlich auch gehörte, sagte man ja für gewöhnlich nach, dass sie keinerlei Gefühle hätten. Ob das stimmte oder nicht, war ihr eigentlich egal, aber sie fühlte sich jetzt doch in ihrer Eitelkeit getroffen.

„Nein, die sind echt!“, fauchte sie. Sie blickte das Mädchen böse an. Zu ihrer Verblüffung aber bekam die Kleine keine Angst, sondern starrte ihr weiter in die Augen. Wie alt mochte das Kind sein? Vielleicht sechs?

„Das glaube ich dir nicht. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, bei der die roten Haare so geleuchtet haben.“

„Dann fass’ sie an, wenn du es mir nicht glaubst.“ Elena blieb bei ihrem scharfen Ton, doch die Kleine ließ sich davon in keiner Weise beeindrucken.

Sie hatte es gesagt. Ob finsteres Wesen oder nicht, sie musste Anstand wahren und ihren Worten Taten folgen lassen. Obwohl sie als Untote keine Atmung besaß, stieß sie hörbar verärgert die Luft aus und ging in die Knie.

„Wie heißt du kleine Nervensäge eigentlich?“

„Julia. Aber ich bin keine kleine Nervensäge.“

Aber vermutlich eine große, dachte Elena.

Das Mädchen streckte die Linke aus und berührte damit die Haare der Vampirin. Sie rieb eine Strähne zwischen ihren Fingern, zog dann die Hand zurück und betrachtete die Kuppen. Nein, da war nichts.

„Die sind ja richtig echt. Wie geht das? Kann ich auch solche roten Haare haben?“

„Nein! Das geht nicht. Und selbst wenn ich sie dir geben könnte, würde ich es nicht tun. Nun geh besser wieder zu deiner Mama und raub mir nicht die Nerven.“

Julia machte einen Schmollmund. Sie sagte tatsächlich nichts. Elena hatte jetzt wieder einen Wortschwall erwartet, aber die Kleine blickte sie nur enttäuscht an.

Warum bleibe ich eigentlich in der Hocke?, dachte sie plötzlich, als ihr bewusst wurde, wie lächerlich sie sich für jemanden ihrer Spezies verhielt. Hoffentlich sieht mich jetzt kein Bekannter.

„Wo ist deine Mama eigentlich?“

Eine rein rhetorische Frage. Im Grunde interessierte es sie überhaupt nicht. Was kümmerte sie schon das Schicksal dieser schmutzigen kleinen Rotznase?

„Ich habe keine. Ich hab’ nur meinen kleinen Bruder und meinen Opa. Beide sind zu Hause.“

„Und warum läufst du hier allein durch die Gegend?“ Sie versuchte weiter, ihrer Stimme einen harten Klang zu geben, aber das war nicht mehr notwendig. Wie sie festgestellt hatte, konnte sie dem Mädchen keine Angst machen. Eine Tatsache, die sie im Grunde zutiefst frustrierte. „Es gibt viele böse Leute, so wie mich, die dir etwas Schreckliches antun könnten.“

„Oh, das glaube ich nicht. Du bist doch kein böser Mensch.“

Das war zu viel des Guten. So etwas hatte noch niemand gewagt zu sagen. Elena verdrehte die Augen. Dann setzte sie ihren fiesesten Blick auf, den sie hatte, bleckte die Zähne und fauchte wie ein Raubtier.

Julia begann erst zu kichern, dann lauthals zu lachen.

„Ja, das ist lustig. Opa hat das auch mal gemacht. Er hat auch solche Zähne in den Mund gesteckt und dann gesagt, er wäre ein Vampir. Das war wirklich genau so lustig!“

Das reichte! Mit einem Ruck kam Elena aus der Hocke hoch. Jetzt drohte sie, wütend zu werden. Ob Kind oder nicht, auch so ein kleiner Naseweis durfte sie nicht beleidigen.

„Dein Opa weiß doch gar nicht, was ein Vampir ist. Meine Zähne sind echt!“ Ihr wütender Tonfall ließ die kleine Julia doch für einen Moment zusammenzucken. Aber in ihrer Unbekümmertheit konnte sie das schnell wieder überspielen.

„Die sind wirklich echt?“

„Wenn ich es dir doch sage. Aber komm jetzt nicht auf die Idee, dass du sie anfassen darfst.“

„Nö, das glaube ich dir auch so.“

„Na gut.“

Damit wandte Elena sich ab. Für sie war diese Sache zu einer kleinen Episode geworden. Sie hoffte inständig, dass ihr wirklich niemand dabei zugesehen oder gar zugehört hatte. Verflucht, das wäre verdammt peinlich.

„Warte doch mal!“, rief Julia, als Elena ein paar Schnitte gemacht hatte.

„Was ist denn jetzt noch.“ Mit wütendem Gesichtsausdruck wandte sie sich um und starrte die Kleine an, die die kurze Entfernung zu ihr schnell überwand. Sie stellte sich vor der Vampirin hin und blickte zu ihr auf.

„Weißt du, wo ich den Weihnachtsmann finde?“

„Keine Ahnung. Ich kenne ihn nicht. Aber in jedem Kaufhaus steht doch einer herum. Frag doch einen von denen.“

„Ich dachte nur, weil du doch wie ein Engel aussiehst, dass du es gewusst hättest.“

„Engel!!!“ Elena hätte es in ihrer Wut beinahe herausgeschrien. Dieses winzige Plappermaul brachte sie beinahe zur Weißglut. Sie war verdammt noch einmal ein bösartiges Wesen der Finsternis. Warum mussten Kinder bloß immer so leichtgläubig sein? Am liebsten hätte sie Julia jetzt eine Ohrfeige verpasst oder sie gar durch einen Biss zum Schweigen gebracht. Aber hier mitten auf einem belebten Gehsteig wäre das äußerst unklug gewesen.

„Wie kommst du auf diesen Gedanken? Läuft ein Engel in schwarzer Felljacke und Jeans durch die Gegend? Die tragen doch meistens weiße Gewänder mit Sternen drauf und singen langweilige Lieder mit hoher Stimme.“

Obwohl ihr Temperaturen egal waren, hatte sie sich der Witterung entsprechend gekleidet, um in der Masse nicht aufzufallen.

„Aber deine Haare. Deine sind anders. Ich dachte ...“

„Du dachtest?“ Diesmal war ihre Stimme dann doch zu laut. Ob untot oder nicht, Gefühle ja oder nein, ihre Nerven wurden hier eindeutig über Gebühr strapaziert. Und mit diesem Wutausbruch hatte sie es dann auch geschafft. Julia begann übergangslos zu weinen. Verlegen blickte Elena sich um. Mist, das war eine verzwickte Situation. Ob herzlos oder nicht, sie musste sich etwas einfallen lassen. Die ersten Leute warfen ihr schon ein paar böse Blicke zu.

Wieder ging sie in die Hocke. Sie streckte ihre Arme aus und fasste das Mädchen mit den Händen an den Schultern. Dann schüttelte sie sie leicht.

„Ist ja schon gut, war nicht so gemeint.“

Verflixt, sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Der Umgang mit Kindern war ihr fremd. Sie war nie Mutter gewesen und aufgrund ihres jetzigen Daseins würde sie auch nie eine werden. Wie reagierte man am besten in einer Situation wie dieser? Ratlos blickte sie Julia an. Diese beruhigte sich schon wieder ein wenig. Elena war froh, dass Kinder in ihren Emotionen so schnell wechseln konnten. Das ersparte ihr jetzt doch einiges. Eigentlich hätte sie es gar nicht nötig gehabt, jetzt noch bei diesem nervigen Mädchen zu bleiben. Mochten die Leute doch denken, was sie wollten. Die waren auch nicht besser. Sie stopften ihre Kinder mit irgendwelchen sinnlosen teuren Geschenken voll, damit diese ruhig blieben. Wer war wohl das bösartigere Wesen hier?

„Was dachtest du?“

Julia hob ihre Hände und wischte sich die Tränen ab. Dann blickte sie Elena wieder an.

„Ich dachte ... na ja ... ich ...“ Ihre Stimme erstickte doch noch ein wenig.

„Na?“

„Weißt du, ich glaube ja nicht mehr so richtig an den Weihnachtsmann, aber Michi tut das. Michi ist mein Bruder. Ich dachte, wenn ich den Weihnachtsmann hole, dann würde er sich richtig freuen. Opa hat gesagt, dass er sich das nicht leisten kann. Außerdem kann er ihn auch nicht holen, weil er ja schon so alt ist. Das können nur Kinder, hat er gesagt. Und er kann ja auch nicht mehr so gut laufen. Ich dachte, wenn ich einen Engel finde, der mir den Weg zum Weihnachtsmann zeigt, dann kann ich ihn ja vielleicht überreden, für Michi zu uns zu kommen.“

Das klang, zumindest aus der Sicht Julias, überzeugend. Aber es war ihr nun überhaupt nicht abzunehmen, dass sie nicht mehr an den Weihnachtsmann und sein Gefolge glaubte.

„Das ist sicherlich nett von dir, aber deswegen kannst du doch nicht hier allein herumlaufen.“

„Aber Opa kann das doch nicht mehr so gut.“

„Das spielt keine Rolle. Wohnst du weit weg von hier?“

„Nein.“

Elena erhob sich wieder.

„Dann werde ich dich jetzt nach Hause bringen. Dein Opa wird dich sicherlich schon vermissen. Vielleicht hat er sogar Angst um dich, weil du mit fremden und gefährlichen Menschen wie mir redest.“

„Aber du bist doch nicht böse, oder?“

„Hast du eine Ahnung. Du hast doch meine Zähne gesehen, oder?“

„Ja, die sind schön. Wenn ich groß bin, kann ich dann auch solche Zähne haben?“

Dafür kann ich sicherlich sorgen, dachte Elena und zwang sich sogar ein Lächeln auf das Gesicht. Dann setzte sie sich langsam in Bewegung. Unbekümmert trabte Julia neben ihr her.

„Eigentlich nicht. Um solche Zähne zu bekommen, muss man etwas ganz Besonderes sein.“

„Aber ich bin doch etwas ganz Besonderes, bestimmt.“

„Wo müssen wir überhaupt hin?“ Elena trachtete danach, die Kleine so schnell wie möglich abzusetzen. Sie hatte sich jetzt auf dieses Kind eingelassen und es war schwer, sie loszuwerden. Sie war wie eine Klette.

„Das ist schon richtig. Da vorne müssen wir um die Ecke. Wie kann ich denn etwas Besonderes werden?“

Elena verdrehte die Augen. Ob dieses Mädchen auch mal den Mund halten konnte?

„Du musst ein Vampir werden, wenn du solche Zähne haben willst.“

„Ach, so wie Opa.“

„Nein, nicht wie Opa. Seine Zähne waren nicht echt.“

„Aha!“

Damit war tatsächlich erst einmal Stille. Elena hatte ihre Stimme inzwischen gesenkt. Der Frust war dem Gleichmut gewichen. Es war ja nur ein kurzer Umweg, Julia nach Hause zu bringen. Danach konnte sie sich wieder mit der Suche nach einem Festmahl beschäftigen.

Sie spürte, wie das Mädchen ihre rechte Hand ergriff und diese festhielt. Auch das noch! Aber sie verhinderte es nicht. Das würde sie jetzt eben für den Rest des Weges ertragen müssen.

„Weißt du, Michi wird jetzt sehr traurig sein. Opa hat bestimmt ein paar schöne Geschenke für uns. Aber es wäre schöner gewesen, wenn der Weihnachtsmann sie uns gebracht hätte.“

„Das mag schon sein.“

Elena wollte sich jetzt darauf verlegen, das Geplapper Julias durch kurze, knappe Antworten abzuwürgen. Die Kleine würde sicherlich irgendwann die Lust verlieren.

Sie bogen um die Ecke und kamen in eine nicht so belebte Nebenstraße.

„Da hinten wohne ich.“ Julia streckte die freie Hand aus und zeigte auf ein dreistöckiges einfaches Mietshaus. Na bitte, bald würde es überstanden sein.

„Schön wäre es auch, wenn ein Engel kommen würde.“

„Was?“

Eigentlich hatte die Kleine diesen Satz nur so vor sich hingemurmelt. Elena hatte ihn nicht richtig verstanden.

„Na ja, es wäre doch schön, wenn ein Engel kommen würde. Mama hat das gemacht. Sie hat sich als Engel verkleidet und uns die Geschenke gebracht.“

„Das würde dir bestimmt gefallen.“

„Ja.“ Julias Stimme hatte jetzt einen etwas traurigen Klang. Plötzlich blieb sie stehen. Durch die Verbindung mit den Händen sah Elena sich genötigt, ebenfalls anzuhalten. Das Mädchen ließ ihren Blick an Elena auf und ab wandern, musterte sie eingehend.

„Was soll das?“, fragte sie ungehalten. Es wurde wirklich Zeit, dass diese Sache hier zu Ende ging.

„Mama war genau so groß und dünn wie du. Bestimmt würde dir das Kleid passen.“

„Welches Kleid?“

„Na, das Engelskleid. Du würdest bestimmt sehr schön aussehen.“

„Nun übertreibe es mal nicht. Es reicht, wenn ich dich nach Hause bringe.“ Damit zog sie Julia einfach weiter. Das Mädchen folgte ohne Widerstand. Jetzt wollte die Kleine es wohl auf die Spitze treiben. Schlimmer konnte es kaum noch kommen. Das wäre ja noch schöner. Ein Vampir aus der Hölle verkleidet sich als Engel. Pah!

„Hab’ ja auch nur wieder gedacht.“ Erneut machte Julia einen Schmollmund, was Elena aber nicht registrierte. Sie ging jetzt stur weiter bis zu der Haustür, auf die das Mädchen gezeigt hatte. Gleich würde es vorbei sein. Was für ein höllischer Segen, dass der Himmel sich zu dieser Jahreszeit früh verdunkelte. Da war die Nacht noch jung, im Grunde noch nicht einmal angebrochen. So hatte sie noch nicht viel verpasst.

Allerdings war ja Heiligabend. Die Menschen hatten diese blöde Angewohnheit, jene Nacht immer im Kreise der Familie zu verbringen. Da war spät auf den Straßen nichts mehr los. Es war dann nicht einfach, noch ein Opfer zu finden, das ihren Vorstellungen entsprach. Familie? Huh, wenn sie da an ihre eigene dachte ...

„Ich klingle!“, rief Julia aufgeregt und streckte sich. Elena achtete nicht darauf, worauf sie ihren Finger drückte. Der Name war ihr egal. Es summte und die Kleine drückte mit all ihren Kräften die Tür auf. Dann zog sie Elena mit in das Treppenhaus. Mist, sie hatte vergessen, rechtzeitig die Hand loszulassen.

Gleich im Erdgeschoss ging eine Wohnungstür auf. Schwaches Licht fiel in das Treppenhaus. Kurz darauf erschien ein alter Mann in der Öffnung. Elena baute sich mit dem Mädchen vor ihm auf.

„Da bist du endlich, mein Schatz. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“ Der Alte strich Julia liebevoll über den Kopf, nachdem er ihr die Pudelmütze herunter genommen hatte.

„Ich habe einen Engel mitgebracht“, verkündete Julia stolz, als Elena gerade den Mund öffnete, um etwas zu sagen. Die Kleine ließ ihre Hand los, zwängte sich an ihrem Opa vorbei und stürmte in die Wohnung. „Ein Engel! Ein Engel! Michi, ein Engel hat mich nach Hause gebracht!“

Elena wäre am liebsten im Boden versunken. Diese Situation war ihr einfach nur noch peinlich.

„Danke, dass Sie sie nach Hause gebracht haben“, sagte der Alte und blickte Elena an.

„Sie sollten es nicht zulassen, dass Julia so allein durch die Straßen läuft, schon gar nicht, wenn es dunkel ist. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.“

„Ja, natürlich. Aber ich bin nicht mehr der Jüngste. Es ist für mich nicht leicht, mit den beiden Kindern umzugehen“, antwortete er traurig. „Aber kommen Sie doch herein. Sie möchten sich vielleicht etwas aufwärmen. Ein heißer Tee ist allerdings alles, was ich Ihnen anbieten kann.“

Angewidert verzog Elena den Mund. Tee?

„Nein, vielen Dank. Ich muss jetzt weiter.“ Diese Höflichkeit ließ beinahe Ekel in ihr aufkommen. Aber jetzt war es fast vorbei, da machte das dann auch nichts mehr.

„Guck mal, Michi, da ist der Engel!“

Hinter dem Alten tauchten die beiden Kinder auf. Der Junge war noch etwas kleiner als Julia, hatte aber die gleichen dunkelroten Haare.

„Das ist doch kein Engel. Engel sehen anders aus.“ Der Junge musterte Elena eingehend, dann schüttelte er den Kopf. „Engel haben blonde Haare und keine dicken Jacken an.“

„Aber Michi, es ist kalt draußen. Auch Engel können frieren. Außerdem haben Engel eben nicht immer blonde Haare.“

„Kinder, nun bleibt mal ruhig. Die junge Dame möchte jetzt wieder gehen.“

„Was!?!“

Julia riss entsetzt die Augen auf. Sie schien diese Sache mit dem Engel wirklich zu glauben. Zumindest hatte sie sich so in die Sache hinein gesteigert, dass sie es einfach glauben wollte. Sie zwängte sich wieder an ihrem Opa vorbei und ergriff Elenas Hand, ehe diese überhaupt reagieren konnte. Dann zog sie so kräftig, wie sie nur konnte. Elena blieb kaum eine andere Wahl, wenn sie nicht gewalttätig werden wollte.

Der Alte sah sie beinahe flehend an. „Bitte machen Sie den Kindern die Freude. Ich verspreche Ihnen, dass es nicht lange dauern wird.“

Also ließ sie sich einfach in die Wohnung ziehen und der Mann schloss die Tür. Oh, Satan in der Hölle, jetzt war sie gefangen. Ein Vampir in den Händen von Kindern. Was konnte es Schlimmeres geben?

Julia zog sie weiter durch einen ärmlich ausgestatteten Flur. An dessen Ende bog sie nach links in ein Wohnzimmer. Es war spärlich eingerichtet und wirkte, als wäre zumindest die Einrichtung schon mindestens hundert Jahre alt. Nun, das immerhin gab Elena etwas. Schließlich war sie auch schon älter, als man es aufgrund ihres Äußeren vermuten konnte. Der Raum war nur mäßig durch zwei Tischlampen und einige Kerzen erleuchtet.

„Wenn Sie möchten, kann ich das Deckenlicht einschalten. Leider haben wir keinen Weihnachtsbaum, aber so ist es auch recht gemütlich.“

In der Mitte des klobigen Tisches stand eine größere Kerze, um die ein paar Tannenzweige drapiert waren. Das war alles.

„Nein, ich finde es in Ordnung. Ich bin eine Freundin der Dunkelheit.“

Julia hatte sie inzwischen losgelassen und war wieder aus dem Zimmer gesaust.

„Wenn ich Ihnen doch einen Tee anbieten könnte ...“

Elena zog die Mundwinkel nach unten. Na fein, warum musste sie sich bloß immer in solch unangenehme Situationen bringen. Womit hatte sie das verdient?

„Was haben Sie denn?“

„Nun, für mich den Schwarzen, für die Kinder Pfefferminz- oder Hagebuttentee. Es sind einfache, billige Sorten aus dem Supermarkt.“

„Die Kinder sind sicherlich sehr teuer, nicht wahr?“

„Ich habe nicht viele Möglichkeiten, wenn Sie das meinen. Die Beiden würden mir vermutlich die Haare vom Kopf essen, wenn ich noch ein paar mehr hätte.“

„Dann nehme ich Hagebutte. Der ist wenigstens rot.“

„Gern.“

Ächzend ließ Elena sich auf die Couch fallen, die gefährlich dabei knarrte. Sie musste ihre Meinung ändern. Das Mobiliar war sicherlich sogar älter als sie. Der alte Mann war aus dem Raum gegangen, vermutlich in die Küche. Sie saß tatsächlich allein im Zimmer. Was sollte das? Frustriert senkte sie den Kopf.

Lieber Herr in der Hölle. Wenn du mich hörst, dann erbarme dich meiner. Ich dürfte nicht hier sein. Ich sollte auf Menschenjagd gehen, wie es meine Bestimmung ist. Gib mir Kraft, damit ich endlich aufstehe und von hier verschwinde.

„Hier ist es doch warm. Du kannst deine Jacke ruhig ausziehen.“ Julia, wer sonst.

Die Kleine stand in der Tür. Sie hatte ihren Anorak ausgezogen und trug jetzt ein knallig gelbes Shirt. Ihre Jeanshose hatte sie gegen ein knielanges rotes Röckchen getauscht. In ein paar Jahren konnte sie sicherlich so als Cheerleader auftreten.

Elena kam der Aufforderung nach, obgleich es ihr egal war. Dieses vorlaute Kind konnte einem den letzten Nerv rauben. Es gab wahrlich Grausameres als Vampire. Der alte Mann konnte ihr glatt ein wenig leidtun.

„Du trägst ja auch Schwarz drunter. Bist du vielleicht doch kein Engel?“

Die schwarze Bluse, natürlich. Aber das war nun mal ihre Lieblingsfarbe.

„Natürlich bin ich kein Engel. Das habe ich dir doch schon die ganze Zeit gesagt.“

„Nein, das glaub ich dir nicht. Du musst nur das Richtige anziehen, dann wird auch Michi das glauben. Komm doch mal mit.“

„Nein!!!“

Diesmal beherrschte sie sich nicht. Jetzt und hier musste sie der Kleinen klar machen, dass sie kein Engel war. Sie durfte es einfach nicht mehr durchgehen lassen.

„Hat der Weihnachtsmann dich entlassen, oder warum bist du so böse?“

Sie ließ sich auf dem Sofa einfach zurückfallen. Es war hoffnungslos. Julia gab einfach nicht auf. Sie hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und war durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen. Vermutlich würde sie selbst einen Vampirbiss noch als Engelssegnung interpretieren.

Julia kam einfach heran und ergriff wieder ihre Rechte.

„Du musst jetzt mitkommen“, bestimmte sie.

„Und wenn ich nicht will?“ fragte Elena kraftlos.

„Das geht nicht.“

Elena stand auf und ließ sich von dem Mädchen aus dem Raum ziehen. Sie hatte aufgegeben. Alle Dämonen der Hölle konnten nicht annähernd so grausam sein wie dieses Kind. Konnte es wirklich noch etwas Schlimmeres geben?

Sie gingen ein Stück den Flur zurück, dann in das Zimmer, in dem offenbar die beiden Kinder lebten. An jeder Seitenwand stand ein kleines Bett. Es gab einen gemeinsamen Schrank, einen kleinen runden Tisch mit zwei Stühlen, an einer Wand einen größeren Spiegel. Ob die Wände eine Tapete hatten, konnte man nicht erkennen. Alles war zugeklebt mit bunten Bildern. Vermutlich alles Malereien der Kinder.

Julia ließ sie wieder los und machte sich über eine kleine Truhe her, die vor dem Fußende ihres Bettes stand. Der kleine Michael, Elena vermutete einfach, dass er so hieß, saß auf seinem Bett und musterte sie eingehend.

„Bist du wirklich ein Engel?“ Seine Stimme war traurig. Wahrscheinlich vermisste er seine Eltern, über deren Verschwinden, wie immer es auch vonstattengegangen war, er offensichtlich schwerer hinwegkam als seine Schwester.

„Julia hat es gesagt, oder?“

„Julia redet den ganzen Tag. Da kann ich nicht alles von glauben.“

Elena schwieg. Was sollte sie auch darauf antworten. Mitgefühl war ihr ohnehin fremd. Wie konnte man da erwarten, dass sie etwas Gescheites zu dem sagte, was den Jungen bewegte.

„Ich habe es!“, rief Julia aus. Sie war beinahe komplett in der Truhe verschwunden gewesen und wühlte sich nun wieder frei. In der Hand hielt sie ein weißes Kleidungsstück. Elena ahnte, was jetzt kommen würde. Es gab doch noch etwas Schlimmeres.

„Wenn du das anziehst, dann wird ein echter Engel aus dir. Dann wird man dich bestimmt auch wieder in den Himmel holen.“

„Ich werde das nicht anziehen!“ Wieder war ihre Stimme lauter, als sie hätte sein sollen. Obwohl sie sich eigentlich schon der Gleichgültigkeit hingegeben hatte, wurde sie doch noch einmal wütend. Jetzt wurde wirklich eine Grenze überschritten, die sie nicht mehr ertragen konnte. Wieder dieser Schmollmund. Das war ja nicht zum Aushalten.

Das kleine Mädchen stand mit riesigen Augen vor ihr und hielt ihr mit beiden Händen das Engelskleid hin. Ohne es zu wollen, griff Elena danach.

„Sie müssen dir im Himmel sehr weh getan haben, nicht wahr?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, senkte Julia den Kopf und verließ das Zimmer.

Sie stand irritiert da, hielt das Kleid in der Hand und wandte ihren Blick zu Michael, der weiterhin auf seinem Bett saß. Seine traurigen Augen hatte er fest auf sie geheftet. Er sagte nichts.

Was sollte sie jetzt verdammt noch einmal tun? Noch nie in ihrem gesamten Vampirdasein war sie in einer solch hilflosen Lage gewesen. Für gewöhnlich kam sie dem zuvor, weil sie eine hoffnungslose Situation mit Gewalttätigkeit zu lösen pflegte. Sicher, sie konnte es hier auch tun. Aber danach hatte ihr schon am Anfang des Abends nicht der Sinn gestanden. Und jetzt?

Sie senkte ihren Kopf und blickte auf den Stofffetzen, den sie in der Linken trug. Sie zuckte die Achseln. Was sollte es noch? Aber Umziehen werde ich mich dafür nicht.

Sie suchte die Schulterpartie und ließ dann das Kleid sich zu Boden entfalten. Es war ein einfaches, leichtes, fast bodenlanges Kleid, das mit goldenen Sonnen, Monden, Sternen und Sternschnuppen bestickt war. Sie schloss für einen Moment die Augen. Welch eine Demütigung. Sie konnte nur froh sein, dass ihr hier in dieser Wohnung niemand begegnen konnte, der sie in irgendeiner Form kannte.

Seufzend zog sie das Kleid über und glättete es auf ihrem Körper. Julias Mutter hatte zumindest die gleiche Körpergröße gehabt. Das Kleid war etwas zu weit, was den Vorteil hatte, dass Elena ihre eigenen Klamotten anbehalten konnte.

Plötzlich richtete der Junge sich auf, schwang die Beine über die Bettkante und setzte sich gerade hin.

„Du bist wirklich ein Engel.“ Seine Stimme war ein Hauch und seine Augen waren weit geöffnet. „Du kannst nicht von unserer Welt sein, denn ich kann dich nicht sehen.“

Was sollte denn das schon wieder? Sie bemerkte, dass er gar nicht auf sie schaute, sondern knapp an ihr vorbei sah. Sie folgte dem Blick. An der Wand hing der größere Spiegel. Deutlich konnte sie Michael darin sehen – das war aber schon alles.

Der Junge stand auf, kam zu ihr herüber und stellte sich neben sie. Zusammen schauten sie in den Spiegel. Es blieb still zwischen ihnen. Nach einigen Momenten nahm der Kleine wortlos ihre Hand. Gemeinsam wandten sie sich ab und verließen den Raum.

 

+ + +

 

Sie hatte die wenigen Geschenke gesegnet, natürlich auf ihre Art. Es waren ein paar einfache Sachen zum Anziehen, eine kleine Stoffpuppe für Julia und ein billiger Plastiklaster für Michael. Mehr ließ die Geldbörse ihres Opas wohl nicht zu, aber die Kinder freuten sich riesig. Dann hatte sie mit den Kindern sogar ein klein wenig gespielt. Eigentlich hatte sie die Zeit ihrer Kindheit, in der sie noch kein Vampir gewesen war, längst vergessen. Etwas von dem kehrte in ihr zurück und, das überraschte sie selbst am meisten, es gefiel ihr sogar ein wenig. Sie hatte sich auch ein bisschen mit dem alten Mann unterhalten, der sichtlich froh war, dass er einmal einen Abend mehr Ruhe hatte, weil die Kinder sich auf sie fixiert hatten.

Jetzt saß sie auf dem Sofa, in jedem Arm eines der Kinder. Die beiden waren längst eingeschlafen. Der Abend war gelaufen. Einmal noch blickte sie sich in diesem spartanisch eingerichteten Wohnzimmer um, dann stand sie ganz vorsichtig auf, ließ die Köpfe der Kinder langsam auf die Couch sinken. Sie ertappte sich dabei, wie sie Julia und Michael kurz über die Haare streichelte. Dann wandte sie sich ab und ging zu dem alten Mann, der sie müde anlächelte.

„Ich werde jetzt gehen.“

„Ich möchte Ihnen danken. Seit dem Tod ihrer Eltern habe ich die Kinder nicht mehr so glücklich gesehen. Ich weiß, dass es keine Engel gibt, nicht so, wie Julia glaubt. Aber wenn es sie doch geben sollte, dann hoffe ich, dass sie alle so gut sind wie Sie.“

Elena nickte und wandte sich ab. Der Alte sollte ihren grimmigen Gesichtsausdruck nicht sehen. Für diese Beleidigung hätte sie dieses Fragment einer Familie eigentlich radikal auslöschen müssen. Aber ihr war nicht danach. Sie ergriff ihre Jacke und verließ wortlos den Raum. Im Flur zog sie dieses erbärmliche Kleid aus. Sie war froh, sich nicht selbst darin gesehen zu haben. Manchmal hatte es Vorteile, kein Spiegelbild zu besitzen. Das Kleid ließ sie einfach fallen.

Das Ganze war eine kleine Episode in ihrem unendlichen Leben. Wenn sie aus der Tür trat, würde sie es vergessen haben.

Ganz leise öffnete sie die Wohnungstür, trat hinaus und schloss sie wieder. Als sie auch die Haustür hinter sich gelassen hatte, blieb sie einen Moment stehen. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann hätte sie jetzt tief durchgeatmet.

Die Straßen waren wie leer gefegt. Es war inzwischen später Abend geworden. Na gut, die Sache war gelaufen. Langsam bewegte sie sich wieder in Richtung Hauptstraße.

„Na, mein Engel, so allein?“

Das reichte! Mit wütend funkelnden Augen wandte sie sich um und starrte den jungen Mann an, der plötzlich hinter ihr aufgetaucht war.

„Ja, ich bin allein, aber ich bin kein Engel.“

„Na, das will ich doch hoffen. Hast du denn Zeit für mich?“

„Und ob!“

In ihr schien regelrecht etwas zu explodieren. Wie wild warf sie sich in die Arme des Mannes, der sein Glück kaum fassen konnte. Da konnte es ja doch noch ein schönes Weihnachtsfest werden ...

 

 

ENDE

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