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Herrschaft der Alten

LeseprobeHerrschaft der Alten

„Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“
(5. Mose, Dtn 5,6-21)

Weihnachten bleibe ich noch, dachte Benn. Aber wenn das neue Jahr anbricht, werde ich fliehen!

Es waren nur noch wenige Wochen bis das Jahr 2100 anbrechen würde. Und dieses Jahr, so hatte sich Benn Genzler vorgenommen, sollte nicht nur das alte Jahrhundert abschließen, sondern auch sein altes Leben.



Herrschaft der AltenDie Glastür glitt zur Seite und Benn trat hinaus in den Dachgarten des dreistöckigen Hauses, in dem er mit seinen Eltern und Großeltern wohnte.

Er ließ den Blick schweifen. Die Stadtlandschaft wurde unterbrochen von grünen Arealen. Ganze Stadtviertel waren in den letzten Jahrzehnten zurückgebaut worden. Man brauchte sie einfach nicht mehr. Vierzig Millionen Deutsche gab es noch – davon nur ein Viertel unter siebzig.

Benn gehörte mit seinen siebzehn Jahren leider dieser Minderheit an. Einer Minderheit, deren Interessen bei Wahlen gnadenlos überstimmt wurden und die mit den sogenannten Residenz-Gesetzen daran gehindert werden musste, das Land zu verlassen. Das gesetzliche Reisealter lag derzeit bei fünfundsiebzig Jahren, aber man diskutierte, ob man es angesichts der steigenden Lebenserwartung nicht auf achtzig hochsetzen sollte. Allerdings würde das wohl so schnell nicht geschehen, denn dazu war die Altersgruppe der unter Fünfundsiebzigjährigen einfach zahlenmäßig zu stark und ihre Lobby zu gut organisiert.

Benn sah den Gleitern zu, die in langen Kolonnen, scheinbar gewichtslos, über den Himmel zogen. Sie flogen vollkommen automatisch, koppelten sich durch ihre Steuersysteme aneinander an und nutzten den Windschatten der anderen. Antigravitation hielt sie in der Luft. Ihre Triebwerke benötigten sie nur für Kolonnenwechsel-Manöver, ansonsten wurden sie durch Sonnen- und Windenergie vorangetrieben. Große Containergleiter waren darunter, aber auch Gleiter mit Passagierkabinen, die viel kleiner waren und gegenüber ersteren wie Insekten wirkten. Die ganze Stadt glich einem einzigen Bienenschwarm. Überall war der Himmel durchzogen von den Gleiterkolonnen, die sich auf virtuellen Straßen bewegten. Aber es gab einen bedeutenden Unterschied zwischen den Containergleitern und den Personenkabinen: Der Flug von ersteren war grenzenlos. Im Warenverkehr herrschte globale Freizügigkeit. Aber für Personengleiter galt das nur dann, wenn die Insassen über siebzig waren.

Wer jünger war, hatte die Pflicht, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten und dann von seinem Verdienst drei Viertel an Steuern und Sozialabgaben abzuführen. Sich in einem dieser Frachtschweber zu verstecken, dessen Kurs auf ein Land programmiert war, in dem man frei über sein Leben und sein Geld bestimmen konnte, davon hatte Benn schon geträumt, als er zehn gewesen war. Damals allerdings aus einem ganz anderen Grund. Nämlich, weil er es schade fand, dass hierzulande seit einigen Jahrzehnten jegliche Individualsteuerung von Fahrzeugen verboten war. Sie galt als zu gefährlich und außerdem ökologisch bedenklich. Der wahre Grund war allerdings ein anderer: Auf diese Weise konnte nämlich besser verhindert werden, dass die jungen Leute das Land verließen, um dorthin auszuwandern, wo etwas los war. Eine Anzeige erschien in Benns linkem Auge: >Möchtest du jetzt deinen kostenlosen Bildungskurs fortsetzen?<, stand dort. Die Anzeige wurde direkt in seine Netzhaut projiziert. Ein implantierter Chip verband jeden Bürger von klein auf mit dem Datennetz.

„Nein, jetzt nicht!“, sagte Benn laut.

>Abschalten der Aufforderung zur Teilnahme am virtuellen Bildungskurs nicht möglich. Du bist mit deiner Ausbildung zu weit im Rückstand.< Es folgte eine Übersicht über die einzelnen Programme und darüber, wie weit eine Pflichtteilnahme abgeleistet worden war – sowie welcher Erfolgsfaktor dabei hatte erreicht werden können. Lediglich in Informatik und in den Fremdsprachen hatte Benn sein Soll mehr als erfüllt. Alle anderen Kursbereiche des Bildungsprogramms hatte er sträflich vernachlässigt und sich anscheinend auch kaum noch Mühe gegeben, einen einigermaßen akzeptablen Erfolgsfaktor zu erreichen.

Die Anzeige auf seiner Netzhaut blinkte aufdringlich und unangenehm.

So ein verfluchter Mist!, dachte Benn. Er kannte das schon. Diese Anzeige ließ sich jetzt nicht mehr abschalten. Und was noch viel schlimmer war: Er konnte über seinen Netzhautadapter keine Nachrichten mehr empfangen, keine Filme sehen oder Spiele spielen, so lange er nicht wenigstens eine der noch ausstehenden Lektionen absolviert hatte. Aber es gab ein paar Tricks, um diese Funktion außer Kraft zu setzen. Benn hob die linke Hand etwas an. Am Handgelenk war der Chip implantiert. Ein millimetergroßer Punkt zeigte den kleinen Holoprojektor an. Durch einen leichten Druck darauf entstand eine holografische Tastatur samt einem Display, dessen Auflösung es erlaubte, die Anzeige bis zu einer Größe von zwei mal zwei Metern anzuzeigen.

Für eine Operation wie diese war die Eingabe per Tastatur immer noch der einfachste Weg, wie Benn fand, auch wenn er Freunde kannte, die selbst bei Programmierarbeiten die verbale Eingabe oder den Input mittels der Gehirnströme bevorzugten. Seine Finger berührten die holografischen Tasten – wobei berühren eigentlich nicht das richtige Wort war. Denn in Wahrheit war da nichts, außer einer Projektion. Aber das System bekam durch die jeweilige Position der Fingerspitzen die richtige Information.

Benns Hand glitt über die holografische, gegen das Sonnenlicht leicht durchscheinende Tastatur und ging in den Programmcode des Chips, der ihn mit dem Datennetz verband.

Es waren Rechneroperationen, in denen er inzwischen schon eine große Übung hatte. Mit Rechnern kannte er sich aus. Information war der Schlüssel zum Verständnis der Welt, wie er früh herausgefunden hatte. Man musste mit Rechnersystemen umgehen können, sie verstehen und wissen, wie man sie notfalls manipulieren konnte. Das war der einzige Weg, um sich wenigstens ein bisschen Freiheit vor ihrer allgegenwärtigen Kontrolle zu bewahren.

Und davon abgesehen, hatte er sich immer wieder mal was dazuverdienen können, wenn er anderen dabei half, ihre Systeme wieder auf Vordermann zu bringen.

Wenig später war das Problem behoben.

Die Anzeige, die zuvor auf seine Netzhaut projiziert worden war, konnte er nun auch auf dem Holodisplay als frei in der Luft schwebende Schrift sehen. >Willst du jetzt eine Lektion machen oder später daran erinnert werden?<, stand da jetzt. Eigentlich war das auch keine wirklich gute Alternative. Aber immer noch besser als die Blockade, die sein System vorher lahmgelegt hatte. Benn entschied sich natürlich für >später erinnern<, auch wenn er in Wirklichkeit natürlich alles andere als den Wunsch hatte, daran erinnert zu werden, dass er noch einige Lektionen im Rückstand war. Aber anders war das System seines Implantats einfach nicht wieder flottzukriegen. Lebenslanges Lernen hieß die Devise. Aber mit den Unter- Achtzehnjährigen ging man in diesem Punkt besonders streng um. Es bestand eine allgemeine Ausbildungspflicht, der man durch das Absolvieren zertifizierter Online-Kurse Genüge tun konnte, sofern man sich einen Platz auf einer der sündhaft teuren Privatschulen nicht leisten konnte.

>Hi, warum meldest du dich nicht?<, blinkte der Anfang einer Nachricht auf. Benn schaltete die holografische Darstellung ab, sodass die Anzeige wieder auf seiner Netzhaut erfolgte. Schließlich war das mit Sicherheit eine private Nachricht, die nicht holografisch in handtellergroßen Buchstaben in der Luft schwebend zu lesen sein musste, sodass man sie vielleicht sogar noch aus einem der benachbarten Gebäude hätte lesen können. Auch wenn der Begriff Privatsphäre immer den Beiklang von altmodischer Rückständigkeit hatte, fand Benn es doch wichtig, sich einen kleinen Rest davon zu bewahren.

Benn stellte fest, dass er insgesamt bereits drei Nachrichten von Sara bekommen hatte. Und sie waren alle mit >dringend< gekennzeichnet.

Als er die Nachrichten öffnete, bemerkte er, dass sie alle drei identisch waren. >Können wir uns nachher sehen? Es gibt Probleme.<

Eine animierte 3-D-Kopfansicht machte dazu ein besorgtes Gesicht. Darunter stand in Großbuchstaben SARA JÖRGENSEN und eine Kennnummer.

Benn sah auf die Uhr.

Dann formulierte er eine Antwort. >Konnte mich nicht melden. Komme nachher vorbei. Habe erst noch meinen Sozialdienst.< Den Grund dafür, dass er sich nicht hatte melden können, durfte Benn natürlich nicht in die Nachricht hineinschreiben. Noch war er nicht achtzehn und das bedeutete, dass das freie Datennetz für ihn ein paar Einschränkungen hatte. Die Jugendschutzbestimmungen waren noch nicht einmal das Schlimmste. Die ließen sich für jemanden, der sich damit auskannte, einigermaßen leicht aushebeln. Gefährlicher war, dass die von Kindern und Jugendlichen versandten Nachrichten automatisch auf Inhalte untersucht wurden, die auf eine sozial schädliche Entwicklung hinweisen konnten. Eine überwältigende Mehrheit der älteren Wähler war sogar dafür, diese Einschränkungen des elektronischen Postgeheimnisses auf bis zu Einundzwanzigjährige auszudehnen, denn angeblich konnten auf diese Weise potenzielle jugendliche Amokläufer herausgefiltert werden. Benn war jedoch überzeugt davon, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes ging. Man wollte junge Leute daran hindern, sich zur Flucht aus dem Geltungsbereich der Bundesgesetze zu verabreden. Schließlich brauchte man jeden von ihnen. Wer hätte sonst all den Alten und Uralten die teure High-Tech-Pflege, die geklonten Ersatzorgane, die Implantate und die kybernetisch aufgerüsteten Hüft- und Kniegelenke erwirtschaften können? Man konnte schließlich in seinem Leben noch so viel Sport getrieben, auf seine Ernährung geachtet und an Vorsorgeprogrammen teilgenommen haben – jenseits des hundertsten Geburtstags häuften sich nun mal die kostenintensiven körperlichen Verschleißerscheinungen. Von einer Alzheimer-Rückbildungstherapie oder einer Antigrav-Gehhilfe mal ganz zu schweigen. Das waren Dinge, von denen ohnehin nur diejenigen träumen konnten, die es geschafft hatten, trotz der rigiden Abgaben-Gesetze irgendwie ein kleines Vermögen zur Seite zu schaffen.
*

„Willst du noch was essen?“, fragte Benns Mutter. „Dann schiebe ich dir eine Portion in die Mikrowelle.“ Benn nannte seine Mutter meistens Felicitas. Sie wollte das so. Das hört sich nicht so alt an, hatte sie mal gemeint. Also tat Benn ihr den Gefallen und sprach sie so an, es sei denn, er wollte sie ärgern. Dann nannte er sie Mama – und wenn er sie ganz besonders ärgern wollte auch Mutter, was er dann mit ironischer Förmlichkeit betonte.

„Ich muss gleich noch los, um mein Sozialstundenkonto etwas aufzufüllen“, meinte er. „Aber irgendetwas Süßes kriege ich jetzt noch schnell runter.“

Felicitas aktivierte den Küchenrechner. Ein Display wurde an die Wand projiziert. „Komm, such dir schnell was aus!“, forderte sie ihn auf. „Ich muss nämlich auch gleich noch weg!“

Felicitas war wenig zu Hause. Aber das war kein Wunder. Sie war dreiundvierzig Jahre alt, sportlich, erzählte jedem, der es nicht hören wollte, dass ihre Fitnesswerte denen einer zehn Jahre jüngeren Frau entsprachen, und pendelte ständig zwischen Hauptjob, erstem Nebenjob, zweitem Nebenjob und dem Ehrenamt hin und her. Zu dessen Übernahme war jeder Bürger zwischen dreißig und siebzig verpflichtet, während die Sechzehn- bis Dreißigjährigen ein gewisses Pensum an Stunden im Sozialdienst ableisten mussten. Schließlich konnte man all die alten, kranken Hundertzwanzigjährigen nicht einfach vor sich hinvegetieren lassen, obwohl es oft genug trotzdem genau darauf hinauslief. Für die Trocken-, Satt- und Sauber- Pflege waren bei vielen Hochbetagten, die keine großen Rücklagen hatten bilden können, ohnehin vollautomatische Robotsysteme verantwortlich. Aber es gab eben Dinge, bei denen auch der beste japanische Pflegeroboter eine menschliche Hilfskraft nicht zu ersetzen vermochte.

„Ich nehme nur ein paar Donuts“, meinte Benn.

„Ups, dein Zuckeranteil war heute schon hoch genug – und an Kalorien kannst du dir auch nichts mehr erlauben“, stellte Felicitas mit einem ernsten Blick fest, als sie auf die an die Wand projizierte und mit verblüffenden 3-D-Effekten ausgestattete Rechneranzeige sah. Eine holografische Grafik entstand und Benn verzog das Gesicht, als er die Botschaft mitgeteilt bekam.

Eine Kunststimme rechnete ihm vor, welche Nährstoffe Benn an diesem Tag bereits zu sich genommen hatte. Der ermittelte Kalorienüberschuss und der Überschuss an verzehrtem Zucker für den Fall, dass Benn die von ihm so heiß begehrten Donuts noch aß, wurden durch zwei bedrohlich aussehende, zylindrische und in karminrot leuchtende Säulen eindrucksvoll dargestellt. Eine schwarze Säule am rechten Rand der Darstellung zeigte, um welchen Betrag die Ausgaben für seine Kranken- und Pflegeversicherung ansteigen würden, wenn er die Donuts doch aß und damit die für seine Person errechneten Kennzahlen überschritt. Eine blinkende Anzeige darunter wies auf das erhöhte Risiko für Fettleibigkeit, Diabetes und Gefäßerkrankungen hin. Außerdem stand da noch ein Hinweis auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit, schon vor dem neunzigsten Lebensjahr Leistungen der Pflegekasse in Anspruch nehmen zu müssen.

Benn deaktivierte die Anzeige durch die Berührung eines Kontaktpunktes in der linken unteren Ecke der Darstellung, woraufhin eine Warnung eingeblendet wurde. >Diesen Hinweis wirklich ignorieren?<

Benn wählte die Option >ja< und wollte schon nach den Donuts greifen, als Felicitas sich einmischte.

„Kommt nicht in Frage, Benn!“

„Mama!“

„Noch höhere Abgaben für deine Versicherungen können wir uns nicht leisten, Benn.“

„Ein Donut wird mich nicht gleich zum Pflegefall machen.“ „Jetzt nicht – aber wenn du schon mit neunzig zum Pflegefall wirst, wird dein Kind – falls du so dumm sein solltest, eins in die Welt zu setzen – vielleicht fünfzig Jahre Zuzahlungen leisten müssen!“

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Benns Generation war von den Versicherungsarithmetikern auf einhundertvierzig Jahre berechnet worden. Da war längeres Fitbleiben erste Bürgerpflicht, sonst würde das für die Allgemeinheit unbezahlbar.

Benn überlegte sich, ob er trotzdem den Donut essen sollte. Felicitas erriet offenbar seine Gedanken.

„Den Mehrbeitrag zahlst du von deinem Taschengeld!“, warnte sie.

Benn zog die Hand aus dem Fach zurück. „Erhöht sich eigentlich auch irgendeine Abgabe, wenn ich in der Nase bohre?“, maulte er. „Es besteht doch das Risiko, dass ich mir den Zeigefinger abbreche und dann nur noch eingeschränkt arbeitsfähig bin!“

„Du wirst lachen, wer seine Arbeitsfähigkeit vorsätzlich oder grob fahrlässig herabsetzt, dem können später Leistungen gekürzt werden. Zur Zeit erwägt man sogar, ob in solchen Fällen nicht nachträglich noch die Gratis-Bildungsprogramme bezahlt werden müssen.“

„Das fehlte gerade noch!“

Felicitas kannte sich mit diesen Vorschriften gut aus. Das hatte mit ihrem ersten Job zu tun. Sie war Sachbearbeiterin in der Bundestransferagentur und wenn das Thema auf dieses Gebiet kam, dann konnte sie quasi auf Knopfdruck die entsprechenden Vorschriften herunterbeten – und zwar ohne sie sich auf ihrem Netzhautdisplay anzeigen zu lassen. Zumindest behauptete sie das. Ob das wirklich stimmte, wusste nur sie allein, denn selbstverständlich hätte sie die passenden Vorschriften auch jederzeit über das Datennetz abrufen können.

„Du kannst ja bei der elektronischen Volksabstimmung dagegen stimmen, Benn!“, meinte sie.

„Hat sowieso keinen Sinn!“

„Jede Stimme zählt. Und die Frist geht noch bis Dienstag.“

„Wenn du zu einer extremen Minderheit gehörst, dann zählt deine Stimme null!“

An Volksabstimmungen durfte man schon ab sechzehn Jahren teilnehmen, aber Benn hatte bisher noch nie bei einer solchen Abstimmung mitgemacht. Die Beteiligung lag meistens unter zwanzig Prozent. Und bei solch einem Thema war ohnehin klar, wie die Sache ausging. Die Alten und Uralten waren in ihrer überwältigenden Mehrheit der Ansicht, dass die Jungen Drückeberger seien und dass man die gesetzlichen Vorschriften gegen das Blaumachen verschärfen musste. Die Jungen hatten keine Chance.
*

Auf dem Weg zu dem Ort, wo Benn seine Sozialdienststunden abzuleisten hatte, aß er noch einen Apfel. Obst war noch im Ernährungsplan drin, ohne dass er eine Beitragserhöhung befürchten musste.

Irgendwann wird man uns vielleicht auch noch vorschreiben, mit welchem Bein wir zuerst aus dem Bett steigen sollen, weil sich erwiesen hat, dass das Unfallrisiko höher ist, wenn es das linke war!, ging es Benn ärgerlich durch den Kopf. Die Bevormundung war allgegenwärtig. Und alles nur zu unserem Besten!, dachte Benn. Aber nicht mit mir!

Anno 2100 wird mein Jahr! Das Jahr, in dem ich mich verabschiede ...

Benn verließ das Haus. Der Wind fühlte sich sehr warm an. Die Tornado-Saison in Norddeutschland hatte wieder begonnen und Benn kam es manchmal so vor, als könnte man das riechen. Die charakteristischen feuchtwarmen Winde bliesen oft schon Tage vorher aus Norden oder Westen über die fast bis Osnabrück reichende emsländische Bucht. Aber zum Glück war das Haus, in dem Benn lebte, als tornadosicher zertifiziert worden.

Benn aktivierte mit Hilfe seiner Gehirnströme über sein Netzhaut-Menue ein Signal, das einen Gleiter rufen sollte. Das Signal wurde wenig später bestätigt. Der nächste Personengleiter würde ihn orten und automatisch seinen Standort anfliegen, um ihn mitzunehmen. Die für die Benutzung fälligen Gebühren würden automatisch von seinem Konto abgebucht – beziehungsweise derzeit noch vom Konto seiner Eltern, er selbst war ja noch nicht erwerbstätig.

Benn blickte zum Himmel. Er sah, wie einer der Passagiergleiter sich aus seiner Kolonne löste und herabschwebte. Das elegante Fluggerät landete punktgenau neben ihm. Die Schiebetür öffnete sich langsam und Benn stieg ein. Außer ihm hatten noch zwei mittelalte Frauen in der Kabine Platz genommen. Benn schätzte sie auf achtzig, auch wenn sie sich alle Mühe gaben, noch wie flotte Sechziger auszusehen. Ein Iris-Scanner identifizierte Benn und griff dabei über seine implantierte Schnittstelle auf sein Bewegungsprofil zu.

Ein Display erschien auf der Oberfläche einer Konsole.

>BENN GENZLER, HÄUFIG GEWÄHLTE ZIELE 1. WOHNADRESSE VON SARA JÖRGENSEN 2. RESIDENZ MIT INTEGRIERTER PFLEGE, APARTMENT 4078 3. HOLOPARK SÜD<

Die Liste auf dem Display zählte noch ein paar Dutzend weiterer Ziele auf. Benn stoppte das durch die Berührung eines Kontaktfeldes. Er wählte Ziel Nummer zwei aus und setzte sich.
*

Die RESIDENZ MIT INTEGRIERTER PFLEGE war ein sogenannter Mehrgenerationen-Wohnblock. Der Begriff stimmte insofern, als tatsächlich unter den Bewohnern vermutlich alle Generationen ab Mitte neunzig vertreten waren. In Apartment 4078 lebte Kevin Mölders. Mölders war weit über hundertzwanzig und litt unter diversen Krankheiten und Schwächen, darunter auch unter einer Form von Muskelschwund. Er war über viele Jahre hinweg in einem gut dotierten Beruf als Dozent für Literaturwissenschaft tätig gewesen. Allerdings war die Uni, an der er gelehrt hatte, inzwischen geschlossen worden. Nachdem schon die staatlichen allgemeinbildenden Schulen abgeschafft und durch Online-Angebote ersetzt worden waren, setzte man nun die Zahl der sogenannten „Präsenz“- Universitäten mit einem herkömmlichen Lehr- und Forschungsbetrieb herab.

Mölders hatte sich daraufhin noch einige Jahre mit Zeitverträgen durchgeschlagen und sich als Bearbeiter von Online- Klassiker-Ausgaben verdingt. Sein geplanter Wechsel an eine ausländische Uni war in letzter Sekunde gescheitert. Er hätte damals als über Neunzigjähriger jederzeit das Land verlassen können, aber der Gesundheitscheck hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar rissen sich gut hundert Nationen, deren Bevölkerung mehr oder weniger stark schrumpfte und vergreiste um den Nachwuchs der anderen. Aber je höher das Alter, desto höher auch die gesetzlichen Hürden, die diese Länder errichteten. Viele, darunter die USA, verlangten einen Gesundheitscheck, der die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch pflegeintensiver Krankheiten berechnete. Und bei Mölders war die spezielle Art von Muskelschwund, die ihn heute an das Antigrav-Aggregat kettete und von den Diensten eines Pflegeroboters abhängig machte, damals in einem noch symptomfreien Frühstadium diagnostiziert worden.

Es gab kein Land auf der ganzen Welt, dass sich bei Einwanderern freiwillig ein so hohes Pflegerisiko aufgehalst hätte. Jedenfalls nicht für einen Literaturwissenschaftler - mochte er sich auch noch so viele Verdienste erworben haben. Bei einem Cyberwar-Abwehrspezialisten hätte der Fall vielleicht etwas anders ausgesehen.

Benn hatte sich Mölders‘ Geschichte schon dutzendfach anhören müssen. Dem alten Mann schien es einfach ein Bedürfnis zu sein, immer wieder über seine verpassten Chancen nachzusinnen. „Ich hätte mit achtzig das Land verlassen sollen, da wäre es noch gegangen!“, sagte er immer wieder und seufzte. Jedenfalls hatte sich Benn vorgenommen, diesen Fehler in seinem eigenen Leben nicht zu begehen. Nein, dachte er, ich werde gehen, solange mich da draußen in der Welt noch jemand haben will!
*

Als Benn das Apartment betrat, schwebte ihm Mölders entgegen. Sein Körper war an einem Antigrav-Aggregat festgeschnallt.  „Na endlich! Ich habe schon gedacht, du kommst gar nicht mehr vorbei!“

„Tut mir leid, ging nicht früher“, meinte Benn. Mölders schwebte plötzlich abrupt empor. Im nächsten Moment hing er an seinem Antigrav-Aggregat unter der Decke.

„Das Ding reagiert nicht richtig!“, klagte er – vollkommen hilflos in den Gurten hängend. „Der Adapter für die Gehirnströme scheint nicht korrekt eingestellt zu sein!“

„Das haben wir gleich“, versprach Benn.

„Immer, wenn man dich braucht, bist du nicht da! Ich habe versucht, dir eine Nachricht zu schicken!“

„Ja, ja ...“

Benn hatte sein System so eingerichtet, dass Nachrichten von Mölders unterdrückt wurden. Alles, was mit der Ableistung seiner Sozialdienststunden zu tun hatte, wurde in einen Extra-Speicher umgeleitet. Es gab zwar eine Pflicht, diese Stunden abzuleisten, aber nirgends gab es die Pflicht zur dauernden Erreichbarkeit. Seine Mutter, die sich mit diesen Dingen noch besser auskannte, hatte gemeint, dass man die dauernde Erreichbarkeit jeden Bürgers eigentlich voraussetzte und wohl auch deshalb dazu in den Bestimmungen nichts zu finden sei.

„Gehen Sie in Ihr Menue!“, verlangte Benn.

„Das geht nicht! Es ist alles blockiert! Die Netzhaut-Anzeige zeigt wirre Zeichen!“

Benn atmete tief durch. Wirre Zeichen kommen durch wirre Impulse – und die haben Sie gesetzt, mein Lieber!, hätte er jetzt am liebsten gesagt, aber er schluckte diese Bemerkung gerade noch rechtzeitig herunter.

Benn seufzte. Es war immer wieder dasselbe. Die Technik war immer nur so gut wie derjenige, der sie bediente – und dieses Antigrav-Aggregat war offenbar einfach zu kompliziert für Mölders. Vor allem berücksichtigte das System wohl zu wenig, dass der alte Mann zu panischen Reaktionen neigte und dann in seinem Bedienungsmenue irgendwelche Operationen ausführte, nur um überhaupt etwas zu unternehmen. Benn aktivierte das holografische Terminal seines Handgelenkchips. Er richtete die Datenverbindung zum Rechner des Aggregats ein. Den Sicherheitscode brauchte er schon gar nicht mehr eingeben. Dafür hatte er eine Routine eingerichtet, obwohl das eigentlich aus Sicherheitsgründen streng untersagt war.

Einen Augenblick später sah Benn das wirre Menue vor sich, das auch Mölders zur Zeit auf die Netzhaut projiziert wurde. Zahlen, Buchstaben und irgendwelche exotischen Sonderzeichen aus Alphabeten, die Benn nicht einmal dem Namen nach kannte, bildeten scheinbar willkürliche Kolonnen. Benns Finger schnellten über die holografischen, irgendwie immer etwas geisterhaft wirkenden Tasten, drangen manchmal sogar etwas durch sie hindurch.

Er startete das Hauptsystem neu. Die Anzeige ordnete sich. Mölders schwebte langsam herab und das Aggregat drehte sich so, dass der Mann jetzt aufrecht vor Benn schwebte.

„Danke“, sagte er.

„Gern geschehen.“

„Aber wenn ich das nächste Mal so lange auf dich warten muss, dann werde ich die Signatur verweigern, die du für die Anerkennung deiner Zeit bei mir als Sozialstundenableistung brauchst!“

„Machen Sie das besser nicht“, sagte Benn. „Jemanden, der das System Ihres Antigravs so gut kennt wie ich, finden Sie nicht so schnell. Und jemand, der sich mit Rechnern so gut auskennt wie ich – den finden Sie erst recht nicht.“ Mölders knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Er verschluckte sich. Seit Langem litt er unter starken, chronischen Verschleimungen der Atemwege. Ein Alarmsignal ertönte. Der Pflegeroboter – bis dahin nur eine regungslose, an eine Schaufensterpuppe des vorigen Jahrhunderts erinnernde Statue – erwachte zu seiner Art von mechanischem Scheinleben. Es war ein preiswertes Modell von einigermaßen humanoider Gestalt. Es fehlten die teuren Details, die Kleidung war nur aufgemalt. Der Mund konnte sich bei der Sprachausgabe nicht bewegen und es gab nicht einmal eine Grob-Mimik. Aber das Antigrav-Modul, auf das Mölders schlicht und ergreifend angewiesen war, war teuer genug gewesen. Da war eben wohl einfach kein Pflegeroboter mehr drin gewesen, der irgendwelchen ästhetischen Mindestanforderungen genügt hätte. Benn wusste – und hatte das bei seiner eigenen Ur-Urgroßmutter auch erlebt –, dass betagte Menschen sich oft mit ihren Pflegerobotern zu unterhalten anfingen, wie andere Leute das mit ihren Hunden taten. Und vielen blieb auch gar nichts anderes übrig, denn trotz der allgemein geltenden Pflicht zur Ableistung von Sozialstunden, waren viele Pflegebedürftige die meiste Zeit über mit ihren Robotern allein.

Mölders würgte und lief inzwischen so dunkelrot an, dass man sich Sorgen machen konnte. Aber Benn hatte das schon öfter miterlebt. Vielleicht lag es daran, dass er inzwischen ziemlich abgestumpft war, was den erbärmlichen Anblick betraf, den Mölders in einem solchen Fall bot. Eigentlich sollte er dir mehr leidtun!, ging es ihm durch den Kopf. Er hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es mochte ja sein, dass der alte Mann und die ganze Pflicht zum Sozialdienst ihn ziemlich nervte – aber tief in seinem Inneren hatte Benn dennoch das Empfinden, dass Mölders eigentlich etwas mehr Anteilnahme verdiente.

Vielleicht wollte Benn auch einfach nicht zu genau hinsehen müssen. Der Blick in Mölders gequältes Gesicht war schließlich fast so, als wenn Benn in einen Spiegel mit Zeitmaschinen- Effekt geschaut hätte, der ihm seine eigene mögliche Zukunft vor Augen führte.

Benn hatte allerdings volles Vertrauen in Mölders’ Pflegeroboter. Er wusste, dass man sich auf die Grundfunktionen dieser Maschine verlassen konnte und dass dem alten Mann nichts Ernsthaftes geschehen würde. Jedenfalls nichts, was Benn hätte verhindern können. Das Modell war zwar einfach, aber dafür zuverlässig, wenn auch manchmal etwas rabiat. Eine Klappe an der Schulter öffnete sich, ein mechanischer Arm, an dessen Ende sich eine Atemmaske befand, wurde ausgefahren. Die Atemmaske wurde Mölders auf das Gesicht gedrückt. Es zischte. Gleichzeitig bekam Mölders noch eine Injektion.

Das Ganze zog sich ein paar Minuten hin, dann war es vorbei. Mölders hatte wieder eine normale Gesichtsfarbe angenommen und räusperte und hustete nur noch ein bisschen vor sich hin, während der Pflegeroboter sich wieder zwei Meter entfernte und automatisch in den Stand-by-Modus ging. Eigentlich hätte er noch einen medizinischen Bericht anbieten müssen, aber diese Funktion hatte Mölders offenbar abgeschaltet.

„Ich hoffe, es geht wieder“, sagte Benn.

„Es muss ja!“, ächzte Mölders. Sein schweres Atmen ließ allerdings ahnen, dass sein Zustand zwar nicht akut lebensbedrohlich war, aber trotzdem in einigen Punkten zu wünschen übrig ließ. „Und wenn ich sichergehen könnte, dass du meine Nachrichten nicht einfach ignorierst, wenn ich in höchster Gefahr bin, dann würde es mir noch besser gehen!“

„In höchster Gefahr...“, gab Benn zweifelnd zurück.

„Ja, ich weiß schon, was du meinst.“

„Wirklich?“ Benn runzelte die Stirn.

„Wer über hundertzwanzig und außerdem noch mit ein paar Krankheiten geschlagen ist, der ist sowieso ständig in höchster Gefahr ...“

„So kann man das natürlich auch sehen!“ „Aber ich meine es wirklich ernst, Benn! Dieser Antigrav bringt mich nochmal um!“

„Dann seien Sie nicht so geizig und leisten sich endlich einen professionellen Wartungsservice für Ihr Pflege-Equipment! Dann passiert auch nichts!“, erwiderte Benn in einem ziemlich ärgerlichen Tonfall.

„Kann ich mir nicht leisten“, meinte Mölders knapp. „Ich bin froh, dass du das machst.“

„Tut mir leid“, sagte Benn leise und war sich nicht sicher, was ihm jetzt eigentlich genau leidtat: Mölders Situation oder seine eigene Unfähigkeit, in diesem Fall angemessenes Mitleid zu zeigen.
*

Es war bereits spät, als Benn bei Sara eintraf. Er kannte Sara schon seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Krabbelgruppe. Freundschaften wurden entweder früh oder im Datennetz geschlossen, seit die öffentlichen Schulen abgeschafft worden waren.

Saras Mutter arbeitet in dem großzügigen Wohnzimmer, das fast eine ganze Etage ausmachte und gleichzeitig als Büro und Koordinationszentrale für einen Bio-Pizza-Lieferservice diente. Saras Mutter hatte nur einen einzigen Job, hatte aber praktisch vierundzwanzig Stunden Bereitschaft. Wenn sie mal nicht zu Hause war, musste sie Kundenwünsche eben notfalls über den mobilen Netzzugang ihres Implantats entgegennehmen. Das ging auch.

„Hallo Benn. Schön, dass du mal wieder vorbeischaust“, sagte Emily Jörgensen. Sie hatte einen bunten Kaffeebecher in der Hand. Von Sara wusste Benn, dass sie darin Stimmungsaufheller auflöste. Als Sara vor ein paar Jahren mal um ein Haar durch ihren Online-Kurs in Mathematik gefallen wäre, hatte sie die Pillen ihrer Mutter auch einmal probiert. Heimlich. Allerdings hatte sie sich nicht nur erheblich mit der Dosis vertan, sondern war auch noch allergisch gegen einen der Wirkstoffe, wie sich bei der Gelegenheit herausstellte. Sie wäre um ein Haar daran gestorben. Man hatte ihr den Magen auspumpen müssen und natürlich wurden von da an deutlich erhöhte Krankenversicherungsbeiträge für sie fällig.

Auf die Dauer ließen sich die nur durch die Ableistung zusätzlicher Sozialstunden wieder senken. Für Sara war das eine Katastrophe, denn sie war ohnehin schon damit chronisch im Rückstand gewesen.

Saras Familiensituation war nicht ganz einfach. Ihr Vater war selten zu Hause.

Er war deutlich älter als Saras Mutter, ein Endsiebziger, der damit volle Reisefreiheit genoss. Dieser Umstand machte es möglich, dass er als selbstständiger Auslandsagent für deutsche Firmen sehr gut im Geschäft war. Da Jüngere nicht reisen durften, waren gerade exportorientierte Wirtschaftsunternehmen auf Leute wie ihn angewiesen. Auslandsagenten führten die Verhandlungen vor Ort oder wurden eingesetzt, um die Umstände vor Ort auszuloten und sich ein umfassenderes Bild von dem Land und der Situation des Geschäftspartners zu machen. Herr Jörgensen konnte sich vor Aufträgen kaum retten, war aber auch fast nie zu Hause.

„Ist Sara in ihrem Zimmer?“, fragte Benn.

„Ja, ja ...“

Emily Jörgensen hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Auf einer der Holoprojektionen und Bildschirmflächen an der Wand tat sich etwas. Mehrere Pizza-Bestellungen gingen gleichzeitig ein, die koordiniert werden mussten. Eine Anzeige blinkte auf. Irgendein Pizzabäcker konnte zurzeit nicht liefern. Es galt also für alle Fahrer, diesen Produktionsort gar nicht erst anzufahren und anderswo Ware aufzunehmen. „Du kennst dich ja aus, Benn. Ich muss hier schnell mal ein paar Rückfragen beantworten“, sagte Saras Mutter. „Okay.“

Benn ging zum Fitnessaufstieg. In alten Filmen und Online- Spielen mit historischem Background nannte man das eine Treppe. Aber in der realen Welt waren stufenförmige Aufstiege erst seit einigen Jahren wieder in Mode gekommen. Zur Zeit war es der letzte Schrei, Aufzüge zurückzubauen und gegen sogenannte „Treppen“ auszutauschen.

Benn ächzte die Stufen hinauf.

So was kommt dabei heraus, wenn alte Leute zeigen wollen, wie jugendlich und fit sie noch sind!, ging es ihm durch den Kopf. Wahrscheinlich war das eine Idee von Saras Vater gewesen. Typisch für seine Generation!, dachte Benn. Und typisch, dass er selbst zumeist gar nicht hier ist, um sich mit diesem Schwachsinn abzuquälen!

Jedenfalls war Benn heilfroh, dass er bisher durch seinen Einspruch erfolgreich hatte verhindern können, dass bei ihm zu Hause so ein innenarchitektonischer Unsinn gemacht wurde.

Schließlich erreichte er Saras Wohnbereich.

Nachdem er die Tür passiert hatte, hörte er sie auch. Sie spielte auf ihrer Violine ein Stück mit vielen Läufen. Der Bogen tanzte über die Saiten, die Finger bewegten sich mit der Geschwindigkeit und Präzision von Spinnenbeinen. Eine Strähne ihrer langen Haare war ihr dabei auf die Stirn geraten und hing nun mitten in ihrem Gesicht. Sie bemerkte das nicht. Ihre Augen waren geschlossen und ihre ganze Konzentration galt nur den Noten, die in diesem Augenblick zweifellos auf ihrer Netzhautanzeige erschienen.

Benn sah ihr einige Augenblicke lang einfach nur zu. Er mochte es, wenn sie so sehr in ihr Geigenspiel vertieft war und sie alles andere um sich herum zu vergessen schien. Auf ihrem fein geschnittenen und an sich sehr glatten Gesicht erschien dann vor lauter Anstrengung manchmal eine Falte, die sich senkrecht über die Stirn zog. Eine Falte, die man auf den ersten Blick für ein Zeichen des Zorns halten konnte. Aber damit hatte das nichts zu tun. Vielmehr zeigte sich darin ein Höchstmaß an Anspannung und Konzentration.

Plötzlich brach sie ihr Spiel ab.

Wahrscheinlich hatte ihr die Netzhautanzeige irgendeinen schwerwiegenden Fehler angezeigt. Etwas, das nur jemand hörte, der sich mit dieser Art von Musik auskannte – oder eben ein unbestechliches Rechnerprogramm, das darauf getrimmt war, einem beim Üben auf Fehler und Ungenauigkeiten hinzuweisen.

Sie öffnete die Augen und schrak im ersten Moment zusammen, als sie Benn sah.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken!“

„Wie lange bist du schon hier?“

„Noch nicht lange. Aber es ist schön, dir beim Spielen zuzuhören.“

„Danke.“

„Du hast eine Begabung für Musik, das steht fest.“

„Für jemanden, der nur Online-Unterricht hatte, spiele ich ganz passabel“, meinte sie. „Aber den Feinschliff müsste man woanders bekommen.“

Sie seufzte.

Benn wusste, was sie meinte. Ein Stipendium auf einem Music College in den USA oder Kanada – davon träumte sie. Unterricht bei einem richtigen Lehrer. Bei jemandem, der selbst ein Künstler war und ihr nicht nur die richtige Technik zeigen konnte, sondern auch, wie man den inneren Kern eines Musikstücks verstehen und durch sein Spiel hervorbringen konnte. Und später – Auftritte auf den großen Bühnen der Welt. Bühnen – nicht Online-Auftritte. Länder wie die USA, Kanada oder Australien ließen auch jungen Leuten volle Reisefreiheit, denn sie brauchten nicht zu fürchten, dass die Jungen nicht zurückkehrten. Im Gegenteil. Dort gab es zwar auch nicht mehr Geburten und nicht mehr Kinder, aber die Bevölkerung wuchs dennoch durch Einwanderung, und deshalb war sie im Durchschnitt sehr viel jünger. Ja, es lohnte sich einzuwandern: Denn dort musste man weder einen Großteil seiner Zeit mit Sozialdiensten zubringen, noch den Hauptteil seines Verdienstes als Abgabe abführen.

Alles, was neu und aufregend war, schien in diesen Ländern stattzufinden. In diesem Punkt waren sich Sara und Benn seit einiger Zeit vollkommen einig.

Eine Zukunft gab es für sie nicht in dieser kleinen, mitteleuropäischen Gefängniszelle namens Deutschland, die sich erst für über Fünfundsiebzigjährige öffnete. Eine Zukunft, die diesen Namen verdiente, die gab es nur irgendwo da draußen.

„Es ist etwas Schreckliches passiert“, sagte Sara. „Und ich hoffe sehr, dass du das wieder in Ordnung bringst!“

Herrschaft der AltenDaten zum Buch
Herrschaft der Alten
von Alfred Bekker
Umschlaggestaltung: Johann Thiessen, Koblenz
ISBN: 978-3-935265-89-8
edition zweihorn GmbH & Co. KG
Riedelsbach 46
D-94089 Neureichenau
Tel: +49 (0) 8583 2454, Fax: +49 (0) 8583 91435
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Copyright © 2011 by Alfred Bekker (vertreten durch die Agentur Peter Molden), 1. Auflage 2011

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