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Sieben gegen die Hölle - Jan Falkenberg (Teil 4)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Jan Falkenberg (Teil 4)
Jan betrat zwar sein Zimmer, aber an Schlaf dachte er nicht eine Sekunde. Er kramte seinen Laptop hervor und schloss ihn an den Strom an. Die kurze Zeit, bis er ins Internet konnte, kam ihm endlos lang vor.

Sofort gab er bei Google den Hohen Meißner ein und begann den Wikipedia-Artikel zu lesen. Danach hatte er zwar ein paar Details über die Gegend erfahren, in der er sich aufhielt, aber wirklich schlau fühlte er sich nicht.


Dann gab er den Namen Helena Boda in die Suchmaschine ein. Zwar fand er einen Facebook-Account, der zu diesem Namen gehörte, aber das war eindeutig nicht die Frau, die er gestern kennen gelernt hatte. Ansonsten gab es nur ein paar ausländische Seiten, die ihn ebenfalls nicht weiter brachten. Als nächstes suchte er alles zu dem Begriff „Nagel vom Kreuz Christi“. Auch hier war Wikipedia die erste Anlaufstelle. In diesem Bericht stieß er auch auf den Namen Helena. Doch dass er mit der Mutter des altrömischen Kaisers Konstantin des Großen in einem kleinen Gasthaus in Hessen zusammen gesessen hatte, das war ja wohl völlig ausgeschlossen.

Ach ja? Ist es verrückter, als von Jesu Kreuzigung zu träumen, nachdem man von einem riesigen Adler am Ufer eines Märchenteichs angegriffen wurde?, fragte eine kleine, fiese Stimme in seinem Kopf.

Er verbot sich selbst jede Antwort und las den Artikel weiter. Eben jene Helena, von der er gerade gelesen hatte, sollte die Nägel im Jahr 325 gefunden und an ihren Sohn weiter geschickt haben. Konstantin der Große wiederum ließ einen davon in eine eiserne Krone und den Rest in sein Zaumzeug einbauen. Von da verteilten sie sich nach und nach über den Erdball. Heute erhoben mehr als dreißig Stätten den Anspruch darauf, dass ihre Nägel die Echten waren. Italien, Frankreich, Deutschland. Rom, Carpentras, Bamberg, Trier, Wien. Er scrollte weiter nach unten. Leider half ihm der Text nicht sonderlich weiter. Einzig der kurze Hinweis, dass die Nägel in Rom und Trier wohl diejenigen waren, bei denen am ehesten die Chance bestand, dass sie echt waren. Eine reichlich schwache Spur.

Spur? Du hast doch nicht vor, nach zweitausend Jahre alten Nägeln zu suchen? Im Baumarkt kriegst du ganz neue!

Wieder diese Stimme in seinem Kopf, die ihn verhöhnte. Trier lag noch halbwegs in der Nähe, der Rest war vorerst unerreichbar fern. Der Dom in Trier war zur Zeit von Konstantin dem Großen erbaut worden und so schloss sich der Kreis. Zwar hatte der heutige Sakralbau nicht mehr viel mit dem Original gemein, aber seine Grundmauern reichten eben in jene römische Zeit zurück. Außerdem waren die etwa dreihundertsiebzig Kilometer von hier bis Trier noch mit dem Auto zu schaffen, sogar für seine alte Karre. Wenn er dem Golf einen guten Schluck Sprit zugestand, konnte er in weniger als vier Stunden in Trier sein. Als sich erneut die mahnende Stimme der Vernunft in ihm melden wollte, ignorierte er sie endgültig und entschloss sich, die Reise anzutreten. Er fuhr den Laptop herunter und zog den Stecker. Sein Entschluss stand fest, er würde fahren. Jetzt sofort! Er griff sich seinen Rucksack, verstaute darin den Laptop und seine Notizen und zog dann den Reißverschluss zu. Gegen die Kühle zog er einen Pullover über. Seine Jacke ließ er im Schrank hängen. Er würde noch einmal hierhin zurück kehren, dessen war er sich sicher. Mit schnellen Schritten verließ er das Hotel und umrundete das kleine Gebäude. An der Rückseite wartete sein siebzehn Jahre alter Wagen auf ihn. Als er einstieg und den Schlüssel umdrehte, jammerte der Motor gequält auf. Er benötigte einen weiteren Versuch, bis er ansprang. Die Tankanzeige stand auf letzter Reserve. Zum Glück lag die nächste Tankstelle am Ortsausgang. Er hielt dort an und tankte den Wagen voll. Seine Bankkarte würde gleich genauso jammern wie der Motor, aber für die Hin- und Rückfahrt würde es sonst nicht reichen.

„Darf es sonst noch etwas sein?“, fragte der verpickelte Teenager hinter dem Tresen.

Er nahm zwei Schokoriegel, die ihm das ausgefallene Frühstück ersetzen sollten, und eine große Flasche Wasser. So ausgerüstet ließ er sich wieder in seinen Wagen fallen. Aus dem Handschuhfach zog er das Navi und gab als Zielort Trier ein. Kaum hatte er Meißner verlassen, umgab ihn nur noch Grün. Die Sonne ging gerade auf und sendete flach ihre Strahlen über die Felder und Wiesen. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Plötzlich sprang etwa hundert Meter vor ihm etwas auf die Straße. Sein Fuß trat auf die Bremse und er wurde in den Gurt gepresst. Dank seiner guten Reaktion kam er noch weit vor dem unvorhergesehen erschienenen Hindernis zum Stehen. Dies bewegte sich nun auf ihn zu. Er erkannte ein Tier. War das ein Hund? Nein, dafür war es zu groß. Oder nicht? Mit Tieren kannte er sich nicht so besonders aus. Auf jeden Fall kam es immer näher. Dabei wurde es immer größer. Noch größer! Unwillkürlich suchte er nach dem Knopf und verriegelte die Tür von innen. Das war ein Wolf! Aber viel größer als sie eigentlich wurden! Sofort musste er an den gewaltigen Adler denken. Der graue Jäger machte einen Satz und sprang auf die Motorhaube. Der ganze Wagen wurde durchgeschüttelt. Dicht vor der Frontscheibe entblößte das Raubtier sein Gebiss. Scharfe Zähne, die ihn an spitze Dolche erinnerten. Leuchtend gelbe Augen, die ihn dräuend anstarrten. Dann ließ der Wolf ein fürchterliches Heulen hören, dass er glaubte, ihm würde das Trommelfell reißen. Er presste die Hände auf die Ohren, doch es half kaum. Dann sprang das Tier von der Motorhaube. Er drehte den Kopf, um es weiter im Blick zu halten. Der Jäger warf seinen gesamten Körper an der Fahrerseite gegen den Wagen. Jan schrie auf. Der Golf wurde auf die zwei rechten Räder gestellt, kippte aber wieder zurück. Er packte den Haltegriff und stemmte sich am Lenkrad ab. Als er wieder aus dem Fenster sah, war der Wolf verschwunden. Hektisch drehte er den Kopf in alle Richtungen, versuchte aus allen Fenstern zu sehen. Weg! Einfach weg! Er lachte auf. Wurde er langsam wahnsinnig? Riesenadler, Riesenwölfe … was kam als nächstes?

Erst jetzt merkte er, dass der Motor immer noch lief. Schnell legte er einen Gang ein und gab Gas. Der Golf machte einen Satz und Jan raste mit überhöhter Geschwindigkeit davon. Nur weg von diesem Ort. Die nächste halbe Stunde presste er seine Hände so fest um das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortraten. Erst als er die Autobahn erreichte und er mehr und mehr andere Autos sah, entspannte er ein wenig. Wieder und wieder schüttelte er den Kopf. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie irre das alles war. Er hatte Alpträume, unglaublich große Tiere griffen ihn an und eine Frau, die keiner kannte, hatte ihm den Auftrag gegeben, einen Nagel vom Kreuze Christi zu holen, den er dann in ein Sperrgebiet bringen sollte, in dem ein Felshang abzurutschen drohte.

„Warum hältst du nicht einfach an, fährst zurück, holst deine Sachen und gehst dann nach Hause?“, fragte er laut und sah sich dabei im Rückspiegel an. Leider gab ihm die innere Stimme darauf keine Antwort.

Er drehte das Radio an. Hessen 3 berichtete weiter über den drohenden Sturz des Felsmassivs. Davon wollte er nichts hören, das erinnerte ihn nur an die ganze verrückte Geschichte. Schnell stellte er den Sender um und lauschte dann den verschiedensten Liedern, ohne richtig zuzuhören. Er fuhr wie in Trance. Mehrfach musste er die Autobahn wechseln. Erst von der A602 bog er auf die B49 und fuhr die letzten Kilometer Landstraße, bevor er in die Stadt kam. In der Nähe des Kirchenkomplexes fand er einen Parkplatz. Hier war er nicht mehr allein. Unzählige Menschen liefen über den Vorplatz. Eine bunte Mischung aus Pilgern, Touristen und Einheimischen. Man konnte sie gut daran unterscheiden, welche Aufmerksamkeit sie dem Dom schenkten. Die Trierer nahmen das Gotteshaus als selbstverständlich hin, während die Touristen staunend an der Fassade empor sahen und immer wieder Fotos machten. Auch er selbst betrachtete das Gebäude eindringlich. Weit ragte es in den Himmel und er musste den Kopf in den Nacken legen, damit er alles sehen konnte. Lag hier die Lösung seiner Rätsel? Oder wenigstens ein Puzzleteil dazu? Er reihte sich in die Menschenmenge ein und ließ sich von ihnen treiben. An der Kasse zahlte er den Eintrittspreis und machte sich dann daran, den Domschatz zu besichtigen. Wo lag der heilige Nagel? Die Beschilderung an der Wand führte ihn in die richtige Richtung. Leider standen eine Unmenge an Menschen vor der Scheibe, hinter welcher der Andreas-Tragaltar mit dem dazugehörigen Reliquiar lag. Am liebsten hätte er sie einfach zur Seite gestoßen und es kostete ihn eine Menge Beherrschung, um sich nicht vorzudrängen. Endlich ging die geführte Gruppe weiter und er trat dich an das Glas heran. Dahinter erkannte er ein reichlich verziertes goldenes Kästchen. Es stand auf vier dünnen Beinen und auf der Oberfläche war ein vergoldeter Fuß angebracht. Davor lag ein etwa zwanzig Zentimeter langes, ebenfalls goldenes Behältnis. An seinem oberen Ende befand sich ein aus vier Plättchen gebildeter Verschluss. Einer Infotafel entnahm er, dass sich darin der von Kaiserin Helena gestiftete Nagel, befinden sollte. Aber war es auch ein echter Nagel vom Kreuze Christi? Mehr als zweitausend Jahre alt? Er hockte sich vor den Schaukasten und versuchte, durch das Betrachten aus anderen Blickwinkeln eine größere Erkenntnis zu gewinnen.

„Das Schmuckstück scheint Sie sehr zu interessieren.“

Als er die Stimme hörte, sprang er auf und wirbelte herum. Vor ihm stand ein weißhaariger Mann, den er auf etwa Ende sechzig schätzte.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken“, entschuldigte sich dieser ob Jans heftigen Reaktion.

„Schon in Ordnung.“

Er wandte den Blick wieder auf das goldene Schmiedewerk. Der Mann stellte sich neben ihn.

„Wissen Sie etwas über den heiligen Nagel?“, fragte er, einer Laune folgend. Der Mann lachte.

„Wenn nicht ich, wer dann?“

„Wer sind Sie? Der Schatzwärter?“

Wieder lachte der Mann.

„Nein. Ich bin Helmut Röser“, sagte der ältere Herr, der ihn ein wenig an Frank Elstner erinnerte. Als er auf den Namen nicht reagierte, wurde er konkreter

„Ich bin der Domprobst.“

„Also der Chef hier.“

„So kann man es wohl sagen, ja. Also, Sie interessieren sich für den Nagel, sagten Sie?“

„Ja.“

„In welcher Hinsicht?“

„Wie meinen Sie?“

„Nun, Sie kommen mir nicht vor wie ein Tourist. Und wie ein Theologiestudent erscheinen Sie auch nicht.“

„Richtig.“

Er fühlte, wie der Mann ihn musterte.

„Verraten Sie mir, was Sie hierher treibt?“

Klar! Eine Frau, mit der ich mir Jesus' Kreuzigung angesehen habe, hat gesagt, ich soll einen Nagel vom Kreuz zum hohen Meißner bringen.

„Ich weiß es nicht so richtig.“, wich er einer Antwort aus. Er konnte förmlich spüren, wie die Antwort den Mann neben ihm versteifen ließ. Aber was sonst sollte er ihm sagen? Er wusste nur, dass er diesen Nagel brauchte. Oder einen der Nägel, die möglicherweise echt waren.

Plötzlich nahm er eine Spiegelung in der Vitrine wahr. Er wirbelte herum. Röser zuckte zusammen und hob abwehrbereit die Hände hoch. Außer dem Domprobst war niemand hier. Aber er hatte die Bewegung doch deutlich gesehen. Schnell drehte er sich wieder um. Erneut blickte er in das Glas. Jetzt erkannte er einen Mann. Er trug eine römische Uniform. War es der Legionär aus seinem Traum? Derjenige, der Jesus die Lanze in den Leib getrieben hatte? Nein, er sah anders aus. Gleich war den beiden nur die Legionärsuniform, wobei diese hier in wesentlichen Details unterschiedlich war. Sie wirkte … moderner. Ein anderes Wort wollte ihm nicht einfallen. Der Römer sah ihm direkt in die Augen. Dann hob er die Hand und zeigte auf den vermeintlich heiligen Nagel. Er schüttelte den Kopf und löste sich dann auf. Wieder wirbelte Jan auf der Stelle herum, doch erneut stand dort nur Röser, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

Wortlos stürmte er am Domprobst vorbei. Wenn hier jemand anderes gewesen war, dann konnte der nicht weit sein. Er stürzte aus der Schatzkammer, doch einen Römer konnte er nicht entdecken. Eine Gruppe Asiaten kam gerade auf ihn zu und drohte ihm den Durchgang zu versperren. Er quetschte sich an ihnen vorbei und einige von ihnen vergaßen glatt die sprichwörtliche asiatische Freundlichkeit. Er schlengelte sich durch die vielen Menschen, aber bald darauf gab er seine Jagd auf. Als er stehen blieb, befand er sich nahezu in der Mitte des Trierer Doms. Er ließ seinen Blick schweifen. Dann entdeckte er Röser. Er war nicht alleine. In seiner Begleitung befanden sich zwei Polizisten und er zeigte gerade auf ihn. Verdammt! Warum hatte der alte Narr nur die Wachtmeister informiert? Er hatte doch nichts getan. Hielt man ihn für einen Schatzräuber? Oder einen Verrückten? Letzteres traf wohl eher zu als ersteres. Als die Polizisten ihn erreichten, sprachen sie ihn an.

„Dürfen wir Ihnen kurz ein paar Fragen stellen?“

„Natürlich.“

„Sie waren gerade in der Domschatzkammer.“

„Ja.“

„Und haben sich für den heiligen Nagel interessiert?“

„Er ist nicht heilig.“

„Nein?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Weil er nicht echt ist.“

Röser lachte bitter auf.

„Das ist ja lächerlich! Als könnten Sie das beurteilen.“

Er zuckte nur mit den Schultern.

„Wenn nichts gegen mich vorliegt, würde ich gerne gehen.“

Die beiden Polizisten sahen Röser an.

„Bitte! Das ist wohl sowieso das beste. Sie versündigen sich sonst noch gegen den Herrn.“

Ohne ein weiteres Wort drehte Jan ab und verließ den Dom. Als er wieder im Auto saß, schloss er die Augen. Es war kurz vor Mittag und er spürte aufkommenden Hunger. Einen der beiden Schokoriegel hatte er schon auf der Hinfahrt gegessen, den zweiten verleibte er sich nun ein. Diese Fahrt war ein Reinfall gewesen. Er konnte sich auch gar nicht erklären, warum er so überstürzt aufgebrochen war. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum! Zumindest versuchte er sich das einzureden. Aber wirklich gelingen wollte es ihm nicht. Dazu war mittlerweile zu viel geschehen, als dass es noch ein Traum sein könnte. Und das er wirklich verrückt wurde, wollte er gar nicht erst in Betracht ziehen. Er zerknüllte die leere Schokoriegelfolie und drückte sie in den sonst ungenutzten Aschenbecher. Was sollte er jetzt tun? Im Grunde blieb ihm nichts, als wieder zurück nach Germerode zu fahren. Immerhin lagen noch Sachen von ihm im Hotel. Er startete den Golf und begann die lange Rückfahrt.

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