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Der Fluch der Runal (Kapitel 4)

LeseprobeDer Fluch der Runal
Kapitel 4

Als Randor kurz vor Sonnenaufgang aus seinem unruhigen Schlaf erwachte war Shinuu verschwunden. Das Taschentuch lag zerwühlt neben ihm und die Reste ihres Abendmahles waren fort. Traurig und niedergeschlagen schlich er aus seiner Kammer und musste zu seiner Überraschung feststellen, dass überall in der Burg bereits große Aufregung herrschte. Die Mägde und Knechte liefen hektisch umher und die Wachen und Krieger durchstöberten jeden Winkel der riesigen Festung. Keiner schenkte Randor auch nur die geringste Beachtung und so ging er verwirrt zum großen Saal, wo für gewöhnlich das Morgenmahl eingenommen wurde. Außer den Hunden, der räudigen Katze und den Ratten fand er dort niemanden vor.

Der Fluch der Runal bei BOD

Der Fluch der RunalVerstört lief Randor den Gang entlang zum Gemach seines Vaters. Seldin, die Kammermagd Enolds, kam ihm entgegen geeilt. Die mausgrauen Augen waren gerötet und ihr sonst streng zurückgebundenes blondes Haar hing ihr wirr in dichten lockigen Strähnen ins Gesicht.

„Was ist geschehen?“, fragte Randor verwirrt. „Wonach suchen die Wachen und wo ist der Cahn?“

„Unser Herr und Beschützer...“, Seldin wischte sich Tränen aus den Augen, ehe sie mit erstickter Stimme fortfuhr: „Diese Bestie hat seinen eigenen Dolch vergiftet und ihm in den Leib gestoßen, als er schlief“, schluchzte sie. „Niemand weiß, wie sie den Bewusstseinszauber aufheben konnte.“

Randor, der wie alle anderen auch wusste, dass Seldin nicht nur die Magd Enolds war, schluckte. „Ist er tot?“

Seldin schluchzte laut auf, ehe sie antwortete: „Er lebt, aber... aber es steht nicht gut um ihn.“

„Und sie? Ich meine die Gefangene? Haben die Wachen sie ... getötet?“, stotterte der Herrschersohn voller Ungeduld. Sorgte er sich doch weit mehr um ihr Leben, als um das seines verhassten Vaters.

Die Magd schüttelte den Kopf. „Nein, diese Hexe ist entkommen. Keiner weiß, wie sie das geschafft hat. Niemand hat sie gesehen und es Gnade ihr Draan, wenn ich sie finde.“ Zornig ballte sie ihre kleinen Fäuste und für einen Moment verwandelte sich die Sorge um ihren Geliebten in Hass auf die umso viele Sommer jüngere und schönere Frau, die ihr zuerst die Gunst Enolds abspenstig gemacht hatte, um ihm nun hinterlistig nach dem Leben zu trachten.

„Ich hätte gleich Gift in ihre Speisen mischen sollen, dann wäre das alles nicht passiert“, fauchte sie und Randor schrak bei dem Ausdruck in ihren Augen zurück.

„Ja, das hättest du vielleicht...“, stammelte er verlegen, dann setzte er seinen Weg eiligst fort.

Die Tür stand offen und Riana saß am Bett des Herrschers. Wie vor nicht allzu langer Zeit an Randors Krankenlager, so murmelte sie die vertrauten Formeln und ließ dabei die Gebetsperlen gleichmäßig durch ihre gichtgekrümmten Finger gleiten. Als sie Randors gewahr wurde, sah sie nur kurz auf, dann betete sie weiter.

Eilig kam die Magd mit einer Schüssel dampfenden Wassers und sauberen Tüchern zurück. Grob schob sie Randor beiseite und machte sich daran die Wunden Enolds frisch zu verbinden. Der lag da wie tot. Sein Gesicht war fahlweiß und eingefallen und seine Lippen waren bläulich verfärbt. Das vormals dichte rote Haar war übernacht licht geworden und beinahe vollkommen ergraut. Wenn Enold jetzt starb, dann war Randor der Herrscher Kandraass.

Randor schauderte bei dem Gedanken. Hatte die, von der er sich Rettung erhofft hatte, ihm nun diesen Todesstoß versetzt?

Seldin kam wortlos auf den jungen Cahn zu, schob ihn hinaus und schloss die Tür vor seiner Nase. Benommen wankte er zurück in seine Kammer.

Nun waren all seine Pläne umsonst gewesen. Die Kriegerin hatte es trotz des Betäubungszaubers geschafft, sich zu befreien. Dabei hatte Randor angenommen, dass sie dazu längst zu schwach gewesen wäre, so wie sie sich die letzte Zeit im großen Saal gezeigt hatte. War das alles nur ein Spiel gewesen? Wie konnte sie alle so perfekt täuschen? Hatte Riana recht? Trotz der Tatsache, dass sie ihn nie beachtet hatte und sie ganz offensichtlich nicht das war, was sie vorgegeben hatte zu sein, brannten Randors Gefühle für die Fremde noch immer wie ein hell loderndes Feuer. Er würde alles geben, um sie wieder zu sehen.

Zehn Tage und Nächte vergingen. Shinuu blieb verschwunden, doch Riana berichtete Randor, dass sie sich nur gekränkt und eifersüchtig in den Wald zurückgezogen hatte. Selbst die Nachricht, dass Randors Pläne gescheitert und die Kriegerin ohne ihn geflohen war, konnten die verletzte Drachengrille nicht versöhnlicher stimmen.

So blieb Randor allein zurück und verfiel von Tag zu Tag mehr in einen Zustand, in dem er seine Umwelt kaum noch wahrnahm. Nachts quälten ihn Träume von Krieg und fremdartigen Wesen, die Draanogan einnahmen und alle dahinmetzelten. Dann verfolgten ihn ständig die Bilder und Szenen der Vision, die er damals in der Nähe dieses verfallen Dorfes gehabt hatte und die er schon beinahe ganz vergessen hatte. Nach einer Weile weitete sich sein anhaltender Dämmerzustand auch auf den Tag aus und Angstzustände und Panikattacken hinderten ihn daran, sein Zimmer zu verlassen. Hinter jeder Ecke sah er Gestalten lauern, die es nicht wirklich gab und selbst Riana wusste keinen Rat mehr.

 „Mein Junge, ich kenne keinen Trank und keine Formel, die dich von diesen Visionen befreien kann“, seufzte sie hilflos, als sie wieder einmal stundenlang bei ihm gesessen hatte, um alle möglichen Kräuter, Beschwörungen, Gebete und Elixiere auszuprobieren.

„Auch muss ich nach deinem Vater sehen. Er hat heute erstmals die Augen aufgeschlagen, aber das ist leider noch kein Grund zu voreiliger Freude. Das Gift der Saneehrenkriegerin ist tückisch.“

Wankend und schwerfällig erhob sie sich und Randor stützte sie auf dem Weg zur Tür, weil er fürchtete, sie könnte fallen. Er hatte glücklicherweise einen seiner klaren Momente, in denen er wusste, was er tat und was um ihn herum tatsächlich geschah.

„Danke, mein Junge.“ Kraftlos strich sie ihm mit ihren zittrigen Fingern durchs Haar. „Du bist ein guter Mensch“, seufzte sie müde, „aber leider zählt das hier nicht viel.“

„Riana“, Randor hielt sie zurück. „Womit, glaubt Ihr, haben meine Träume zu tun? Weshalb sehe ich diese Dinge?“

„Ich weiß es nicht, aber wenn ich dich recht verstehe, hat alles mit dem Angriff der Saneehren begonnen.“  Schwach winkte sie ab. „Aber das ist nur eine Vermutung und sie hilft uns nicht wirklich weiter. Ich habe meine Steine schon viele Male befragt, aber sie konnten mir darauf keine Antwort geben. Ebenso wenig, wie auf die Frage nach dem Gegengift für unseren Cahn.“

„Glaubt Ihr denn, dass es ein Gegengift gibt?“

„Ja, denn wenn ich den Glauben daran verliere, kann ich niemals eines finden.... aber ich werde alt und mein Blick ist trübe. Meine Zeit in dieser Welt scheint sich dem Ende zuzuneigen.“

Randor sah traurig in ihre blassen und wässrigen Augen. Riana war tatsächlich alt geworden. Allein in den vergangenen Tagen war sie um ein Vielfaches gealtert. Was würde er nur tun, wenn sie nicht mehr da wäre? Tränen schnürten ihm die Kehle zu und er konnte nichts erwidern.

Die Alte lächelte schwach, dann ging sie hinaus und machte sich sofort auf den Weg zu Enold. Randor wusste, dass sie in letzter Zeit kaum Schlaf gefunden hatte und er fühlte sich schuldig. Immer hatte er nur an sich und sein Elend gedacht. Doch was wurde aus ihm, wenn Riana seinetwegen am Ende früher aus diesem Leben schied? Nur weil er es nicht vermochte, mit seinem Kummer und seinen Träumen alleine fertig zu werden. Er schaute ihr noch hinterher, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war.

Am nächsten morgen klopfte es schon vor Sonnenaufgang an seiner Tür.

„Wer ist da?“, brummte Randor verschlafen und missmutig. Er war eben erst eingeschlafen und nun weckte man ihn schon wieder. Was um Himmels willen konnte denn so wichtig sein? Da durchfuhr es ihn wie ein Blitz – sein Vater! War der Cahn gestorben? Oder ging es um Riana? Mit einem Schlag war er hellwach.

„Kommt herein!“, befahl er laut und deutlich und die Tür schwang auf. Riana schlurfte herein.

„Der Cahn“, begann sie zögerlich und Randor fürchtete das Schlimmste.

„Ja? Was ist mit ihm?“ Randor sprang aus dem Bett, warf sich ein Hemd über die Schultern und schlüpfte eilends in seine Hosen.

„Er... er ist endlich aufgewacht und bei vollem Bewusstsein.“

Randor hielt inne und starrte die Heilerin fragend an.

„So wie Ihr das sagt, klingt es nicht wie eine gute Nachricht“, bemerkte Randor vorsichtig.

Riana sah ihm mitleidvoll in die Augen. „Das ist es für dich auch nicht. Er wünscht dich zu sehen – sofort.“

„Ihr wisst, was er von mir will, oder?“

Sie nickte stumm und wandte sich zum Gehen.

„Bitte, sagt es mir!“, bat der junge Herrschersohn, doch die Alte schlurfte einfach davon und tat so, als ob sie ihn nicht gehört hätte.

Was wollte sein Vater von ihm? Es war noch nie ein gutes Zeichen gewesen, wenn Enold nach ihm hatte schicken lassen. Langsam zog er sich fertig an und ohne jede Eile machte er sich auf den Weg zur Schlafkammer des verwundeten Herrschers.

„Du dachtest wohl, wenn du lange genug trödelst, dann bin ich schon tot, wenn du hier ankommst!“, brummte Enold missmutig, als Randor zögerlich ins Zimmer trat.

„Nein... nein. Es tut mir leid“, stotterte er und ihm wurde furchtbar heiß.

„Oh heiliger Draan! Jetzt seht euch diesen Jammerlappen an“, geiferte der Cahn. Sein Atem rasselte so, als zöge man ein Kettenhemd über einen Kiesweg. „Und das soll einmal mein Nachfolger werden!“, keuchte er boshaft. „ Schon allein das ist ein Grund, weshalb ich wohl niemals abtreten darf.“

Randor schossen Tränen der Wut in die Augen. Warum stellte ihn dieser bösartige alte Mann ständig vor den Dienstboten so bloß und warum ließ er sich das immer wieder gefallen?

„Ich konnte nicht schneller hier sein“, erwiderte er trotzig. „Ich hatte noch etwas zu erledigen.“

„Du? Was solltest du schon zu erledigen haben? Du hast in deinem ganzen Leben noch nie irgendetwas ERLEDIGT!“, schrie ihn Enold an, wobei er hochfuhr und seinem Sohn giftig in die Augen funkelte. Dann lehnte er sich schwer und laut atmend in seine Kissen zurück. Er war von einem Moment zum nächsten vollkommen ruhig.

„Nun, aber das wird sich ab heute ändern“, ein selbstgefälliges Grinsen umspielte seine Lippen. Sein ausgemergeltes aschfahles Antlitz nahm einen dämonischen Ausdruck an. Die blutunterlaufenen Augen starrten überlegen aus ihren tiefen dunklen Höhlen zu Randor hinüber. Es war kaum zu glauben, dass dieser lebende Leichnam erst sechsunddreißig Sommer zählte. Innerhalb dieser wenigen Tage war er zum Greis geworden.

„Wie meinst du das?“, raunte Randor, dem der kranke Mann, der scheinbar hilflos in den Laken lag, immer unheimlicher wurde.

„Du wirst sie finden und Du wirst mir ihren Kopf bringen!“

„Von wem sprichst du?“, fragte Randor, obgleich er sehr wohl ahnte, von wem die Rede war. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und Randor fürchtete, jeder im Raum könnte es hören.

„Kannst du dir das nicht denken?“ So viel Bosheit hatte Randor selbst in den Augen dieses Mannes noch nie gesehen.

„Die Saneehrenkriegerin natürlich, du Narr!“, fauchte er so heftig, dass er damit einen rasselnden Hustenanfall auslöste.

„Aber...“, stotterte Randor und starrte paralysiert auf den verletzen Cahn, der widerlich röchelnd und würgend den Schleim aus seinen Lungen presste.

„Widersprich mir nicht!“ Enold spukte auf den Boden und stemmte sich aus seinen Kissen.

„Du wirst noch heute aufbrechen und mir ihren Kopf bringen. Das Weib wird für das bezahlen, was sie mir angetan hat und du wirst das Urteil vollstrecken. Eine gute Gelegenheit für dich zu beweisen, dass du des hohen Amtes, das du eines Tages innehaben wirst, auch würdig bist.“

Seldin schob ihren Herrn sacht zurück in seine Kissen. „Ihr solltet euch schonen“, flüsterte sie und drückte dabei ihre prallen Rundungen weit näher an ihn, als nötig gewesen wäre.

Schwer atmend folgte der Cahn ihren Anordnungen. Entkräftet sank er zurück und sogleich wischte Seldin mit einem feuchten Tuch über seine schwitzige Stirn. Enolds gieriger Blick haftete an ihrem Ausschnitt und Randor wandte sich angewidert ab. Sein Vater weilte kaum noch unter den Lebenden und dennoch folgte er noch immer ausschließlich seinen Trieben. So oft hatte er seine Mutter betrogen. Sowohl mit Seldin, als auch mit jeder anderen Magd in der Burg. Und nun wollte er Randor dazu zwingen, die Einzige, die er liebte, zu töten. Niemals würde er das tun – niemals.

Röchelnd und würgend lag der Cahn auf seinem Bett. Seine Hände krampften sich so zusammen, dass seine Knöchel weiß hervortraten und sein Körper war schmerzgekrümmt.

Rianas Gebete wurden immer eindringlicher.

Als Enold sah, dass sein Sohn noch immer wie angewurzelt dastand, winkte er ihn mit zitternder Hand zu sich und packte ihn, mit einer Kraft, die Randor nie erwartet hätte, um ihn ganz nah an sich heran zu ziehen.

„Randor, mein Sohn“, hauchte er atemlos. „Schwöre, dass du sie findest und tötest“, forderte er eindringlich. „Schwöre beim alten Draan, dass du diesen Frevel rächen wirst und sie durch dein Schwert sterben wird.“

Randor fühlte Tränen in seinen Augen. Er hasste und verachtete diesen Tyrannen, warum erfüllte ihn dieser Moment dennoch mit Trauer und Hilflosigkeit. Er sträubte sich gegen den harten Griff, doch Enold packte ihn nur noch fester, je mehr er sich widersetzte.

„Schwöre beim Draan und deinem Leben, dass du sie findest und tötest“, drängte der Cahn und seine Stimme wurde zittriger und leiser.

Seine Augen verengten sich, sein Blick bekam diabolische Züge und er zog seinen Sohn unerträglich nahe an sein Gesicht. Der Geruch von Tod und Verwesung schlug Randor entgegen und er fühlte, wie sich sein Magen aufbäumte. Er schluckte schwer und rang nach Luft, da ihm die knochigen Finger des Alten den Hals zuschnürten.

„Schwöre... es...!“ Enold grinste boshaft. „Oder glaubst du, ich hätte nicht gemerkt, wie du sie angesehen hast“, röchelte er kaum hörbar. „Wer weiß... vielleicht hast du ihr sogar... dabei geholfen, deinen ungeliebten Vater aus... dem Weg zu räumen“, krächzte er heiser. „Was glaubst du, wie... meine Krieger diese Neuigkeit aufnehmen würden?“ Seine Stimme verlor zusehends an Kraft und endlich lockerte er seinen Griff. „Schwöre es!“, keuchte er und fiel schlaff in seine Kissen zurück. Jeder seiner Atemzüge war begleitet von Rasseln und Pfeifen und Seldin funkelte Randor böse und vorwurfsvoll an.

Enolds letzte Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, denn Randor nickte benommen. „Ja, Vater. Ich schwöre es.“

Riana starrte ihn fassungslos an, doch der alte Cahn sank zufrieden in seine Kissen zurück. Sein Atem wurde gleichmäßiger und er schloss die Augen.

„Randor?“, keuchte Riana.

Es war Randor unmöglich, ihrem Blick standzuhalten und er sah zu Boden. Was hatte er nur getan? Einen  Schwur auf den Draan durfte man nicht brechen, ohne selbst in die ewige Verdammnis zu geraten.

Der Herrschersohn stemmte sich kraftlos vom Bett auf und wankte aus dem Raum. Alle Blicke folgten ihm. Seldins mit Genugtuung, Rianas mit Entsetzen und der des Cahn mit schadenfroher Verachtung. Beherrscht und aufs äußerste angespannt ging Randor aus dem Zimmer.

Noch am selben Tag erhielt er vom Stallmeister ein braves Pferd zugeteilt, dass selbst er, als ungeübter Reiter, händeln konnte und der Waffenschmied versorgte ihn mit Schwert und Bogen. Für eine Unterweisung war allerdings keine Zeit und so musste Randor auf die abschreckende Wirkung derselben vertrauen. Als er eben aus dem Tor reiten wollte, hörte er Riana hinter sich rufen. Umständlich zügelte er den Wallach.

„Randor, du darfst nicht fortziehen“, flehte die Alte und hielt Randors Hand fest in der ihren.

„Riana, Ihr wisst, dass ich nichts lieber täte, als hier zu bleiben, aber ich habe es geschworen.“ Er senkte seinen Blick. Selten zuvor hatte er sich so elend gefühlt. „Riana, würdet ihr mir einen Gefallen tun?“, fragte er leise, sodass die Wachen neben ihn nicht mithören konnten.

„Jeden, mein Sohn“, erwiderte die Heilerin milde.

„Bitte kümmert Euch um Shinuu, bis ich zurück bin. Ich konnte sie nicht finden und fürchte, sie ist mir noch immer böse.“ Randor schluckte schwer. „Ich wünschte, wir hätten unseren Streit beilegen können. Wer weiß, ob wir uns wiedersehen.“ Er senkte seinen Blick, sodass sein schulterlanges pechschwarzes Haar sein weichen Züge verbarg und die Heilerin die Tränen, die in seinen dunklen Augen glänzten, nicht sehen konnte.

Riana nickte bekümmert und Randor entzog sich ihrem Griff. Er drückte seine Schenkel an den Bauch des braven Pferdes und dieses setzte sich langsam in Bewegung. Riana stand noch lange am Tor und sah ihm nach, doch es gab keinen Weg zurück.

Insgeheim hoffte Randor, die Kriegerin niemals zu finden und so seinem Schwur nicht folge leisten zu müssen. Auf der anderen Seite aber sehnte sich sein Herz nach ihr, sodass er glaubte, an den Qualen zugrunde zu gehen.

Er war noch nicht weit gekommen, da begann seine Seite zu schmerzen und seine Visionen verschleierten seine Sinne. Randor glaubte tatsächlich durch den Sturm zu reiten, den ihm seine Fieberträume vorgaukelten. Die eisige Kälte des Windes war so real und er hörte die Schreie der nahenden Kriegerschar. Immer wieder tauchte zwischen den Bäumen die schemenhafte Gestalt des flüchtenden Mädchens auf und verschwand wieder im dichten Nebel, der alles einzuhüllen schien. Der süßliche Duft von Rauschblüten erfüllte die feuchte Luft und Randor sog ihn tief und gierig in seine Lungen. Die Stimmen wurden lauter und deutlicher denn je und das Gesicht des flüchtenden Mädchens glich plötzlich dem, der Kriegerin die er suchte. Der Weg verschwamm zunehmend vor seinen Augen und kalter Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper. Ihm war kalt und gleichzeitig glaubte er innerlich zu verbrennen. Ein auf- und abflauendes Schwindelgefühl bemächtigte sich seiner. Benommen wankte er auf dem Rücken des Pferdes hin und her, bis dieses verwirrt stehen blieb und er kraftlos zur Seite hinab rutschte.

Als er zu sich kam, stand das brave Tier noch immer neben ihm und graste. Wie zur Begrüßung grummelte das Pferd kurz, als er sich erhob, dann fraß es weiter.

„Wenigstens einen Freund scheine ich auf dieser Welt zu haben“, flüsterte er dem alten Wallach ins Ohr und tätschelte sanft seinen Hals. Randor fühlte sich besser. Das geduldige Tier ließ ihn aufsitzen und sie setzten ihren Weg fort. Randor wollte nach Sanee ziehen, weil die Kriegerin sicherlich Schutz und Zuflucht in ihrer Heimat gesucht hatte. Mit dem Pferd waren es gut zwei Tage bis zur Grenze, doch die beiden verirrten sich im Wald, obgleich Randor geglaubt hatte, ihn in und auswendig zu kennen.

Tagelang irrten Ross und Reiter zwischen den Bäumen umher. Randors vernarbte Verletzung in seiner Seite schmerzte so sehr, dass er erneut begann zu fiebern. Die Visionen wurden unerträglich und so übermächtig, dass der junge Cahn nicht mehr in der Lage war, Wahrheit und Traum zu unterscheiden. Völlig verwirrt, fiebrig und schmerzgekrümmt stürzte er ein zweites Mal vom Pferd und blieb am Boden liegen. Nichts in ihm fand mehr einen Bezug zur Wirklichkeit, er war vollkommen von seinen Fantasien und Wahnvorstellungen beherrscht. Dazwischen umschloss ihn immer wieder vollkommene Dunkelheit.

Die weinenden und klagenden Stimmen und das Kriegsgeschrei verstummten nur langsam. Endlich dämmerte nach dieser schier endlosen Nacht ein neuer Morgen. Randors Seite schmerzte, doch nun war der Schmerz erträglich und erfüllte nicht mehr seinen gesamten Körper. Die Schemen und Schatten, die durch die nicht enden wollende Dunkelheit gejagt waren, verblichen in der Morgendämmerung. Ruhe kehrte in Randor ein – Ruhe und Frieden.

Maria Herb über sich: Im Januar 1968 wurde ich in Kaufbeuren geboren. Auch wenn es mich oft in die Fremde zog, bin ich stets wieder gerne in meine Heimatstadt zurückgekehrt. Sagen, Märchen und Phantastik faszinierten mich schon immer und so habe ich 1994 angefangen zu schreiben. 2006 besuchte ich das erste mal eine Schreibwerkstatt bei Uschi Zietsch und seither entstanden etliche Romane und Kurzgeschichten. Der „Fluch der Runal“ ist meine erste Veröffentlichung. Im Moment arbeite ich an einer Fortsetzung dieser Geschichte.

 

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