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Und dann... das Ende

StoryUnd dann... das Ende

Ich stehe da und höre das Dröhnen der Maschinen in meinen Ohren. Sie dürften nicht weit sein, womöglich auf der Brücke. Der Markt liegt hinter einen lang gestreckten Biegung, wir können sie nicht einsehen. Auch wird keiner nachsehen, wir alle sind wie erstarrt. Ich stehe am Ende des Marktes, in Richtung des jenseitigen Landes, spiele mit den Süßigkeiten in meiner Tasche, die ich gegen Wasser hatte eintauschen wollen.

Aber daraus würde heute wahrscheinlich nichts werden.
Dröhnende Maschinen bedeuten in der Regel drei Dinge: erstens haben Soldaten den Weg zu uns gefunden, an sich nicht das schlechteste, egal welcher Seite sie angehören; sie machen ein wenig Stunk, verschwinden aber recht schnell wieder. Wir sind Zivilisten. Mit uns ist nicht mehr wirklich etwas anzufangen.

Über Julia Henning...
Wohlgefälliger Jahrgang 1984.
Hoffnungsloser Anhänger der Sci-Fi, Fantasy, Manga und Anime und allgemein dem Medium des Buches.
Mit einem Hang zum Skurillen, Morbiden und Postapokalyptischen oder auch Apokalyptischen.
Momentan hoffentlich fleißige Master-Arbeit-Schreiberin. Dabei angestrebter Abschluss: Master of Arts im Fach Geschichte.
Würde sich selbst als Medienkind bezeichnen, das ohne das Internet auf Dauer nicht mehr leben könnte. Leicht bibliophil, aber nur leicht...Julia Henning


Zweitens Söldner. Sie nehmen das, was sie wollen, ziehen aber auch weiter; sie bekommen Geld, das zu rauben, das ihnen aufgetragen wurde. Sie denken ökonomisch, jede Stadt konnte ein potentieller Auftraggeber sein, und noch immer regiert auch hier der Buschfunk die Welt. Ein schlechter Ruf, brachte kein Geld, außerdem treten sie selten in größeren Verbänden auf. Die Dritten sind am schwierigsten, sie scheren sich um gar nichts mehr, außer um sich selbst. Nun, nicht viel anders als inzwischen die gesamte Weltbevölkerung. Doch sie rotten sich zusammen und plündern alles, was nicht nicht Niet- und Nagelfest ist. Sie kümmert es wenig, ob uns noch etwas zum Leben bleibt. Es sind schlicht Räuberbanden, die unter dem blutroten Himmel alles zerstören und mit sich nehmen, was ihnen vor die Waffen und die gierigen Finger lief.

Ich beobachte die Menschen aus meinen Augenwinkeln, sie schauen sich ängstlich an. Sie haben Angst. Es ist der erste Markt seit vier Wochen und niemand weiß, wann der nächste wieder stattfinden wird. Am wenigsten die Händler. Immer mehr Banden machen die Gegend unsicher, nutzen die Städte für ihre Bandenkämpfe, plündern die Händler, damit keine andere Bande sie in die Finger kriegen kann. Es wuchs nicht mehr viel auf den Feldern, einige krüppelige schwarze Pflanzenreste, die zwar nicht schmeckten, dennoch satt machten. Doch nie ist genug für jeden da. Der See und der Fluss, an dem die Stadt liegt, sind schon lange ausgetrocknet, die Fische darin verschwunden. Die Wälder sind tot. Das Vieh verendet oder bereits gegessen. Die Supermärkte wurden schon zu Beginn des Krieges geplündert, in dem Moment als uns allen die Hölle bewusst wurde, in der wir uns von da an befanden.

Die Maschinen verstummen. Die Menschen werden noch stiller. Lachen und Gegröle erklingen in der nahen Ferne. Der Himmel scheint noch röter zu werden, als würde er warnen wollen, doch wahrscheinlich neigt sich der Tag nur dem Ende zu. Ein weiterer Tag in der Verdammnis. Einige Menschen beginnen, sich davon zu schleichen. Sie haben erkannt, was da auf uns zukommt. Eine Bande. Nur die Banden lachten; lachten dann, wenn sie sich auf einem ihrer Raubzüge befanden und wussten, dass leichte Beute zu machen sein würde.

Wir sind wehrlos. Wir haben alles verloren, für das es sich noch zu kämpfen lohnen würde. Hab und Gut, geliebte Menschen, Familie, unser Leben und unsere Zukunft.

Unsere Hoffnung.

Alles.

Wir kämpfen nicht mehr. Wir haben es satt. So bleiben wir alle stehen, bereit es über uns ergehen zu lassen. Die ersten Kämpfer schieben sich um die Kurve, ihnen voran geht der Anführer, eine große hagere Gestalt mit kalten Augen. Seinen Namen vergesse ich immer wieder, aber wir alle haben ihn schon oft genug gesehen, sind schon oft genug in unsere Bande gerannt, wurden oft genug von ihnen ausgenommen, als das wir ihn jemals vergessen könnten. Wir hassen ihn, für ihn sind wir nur Spielzeuge.

Sie bleiben nicht weit entfernt stehen. Kann die Stille selbst noch stiller werden? Es vergehen genau drei meiner Herzschläge, ehe seine Stimme über den Platz schallt.

„Wer leitet den Markt?“ Niemand wird so dumm sein, ihm zu antworten. Wir haben unsere Lektionen im Verlaufe der letzten Jahre gelernt, und wir haben sie behalten, sie sichert unser Überleben. Alle anderen, die sie nicht gelernt haben, sind schon lange tot. Natürliche Selektion könnte man sagen.

„Wer, leitet diesen Markt?“ Die Stimme wird schneidender, fordernder. Natürlich würde irgendjemand einbrechen, es brach immer immer jemand ein. So waren die Dinge, so geschahen die Dinge. Selektion hörte nicht auf.

„WER-“ Ein alter Mann tritt vor.

„Herr, wir haben keinen Leiter.“ Die Augen des Anführers werden schmal. Es sind meistens die Alten und die Jungen, die nicht Schweigen können. Alte haben wir immer noch genug, Junge habe ich schon lange keine mehr gesehen.

„Dann bist du es ab sofort.“ Seine Männer lachen kalt, wir andern schweigen noch immer. Was hätten wir auch sagen sollen?

„Als Marktleiter wirst du in Zukunft dafür sorgen, die Pachtgelder einzutreiben, die ich jede Woche neu festlege. Ich werde hier her kommen und sie abholen.“

„Aber“, fängt der Alte wieder an, „wir haben nicht jede Woche Markt.“

„Das ist nicht mein Problem.“ Seine Männer lachen wieder. „Und weil das alles neu ist, nehme ich heute nur das Wasser mit.“

„Aber-“ In dem Moment richtet sich der Lauf eines Gewehrs auf den Alten.

„Noch ein Widerwort und ich muss mir die Mühe machen, einen neuen Leiter zu bestimmen.“ Der Alte verstummt. Die Bandenmitglieder treten auf den Wasserhändler zu. Ich frage mich bereits, wie ich nun an Wasser für die nächste Zeit kommen soll. Doch es würde sich ein Weg finden lassen müssen. Wir haben keine andere Wahl. Schon will der erste seine Finger nach einem Kanister ausstrecken, als er mit einem Ächzen zu Boden geht. Blut ergießt sich auf die Steine. Die Menschen um mich herum begreifen schnell, was geschehen ist, für einen Moment stockt ihnen der Atem, ein Zittern geht durch die Menge. Nur noch ein Tropfen und sie alle würden auseinander stieben wie eine Herde verängstigter Viecher. Und dann würden sie sterben. In dem Moment eine flüsternde eiskalte Stimme.

„Wer, war, das?“ Noch immer Stille und ein dutzend Paar Augen, das ihn beobachtet.

„Wer. War. Das?“ Der Anführer hebt wieder sein Gewehr und richtet es blind auf die Menge. Ich kann sehen, wie der Abzug langsam nach hinten gedrückt wird. In dem Moment schlagen zwei Schüsse vor seinen Füßen ein. Ich blicke mich um, doch ich kann nichts erkennen. Schützen? Doch was tun sie hier? Söldner? Wir können uns keine leisten, und zu holen gab es bei uns nichts. Das Gesicht des Anführer ist in der Zwischenzeit rot angelaufen. Das Gewehr in seinen Händen zittert. Panik, Tod und Angst liegen in der Luft, unsere ständigen Begleiter. Wer würde nun den nächsten Schritt machen? Hätten wir reagieren können, hätten wir Wetten abgeschlossen, wer als nächstes von uns sterben wird. Die Bande hatte einen Mitspieler verloren, also wäre es auch nur Recht und Billig, das wir einen abgeben müssen.

Doch das Spiel wird unterbrochen.

Die Menge teilt sich, zwei Menschen treten hervor. Sie tragen lange dunkle Umhänge, sie sind militärisch, sie schützen gut vor Wind und Sand. Ich kenne sie gut, zu gut, kann man sagen. Sie haben die Kapuzen zurück geschlagen. Ein Mann und eine Frau. Ihr Blick ist starr auf den Anführer gerichtet. Sie tragen jeder ein Gewehr an einer Schlaufe über die Schulter, in der Hand kleine automatische Waffen. Die Gesichtszüge des Anführers verziehen sich zu einem hässlichen Grinsen.

„Es sieht so aus, als wärt ihr doch nicht ganz wehrlos. Aber zu mehr hat es wohl nicht gereicht.“ Seine Hände zittern nicht mehr, und der Gewehrlauf richtet sich auf die Fremden. Seine Untergebenen tun es ihm gleich. Diesmal gehen fünf Schüsse vor seinen Füßen nieder. Schützen! In der Ferne hört man ein lautes Donnern, ein Zischen und Rauchsäulen steigen hinter der Biegung auf. Das war der letzte Tropfen, die Menschen flüchten panisch in alle Richtungen. Doch keiner schießt. Die rennenden Schatten der Menschen werden für mich nur dunkle Schemen, die an mit vorbei huschen. Ein paar stoßen mich an, doch ich bemerke es nicht wirklich. Ich starre auf das Bild vor mir. Man könnte sagen es wäre eine Pattsituation, doch die Trümpfe in der Hinterhand lassen etwas anderes erahnen. Die Bande hat verloren. Ihre Maschinen sind zerstört, denn etwas anderes können die Rauchsäulen nicht sein. Doch der Anführer scheint sich davon nicht beirren zu lassen. Sein Mund verzieht sich zu einem höhnischen Grinsen, er nimmt das Gewehr höher, ein Schuss kracht und er sackt in sich zusammen. Die Lache, die sich ausbreitet ist schwarz, Blut ist in diesem Tagen immer schwarz. Ich weiß nicht ob es am Licht liegt, oder ob es das Essen ist. Der Fleck ist auf dem dunklen Asphalt kaum zu erkennen.

Stille.

Dann bricht die Hölle los.

Von einem Tag auf den anderen zerbrach die Welt plötzlich in Scherben und gab den Blick frei auf den Abgrund der Hölle.

Von einem Moment zum nächsten, änderte sich die uns bekannte Welt. Die Dunkelheit erreichte uns, riss jeden einzelnen mit sich fort. Der blaue Himmel färbte sich erst schwarz, dann blau, dann rot. Alles, was wir waren, wurde mit einem Mal bedeutungslos. Soviel haben wir versucht zu vergessen. Dinge, die wir taten, Dinge, die wir gesehen haben, Dinge, die wir verraten haben. Nobel sein bedeutet den Tod. In den Augen der anderen bist du eh nichts. Warum also noch extra dafür kämpfen.

Ich starre auf die Dutzend Lachen, die inzwischen den Asphalt verschönern. Die Bande ist restlos tot. Es hatte sich nur um Minuten gehandelt. Hier und da sind die Rückstände ein wenig klumpig. Die Fremden, das Militär?, hat die Leichen mitgenommen. Eine Seuche können wir nicht gebrauchen. Ich spüre ein Kribbeln in meinen Finger. Ich habe keine Angst, ganz im Gegenteil. Der Kampf hat mich erregt, schon lange konnte mich nichts mehr in Erregung versetzen. Ich balle die Hände zu Fäusten, versuche das zu unterdrücken, was in mir hoch kommt. Erinnerungen. Wünsche, Sehnsüchte. Das Gefühl von Stahl in der Hand. Die Schreie von sterbenden Menschen. Das Adrenalin einer Schlacht. Das trockene Blut auf meiner Haut. Die Spritzer, die mein Gesicht erreichen. Der Totentanz des Wahnsinns. Das Funktionieren ohne Denken. Ich reiße den Kopf weg und starre in den roten Himmel. Betrachte einen Augenblick den Wolkenstrudel über mir, der sich träge immer weiter dem Universum entgegen dreht. Mein Herzschlag beschleunigt sich immer weiter. Ich muss- Ich spüre sie eher, als das ich sie sehe, sie ist eine von den Fremden. Sie greift mich an. Ich weiche aus. Meine Muskeln reagieren vor meinem Denken. Reißen mich herum, auf den Boden, nach oben, nach links, rechts, herum, im Kreis, nach hinten, Überschlag, mein Körper protestiert, doch mein Kopf kann nun nicht mehr anhalten. Schlag auf Schlag, Tritt, weg, abgefangen, kassiert. Ich keuche. Sie nicht. Ich zittere, sie nicht. Meine Deckung bricht zusammen, der Schlag sitzt. Dunkelheit.

Als ich erwache, ist die Welt schwarz. Wir haben Nacht und ich liege draußen alleine. Der Untergrund ist hart. Sie ist verschwunden. Ich taste auf dem Boden herum. Keine Lachen, zumindest scheine ich nicht zu bluten. Mein Körper schmerzt. Verschiedene Herde flammen in meinen Körperteilen auf. Meine Finger stoßen auf Papier. Eine Seltenheit. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Umgebung. Ein rötlicher Vollmond spendet schwaches Licht. Ich halte das Papier dicht vor meine Augen. Ich kann nur einen paar Zeichen erkennen, es ist ein einfacher Code. Ich soll ihn brechen können. Es ist ein Lageplan. Ich soll zu ihr kommen. Ich lasse die Hand, die den Plan hält, sinken, starre ins Nichts.

Ich brauche drei Tage, um eine Entscheidung zu treffen, drei endlose Tage, in denen mich immer mehr die Geister meiner Vergangenheit einholen. Sehe die toten Gesichter meiner Freunde. Sehe das Sterben auf den Schlachtfeldern der Kriege. Sehe mich selbst im Blut baden. Manchmal frage ich mich, ob das alles in einem anderen Leben war. Dann schaue ich nach draußen in den endlosen roten Himmel und weiß, die Zeit liegt nicht allzu weit zurück. Ich werfe meine Sachen in einen mehrfach geflickten Rucksack und gehe, ohne mich noch einmal umzuschauen. Warum sollte ich auch?

Ich brauche Stunden, um das Militärlager zu erreichen. Es liegt ein gutes Stück außerhalb der ehemaligen Stadtgrenzen. Nicht, das sie heute noch eine Bedeutung haben, aber bestimmte Denkweisen lassen sich nur schwer überwinden.  Am Eingang werde ich von zwei Wachposten aufgehalten. Sie schauen grimmig, doch sie wirken entspannt. Als Antwort auf ihre unausgesprochene Frage halte ich nur den Zettel hin, sie nicken und lassen mich durch. Sie wenden mir den Rücken zu, ich wurde also als ungefährlich eingestuft. Warum auch nicht? Ich bin abgemagert, erschöpft und meine Kleidung ist zerschlissen. Ich seufze und schaue mich suchend um. Ich muss entweder den Lagerkommandanten oder die Person finden, die mir den Zettel gegeben hat. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, das es ein und dieselbe Person sein wird. Als ich mich umblicke, stelle ich als erstes fest, das das Lager lebt. Es summt regelrecht. Soldaten rennen hin und her, bauen auf, räumen um, laden ab, reden, schreien, rufen und lachen. Lachen. Ein Laut, hier so unbeschwert wie ich ihn lange nicht mehr vernommen habe. Ich schaue genauer hin und wirklich, nicht nur die Wachposten wirken entspannt, sondern auch die Soldaten um mich herum. Sie tragen ihre Waffen bei sich und manch einer hat diesen Schatten in den Augen, und doch fehlt die Anspannung des Krieges. Ich habe Angst davor, was das bedeuten könnte.

Ich brauche nicht lange um die Grundstruktur des Lagers zu erkennen, es ist fast immer die gleiche, nur die Details weichen von Lager zu Lager ab. Bald stehe ich vor dem größten Zelt. Die Wachen mustern mich, wieder halte ich den Zettel hin, eine der Wachen nimmt ihn mir ab und betritt das Zelt. Ich versuche, einen Blick auf das Innere zu erhaschen, ehe die Plane wieder zufällt. Mein Blick trifft den eines Mannes, seine Augen funkeln, ich wende die Augen ab. Es dauert nur wenige Sekunden und die Wache kommt wieder heraus. Sie hält mir die Plane auf, ein einfaches Kopfnicken  zeigt an, das ich hinein gehen soll. Den Zettel bekomme ich nicht zurück. Das Zelt ist erleuchtet. Ich höre das schwache Summen eines Generators, irgendwo. Drei Menschen stehen vor mir, zwei, die der Bande entgegen getreten sind, der dritte ist mir auch bekannt. Sie mustern mich, ich mustere sie.  Wir kennen uns, und doch nicht mehr. Stille. Von draußen die Geräusche des Lagerlebens.

„Warum bist du gekommen?“ Ich zucke mit den Schultern und wende den Blick ab.

„Weil ich sonst nichts mehr habe.“ Ein Schnauben.

„Du hast es doch selbst weggeschmissen.“ Einen Moment frage ich mich, wovon sie spricht, dann fällt mir ein, dass niemand es wirklich weiß. Manchmal frage ich mich selbst, ob ich mir die Erinnerungen daran nur einbilde, mich selbst mit ihnen schütze, und doch, ich träume von den Schreien und dem Ende. Sehe die starren Blicke in allen Einzelheiten. Sie alle wissen, was sie wissen sollten. Und ich? Ich muss damit leben. In ihren Augen bin ich ein Deserteur. Und werde es für immer sein. Auf einmal spüre ich wieder diese unendliche Müdigkeit, die mich erfasst, wenn ich an diese Zeit von damals denke.



Ich betrachte die Zeltwände um mich herum, es ist die gleiche Farbe wie damals. Unbestimmt, je nach Stimmung hoffnungsvoll und todbringend. Warum war ich wirklich gekommen? Weil es stimmte, wohin sollte ich sonst gehen? Das Militär war einmal unser aller Zuhause gewesen, vielleicht könnte es das wieder werden. Ich schaue zu den dreien zurück, ich schaue Alex an.

„Warum hast du mir sonst den Zettel gegeben? Wenn ihr alte Sachen wieder aufwärmen wollt, kann ich wieder gehen, wenn ihr mir nicht mehr vertrauen könnt, kann ich auch wieder gehen. Ich bin es leid, mich immer wieder rechtfertigen zu müssen. Ich bin es leid, immer das gleiche zu hören.“ Ich fahre mir mit meiner Hand durch die Haare, ich merke, das ich sie mal wieder waschen müsste.

„Dann hättest du nicht abhauen dürfen. Du hättest-“

„Sie sind alle tot.“ Ich flüstere fast.

„Wie bitte?“ Wieder Alex.

„Sie sind alle tot. Ein Hinterhalt. Meine Einheit wurde vernichtet.“

„Der Feind-“

„Verrat.“ Ich starre an ihnen vorbei. Ich bin wieder auf dem Schlachtfeld. Der Moment als klar wird, dass nur ein Insider, ein Verräter dafür verantwortlich sein kann. Meine Männer, die trotz allem weitermachen und Feind um Feind niedermähen. Die zerstörten Funkeinrichtungen. Die Schreie. Der rote Himmel, trüb, verdeckt vom aufgewirbelten Sand. Das Rattern der Maschinen und der Waffen. Die Gewissheit niemand wird kommen. Das rote Blut, das auf den schwarzen Uniformen nicht sichtbar ist. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es am Ende unbeschadet heraus geschafft habe, doch irgendwann stand ich in meinem Zelt. Zerschrammt, die Uniform zerrissen, die Schmerzen noch immer vom Adrenalin weggeblasen. Ich wusste, dass niemand meiner Version der Dinge Glauben schenken würde. Meine Einheit und ich waren verhasst gewesen. In ihren Augen würde ich der Verräter sein. Ich hatte alles zusammengesucht, was ich gebrauchen und tragen konnte und war verschwunden. Ich nahm keine Rache und sie suchten mich nicht.

Die Vergangenheit wird zum Jetzt. Ich schaue die drei an. Sie waren einst meine Freunde, zwei vor dem Krieg, der dritte während. Doch sie würden nie verstehen. Sicherlich, auch sie hatte ihre Dämonen, ihre Schatten, ihre Ängste. Aber sie wurden nicht von dem verraten, dem sie vertraut hatten. Ich kann sehen, wie sie meinen Namen rufen, doch ich höre sie nicht. Alles erscheint mir auf einmal so unwirklich. Das Zelt, der rote Schein des Himmels, der durch alles dringt. Die Lampe, die leicht an der Decke schwankt. Das Summen eines Generators in der Ferne, der an einen Bienenschwarm erinnert. Die schwarze Erde unter unseren Füßen. Die drei Menschen vor mir, die mir einmal nahe gewesen waren und mir nur noch fremd erscheinen. Ihre Uniformen sind nicht mehr schwarz, wie sie vor Jahren einmal gewesen waren. Ich schüttele den Kopf, drehe mich um und gehe. Sie halten mich nicht auf und ich drehe mich nicht um. Außerhalb des Zeltes schaue ich noch einmal dem Himmel entgegen, rot und unerbittlich. Ich atme ein. Die Welt verwischt in meinem Rücken. Ich trage die Uniform von damals, geflickt an unzähligen Stellen. In meinem Rucksack ein Teil der Waffen, die ich damals trug, zusammen mit meinen Messern. Der Weg ist weit, wo immer er auch hingeht.

Und dann... vielleicht... das Ende.

 

Kommentare  

#1 Laurin 2009-11-10 16:31
Eine wirklich gut gemachte Story, nochmals meinen Glückwunsch zum Sieg :-)
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#2 Taurus 2009-11-12 15:12
zitiere Laurin:
Eine wirklich gut gemachte Story, nochmals meinen Glückwunsch zum Sieg :-)



Ich danke dir, ich freue mich auch immer noch total :-) :-) :-)
Und es freut mich, das auch anderen Leuten die Geschichte gefällt. ;-)
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