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Schlüsselspieler mit Stammplatzgarantie

Making of ... InfinininautenSchlüsselspieler mit Stammplatzgarantie

Zur (kurzen) Leseprobe

Im siebenten Artikel in der Making-Of-Reihe zu meiner Sciencefiction-Serie INFININAUTEN will ich die wichtigsten Figuren abseits von Lizz Athanget und dem Roboter Leetus abhandeln.

In ihrem langen Leben hat die Kommandantin des Infininauten-Schiffes EXTRABALL lernen müssen, wie kritisch die Selektion einer vernünftigen Mannschaft für ihr Schiff ist. Aber auch mir als Autor ist klar, dass es tieferen Überlegens bedarf, statt lediglich möglichst illustere Gestalten zusammenzuwürfeln. Mit Urgru dem Empathen, Tsy-Ruusa dem Universalwissenschaftler und dem fremdartigen Energiewesen Lichterloh ist Lizz’ Raumschiff gut und vor allem sinnvoll besetzt.

Eine von vielen Inspirationsquellen für mich waren immer schon Comics, speziell Superhelden-Comics und hier ganz besonders jene, die von einem Team handeln, wie etwa die ruhmreichen Rächer oder die diversen X-Gruppen aus Professor Xaviers Dunstkreis. Dies hauptsächlich wegen der überwältigenden Freiheiten und Möglichkeiten, die sich durch die Chemie und gruppendynamischen Prozesse im Team ergeben.

Designtechnisch haben mir immer schon Teams gefallen, deren Mitglieder eine sehr unterschiedliche Erscheinung hatten (Körperbau), die aber dennoch durch ihre Uniformen als zusammengehörig identifiziert werden konnten. Spontan fallen mir hier etwa die kanadischen Helden Alpha Flight ein, oder auch die Mitglieder des Green Lantern Corps, einer Gruppierung, in welcher auch diverse außerirdische Lebensformen in einer Grüne-Leuchte-Uniform steckend durchs Comic tobten.

Für die Infininauten, also die im Laufe der Jahrhundertausende wechselnde Besatzung Lizz Athangets Schiff EXTRABALL, schwebte mir von Anfang an eine ähnliche Machart vor. Zumindest was die Bandbreite an Denkweisen, „Weltsichten“ und Erscheinungsformen der Mitglieder betrifft, auch das Tragen einer Uniform, wenngleich die Figuren natürlich keine Superhelden sein werden. Die Ästhetik bezüglich der Innenillustrationen und Titelbilder wird dennoch gelegentlich erkennbar in jene Richtung tendieren.

Für den engsten Kreis der Infininauten um Kommandantin Lizz Athanget und ihren Roboter Leetus wollte ich drei bis vier Charaktere. Jeder davon sollte mir als Autor (neben den Handlungssträngen, die sich aus seiner ganz eigenen charakterlichen Beschaffenheit ergeben) noch durch eine Zusatzfunktion dienlich sein.

UrgruBei dem Empathen Urgru ist diese Zusatzfunktion eine hintergründige Ausweitung meiner Möglichkeiten der Charakterisierung der anderen Figuren. Urgru erlaubt durch sein empathisches Talent, dem Leser indirekt (Urgrus) Eindrücke der anderen Figuren zu vermitteln. Erlaubt es, teilweise hinter die Masken der anderen Charaktere blicken zu lassen. Außerdem wird Urgru als „Schuhlöffel“ dienen, dem Leser beim Serieneinstieg behilflich sein. Urgru stößt nämlich erst im ersten Band zu den Infininauten und obendrein eher unfreiwillig-zufällig. Er muss sich auf der EXTRABALL und in der Gegenwart der Ewigalten Lizz erstmal genauso zurechtfinden wie der Leser. In gewisser Hinsicht fungiert er dadurch in Band Eins als Identifikationsfigur für den Neuleser.

Der Empath ist einer Rasse angehörig, die ähnliche Wurzeln mit uns Menschen hat, deren DNA gewisse Schnittmengen mit jener der Menschheit aufweist, sich aber parallel dazu und unabhängig davon entwickelt hat. Er hat humanoiden Körperbau mit zwei Armen und zwei Beinen, misst aber lediglich 120cm Körpergröße. Seine ledrige, graue Haut spannt sich über einen knochigen, vollkommen haarlosen Körper, der durch die Übergröße des Kopfes (speziell des Hirnschädels) regelrecht ausgemergelt hager wirkt. An seinen Händen hat er je zwei dicke Finger nebst einem gegenüberliegendem Daumen; die Füße sind ident beschaffen und können eingeschränkt als Greifwerkzeuge benutzt werden, ohne dabei allerdings an die Geschicklichkeit etwa eines irdischen Affen heranzureichen. Aufgrund des Gewichts seines Schädels hat er eine stark ausgeprägte Nacken und obere Rückenmuskulatur, unter welcher sein kurzer Hals fast verschwindet. Einem Betrachter mag es bald so vorkommen, als säße Urgrus Kopf ohne Hals direkt auf den Schultern. Auffallend sind sein Schädel und sein Gesicht. Über den Hirnschädel ziehen sich dicke Adern, sein Gesicht weist markant-wulstige Augenbrauenbögen und Lippen auf.

Urgru ist als blinder Passagier von seiner Heimatwelt geflohen (über die Notwendigkeit und Hintergründe dieser Flucht hüllt er sich in Schweigen – eine Thematik, die sich durch einige Bände ziehen wird) und versehentlich in einem Frachtbehälter eingeschlossen worden. Dieser Behälter findet über abenteuerliche Umwege auf die EXTRABALL. Urgru ist die Figur, die in den Reihen der Infininauten am ehesten einem „Gutmenschen“ entspricht. Er wird sukzessive zur moralischen Instanz des Schiffes werden, dadurch auch irgendwie zum Gewissen von Lizz, die davon nicht immer sonderlich angetan sein wird. Auf seiner Heimatwelt war er aufgrund seiner empathischen Begabung und seiner angelernten Profession des Linguisten als Unterhändler in der Händlerkaste tätig. Auf der EXTRABALL wird er diese Fähigkeiten bestmöglich zur Verständigung und zum Verhandeln mit fremden Rassen einsetzen. Urgru stammt aus einer Ecke der Galaxis, in welcher intelligente Maschinen wie etwa der Roboter Leetus nicht in Benutzung sind. Als Empath ist ihm somit Leetus nicht nur ein technologisches Wunder, sondern schwerwiegender noch: ein gefühlsloses Rätsel und beunruhigend suspekt.    

Zweite Figur im Bunde ist Tsy-Ruusa, der „Wissenschaftsoffizier“ der Extraball.

Er entstammt der äußerst langlebigen Rasse der Chthoniden, einer Lebensform, die vom Körperbau entfernt an irdische Schlangen erinnert, allerdings mit vier Armen ausgestattet ist, in Form von knochenlosen Muskelsträngen. Alle paar Jahrhunderte häuten sich Chthoniden und sind danach etwas größer und länger als zuvor. Zum Zeitpunkt der Handlung hat Tsy-Ruusa eine Körperlänge von über vier Metern, wirkt aber im Erscheinungsbild wesentlich kompakter, da seine Spezies sich teils schlängelnd, teils raupenartig voranschiebt und oftmals ihren Körper federartig zusammenrollt und darauf „steht“.

Chthoniden kennen vier Geschlechter. Neben einem rein männlichen und einem rein weiblichen gibt es noch zwei Geschlechter dazwischen, quasi Hermaphroditen, bei denen entweder die männliche oder die weibliche Hälfte etwas überwiegt. Die rein weiblichen Vertreter können mehrere Dutzend Eier in ihrem Leben legen, benötigen dazu aber zwingend einen rein männlichen Partner. Die beiden Hermaphroditen-Geschlechter können in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Ei legen, dieses aber durch Selbstbefruchtung ohne Partner. Tsy-Ruusa ist ein Hermaphrodit mit dominanten männlichen Aspekten.

Sein eines Ei hat er vor langer Zeit gelegt, aber aus unbekannten Gründen schlüpfte nie ein Junges daraus. Dieser Schicksalsschlag hat Tsy-Ruusa dazu motiviert, Mediziner zu werden, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Sein Volk ist auf dem technischen Kenntnisstand unserer irdischen Renaissance und er selbst nicht mehr als ein rückständiger Medikus, als Lizz und Leetus seiner Welt einen Besuch abstatten. Auf den aufgeklärten Tsy-Ruusa wirkt Lizz (quasi von-Däniken-artig) fast wie eine Göttin aus dem All. Sein wissenschaftlicher Wissensdurst und der Umstand, dass ihn nach der „Totgeburt“ seines Eis nichts mehr auf seiner Heimatwelt hält, treiben ihn dazu, an Bord der EXTRABALL anzuheuern, da sich für den ambitionierten Forscher dadurch vollkommen ungeahnte Möglichkeiten und Horizonte auftun. Lizz betrachtet die Entscheidung für Tsy-Ruusa aufgrund der Langlebigkeit seiner Rasse als Langzeitinvestition, obwohl er am Anfang wie ein rückständiges Urzeitrelikt im hochtechnisierten Umfeld der EXTRABALL wirkt.

Zielstrebig eignet sich der Chthonide während seiner Reisen mit der Ewigalten und ihrem Roboter in kürzester Zeit Kenntnisse aus allen Bereichen der Wissenschaft an, für die seine Heimatwelt noch Jahrhunderttausende gebraucht hätte.

Zum Zeitpunkt der Handlung ist Tsy-Ruusa ohne Zweifel eine wissenschaftliche Bereicherung der EXTRABALL; seine Fachkenntnisse liegen mittlerweile weit jenseits der Wissenschaftsdateien von Leetus oder den fachgebietsspezifischen Grundlagenkenntnissen von Lizz Athanget selbst.

Mit seinem Ei hat er seit langem emotional abgeschlossen, bewahrt das bereits teilweise verteinerte Objekt aber nach wie vor bei sich auf, in einer Art Schrein in seinem Labor an Bord der EXTRABALL. Er ist unermüdlich am Erforschen des Kosmos, hat eine „ethikfreie“, rein wissenschaftliche Geisteshaltung, welche ihn mitunter in Debatten mit dem moralischen Urgru treiben wird.

Lizz Athanget gegenüber ist er ewig dankbar dafür, dass sie ihm die Möglichkeit geboten hat, das All zu erforschen. Er ist ihr gegenüber loyaler als sonst irgendein Crewmitglied in der langen Geschichte des Schiffes und auch der gegenwärtig Längstdienende auf der EXTRABALL, die er vor gut 30.000 Jahren zum ersten Mal betreten hat. Nicht zuletzt das ermöglicht ihm auch, in einer Tonart mit Lizz Athanget zu sprechen, die sie wohl von keinem anderen Besatzungsmitglied dulden würde.

Trotz seiner Langlebigkeit befindet sich Tsy-Ruusa bereits im Spätherbst seiner Existenz – ein Umstand mit welchem er selbst wesentlich weniger Probleme hat als Lizz, die üblicherweise das für sie fast schon alltägliche Hinwegsterben ihrer Besatzungsmitglieder gewohnt ist, in diesem Fall aber aufgrund der ausgesprochen langen Dauer der Zugehörigkeit des Chthoniden zur Besatzung gelegentliche emotionale Probleme damit hat, ihn altern und vor ihren Augen vergehen zu sehen.

Tsy-Ruusas „Zusatzfunktion“ ist natürlich der Umstand, dass er Wissenschaftler ist. Vieles im Kosmos bedarf einer Erklärung, und ich als Autor tue mir leichter, diese Sachen von einem Wissenschaftler erklären zu lassen, als von einem nicht greifbaren, allwissenden Erzähler. Auch bekommt die Thematik Infinium (der Stoff, der für Lizz zum Jungbrunnen geworden ist) durch Tsy-Ruusas Anwesenheit eine eigene Dynamik, da er es ist, der die meiste Forschungsarbeit an jener seltenen Substanz erbracht hat, was ihm natürlich bei Lizz und (in wesentlich pragmatischerer Weise) auch bei Leetus einen besonderen Stellenwert einräumt.

Letzte Figur im engeren Kreis ist das Energiewesen Lichterloh.

Lizz und Leetus sind bereits vor sehr langer Zeit auf Lichterloh getroffen, haben sich damals aber auf die seltsame Energieerscheinung keinen (wissenschaftlichen) Reim bilden können. Im Laufe der Jahrhunderttausende stattete Lichterloh wieder und wieder der EXTRABALL einen Besuch ab, und es dauerte geraume Zeit, bis Lizz verstand, dass es sich nicht um verschiedene Instanzen eines Phänomens handelte, sondern immer um die gleiche. Noch länger dauerte es, bis offensichtlich wurde, dass Lichterloh eine Intelligenz ist, wenn auch eine vollkommen fremdartige.

Das Wesen Lichterloh ist als großes Rätsel in die Serie eingebaut. Es ist im engeren Sinn kein dezidiertes Mitglied der Besatzung, sondern als wiederkehrender Besucher geduldet und willkommen. Oftmals verschwindet Lichterloh für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende von der EXTRABALL in die Tiefen des Alls, um plötzlich wieder aufzutauchen und nur ein paar Tage kurz oder Jahrhunderte lang mit der Ewigalten das All zu durchqueren.

Die eigentliche Erscheinung Lichterlohs ist eine etwa 4m³ große „Wolke“ aus Schwaden von Energie, die in allen Farben des Spektrums schillern und knisternd aufflackern. Das Wesen beherrscht es allerdings, sich zu „Formenergie“ zu verdichten und dabei jedwede beliebige Gestalt anzunehmen. Kommunikation mit Lichterloh ist meist eine Einbahnstraße. Das Wesen hat gelernt, etwa die minimalen Ströme der beim Sprechen ausgeatmeten Luft zu „verstehen“, wiewohl seine ganz eigene, abstrakte Denkart oftmals eine zusätzliche Verständnisbarriere darstellt. An Bord der EXTRABALL befindet sich Lichterloh meist in den Schaltkreisen des Schiffes oder hält zumindest Kontakt damit. Auf diesem Weg kann mit ihm über die Bordkommunikation gesprochen werden, wenn auch die Antworten (so überhaupt welche kommen) oftmals Parsecs von Interpretationsspielraum offen lassen.

Was Lichterloh dazu treibt, wiederholt die EXTRABALL heimzusuchen, ist Lizz nach wie vor ein Rätsel. Bei der ersten echten Kontaktaufnahme (die in einem der ersten Vergangenheitsabenteuer-Bände erzählt werden wird), gab es kurz einen immens schmerzhaften Kontakt zwischen den beiden, indem Lichterloh seine Energie direkt durch Lizz’ Nervenbahnen jagte. Lizz meint, dass Lichterloh ein unsterbliches Wesen ist, dass ewig den Kosmos durchquert, ohne tieferen Grund oder Antrieb, aber fast schon voyeuristisches Interesse an Lizz hat, welche für es eine Abnormität und Singularität im All darzustellen scheint. Auch Lizz’ Suche nach den Mundlosen Sprechern scheint Lichterloh irgendwie zu belustigen und zu faszinieren.

Die Figur Lichterloh ist ein dramaturgischer Joker für mich, der „inspirationstechnisch“ wohl ein (sehr, sehr, sehr) entfernter Verwandter der ST:TNG-Figur „Q“ sein dürfte, außerdem eine Spielwiese was die klassische SF-Thematik der Begenung mit vollkommen Fremdartigem betrifft. Ein ganz eigenes Verhältnis besteht zwischen Lichterloh und Leetus, da der Roboter direkt auf energetischem Weg mit Lichterloh kommunizieren kann, und der Hintergrund dieses Verhältnisses – also inwiefern genau Leetus von Lichterloh profitiert und nicht etwa aufgrund dessen unberechenbarer Fremdartigkeit in Konflikt mit seinem Schutzauftrag über Lizz kommt – wird einer der ganz wichtigen roten Fäden und Rätsel in der Serie werden.

Jeder Band der Serie Infininauten wird übrigens (neben der Protagonistin) eine und nur eine Figur der Besatzung schwerpunktartig behandeln. Band 1 ist da natürlich ein gewisser Sonderfall, wobei selbst hier eine Erkennbare Gewichtung auf Urgru liegen wird. In Band 2 wird neben Lizz Athanget Leetus im Mittelpunkt stehen, Band drei wird Lichterloh im Zentrum der Handlung haben, und so fort . . .            

Bleibt noch, euch auf die kurze Leseprobe aus Band 1 hinzuweisen, die eine knappe Szene zwischen Lizz und Urgru erzählt. Nächste Woche handle ich die graphische Gestaltung (Umschlag & Rota-Seite) ab, der darauf folgende Artikel wird das meiner Meinung nach sehr interessante Thema „Wie schreibe ich einen ersten Band zu einer Serie“ beleuchten, bei jenem Artikel (dem neunten der Artikelreihe) wird es dann übrigens die nächste Leseprobe geben, in Form einer Infiniumtraum-Rückblende in die Zeit als Lizz noch als kleines Mädchen bei ihrem Vater lebte, Leetus ihr neu beigestellt worden und ihre Welt noch leidlich in Ordnung gewesen ist.

Bis dahin verbleibe ich wie immer mit infiniten Grüßen!

Wolfgang 

    

Leseprobe aus Band 1...

Lizz Athanget schritt langsam den Korridor entlang. Immer noch tat ihr jeder Schritt weh, jedes neue Aufsetzen eines Fußes schickte Wellen des Schmerzes hoch bis in ihre Haarspitzen, ließ ihren ganzen Körper, jedes ihrer Organe sich gepeinigt daran erinnern, dass die letzte Infung noch keine drei Tage her war, und die Kommandantin eigentlich noch hätte sediert ruhen müssen.

Hier unten, wo sie sich die Schäden an der EXTRABALL vor Ort persönlich angesehen hatte, gab es nun niemanden mehr, der ihr über den Weg hätte laufen können – großteils lagen sie aufgebahrt im Frachthangar, Kech-Kech auf der Medi-Station – sie brauchte ihr Gesicht nicht länger der Schmerzverzerrung zu versperren. Unfreiwillig bleckte Lizz die Zähne, ihre Kaumuskulatur trat deutlich erkennbar hervor, als sie die Kiefer aufeinander presste und sich das Pochen in ihren Schläfen offenbar nicht zwischen Unangenehmheit und Unerträglichkeit entscheiden konnte.

Bevor sie nach rechts hin zum Zentralschacht des Schiffes biegen wollte, verharrte sie einen Moment und blickte den Oktagonkorridor entlang zu dessen Rechtsknick am Bugende. Das Schott zur Medi-Station dort vorne stand offen.

Die Innenbeleuchtung der Station war abgeschaltet. Sie trat in das offene Schott und wollte den Schließmechanismus betätigen, als sie die Stimme des neuen Besatzungsmitglieds, dieses kleinen Empathen vernahm.

„Diesem Wesen geht es nicht gut“, meinte Urgru.

Athanget war versucht, die Beleuchtung einzuschalten, erkannte den Kleinwüchsigen dann aber auch so als schemenhaften Schatten vor Medi-Bucht 4 stehend. Schnell gewöhnten sich Lizz’ Augen an das schummrige Licht, das die diversen Anzeigen auf dem Display der Bucht abstrahlten, und sie konnte sehen, dass Urgru sich die Nase an der innen beschlagenen Scheibe plattdrückte und hinein auf den Frejokken darin schaute.

„Deshalb liegt Kech-Kech auch in der Bucht“, erklärte sie sachlich.

„Diese Maschine ist eine Heiler-Maschine?“

„Sozusagen. Was kümmert es dich?“ fragte die Kommandantin, und eine neuerliche Schmerzwelle ließ den Satz noch schroffer klingen, als sie ihn beabsichtigt hatte.

Urgru schien den Tonfall geflissentlich zu ignorieren, gab vorerst keinerlei Antwort. Nach einer Weile meinte er: „Und hilft es?“

„Hilft was?“

„Dieses Heiler-Gerät.“

„Wir werden sehen“, sagte Lizz. Wiewohl der Bericht, den sie von Tsy-Ruusa über den Zustand des Bordingenieurs bekommen hatte, und der Umstand, dass Kech-Kech mittlerweile seit elf Stunden in der Bucht lag, ohne dass sich an seiner kritischen Verfassung nennenswert etwas verändert hatte, nicht viel Anlass zur Hoffnung gaben.

„Es mag das nicht“, gab Urgru bedrückt von sich, kaum mehr als flüsternd.

Der Kommandantin begann dieses Gespräch langsam zuwider zu werden. „Was mag was nicht?“

„Dieses Wesen will nicht in diesem Heiler-Gerät sein.“ Im Halbdunkel sah Lizz, dass der Kleinwüchsige ihr nun den Kopf zuwandte und sie ansah.

Lizz wusste nicht ganz, worauf Urgru hinaus wollte. Und jedes tiefere Nachdenken tat höllisch weh in ihrem Schädel. Ihr dämmerte aber, dass der Neue sich auf Kech-Kechs Gemütszustand beziehen musste. Mit einem hilflosen Schulterzucken tat sie die Bemerkung des Empathen ab. „Nun, wer ist schon gerne schwer verletzt? Der Frejokke wird wissen, dass wir alles für ihn unternehmen, was in unserer Macht steht. Mehr als ihn in die Medi-Bucht zu stecken, ist das aber leider nicht . . .“

Urgru sah wieder in die Bucht, trat einen Schritt weg von dem Gerät. „Das Wesen Kech-Kech weiß, dass es bald nicht mehr sein wird.“ Der Empath schritt hin zum Schott, blieb direkt vor Lizz stehen und legte den übergroßen Kopf in den Nacken, zu ihr hochzusehen. „Und es will nicht in diesem Gerät bald nicht mehr sein, Kommandantin Lizz Athanget.“

Die Ewigalte sah zu ihm hinab, er stand keine zwanzig Zentimeter vor ihr. Aus dem Meer von Schmerzen in ihrem Kopf tauchte ein Impuls an die Oberfläche, dem Kleinwüchsigen mit ihrem Knie ins Gesicht zu treten, ihn mit dem riesigen, hässlichen Schädel gegen die Schotteinfassung zu schmettern und seinen dann in welcher Farbe auch immer blutüberströmten, zuckenden Körper hin zum nächsten Außenschott zu schleifen und ins All zu blasen.

Urgru machte erschrocken einige unsichere Schritte rückwärts, weg von Lizz, sah sie entsetzt an. Seine großen dunklen Augen, seine wulstigen Brauenbögen und Lippen verstärkten diese so menschliche Mimik hin bis ins Groteske, fand Lizz. Sie konnte nicht anders, als den Kleinwüchsigen mit zuckenden Schultern lautlos auszulachen.

„Mein liebes, neues Besatzungsmitglied Urgru! Mich fragt auch niemand, ob ich sterben möchte.“

Die Kommandantin wandte sich ab, machte sich auf den Weg zurück zum Zentralschacht. Über die Schulter rief sie ihm noch zu: „Geh zu Tsy-Ruusa eine Uniform ausfassen, Empath! Außerdem soll er dir die Zugangscodes und Befehlsgewalt über Kajüte NB-3 geben, Roch-Roch braucht sie ja nun nicht mehr.“

Sie nahm die Abzweigung und war damit aus Urgrus Blickfeld verschwunden, schob aber lauthals eine letzte Meldung nach. „Das ist die Kajüte gleich neben meiner. Eine Offizierskajüte. So schnell macht man Karriere auf meinem Schiff, das hättest du nicht gedacht, was?“

 

     

 

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