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Geisterstunde (Neufassung)

StoryGeisterstunde
(Erstfassung in Zauberspiegel #5, 1983)

Vom Turm der uralten Kirche von Powerstoke hallen elf Schläge.

Elf Mal singt der erzene Ton durch die Nacht. Und für mich ist jeder Ruf der Glocke so etwas wie eine Warnung.

Eins - Noch ist es Zeit
Zwei - Noch kannst du gehen
Drei - Niemand wird dich hindern

 

Vier - Noch nicht
Fünf - Denn du hast noch Zeit – sechzig Minuten Zeit
Sechs - Bevor die Stunde naht – ihre Stunde
Sieben - Die Stunde der Geister und Gespenster
Acht - Welcher Wahnwitz trieb dich
Neun - Verblendeter
Zehn - Sie zu schauen
Elf - Fliehe ...


Dann ist wieder Stille. Stille wie in einer Totengruft ...

Alles in mir zieht sich zusammen. Ich habe die Botschaft der Glocke wohl verstanden. Ich habe sehr gut begriffen, dass mich ihr singender Ton vor etwas bewahren soll, das schlimmer ist als der Tod.

Denn wer den Mächten der Jenseitswelt entgegentritt, um ihre Geheimnisse zu erkunden, kann darüber leicht den Verstand verlieren. Ungezählt sind die Berichte über Menschen, die in Spukburgen oder Gespensterhäusern ausharrten, um den Wesen aus dem Lande der Seelen und Geister Auge in Auge gegenüberzutreten.  

Wohl dem Menschen, den das Grauen sofort an Ort und Stelle einem schmerzlosen Herzschlag erliegen lässt! Doch die meisten der Narren, die sich als Geisterseher fühlen, werden am anderen Morgen als lallende Idioten aufgefunden und bevölkern seit dieser Zeit die unzugänglichen Trakte der Nervenheilanstalten. Nur besonders darauf vorbereitete Wärter ertragen ihre hysterischen Schreie, wenn die Erinnerung an die Geisterschau zurückkehrt.

Gewaltsam muss ich mich zwingen, sitzen zu bleiben und auszuharren. Das blakende, flackernde Kaminfeuer malt düstere Schatten an die Wände des Raumes, der in angedeuteten, gotisch gewölbten Spitzbögen ausläuft. Durch die kleinen Fenster dringt das geisterhaft bleiche Gesicht des Mondes.

Das alte Herrenhaus steht etwas außerhalb der kleinen Siedlung Powerstoke, die in der Grafschaft Dorset abseits aller Straßen liegt. Umgeben von grünen Hügeln fühlt man sich hier im Süden von England an Tolkiens "Auenland" erinnert.

Seit einer Woche bin ich hier schon im Urlaub. Am Tage mache ich hier weite Spaziergänge. Und am Abend lausche ich im "Marquis of Lorne", dem einzigen Pub in dieser Gegend, über meinem Ale den Gesprächen der Farmer. Hart arbeitende Bauern, die hier ihre Felder bebauen, ihr Vieh züchten und, so jedenfalls ist mein Eindruck, zufriedener sind, als die Kinder der Großstadt.

Man lächelt mir zu und winkt gelegentlich auch einmal freudlich herüber. Aber man bleibt dennoch reserviert. Doch dann fragt mich der Wirt nach meinem Beruf. Er tut das vermutlich aus angeborener Neugier oder weil der Wirt eines Pubs in diesem weltvergessenen Teil des Landes die ungedruckte "Times" darstellt. Und kaum habe ich ihm gesagt, womit ich das Geld für das tägliche Brot verdiene, als das auch schon an den rustikalen Biertischen des Pubs die Runde macht.  

Der Fremde aus Germany ist also Schriftsteller. Und er schreibt Storys, die von Geistern und Gespenstern handeln. Von Vampiren, die nachts aus den Grüften steigen. Von Werwölfen, die im Silberlicht des vollen Monds ihre Opfer hetzen. Von den römischen Legionen, denen ein Fluch bestimmt hat, stets aufs Neue die alte Keltenburg Maiden Castle zu berennen. Und von dem namenlosen Grauen, das in der Tiefe des gewaltigen Weltmeeres in der gespenstischen Leichenstadt R'lyeh schlummert bis zu jenem Tag des Schicksals, an dem es erwachen wird.

Ein älterer Herr, den ich schon einge Male bei der Arbeit in seinem kleinen Garten gesehen habe, erhebt sich und kommt zu mir herüber. Mit dem konservativ zurückgekämmten grauen Haar, dem buschigen Schnauzbart und dem hageren Gesicht erscheint er mir wie die Personifizierung von Merry Old England.

Das "How do you do", der übliche Beginn einer englischen Unterhaltung, spreche ich rein mechanisch. Aber der Mann kommt, ohne erst die üblichen Wetterprognosen zu stellen, sofort auf den Kernpunkt des Themas.

Ich sei also Writer für Ghost-Stories, sagt er und mustert mich, als sei ich eine Kuh, die er zu kaufen gedenke. Ob ich denn alles selbst glauben würde, was ich da zu Papier brächte?

Ich verneine erstaunt. Diese Frage, diese skeptisch klingende Frage hier in England. Gerade hier im legendenumwobenen und geschichtsträchtigen Dorset, wo jeder Hügel Geschichtchen aus der Geschichte erzählen kann. Und wo die Grundmauern ganzer Burgen aus grauer Vorzeit so unter dem Grün der Rasen vergraben sind, dass heute das Vieh drauf weidet.

"No, Sir!", sage ich mit verbindlicher Miene. "Es ist nun mal mein Job, den Leuten mit so was Angst zu machen. Aber selber dran glauben? No, Sir, ich bin ein aufgeklärter Mensch. Wir leben nicht mehr im finsteren Mittelalter ..."

"Haben Sie denn schon einmal einen Geist gesehen? Ist Ihnen schon einmal ein Gespenst erschienen?", bohrt der Engländer.

"Bis jetzt noch nicht!", gebe ich achselzuckend zurück. "Aber wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich schon ganz gerne mal ..."

"Sie haben also genug Mut, einem echten Gespenst gegenüberzutreten?" Die Stimme des Engländers sinkt zu einem Flüstern herab.

"Yes, Sir! Das habe ich!", erkläre ich fest und nicke zur Bestätigung. "Aber ich weiß zufällig, dass es hier in der Gegend kein bekanntes Spukschloss gibt ..."

"Ein Schloss ist auch gar nicht nötig, wenn es darum geht, hier in unserer Gegend einem Spuk-Phänomen auf den Grund zu gehen.", flüstert der Engländer. "Denn wir haben hier in Powerstoke ein Haus, in dem zur Nachtzeit etwas umgeht ..."

"Was?", lautet meine lakonische Frage, ohne dass ich meine Stimme dämpfe.

"Nun, dessen ist sich niemand sicher!", flüstert der Engländer mit Verschwörermiene. "Denn obwohl seit Generationen niemand mehr das Haus bewohnt, sieht man von Zeit zu Zeit zwischen Mitternacht und ein Uhr durch die Fensterscheiben ein Licht."

"Es wird die Spiegelung eines anderen Lichts gewesen sein.", versuche ich der Angelegenheit eine logische uind akzeptable Erklärung zu geben. "Oder vielleicht ein Scherz der Dorfjugend ..."

"An so etwas haben die Leute aus der Umgebung auch geglaubt. Und darum ist der alte Archibald Powell dort in einer Nacht wie dieser mit einer abgesägten Schrotflinte in das Haus eingedrungen. Und dieser Powell war ein alter Eisenfresser, einer der Letzten, die damals in Dünkirchen in die Boote gegangen sind und einer der Ersten, die an der Küste der Normandie wieder an Land gegangen sind, um die Schmach zu rächen. Der alte Powell hätte selbst dem Teufel ins Gesicht gespuckt!"

"Und?", frage ich mit einem Seitenblick. Obwohl ich das eigentlich gar nicht wissen will. Ein beklemmendes Gefühl, eine Ahnung kommenden Unheils steigt in mir auf. Nein, sag nichts! Schweig lieber!, möchte ich am liebsten rufen. Aber – das Verlangen ist zu stark. Ich will wissen, was dieser Verwegene gesehen hat.

"Wir fanden ihn am nächsten Morgen im Herrensaal des Hauses liegen. Die Schrotflinte hatte er krampfhaft in beide Hände gekrallt, ohne dass ein Schuss abgefeuert worden wäre."

"Und – was hat er gesehen?", drängt meine Stimme.

"Das weiß nur Gott und Archibald Powell alleine!" In der Stimme des Engländers liegt jetzt etwas Feierliches.

"Das heißt ...?" Meine Frage bleibt unvollendet.

"Das, was er sah, raubte dem alten Powell den Verstand." Die Stimme des alten Mannes klingt düster wie ein geöffnetes Grab. "Aus seinem Mund kam ein unartikuliertes Gestammel und in seinen Augen flackerte der Irrsinn. Es gelang uns, Archibald den Schießprügel aus den Händen zu winden, bevor er damit Schaden anrichten konnte. Aber seine Hände gaben die Schrotflinte auch nur deshalb frei, weil wir ihm einen weitaus ungefährlicheren Ast zwischen die Finger schoben. Die Polizei zuckte zu diesem Vorfall nur die Schultern. Und die herbeigerufenen Ärzte aus Brideport und selbst die aus der Grafschafts-Hauptstadt Dorchester waren ratlos."

"Lebt dieser Archibald Powell noch?", frage ich.

"Nein, Gott war gnädig mit ihm und rief den alten Archibald zu sich. Er verdämmerte die letzen Tage in der Irrenanstalt von Salisbury!" In der Stimme des Engländers schwingt Mitleid und Bedauern. "Es dauerte auch nicht sehr lange. Selbst die Ärzte hatten ihm mehr Zeit gegeben. Aber es ist ja so, dass wir dem Ruf folgen müssen, wenn er an uns ergeht."

Ich kann dazu nur stumm nicken.

"Bis zum letzten Hauch soll Archibald Powell den Prügel, den er für ein Gewehr hielt, nicht aus der Hand gelegt haben." Die Stimme des Alten klingt leise und doch eindringlich. "Und im Augenblick, als die Knochenfinger des Todes nach ihm griffen, soll Powell einen so schauerlichen Angstschrei ausgestoßen haben, dass eine herbeieilende Krankenschwester in Ohnmacht gefallen ist. Und Krankenschwestern sollen ja allerhand gewöhnt sein."

Auf diese Worte kann ich zur Bestätigung nur nicken.

"Wir haben seine Leiche dann nach hierher überführt", berichtet der Engländer weiter. "Er wurde hier auf dem Friedhof von Powerstoke in aller Stille beigesetzt. Er hat ausgelitten. Nun ist ihm wohl. Cheerio, Archie!" Der Alte hebt das mit dunkelbrauner Ale gefüllte Glas zum Mund und trinkt einen tiefen Zug. Stumm und mit ernstem Gesicht tue ich ihm Bescheid.

"Last order, please!", klingt die Stimme des Wirtes durch den Raum. Es ist kurz vor zehn, und auch in dieser abgelegenen Gegend ist die Polizei Ihrer britischen Majestät sehr streng. Noch eine Bestellung - dann ist Schluss. Schnell ordere ich noch zwei Ale. Der Engländer nickt mir zu.

"Haben Sie nun immer noch den Mut, einen Geist zu sehen?", fragt er mich direkt, nachdem wir uns mit der schnell herbeigebrachten, schaumlosen Ale zugeprostet haben.

"Was immer dieser Mister Powell gesehen hat, es mus ein unglückliches Zusammentreffen mehrerer Ereignisse gewesen sein, die sich jedes für sich logisch begründen lassen. Zusammen mit seiner überreizten Fantasie ist sicher ein Nervenschock hervorgerufen worden", sage ich, sorgsam meine Worte abwägend. "Ich bin kein Psychologe oder Psychiater. Aber so ähnlich denke ich mir den Fall. Was immer Archibald Powell gesehen hat. Das, was hier jeder annimmt, war es ganz sicher nicht. Es gibt keine Geister und Gespenster. Sie sind Erfindungen - ähnlich wie Santa Claus eine Erfindung ist. Was tot ist, ist tot! Und damit basta!"

Der alte Engländer sieht mir tief in die Augen, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben. Ruhig trinkt er sein Ale aus und erhebt sich dann. Mit einer unzweideutigen Handbewegung fordert er mich auf, mit ihm zu kommen.

Hastig stürze ich mein Ale hinunter und folge ihm. Ohne sich nach mir umzudrehen, geht der alte Herr diese Mischung aus Straße und Feldweg in Richtung Powerstoke. Mit schnellen Schritten hole ich ihn ein.

"Wohin gehen Sie, Sir?", frage ich.

"Kommen Sie!" Die Stimme des Engländers hat plötzlich einen befehlenden Ton. "Sie sollen das, was Sie zwar in Ihren Storys beschreiben, sonst aber leugnen - das sollen Sie nun erkennen. Die Existenz dieser Welt der Seelen und Geister. Sie sollen erst sehen - und dann werden Sie glauben."

Mehr ist dem alten Mann nicht zu entlocken. Mit weit ausgreifenden Schritten durchquert er den Ort. Dann, am anderen Ende der Siedlung, ragt es aus den Nachtschattten, vom bleichen Mondlicht umspielt, düster empor.

Die alte Kirche von Powerstoke!

Und - der Friedhof!

Das Areal des Totenackers kann einem normal empfindenden Menschen schon am Tage einen Gruselschauer über den Rücken fließen lassen. In mir keimt der Verdacht auf, dass der alte Mann von mir verlangt, dass ich eine Nacht in dieser von uralten Gräbern umgebenen Kirche verbringe. Denn das wäre wahrlich eine echte Mutprobe.

Schon jetzt erwachen im Silberlicht des Mondes die schmucklosen Leichensteine zu geisterhaftem Leben. Längst hat der Zahn der Zeit die Einkerbungen der Geburts- und Sterbedaten zernagt. Und auch die Namen der Menschen, die einst hier lebten und die nun der grüne Rasen bedeckt, sind vom Wind und Wetter zerfressen und völlig unleserlich geworden.

Kaum einer der Grabsteine von halber Manneshöhe steht noch aufrecht. Unter dem Zentnergewicht der Steine und dem Druck der darüber lastenden Erde sind die Särge der Verstorbenen zerbrochen. Der Boden hat sich gesenkt und die steinernen Zeugnisse einstiger Menschen dazu gebracht, in Neigung zu gehen. So, als ob sie sich vor dem ewigen Schicksal des Vergehens verneigten. Und darum erinnern die überall krumm zum Himmel ragenden Leichensteine auf dem Friedhof von Powerstoke auf die Entfernung gesehen dem gefräßigen Maul eines Haifisches.

In ihrem düsteren Grau der uralten Steine wirkt die Kirche von Powerstoke schon am Tage und beim Schein der Sonne bedrohlich. Irgendwie kamen mir beim Anblick dieses uralten Gotteshauses schon in den letzen Tagen jede Menge Ideen für Romane und Novellen, die ich mit in mein kleines Notizbuch schrieb. Von Schwarzen Messen in verfallenen Kirchen handelten diese Einfälle. Und auch von uralten heidnischen Riten in Kapellen, die einst auf den Heiligtümern der alten Götter errichtet wurden und aus denen man das "Allerheiligste" entfernt hat. Und natürlich von dem umherwandelnden Geistermönch und den verfluchten Seelen der Unglücklichen, mit deren Hilfe der Mönch einst in den Tagen des Lebens die Landbevölkerung zum Frondienst zwang, um diese Kirche zu errichten.

Ist das zu fassen? Ist das die Möglichkeit? Jetzt mache ich mir vor den Ausgeburten meiner Fantasie selbst Angst.

Reiß dich zusammen, Alter!

Doch es ist nicht die Kirche oder der Friedhof, auf dem es mir bestimmt ist, eine Nacht zu verweilen. Der alte Engländer führt mich hart an der Mauer vorbei, mit der man den Gottesacker mit der Kirche als Zentrum begrenzt hat.

Eine Zentnerlast rollt von meiner Seele. Wer weiß, ob ich wirklich den Mut aufgebracht hätte, hier den Rest der Nacht bis zur Morgendämmerung zu verweilen.

Die nächste Straße nach links. Dann nur noch einige Meter ... da ist es. Das Spukhaus von Powerstoke.

Ich habe dieses große Cottage auf meinen Spaziergängen schon einige Male gesehen. Das hohe Dach ist wie die meisten Häuser hier mit Schilf gedeckt. Doch von der Größe und auch von seiner Lage etwas abseits des Dorfes her gleicht es mehr einem der alten Herrenhäuser. Auch das umgebende Grundstück weist neben einigen Gemüsebeeten eine große Rasenfläche auf. Doch ist hier alles etwas ungepflegt und man erkennt, dass sich hier lange niemand richtig um das Anwesen gekümmert hat.

Eigentlich ist dies genau das Haus, das ich mir immer so in meinen Traumfantasien ausgemalt habe, dass ich dort wohnen und arbeiten möchte. Denn hier könnte ich, abseits vom Wirbel und von der Hektik der modernen Welt, die notwendige Ruhe und Muße für meine literarische Arbeit finden ... aber so etwas sind eben Träume ... und es müssen Träume bleiben.

"Das Haus gehört Ihnen, wenn es Ihnen gelingt, eine Nacht dort drinnen auszuharren", dringt die Stimme des Engländers wie von Weitem an mein Ohr. "Das Haus gehört einer Erbengemeinschaft in Dorchester, die es zwar gern verkauft hätte, es jedoch nicht kann, weil es niemandem gelungen ist, auch nur die Mitternacht dort zu erwarten. Nur der alte Archibald hat in diesem Haus die Stunde erlebt, in der die Toten wandeln dürfen ..."

Ich kann den Alten nicht weiter zuhören. Dieses Haus kann mein Eigentum werden, wenn ich mich nicht von irgendwelchem Hokuspokus ins Bockshorn jagen lasse und eine Nacht hier drin bleibe? Das kann - das darf einfach nicht wahr sein! Andererseits sieht mein Gesprächspartner nicht so aus wie ein Mensch, über dessen Lippen die Lügen so glatt fließen, wie das schäumende Wasser über die Steine eines Gebirgsbaches.

Der Alte hat mir im Herrensaal im Inneren des Hauses eine der in Ständern herumstehenden Kerzen angezündet und sich dann fast fluchtartig entfernt.

"... möge Gott Sie schützen und bewahren!", verwehen seine letzten Worte.

Im blakenden Licht der Kerze sehe ich mich vorsichtig um.

Das Zimmer ist fast leer bis auf einen mächtigen Tisch aus wurmstichigem Eichenholz. Auch der klobige Stuhl, eher als ein Sessel anzusehen, ist einst aus Eiche gefertigt, und nicht nur das Holz, sondern auch die abgewetzten dunkelroten Lederpolster sind vom Zahn der Zeit in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der einzige Schmuck des Raumes, wie ich bei meiner spärlichen Beleuchtung erkennen kann, sind mehrere Bilder, die über dem Kamin hängen, neben dem sich merkwürdigerweise reichlich Feuerholz stapelt.

Es sind ausschließlich Porträtbilder, die dort hängen. Die Namen der Personen, die ich bei näherem Hinsehen am linken, unteren Rand der Gemälde verewigt sehe, sind mit völlig unbekannt. Anhand ihrer Kleidung kann ich vermuten, dass sie am Ende des siebzehnten Jahrhunderts gelebt haben müssen.

Als ich mit der Kerze durch den Raum gehe, um weitere Details zu sehen, stoße ich fast mit einem uralten Spinett zusammen. Im trüben Licht der Kerze erkenne ich, dass die aus echten Elfenbein und Ebenholz geschaffene Tastatur im Lauf der Jahrhunderte gelb geworden und alles von einer hässlichen Staubschicht überzogen ist. Überall auf dem Instrument wellt sich der aufgetragene Lack durch die eingedrungene Feuchtigkeit.

Prüfend lasse ich meine Finger über die Tasten gleiten und greife einige Akkorde. Grässliche Misstöne kreischen durch das Haus. Was das Instrument hervorbringt, ist für jedes menschliche Ohr eine Tortur.

Langsam schlage ich die Tasten noch einmal an. Und meine Vermutung erweist sich als richtig. Das Instrument ist total verstimmt und einige Töne kommen überhaupt nicht, weil der Hammer im Inneren auf eine Stelle schlägt, wo einmal eine Saite war, die irgendwann einmal zersprungen ist. Das Innere des Spinetts muss fürchterlich aussehen.

Enttäuscht wende ich mich wieder dem Tisch zu. Inzwischen hat das Feuer, das ich im Kamin unmittelbar nach dem Weggang des Alten entfacht hatte, richtig zu brennen begonnen und beginnt, die fröstelnde Atmosphäre des Raumes etwas zu erwärmen. Langsam lasse ich mich in den Sessel sinken und bin jeden Moment bereit, mich wieder emporzureißen, falls das Möbel unter meinem Gewicht zusammenbrechen sollte. Die Polsterung ächzt zwar und das Holz knistert bedenklich - doch der Sessel hält meinem Gewicht stand.

Irgendwas habe ich unbewusst ergriffen, als ich vorhin durch den Raum ging. Es war etwas, das sich in meine Hand schmiegte, als habe es mir das Schicksal selbst zwischen die Finger geschoben. Ungläubig starre ich jetzt auf die langstielige Axt in meiner Hand, die ich neben dem Kamin angelehnt gefunden habe. Sicher wurde mit ihr das Kaminholz gespalten und für die Feuerung vorbereitet. Prüfend lasse ich die Kuppe meines Daumens über die Schneide gleiten. Nun, sie ist nicht gerade scharf. Aber einen Hieb damit hält kein Schädel aus.

So sitze ich im flackernden Schein des Feuers, als mich der Schlag der Turmuhr von Powerstoke überrascht.

Elf Schläge summten herüber. Und ich weiß, ich habe noch eine Stunde Zeit. Zeit, meinen Mut zu stärken, indem ich mir einrede, dass die Welt der Seelen und Geister nur auf religiös begründeten Aberglauben beruht und nicht wirklich ist. Oder ich kann die Stunde nutzen, um hier klammheimlich zu verschwinden.

Eine Stunde. Dann erscheint es. Das Gespenst. Der Spuk von Powerstoke.

Zäh rinnen die Minuten dahin. Und in jeder Minute stelle ich mir erneut die bange Frage, ob es nicht besser ist, auf den Besitz des Anwesens zu verzichten und zu verschwinden.

Hier im gespenstergläubigen England würde mich kaum jemand einen Feigling nennen.

"Da unten aber ist's fürchterlich. Und der Mensch versuche die Götter nicht - und begehre nimmer und nimmer zu schauen - was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen!"

Die Worte aus Schillers Ballade erscheinen mir hier wie eine prophetische Warnung. Und dann fällt mir Bürgers Ballade "Leonore" ein, in der es heißt: "Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell. - Hurra! Die Toten reiten schnell! - Graut Liebchen auch vor Toten?" Die Erinnerung an diese in der Ballade immer wiederkehrenden Verse schnürt sich wie eine stählerne Fessel um mein Herz.

Und dann kommt mir aus meinen tiefsten Kindheitserinnerungen ins Gedächtnis zurück, wie es war, wenn der Großvater in jener Zeit mir Geschichten und Sagen von Geistern und Gespenstern erzählte ...

"... denn in jeder Burg ist ein Zimmer, das zu betreten allen Menschen seit grauer Vorzeit verboten ist." Es ist, als klängen seine Worte gerade jetzt wieder in meinem Ohr. "In diesem verbotenen Zimmer aber haust der Geist bis zum Ende aller Tage. Tief unten in den Gewölben der Burg aber haust eine Hexe und treibt dort ihr Unwesen. Niemand kann sie hören oder sehen - aber sie ist dennoch da. Nur besonders begnadete Menschen können sie wahrnehmen. Und wenn es die Hexe will und ihn mit ihren Kräften ruft und ihm befiehlt ... dann erscheint der Geist ..."

Ich sehe mich noch selbst zusammenrutschen, und die Großmutter muss mich die kurze Treppe emporgeleiten, wo das Zimmer ist, in dem während der Schulferien meine Schlafstatt ist.

Und dann beginnt meine Urgroßmutter, die über neunzig Sommer gesehen hat, vom Reiter ohne Kopf zu erzählen. Ja, mit eigenen Augen hat sie ihn auf wildschäumendem Rappen über den Gutshof galoppieren sehen. Und an der Stelle, wo der Rumpf ins Nichts endete, soll in einer kleinen Fontäne dunkelrotes Blut herausgespritzt sein.

"Ja, das ist alles wahr!", lassen mich meine Erinnerungen die uralte Frau wieder sagen. "Ich habe es selbst erlebt und den Schrecken aus der Nacht gesehen. Den Reiter ohne Kopf ..."

Gewaltsam muss ich mich immer von diesen Gedanken losreißen, die mich immer an jenen Moment erinnern wollen, wo ich den Großvater fragte, wie es denn nun wirklich wäre, wenn ein Geist erschiene. Immerhin hatte auch er damals beim Schein einer blakenden Petroleumlampe erzählt, dass er selbst mit eigenen Augen eine Geistererscheinung gehabt hätte. Während des Ersten Weltkrieges irgendwo in Frankreich. In einem ehemaligen Kloster, das für die Unterbringung der deutschen Etappe beschlagnahmt worden war.

Da mein Großvater Hufschmied war, bewahrte ihn das Schicksal davor, Blut an seinen Händen zu haben, da er die Pferde der Kavallerie und der schweren Kaltblüter beschlagen musste, welche damals noch einen großen Teil der Wagen zogen. Und so sahen er und seine Kameraden in der Mitternachtsstunde die Geistermönche in einer Prozession durch den Kreuzgang des Klosters ziehen. 

"So wahr ich lebe. Ich habe es gesehen", klingen die Worte meines Großvaters wieder in mir nach. Er sprach sie jedes Mal, wenn er vom nächtlichen Spuk in diesem Kloster erzählte. Niemand hätte jemals seine Worte angezweifelt.

"Ja, Opa, wie ist das nun, wenn ein Geist erscheint?" In meinen Erinnerungen sehe ich mich, klein wie ich war, meine Finger in seine mächtige, von schwerer Arbeit gezeichnete Hand legend, mit ihm durch die nächtlichen Felder dem Haus zustreben, wo die Lampe hell leuchtet und die Großmutter sicher bereits das Abendessen gerichtet hat.

Da links - das Kreuz aus weißem Stein im Straßengraben. Auch hier, am sogenannten Sichelstein soll etwas zu mitternächtlicher Stunde umgehen.

Denn genau an der Stelle, wo die betroffene Landbevölkerung das klobige Kreuz dann aufstellte, sind vor langer Zeit zwei Frauen in Streit geraten. Es war in jenen Tagen vor weit über hundert Jahren, als jede Familie in ihren Häusern oder unmittelbar angrenzenden Ställen noch Ziegen hielt, mit deren Milch und Fleisch der tägliche Speiseplan etwas verbessert werden konnte. Das notwendige Grünfutter für das Tier schnitt man mit einer Sichel meist im Straßengraben.

Der Streit der beiden Frauen ging darum, wer hier in diesem Teil des Grabens das beste Futter für die Ziege daheim schneiden konnte. Aus dem Streit der Worte wurde dann rasch ein Streit der Waffe. Mit den zum Schneiden des Grases rasiermesserscharf geschliffenen Sicheln hackten beide aufeinander ein. 

Man sagt, dass sich der Teufel selbst an diesem Kampf erfreut hatte und die Seelen der beiden Weiber, die zur gleichen Zeit zu Tode kamen, sofort mit sich genommen hat. Seit jenem Tag aber meiden die Menschen der umliegenden Dörfer die mit dem Kreuz gekennzeichnete Stelle zur Nachtzeit. Und nicht nur die Alten erzählen immer wieder, dass dort grausiger Spuk umgeht und man besonders, wenn die Herbststürme über das Land fegen, um Mitternacht die beiden Weiber kreischen und heulen hören kann. 

Großvater hat mir die Geschichte der beiden Frauen, die sich mit ihren Sicheln zu Tode hackten, gerade erzählt, und auch jetzt, nach all den Jahren, treiben mir die Erinnerungen daran Frostschauer über den Rücken. Und obgleich ich die Hand des alten, immer noch sehr kräftigen Mannes mit aller Kraft meiner kindlichen Hand drücke und jede Faser in mir davor zurückschreckt, noch mehr aus der Welt des Unheimlichen zu hören, klingt doch wieder die kindliche Frage auf: "Also, Opa, wie sieht er aus, der Geist, wenn er erscheint?"

Und dann werden wieder andere Bilder vor mir lebendig, die mir meine damals schon lebhafte Fantasie vorgegaukelt hat. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn vor mir - genau so wie damals -, einen uralten, hochgewölbten Rittersaal. Sicher genau so, wie ich ihn damals auf Burg Falkenstein in Selketal gesehen habe und sich der majestätische Anblick dieses Saales in meinem Innersten fest eingrub.

An den Wänden die Wappenschilder der Asseburger und anderer vergangener Geschlechter und Dynastien. Und dazwischen die Porträts der Männer und Frauen, die nun tief in der Gruft in steinernen Sarkophagen den Schlaf der Ewigkeit schlummern.

Zwischen den Bildern alle Arten von Waffen aus den Tagen des Mittelalters. Schwerter in allen Längen, Streitkolben, Morgensterne und Hellebarden. Doch sind es keine nachgefertigten Zierwaffen, wie man sie als besonderen Blickfang heute sogar in modernen Wohnungen findet. Diese Kriegswaffen haben einst das Blut von Menschen getrunken und das Sterberöcheln derer vernommen, über denen der Tod seine Hippe schwang.

"... den Geist ... wenn er näher kommt ... du siehst ihn nicht", dringt Großvaters beschwörende Stimme wieder in mein Ohr. "Du siehst nur ein Licht ... ein Licht ... ganz in der Ferne ... doch es kommt näher ... das Licht ... immer näher ..."

"Und dieses Licht?", fragt meine kindliche Stimme.

"Das, mein Junge, das ist der Geist!", raunt die geheimnisvoll herabsinkende Stimme des alten Mannes.

Das ist der Geist ...

Wie ein eherner Gong hallen diese Worte in meinem Innersten nach.

Das ist der Geist ...

Geist! Wie seltsam geheimnisvoll und bedrohlich dieses Wort auf mich einwirkt.

Ja, als rationell und logisch denkender Mensch des 21. Jahrhunderts lehne ich natürlich jeglichen Aberglauben ab. Und auch Spuk und Gespenster sind nichts als Aberglaube und alte Märchen, mit denen man eben kleine Kinder erschrecken kann.

Lehne ich die Existenz jener geheimnisvollen und unerforschlichen Welt der Geister und des Übersinnlichen wirklich ab? Oder ist diese Ablehnung nur eine Maske, um vor einer aufgeklärten, modernen Welt nicht als einfältig oder ängstlich dazustehen?

Ist es vielleicht eine Ausrede, die ich vor mir selbst habe? Oder kann ich wirklich von mir behaupten, dass ich keine Furcht vor den Wesen der Jenseitswelt verspüre, weil ich eben nicht daran glaube - und was deshalb für mich nicht existiert?

Gewiss, ich habe es mir schon selbst bewiesen, dass ich den Mut habe, zur nächtlichen Stunde über einen Friedhof zu gehen. Aber dieser Friedhof war sehr modern eingerichtet und lag im Zentrum der Großstadt. Ein solcher Friedhof ist kein Aufenthaltsort für den Gräbern entsteigende Tote.

Aber hier, in dieser gottverlassenen Gegend im Süden Englands! Hier, wo man mir schon vor dem Gespräch im Pub mehrfach glaubhaft versichert hat, dass es in dieser Gegend viele Orte gäbe, an denen es nicht geheuer sei. Ob es hier in diesem alten, unheimlichen Gemäuer wirklich die ganze Nacht über ruhig bleibt?

Schlagzeilen aus den Zeitungen der letzten Monate fallen mir ein. Überall in der Welt scheint es plötzlich außersinnliche Phänomene zu geben. Immer wieder ist von geheimnisvollen Erscheinungen und Poltergeistern die Rede. Magische Zirkel und Geheimgesellschaften werden rund um den Erdball ins Leben gerufen. In geheimen sakralen Ritualen, die man als Schwarze Messen bezeichnet, wird in wahnsinnigen Parodien auf den früheren katholischen Gottesdienst ein Opferfest zu Ehren Satans zelebriert. Und die Hexenzünfte und Schwarzen Kreise gewinnen immer neuen Zustrom.

Hat etwa der Ansturm der Finsternis auf unsere Welt bereits begonnen? Ist dies der Beginn der Apokalypse, die uns das Neue Testament voraussagt? Stehen wir bereits am Beginn der großen Schlacht von Armageddon?

Wenn das der Fall ist, dann schwebe ich in höchster Gefahr, nicht nur das Leben, sondern, was viel wichtiger ist, auch das Heil meiner Seele zu verlieren.

Der grollende Ton der Glocke reißt mich aus meinen Gedanken.

Und bewusst zähle ich mit.

Zwölf Schläge! - Mitternacht!

Es ist, als halte mich nun eine unsichtbare Riesenhand in den Polstern des Sessels fest. Ich will aufspringen. Doch aus meinen Gliedern und Gelenken ist alle Kraft gewichen. Ich will schreien. Doch aus meiner Kehle kommt nur ein hässliches Krächzen und über meine Zunge fließt ein unartikuliertes Lallen.

Zwölf Uhr! - Mitternacht! - Geisterstunde!

Die Stunde, in der die Lebenden schlafen sollen, damit die Toten wandeln können.

Ja! - Ja! - Ja! - Jetzt, in diesem Augenblick, als der letzte, der zwölfte Schlag der Glocke in der Nacht verweht, jetzt glaube ich daran, dass es euch gibt, ihr Geister der Verstorbenen. Ja, ich erkenne euch an und gebe zu, dass es töricht von mir war, euch durch meinen Zweifel an euerer Existenz herauszufordern.

Nur, lasst Gnade vor Recht ergehen und lasst mich fort von hier. Lasst mich - bitte, bitte, bitte - lasst mich gehen!

Mit einem Ruck reiße ich mich aus dem Sessel empor - und - stehe ...

Ungläubig starre ich auf die Axt, die ich immer noch in der rechten Hand habe. Eigensuggestion - schießt es mir durch den Kopf. Ich habe mir mit meinen Gedanken alles selbst eingejagt und mich dadurch in gewisser Weise kraftlos gemacht. Das kommt davon, wenn man sich vor den Trugbildern der eigenen Fantasie fürchtet.

Aber dann zerreißt etwas das Trugbild, das ich selbst in meinem Inneren aufbauen will, indem ich mir einrede, dass ich mich selbst fast zu Tode geängstigt habe, während um mich herum alles ruhig blieb. Eben die Eigensuggestion, um meine flatternden Nerven zu beruhigen.

Durch den Raum dringen Töne. Töne ... die zu Akkorden werden ... und zu Akkordfolgen ...

Töne - kunstvoll und meisterhaft gegriffen - auf einem Spinett ...

Auf dem Spinett? Auf dem gleichen Instrument, das ich vor einer guten Stunde untersucht habe und das ich als völlig verstimmt und unbrauchbar ansehen musste? Was, um alles in der Welt, ist das für eine Musik?

Ich wirbele herum und sehe im müde blakenden Schein des Feuers undeutlich die Umrisse des halb verrotteten Instruments. Aber obwohl sich keine der vergilbten Tasten bewegt, dem akustischen Klang nach können diese Engelstöne nur von dorther kommen.

Du musst es zerstören!, durchzuckt es mich. Du musst das Spinett zerschlagen. Wenn du es vernichtest, dann wirst du erkennen, dass diese wundervolle Musik nur deiner überreizten Fantasie entspringt.

In meiner Rechten hebt sich die Axt empor. Die Flamme glänzt auf dem Eisen und schimmert von der Schneide des Waffenwerkzeuges wider.

Nur noch wenige Schritte. Dann werde ich mit kraftvoll geführten Hieben der Axt wie ein Held meiner Romane das Spinett zertrümmern und so den Geist vernichten, der in ihm wohnt. Weit biegt sich mein Körper zurück, als ich unmittelbar davor stehe und zum Schlag aushole. Alle Kraft meines Körpers will ich in den ersten Hieb legen.

Ein Hieb, der niemals erfolgt.

Es ist wie eine Wand polaren Eises, die mich trifft.

Es ist der Tod - die gnadenlose Kälte des Todes.

Schreckensstarr sehe ich die Erscheinung vor mir, die sich langsam manifestiert. Langsam sinkt die Axt kraftlos herab. Durch mein Herz kriecht jetzt eine hündische Angst.

Denn dieses unbeschreibliche Etwas, das jetzt von irgendwoher Gestalt annimmt, das ist keine Fiktion.

Erst ist es wie ein Licht.

Doch kein Mensch wird je sagen oder erklären können, mit was dieses Licht vergleichbar ist. Zuerst ist es so klein wie die Spitze einer Nadel. Aber es pulsiert Leben darin - lebendiges Licht, wie die Flamme einer Kerze. Und allmählich wird das Licht größer und heller und kommt heran ... aus einem Nichts irgendwo zwischen dieser Welt und jeder Schattenzone zwischen den Dimensionen.

Eine pulsierende Form weist dieses Licht jetzt auf, Formen, die sich ständig verändern und neu bilden. Doch dann beginnen sich in dem Licht Konturen zu bilden und zu formen. Erst ist alles pulsierend und ständig in Bewegung. Doch dann stabilisiert sich ein Bild und ... Gott steh mir bei! ... ich sehe die Gestalt einer jungen Frau.

Eine Frau, die mir bekannt vorkommt. Ich habe sie bereits gesehen.

Mein irre flackernder Blick wandert die Ahnengalerie über dem Kamin entlang. Ja, dort ist sie. Diese wunderschöne, junge Lady im dunkelblauen Kleid mit den aristokratischen Gesichtszügen.

Ja, es ist kein Zweifel möglich. Sie ist es.

Wer mochte diese Frau in den Tagen ihres Lebens gewesen sein? Und - wer ist sie jetzt - im Tode? Und was hat sie dazu verdammt, bis zum heutigen Tage zu wandeln und bis zum Jüngsten Tage im Grab keine Ruhe zu finden?

Es ist ein weißlich-gelber, durchscheinender Schimmer, aus der die Person besteht. Ein Schimmer, dessen Konturen sich von Zeit zu Zeit leicht verwischen.

Aber dieses Gesicht!  

In dem Antlitz liegt ein Zug unnennbarer Trauer. Welcher Gram muss erst in ihren Augen liegen? Ich spüre, wie mir schon der Anblick dieses Geistes aus den Schatten der Vergangenheit alle Freude am Leben raubt.

Es bleibt nur noch die Kümmernis, die von ihrem Gesichtsausdruck in mich überfließt, während ihre Geisterfinger über die Tastatur des Spinetts gleiten und, auch ohne dass die Tasten sichtbar heruntergedrückt werden, die herrlichsten Harmonien und Klangvariationen erzeugen.

Doch das nehme ich kaum noch wahr. Denn aus mir ist alles gewichen, was das Leben einst so wertvoll machte, gelebt zu werden. Alles, wofür ich gelebt, geschafft und gestrebt habe, versinkt jetzt im Nichts. Die Erinnerungen an Glück, an Freuden - und an Liebe: sie fliehen dahin.

Ich sehe nur noch die Gram im Antlitz der Erscheinung, in dem aller Welten Jammer zu liegen scheint.

Dann hebt das Geistergebilde aus Licht und unsichtbarer Substanz langsam, ganz langsam den Kopf.

Unsere Augen treffen sich ...
 
Ende

Erstfassung erschienen in Zauberspiegel #5, Juli 1983
Neufassung zum 30. Jubiläum des Zauberspiegels
Copyright Rolf Michael

Kommentare  

#1 Mikail_the_Bard 2012-03-30 14:34
Klasse!
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#2 Kerstin 2012-03-30 14:45
Wirklich: Ganz toll!

Ich habe ja schon viele Spukgeschichten gelesen, aber diese ist etwas Besonderes.
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#3 Laurin 2012-03-30 15:37
Die Geschichte war es wert, für das Jubiläum wieder ausgegraben zu werden. Wirklich perfekt umgesetzt.
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#4 GoMar 2012-03-30 21:16
Mikail_the_Bard, Kerstin, Laurin:

Ihr habt mir alle meine Lobesworte vorweggenommen!

Ich kann nur wiederholen: Ganz tolle Story.

Super spannend, gruselig - und irgendwie auch vorstellbar ...
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