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Sieben gegen die Hölle - Jan Falkenberg (Teil 3)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Jan Falkenberg (Teil 3)
Es kam ihm vor, als würde er fallen. Im gleichen Moment, als er die Augen schloss, begann der Sturz. Es fühlte sich an, als würde er durch eine schwarze, lichtlose Röhre hinab fallen. Plötzlich endete die Bewegung. Nicht mit einem Ruck und ohne, dass seine Füße festen Untergrund berührten.

Stand er überhaupt? Seine Augen waren offen, aber wieder konnte er nichts erkennen. Dazu war es still.


Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen um zu testen, ob er hier überhaupt etwas hören konnte. Keine Silbe drang über seine Lippen. Dafür drangen nun Geräusche an sein Ohr. Ein Rauschen, aber nicht wie das von Wellen, die gegen den Strand laufen. Mehr wie ein … Wispern. So, als würden unzählige Menschen durcheinander reden. Und plötzlich begannen sich seine Füße zu bewegen. Ohne dass er es wollte, machte er einen Schritt nach dem anderen. Er fühlte Staub und harte Erde unter seinen Fußsohlen.

Sein Blick wurde klarer, Umrisse schälten sich aus dem Dunkel. Da waren Menschen. Eine unüberschaubare Anzahl von ihnen hatte sich versammelt und alle blickten in die gleiche Richtung. Er versuchte zu erkennen, wohin sie sahen, aber weiter als etwa zehn Meter konnte er nicht klar blicken. Dahinter verschwamm alles zu einem Wirrwarr an Farben. Er erkannte an den verwaschenen Umrissen, dass sich die Menschenmenge über eine weite Strecke verteilte. Dicht an dicht standen sie, eng aneinander gedrängt. Er kniff die Augen zusammen und für einen kurzen Augenblick glaubte er, dass seine Sicht sich klarte, doch schnell war dieser Moment vorbei. Aber er meinte, dass er das Objekt entdeckt hatte, dem alle ihre Aufmerksamkeit widmeten.

Das Gelände stieg leicht an und das Ziel der Blicke befand sich am höchsten Punkt der Erhebung. Er sah einen Mann, dessen Oberkörper entblößt war. Jetzt, wo er ihn bemerkt hatte, wurde das Bild so klar, als würde er direkt neben ihm stehen. Er vermeinte sogar dessen Stimme zu hören, obwohl die Lippen des Mannes sich nicht bewegten. Auch konnte er die Sprache, falls er überhaupt sprach, nicht verstehen. Blut lief über den hageren Körper. Es drang aus Wunden, die den Körper des Unglücklichen zeichneten. Ein Mann in einer Uniform, die er als römisch erkannte, trat vor und betrachtete mit zur Seite geneigtem Kopf den Leidenden. Dann hob er den rechten Arm, in dessen Hand Jan eine Lanze sah. Der Soldat trieb die Spitze der Waffe in den Körper des Gekreuzigten. Nach wenigen Sekunden zog er sie wieder hervor. Durch den Leib des Mannes drang keine Regung. Anscheinend war er tot. Sein Blut drang aus der großen Wunde und fiel auf den Boden, wo es sich mit der Erde vermischte. Er konnte das Plätschern des Strahls hören. Der Römer kniete nieder. Was er dort am Boden tat, konnte er nicht erkennen. Aber diese ganze Szenerie … das war doch … warum fiel ihm denn nicht ein, was hier geschah? Das alles kannte er doch! Das war … Plötzlich lenkte eine Bewegung am Rande seines Blickfelds ihn ab. Er drehte den Kopf herum. Jetzt fokussierte sich sein Blick auf eine Person, die direkt neben ihm stand. Er sah in Augen, die er ganz genau kannte. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren. Das war … Wieder fiel ihm der Name nicht ein. Er wollte etwas sagen, öffnete erneut den Mund, aber wieder blieb er stumm. Stattdessen sprach sie.

„Jan. Hier beginnt deine Aufgabe. In tiefster Vergangenheit liegt der Schlüssel zur Lösung der Probleme der Gegenwart.“

Was wollte sie von ihm? Er verstand ihre Worte, doch sie ergaben keinen Sinn. Bevor er darüber nachdenken konnte, redete sie weiter.

„Ich werde versuchen dir zu helfen, aber ich muss vorsichtig sein. Auch wenn du mich vorerst nicht mehr sehen wirst, ich bin in deiner Nähe. Und nun hör gut zu. Besorge uns einen Nagel vom Kreuze Jesu Christi.“

Jesu Christi? War das der Mann, der dort am Kreuz gestorben war? Er wusste es nicht. Der Name einer Stadt fiel ihm ein. Jerusalem. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, meldete sich die Frauenstimme wieder.

„Hörst du, Jan? Besorge den Nagel und bringe ihn ans Ziel. Enttäusche mich nicht.“

Dann drehte die Frau sich zur Seite und verschwand in der Menschenmenge. Er wollte ihr folgen, wollte sie fragen, was hier mit ihm geschah, wollte sie nach ihrem Namen fragen, aber sein Körper rührte sich nicht von der Stelle. Dann verschwamm sein Umfeld und es wurde dunkel. Wieder hatte er das Gefühl, als würde er stürzen. Die Dunkelheit erschien ihm bedrohlich und machte ihm Angst. Bewegungen, wie huschende Schatten, schienen sich darin zu verbergen. Er schloss die Augen, presste sie fest zusammen. Er wollte das Dunkel nicht sehen. Er musste sich konzentrieren. Der Name der Frau – wie war er nur gleich? Er kannte sie, da war er sich sicher. Sie war … ihr Name war …

„Helena!“

Mit einem Aufschrei wirbelte er herum. Wieder das Gefühl eines Sturzes, nur für einen Augenblick, dann der Aufprall. Er stieß sich den Kopf an.

„Verfluchte Scheiße!“

Seine Hand fuhr durch sein Haar. Trocken. Zum Glück hatte er sich keine Verletzung zugezogen, aber eine kleine Beule konnte er schon jetzt ertasten. Er schlug die Augen auf und orientierte sich. Er lag auf dem Rücken vor einem Bett. Das war nicht sein eigenes in der Studenten-WG, das war … das Zimmer im Landhotel Meißnerhof! Mit einem Mal erinnerte er sich. Jan schüttelte den Kopf und verzog gleich darauf das Gesicht. Zu den Schmerzen, die von der Beule ausstrahlten, gesellten sich nun auch noch welche, die ihren Ausgang unterhalb seiner Schädeldecke hatten. Stöhnend zog er sich am Bettkasten hoch und setzte sich auf die Matratze. Der Boden schien zu schwanken, seine Zunge fühlte sich pelzig an. Langsam kam ihm die Erinnerung an gestern Abend.

„Du wirst alt, Junge“, presste er gequält hervor. „Anscheinend verträgst du nichts mehr.“

Wie es wohl Helena ging? Hatte sie auch so einen Kater wie er? Hatte sie überhaupt Alkohol getrunken? Die Erinnerung an gestern Abend blieb verschwommen. Dafür drangen die Bilder aus dem Traum wieder in sein Bewusstsein. Es war alles so real gewesen. So, als wäre er gerade wirklich durch die Zeit zurück nach Jerusalem gereist.

„Langsam reicht es mir hier mit den verrückten Träumen!“, fluchte er und verzog erneut den Mund, als Blitze hinter seinen Augen zuckten. Er schleppte sich hinüber ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Dieses mal hielt er den Kopf direkt unter den Strahl. Das Wasser prasselte überlaut auf seine Schädeldecke, aber gleichzeitig machte es ihn auch etwas munterer. Er zog den tropfenden Kopf unter dem Hahn hervor und öffnete den Mund. Schlürfend zog er das Nass ein und schluckte. Erst als ihm etwas in die Luftröhre drang und er husten musste, stellte er sich aufrecht hin. Das Wasser lief über seinen Haare und nässte sein T-Shirt. Er griff nach dem Handtuch und rubbelte sich über die nicht vorhandene Frisur. Kurz überlegte er, ob er seine Zähne putzen sollte. Der Pappgeschmack überzeugte ihn schließlich. Als die Bürste in seinen Mund fuhr, musste er ein Würgen unterdrücken. Zum Abschluss spülte er seinen Mund noch einmal mit klarem Wasser aus. Danach verließ er das Badezimmer und sah aus dem Fenster. Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen. Es war halb sechs, wie ihm seine Uhr verriet.

Ob Lakic schon wach war? So einen Kaffee wie gestern, der würde ihm gut tun. Er zog sich ein frisches Shirt an und verließ dann sein Zimmer. Der Flur lag dunkel vor ihm und er musste überlegen, wo der Lichtschalter war. Er tastete sich die Wand entlang und fand ihn schließlich. Die Lampen flackerten kurz, dann verbreiteten sie ein nicht zu helles Licht, in dessen Schein er den Abstieg die Treppe hinunter wagte. Tatsächlich hörte er Geräusche aus dem Schankraum. Schlief dieser Wirt denn nie? Er schob die Tür auf und klopfte dann an den Türrahmen. Lakic, der schon wieder die Tische eindeckte, drehte sich zu ihm um.

„Ja, was denn, Herr Falkenberg? Heute noch eine halbe Stunde früher als gestern. Ist alles in Ordnung?“

Er wusste nicht, ob er nicken oder den Kopf schütteln sollte, darum entschied er sich zu einem Schulterzucken.

„Könnte ich wohl schon einen Kaffee bekommen?“

„Aber natürlich! Ich hab ihn gerade frisch aufgesetzt, wollte selber einen Schluck trinken. Setzen Sie sich, ich bring ihn gleich.“

Er legte das Besteck, dass er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch und verschwand. Jan ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihm war kühl, nur das Shirt war ein bisschen wenig für die frühen Morgenstunden.

„So, ihr Kaffee“, rief der Wirt schon von der Tür und kam mit zwei Tassen herüber. Er stellte eine vor ihm ab und setzte sich dann Jan gegenüber. Mit weit geöffneten Augen musterte er seinen Gast.

„Sie sehen nicht so besonders aus, Herr Falkenberg.“

„Ich fühl mich auch nicht so sonderlich.“

„Dann trinken Sie! Das wird Ihnen gut tun.“

Er ließ sein Lachen erklingen und nahm dann selbst einen großen Schluck. Jan tat es ihm gleich. Tatsächlich half das noch heiße Getränk direkt gegen die Kühle.

„Schlecht geschlafen?“, fragte sein Gastgeber ihn zwischen zwei Schlucken.

Er nickte.

„Schlecht geträumt. Mal wieder.“

„Ein Albtraum?“

„Könnte man so sagen.“

„Wollen Sie darüber reden?“

Er zögerte. Helena hatte er gestern sogar die Geschichte mit dem Adler anvertraut. Helena! Bevor er etwas erzählte, wollte er den Wirt nach ihr fragen.

„Wie es wohl Frau Boda geht? Sie schläft wahrscheinlich noch.“

Lakic zog eine Augenbraue hoch.

„Wer?“

„Frau Boda. Helena Boda.“

Es sah aus, als würde der Hotelbetreiber angestrengt nachdenken. Zur Unterstützung nahm er einen weiteren Schluck Kaffee.

„Nie gehört.“

„Aber sie ist doch Gast in ihrem Haus.“

Jetzt schüttelte Lakic vehement den Kopf.

„Das wüsste ich doch. Außer ihnen sind nur zwei ältere Herren im Hotel, die jedes Jahr zu einem Klassentreffen kommen. Es sind wohl die letzten beiden aus ihrer Klasse, die noch leben.“

Jan stutzte. Wie konnte das sein? Hatte Helena ihn angelogen? Er hakte nach.

„Sie wollen mir also sagen, dass die junge Dame, mit der ich gestern Abend hier“, er deutete auf den Tisch, an dem er am Vorabend mit Helena gesessen hatte, „ihren selbstgebrannten Schnaps verköstigt habe, kein Zimmer bei ihnen bezogen hat?“

Jetzt sah Lakic ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

„Sie haben wohl meinen guten Kräuterschnaps nicht vertragen.“

„Das mag schon sein, könnte aber auch am Bier gelegen haben.“

„Ich dachte immer, ihr jungen Leute könnt gut was verpacken.“

„Anscheinend nicht. Zumindest ich nicht. Aber zurück zu Helena ...“

Lakic ließ ihn nicht ausreden.

„Ich kenne keine Helena. Und gestern abend saßen sie alleine hier und haben getrunken.“

Jan stutzte. Hatte er sich verhört? Wollte der Wirt ihn auf den Arm nehmen? Dessen ernste Mine zeugte nicht davon, dass er einen Scherz mit ihm machte. Trotzdem fragte er danach.

„Sie wollen mich hochnehmen, oder?“

Der Wirt schüttelte bestimmt den Kopf.

„Nein. Warum sollte ich auch?“

„Aber ich habe mich doch mit ihr unterhalten. Da vorne haben wir gesessen.“

Erneut zeigte er auf den Stuhl, auf dem er gesessen hatte.

„Sie haben da gesessen. Alleine.“

Jetzt schüttelte er selbst den Kopf. Das ganze wurde immer verrückter.

„Langsam reicht es mir. Erst diese Albträume, jetzt kommen Sie mit dieser ungeheuren Geschichte. Vielleicht bin ich ja noch gar nicht wach und habe immer noch einen Albtraum.“

Lakic zuckte freudlos mit den Schultern.

„Manchmal ist das Leben tatsächlich wie ein Albtraum. Schauen Sie mal auf den Fernseher.“

Aus seiner Schürze zog der ältere Mann eine Fernbedienung. Anscheinend stellte er die Lautstärke höher, denn bis jetzt hatte Jan nicht gemerkt, dass die Flimmerkiste lief. Er drehte sich auf seinem Stuhl und konnte nun auf den Bildschirm sehen.

„... droht ein Hang des hohen Meißners abzurutschen. Geologen und Seismologen haben eine mehr als tausendfach überhöhte Aktivität im Gestein angemessen. Eine Erklärung dafür haben sie zur Zeit noch nicht. Die Behörden erklärten das gesamte Areal zur Sicherheitszone und verfügten ...“

Plötzlich verschwamm das Bild, das bisher das hier in der Nähe gelegene Bergmassiv gezeigt hatte. Dafür erschien ein Frauengesicht. Helena! Er zuckte zusammen.

Das ist dein Ziel, erklang ihre Stimme in seinem Kopf. Dann war ihr Bild wieder verschwunden. Erneut sah er den Naturpark Meißner-Kaufunger Wald.

„Unglaublich, oder?“, drang Lakic' Stimme wie durch Watte an sein Ohr. Scheinbar hatte er nichts von der Veränderung wahr genommen.

„Ja, unglaublich“, murmelte er.

Wie in Trance erhob er sich.

„Ich glaub, ich leg mich noch mal hin.“

„Das ist eine gute Idee. Schlaf ist ja oft die beste Medizin.“

Er gab keine Antwort mehr und ließ die halb volle Tasse Kaffee ebenso zurück wie denjenigen, der sie gekocht hatte und der ihm nun kopfschüttelnd nachsah.

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