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Katzenmilch

Zauberspiel - KatzengeschichtenKatzenmilch

Ich liebe Katzenmilch! Und diesmal habe ich sie mir sogar verdient!

Alles begann als ich eines Tages aufwachte und die ältere Dame, mit der ich seit 8 Jahren zusammen lebte, im Bett fand. Ich sprang zu ihr hoch und versucht sie, wie jeden Tag, durch ein wenig Nasenstupsen zu wecken. Doch irgendwie gelang es mir nicht. So sehr ich mich auch bemühte, sie wollte nicht wach werden. Also entschied ich mich dafür so lange zu singen bis das jemand aus der Nachbarschaft auf mich aufmerksam werden würde. Ich setzte mich vor die große Klappe, in welcher die alte Dame ab und an verschwand um mit den tollsten Leckereien wieder aufzutauchen, und begann zu singen so laut ich nur konnte. Nach kurzer Zeit hörte ich die Stimme des alten Mannes der schon mehrfach bei uns gewesen war und den die alte Dame immer nur Fred genannt hatte, vor der Klappe. Er war sehr laut und ich verstand nicht was er da von sich gab. Ich muss gestehen mich nie sehr eindringlich mit der Sprache der Fütterer beschäftigt zu haben und so nur einen recht geringen Wortschatz in dieser Richtung  zu besitzen. Nach ein paar Minuten ging er wieder und ich vernahm sofort darauf ein paar schwere Tritte, die gegen die Klappe krachten. Die Klappe schlug nach innen und ich konnte mich gerade noch so aus ihrem Weg retten, als auch schon viele hektische Beine um mich herum waren. Sie schoben ein seltsames Gestell in die Wohnung, legten die alte Dame darauf und brachen sie durch die Öffnung, welche die gefallene Klappe hinterlassen hatte. Ich war verwirrt. Was hatte das zu bedeuten, wo brachte man meine bisherige Weggefährtin hin?

Ich versuchte Kontakt mit Fred aufzunehmen, doch er nahm mich kaum wahr. Aus seinen Augen liefen Tränen und sein ganzer Körper schüttelte sich. Es schien mir aber nichts mit den sonstigen Lauten zu tun zu haben welche er ab und an machte, denn in seinem Mund waren keine Zähne zu sehen und er machte auch nicht dieses Geräusch das sich wie „haha“ anhörte. Als er mich nach geraumer Zeit doch bemerkte, nahm er mich hoch und trat mit mir durch die Öffnung, hinaus...in das „dahinter“. Ich war hier nie gewesen und es wurde mir etwas mulmig zumute, denn hier war alles viel größer als ich es je gesehen hatte. Die durchsichtigen Flächen, hinter denen sich die Abbilder der Fütterer bewegten und vor denen die alte Dame oft gesessen hatte, hatten mir bisher immer Schutz geboten vor dem „dahinter“ doch jetzt trug man mich dorthin – mitten hinein. Was hatte Fred vor?

Er bog mit mir nach, ich glaube man nennt das rechts, ab und wir gingen durch eine andere Klappe. Fred schloss die Klappe hinter uns, setzte mich ab und ich versuchte heraus zu finden was das alles sollte. Hier sah es fast genau so aus wie bei der alten Dame. Die Sitz- und Liegegelegenheiten waren anders und es roch hier sehr stark nach Fred. Also vermutete ich das dies Freds Unterkunft sein musste. Was sollte ich hier? Fred setzte sich und sah an mich an. Ich konnte die Worte „alleine“, „alt“ und helfen“ verstehen, sie standen aber für mich in keinem Zusammenhang zu den Geschehnissen des heutigen Morgens. Er redet immer weiter und ich verstand plötzlich das Wort „tot“. Mir wurde schlecht. Ich war nicht immer bei der alten Dame gewesen...ich hatte schon den Tod erlebt...damals...

...als ich noch recht klein war hatte man unsere Mutter gefunden. Mein älterer Bruder war von einem nächtlichen Spaziergang zurück gekommen und hatte uns berichtet das er unsere Mutter draußen gesehen habe und meine sie würde schlafen. Wir gingen alle hinaus um nachzusehen und fanden sie neben der Hütte, in die wir hinein geboren worden waren. Sie schlief nicht, sie bewegte sich nicht. Nur ein schwaches Atmen kam von ihr. Wir sahen das ihr Körper seltsam verdreht zu sein schien und wir hörten Stimmen, Stimmen von Fütterern. Ich habe die Worte behalten, auch wenn ich damals nichts verstand: „Sie ist hierhin weg gelaufen. So ein Mist, genau vor´s Auto. Blödes Vieh. Wo isse denn...“. Sie näherten sich uns und wir schoben uns langsam in die Dunkelheit der Hütte zurück. Und wieder redeten sie: „Da isse. Die iss hin.“ „Ja, die ist tot!“. Sie gingen weg und wir schlichen uns zu unserer Mutter zurück. Sie lag immer noch da, doch das schwache Atmen war fort. Sie war gegangen. So nannten wir das, gegangen. Und gegangen hieß bei denn Fütterern also „tot“...

...und Fred versuchte mir zu erklären das die alte Dame gegangen war. Etwas in mir ging zu Bruch und ich spürte ein ziehen im Magen. Ich hatte es vermutet, doch selbst eine Katze kann sich in Hoffnungen flüchten. Als mich die alte Dame damals bei sich aufnahm, wir wurden nach Mutters Tod in alle Himmelsrichtungen auseinander gerissen, hatte ich gehofft das ich sie nicht so gehen lassen müsste wie Mutter. Doch nun war der Tag gekommen und ich musste erneut die Realitäten sehen. Fred redet noch eine Weile auf mich ein, doch ich hörte ihm nicht mehr zu – ich wollte nicht mehr hören. Dann stand er auf und ging durch die Klappe ins „dahinter“. Als er wiederkam hatte er alles bei sich das ich bei der alten Dame hatte benutzen dürfen: meine Schalen, mein Kissen und die Höhle in der ich die „unangenehmen Dinge“ verrichten konnte. Er stellt alles ab und begann einen Platz dafür zu bestimmen. Danach befüllte er die Schüsseln mit Futter und Wasser. Ich untersuchte alles doch hatte keinen Appetit.

Ein paar, teilweise quälend lange, Tage gingen ins Land welche ich zumeist mit nachdenken verbrachte während Fred versucht mir ein guter, neuer Weggefährte zu sein. Ich hatte eine gewisse Veränderung an ihm bemerkt, welche ich mir nicht so recht erklären konnte. Als die alte Dame gegangen war, war er sehr niedergeschlagen und ich konnte seine Trauer spüren. Wir Katzen sind ja bekannt dafür das wir eher Sachen spüren, als das wir sie sehen können. Doch diese negative Stimmung hatte sich ein wenig verändert, ja regelrecht verbessert. Fred war immer ein fröhlicher Fütterer gewesen, doch hatte die alte Dame stets eine besorgte Miene wenn er wieder gegangen war. Sie sah ihm mit einem Blick nach der irgendwie sagen wollte: „Du tust mir so leid, könnte ich doch nur helfen!“. Auch benutzte er die Röhrchen, welche zischten wenn Fred sie an den Mund setzte und darauf drückte, weniger. Er hatte sie anfangs sehr häufig benutzt, doch seit zwei Tagen fast gar nicht mehr – was auch immer das zu bedeuten hatte.

Eines Tages, es regnete draußen in Strömen und der Himmel schickte sich an so düster wie noch zu sein, bekam Fred Besuch von jemandem den ich auch kannte. Es war ein Heiler der Fütterer er und hatte auch die alte Dame ab und an besucht. Das hatte ich für mich festgestellt (oder besser beschlossen das dem so sei) als sich die alte Dame einmal eine Pfote verletzt hatte, er danach recht schnell auftauchte und Dinge tat welche die Pfote zu heilen lassen schienen. Der Fütterer setzte sich zu Fred und machte viele seltsame Dinge mit ihm. Er steckte sich zwei blinkende Schläuche in die Ohren, welche mit einem schwarzen Schlauch verbunden waren und in einer blinkenden Platte endeten, und setzte Fred diese Platte auf die Brust und danach auf den Rücken. Fred atmete schnell und dann langsam und der Fütterer schüttelte den Kopf. Danach stach er Fred in die linke Pfote, nahm mit einer kleinen Maschine (die Fütterer haben so viele von diese Dingern das einem ganz schwindelig wird) etwas Blut ab und als die Maschine gepiept hatte schüttelte er wieder den Kopf.

Was nun folgte konnte ich nicht vollkommen verstehen, doch es musste etwas Gutes sein, denn Fred sah mich an und lächelte. Ich habe mir die Worte gemerkt, darin bin ich gut, auch wenn es nicht wirklich zum verstehen der Sache hilft:

„Mr. Dugan, ich bin sehr angenehm überrascht!“ sagte der Fütterer „Ihr Asthma ist weniger geworden und auch ihr Herz schlägt etwas fester und ruhiger als bisher. Das ist sehr positiv, doch möchte ich sie bitten in meinem Büro anzurufen, dort einen Termin auszumachen und zwecks eingehender Untersuchungen bei mir vorbei zu kommen. Ist etwas geschehen das dies ausgelöst haben könnte? Hat sich etwas in ihrem Leben verändert?“

Fred sag den Fütterer an: „Vor ein paar Tagen ist Mrs. Brandon verstorben. Sie hatte mich vor längerer Zeit geben mich um ihren Kater zu kümmern wenn sie einmal nicht mehr für ihn da sein könne. Ich wusste das sie es nur sagte um mir das Gefühl zu geben länger zu leben als sie, doch leider hat das Schicksal es wohl anders für uns beide vorgesehen. Ich habe Henry dann sofort zu mir genommen, am selben Tag noch, und mich seitdem um ihn gekümmert. Er hat etwas an sich das mich ruhiger macht, das mich besonnener macht und da habe ich mir irgendwie vorgenommen so lange wie es nur geht für ihn da zu sein.“

„Und das tut ihnen gut, Mr. Dugan. Wie mir scheint ist der kleine Kerl hier so eine Art „Lebensretter“ - in ihrem Fall“, er bückte sich zu mir herab und streichelt mir den Rücken, „und ich will hoffen das sie beide zusammen noch viele Jahre verbringen werden. Doch jetzt bin ich guten Mutes.“. Er stand auf, gab Fred die Hand und verabschiedete sich „Wir sehe uns in ein paar Tagen in meiner Praxis.“ Dann ging er.

Fred sah mich lange an, ein paar Tränen erschienen in seinen Augenwinkeln, und er hob mich hoch. Dann setzte er mich auf den Tisch, holte eine Schüssel und goss etwas Katzenmilch hinein. So wie er mich ansah und so wie er auf das was der andere Fütterer zu ihm gesagt hatte reagiert hatte, hatte es etwas mit mir zu tun gehabt. Und da er jetzt lächelte und mich ansah als wäre es etwas sehr gutes gewesen, vermutete ich das ich mir die Katzenmilch wohl auch verdient hatte. Ich liebe Katzenmilch, hatte ich das schon erwähnt?
 
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