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Mitternächte mit Drogen - Ein Grusel-Krimi im Selbstverlag

Die Hexe von ShipgraveMitternächte mit Drogen
Ein Grusel-Krimi im Selbstverlag

Amazon Kindle bietet Selpublishern einen Tantiemensatz von 70 Prozent an.

Das ist attraktiv. Man sollte sich vor Augen halten, das Autoren nicht gerade auf Rosen gebettet sind. Wer beispielsweise bei einem Verlag einen Krimi veröffentlicht, kann mit Tantiemen zwischen 5 und 10 Prozent rechnen. Wenn die Auflage nicht gerade riesig ist, bleiben die Einnahmen also klar überschaubar.


Die Hexe von ShipgraveFür einen Heftroman gibt es eine Pauschale, in der Regel weniger als 1000 Euro. Wer es genau wissen will, sollte auf der Website der Künstlersozialkasse die durchschnittlichen Einkommen von Autoren, Musikern oder graphischen Künstlern nachlesen: Tatsächlich verdient in Deutschland jede Klofrau besser als viele Kreative.

75 Prozent also. Ich dachte darüber nach, mit welchem Roman ich mein Glück als Selfpublisher versuchen sollte. Eine Art Groschenheft? Ein Krimi? Ganz was anderes, vielleicht eine Satire über den Sinn des Lebens? Oder über das Streben nach Glück und Selbstentfaltung? Da kam mir der Zufall zu Hilfe, oder vielmehr ein Umzug. Vor vielen Jahren hatte ich einen Text für die Reihe der „Mitternachtsromane“ geschrieben, den der Redakteur damals allerdings ablehnte. So weit ich mich erinnere, meinte er, die Geschichte würde seine Leserinnen zu sehr erschrecken. Ich solle mich besser fragen, worüber ältere Damen sich beim Nachmittagskaffee gerne unterhalten würden. In meinen Roman konsumierte die Heldin nicht Kaffee und Kuchen, sondern quasi am laufenden Meter halluzinogene Drogen. Ich konnte den Einwand also nicht ganz von der Hand weisen und vergaß den Text. Ich verlor sogar die Datei. Erst bei meinem Umzug fiel mir das gedruckte Manuskript wieder in die Hände. Ich las darin herum und fand den Text verblüffend frisch. Er klang, als wäre er gerade geschrieben worden.

Schon häufiger wurden Texte zunächst von Lektoren abgelehnt und später veröffentlicht. Also hatte ich meinen Roman. Zunächst musste ich ihn allerdings digitalisieren. Einen Euro pro Seite wollte ich nicht zahlen und tippte den ganzen Text schließlich ab: Bei einem Heftroman geht das und zudem konnte ich noch eine Runde an der Sprache feilen.

Blieb das Cover. Selbst ist der Mann, lautete wieder die Devise. Ich sah meinen Computer durch und fand eine brauchbare Aufnahme, die ich bei einer Freundin in der tiefsten Mecklenburger Prärie gemacht hatte: Sie zeigt einen blutroten Sonnenuntergang direkt hinter den Sträuchern am Grundstückszaun. Ich schnitt das Foto so zu, dass es als Cover taugte, retuschierte noch ein bisschen daran herum und fertig war das Outfit der Hexe von Shipgrave (zur Leseprobe).

Ein E-Book zu veröffentlichen, stellt technisch kein Problem dar: Man folgt einfach der Anleitung. So blieb nur die Preisgestaltung. 70 Prozent Tantiemen gibt es lediglich, wenn das Buch mindestens 2,99 Euro kostet. Ist es billiger, bekommt der Autor nur noch dreißig Prozent. Wer sein Buch für also 99 Cent verramscht, macht vielleicht Umsatz, verdient aber so gut wie nichts. Da kann man es gleich verschenken. Alles unter 2,99 zeugt von Selbstausbeutung.

Also setzte ich 3 Euro als Preis fest. Und tatsächlich wurden in den ersten Tagen, als die Hexe unter den Neuerscheinungen firmierte, rund 30 Downloads getätigt. Das fängt ja nicht schlecht an, dachte ich. Aber dann ebbte das Interesse ab. Der Roman war nun einer von Zehntausenden. Bekanntlich leben wir in einer Gesellschaft des maßlosen Überflusses: Man muss nur ein Kaufhaus betreten oder eine entsprechende Website aufrufen, um zu sehen, dass es alles im Übermaß gibt. Auch Romane und Bücher gibt es wie Sand am Meer.  

Was tun? Ein Freund hatte in dieser Situation eine Gratisaktion gestartet. Drei Tage gab es seinen Roman umsonst. Doch das Ergebnis war niederschmetternd: In den ersten beiden Tagen wurde über tausend Downloads getätigt, aber als er die Aktion dann abbrach, endeten auch die Downloads. Von den herunter geladenen Romanen hat er niemals wieder was gehört. Da scheinen vor allem Leute zuzuschlagen, die alles bunkern, was nichts kostet.

Ullrich WegerichIch hatte eine andere Idee. Mein Name klingt ja nicht eben romantisch oder abenteuerlich. Ich schrieb gerade einen Western, in der eine gewisse Laura eine Hauptrolle spielte, eine echte Sexbombe und Superfrau. Auf den Nachnamen kam ich, als ich eine Bob-Dylan-CD hörte: Minstrel. Allerdings habe ich mich dann bei der Covergestaltung vertippt und deswegen heißt sie nun Laura Minstel. Klingt aber auch nicht schlecht. Pseudonyme entstehen halt auf die merkwürdigste Weise.

Da ich nun eine amerikanische Bestsellerautorin in petto hatte, wollte ich die potentiellen Leserinnen und Leser auch über sie informieren. Ein bisschen Satire schadet nie und so schrieb ich: Laura Minstel, 1972 geboren in Michigan, USA, lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern, drei Katzen und zwei Hunden auf ihrer Farm in Vermont. Schon früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Schreiben, einige Zeit später ihre herausragende Begabung für Mystery, Thriller und Erotik. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Im Kinderzimmer des Parapsychologen“, „Der Raub der Kathedrale“, sowie der autobiographische Roman „Swing in the wind“.

Wie ich auf diese Titel gekommen bin, weiß ich nicht. Ich denke mir aber gerne so etwas aus. In der Tat grüble ich seit einiger Zeit darüber nach, was in der Kinderstube des Parapsychologen wohl passiert sein könnte. Aber das ist eine andere Geschichte. Um den authentischen Charakter der Hexe noch mal zu unterstreichen, fügte ich den Satz ein: Nach einer wahren Begebenheit... Und damit kann es endlich los gehen: Elizabeth Graig bremste scharf ab, die Hinterräder ihres Wagens kamen ins Schleudern und das Fahrzeug geriet für einen kurzen Augenblick außer Kontrolle...

Kommentare  

#1 Kaffee-Charly 2015-04-22 21:40
Der Trick mit der amerikanischen Autorin wird aber so nicht funktionieren.
Denn wenn man bei Amazon weiter nach unten scrollt, sieht man:
Mehr über den Autor - Besuchen Sie die Seite von Ullrich Wegerich auf Amazon.
Da wird sich mancher Interessierte etwas veräppelt vorkommen, was sicher nicht zum Kauf animieren wird.
Meiner Meinung nach ist das keine gute Strategie.
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#2 Alter Hahn 2015-04-24 17:12
Ich kam zum E-Book, weil ich über Facebook Kontakt mit einer Autoren-Kollegin bekam, die Erotik-Stories als E-Book brachte. Mein "Party-Girl" (rd. 300 Seiten) war zwar für ein paar Freundinnen geschrieben, die wissen wollten, ob ich was schreiben könne, was sie richtig hoch bringt (nach ihren Worten was das mit der Story gelungen) - aber ansonsten wurde mir gesagt, der Text sei "unverkäuflicher Schweinkram". Ich gab also dieser Kollegin - heute meine Verlegerin - das Manuskript und am nächsten Tag stand das gute Stück bei Amazon und wurde gekauft. Ja, und dann überlegten wir uns, was es da noch gibt... und ich empfahl ihr, mit ihrem Freund einen Verlag als Gewerbe anzumelden. Heute nach einem Jahr hat der "Mondschein-Corona-Verlag" schon ein paar richtig gute Autoren, die publiziert werden.

Die meisten meiner Romane bekommt man als E-Books und Prints. Man hat also auch was für den Bücherschrank, wenn man will - nur ist das dann teuere. Aber es gibt auch alle neu überarbeiteten Romane aus "Bastei-Fantasy" komplett als E-Book unter "Drei Schwerter für Salassar" für einen Preis, der vermutlich unter 10 Euro liegt. So was geht eben nur in der Digital-Form zu machen - aber viele Leute wollen ja nur lesen.. und da reicht es.

Natürlich habe ich nicht das volle Honorar wie andere, die ihre Werke selbst ins Netz stellen und bewerben. Aber ich habe auch weder das Wissen, noch die Zeit oder die Lust, selbst E-Books zu machen. ich habe ungefähr das fünffache bis sechsfache an Prozenten, was mir ein normaler Verlag zahlen würde - ich meine jetzt einen seriösen Verlag (Insider wissen, was ich meine). Dafür habe ich keine Kosten für ein Lektorat und die Werbung - sondern gebe meinen Text, wenn ich ihn genug durchgegraben habe, einfach per e-mail ab und warte auf die detaillierte Abrechnung alle paar Monate.

Für Lisas Reitstunden, den Ponyhof in den Ferien und diverse andere Kleinigkeiten reicht es ganz gut, was rüber kommt. Jeder Euro ist einer mehr als ich vorher bekommen habe... und ich sehe anhand der Verkaufszahlen, wie viele Leser ich habe...
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