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Ein großer Kleiner - Nachruf auf Dieter Dost

 Dieter DostEin großer Kleiner
Nachruf auf Dieter Dost

Mein Freund Dieter ist tot. Er starb bereits vor zwei Jahren, und diese Tatsache erschreckt mich besonders. Der letzte Kontakt zu ihm war 2004. Es war ein Briefwechsel, in dem er mir schrieb, dass die Rollen für ihn immer weniger würden. Heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich mich danach nicht mehr bei ihm gemeldet habe. Klar, es gibt viel zu tun, wenn man selbstständig ist. Meine Arbeit und auch meine Familie (vor allem mein Sohn Alexander) nehmen mich voll in Anspruch.
Dieter Dost Aber: Ist das wirklich ein Grund, dass der Kontakt zu Freunden so sehr darunter leidet?

Als ich kürzlich für meine Firma Nocturna Audio nach Berlin musste, wollte ich Dieter nach all den Jahren wieder mal besuchen. Doch ich konnte keine Anschrift und keine Telefonnummer mehr finden.

Was war passiert?

Schließlich las ich auf Wikipedia.de, dass er nach schwerer Krankheit gestorben war – und ich hatte es nicht mitgekriegt. Ich war entsetzt. Mein Freund Dieter ...

Dieter Dost war der ewige Kleindarsteller für Kino und TV, spielte unter anderem mit Harald Juhnke, Günther Pfitzmann und Otto Waalkes. Ich weiß, dass er das Zeug zu größeren Rollen gehabt hätte. Seine Schauspielausbildung hatte er bei Ida Ehre und Gert Fröbe gemacht. In etwa 70 Kurzfilmen, vorwiegend Abschlussfilme an den Filmakademien in Berlin und Potsdam, spielte er Haupt- und Nebenrollen.

Szenenfoto aus Der Seelenspiegel mit Dieter Dost (Bildmitte re.)Kennen gelernt haben wir uns 1995 in Berlin. Damals war ich an der Kaskeline Filmakademie. Für meinen Abschlussfilm „Der Archäologe“, den ich gemeinsam mit Ralf Mühleck machte, sollte Dieter die Titelfigur spielen. Er war ein netter Typ – immer die Ruhe selbst, auch wenn wir Nachwuchs-Filmer ziemlich aufgeregt waren. Der Film wurde auf mehreren Festivals gezeigt, und einige Szenen daraus wurden sogar in einem TV-Portrait über das „Multitalent Dieter Dost“ verwendet. Nebenbei war er nämlich auch Autor und Moderator von „Didos Musik-Show“, die im Offenen Kanal Berlin gesendet wurde und in der Hauptstadt einen gewissen Kultfaktor erlangte.

Ein Jahr später, 1996, war Dieter bei meinem Stummfilm „Der Seelenspiegel“ dabei, und zwar in einer Schlüsselrolle: Als Vater eines getöteten Bauernmädchens führte er eine aufgebrachte Meute gegen den Mörder an. Es war ein beeindruckender Auftritt, der zeigte, welches Potenzial in dem Schauspieler Dieter Dost steckte.

Dieter Dost in Der Seelenspiegel Längst hatte sich eine Freundschaft zwischen ihm und mir entwickelt. Dieter war ein Mensch, der immer ein offenes Ohr für den Nachwuchs hatte. Ihm ging es darum, kreativen Leuten bei der Verwirklichung ihrer Ideen zu helfen. Bis 1999 war er Ansprechpartner für die Berliner Dependance meiner damaligen Firma Direkt Film & Video.

Aus dem Film "Der Seelenspiegel" mit Dieter Dost (kniend)Nach der Auflösung der Firma arbeitete ich wieder als Journalist für einen Zeitungsverlag. In dieser Zeit schrieb er mir viele Briefe – immer in der Hoffnung, dass wir noch mal ein gemeinsames Filmprojekt machen würden. Dafür ist es jetzt zu spät. Ein Traum von ihm war, seine Lebensgeschichte in Buchform zu veröffentlichen. Es war ein interessantes Leben, und in der Tat hätte es ein ganzes Buch gefüllt. Vor seiner Karriere als Darsteller für Kino und TV war er unter anderem als Soldat bei der Fremdenlegion und als Stuntman (zum Beispiel für Lino Ventura) tätig. Für sein Werk – als echtes Berliner Original – hätte er ein Denkmal verdient. Als Mensch erst recht. Dieter Dost starb am 16. März 2006 in Berlin. Er wurde 69 Jahre alt.

Kommentare  

#1 Norbert 2008-09-28 21:41
Es zeugt von menschlicher Grösse, sich ein solches Versäumnis einzugestehen. Ich ziehe meinen Hut davor. Zugleich ist es schön, dass man sich auch an Leute erinnert, die nie wirklich im gleissenden Rampenlicht gestanden und trotzdem viel geleistet haben. Vielen Dank für den Nachruf auf einen Mann, den zwar jeder erkannt hat, der aber niemandem bekannt war. Und wenn in den nächsten Tagen Millionen von Nachrufen auf Paul Newman geschrieben werden, so ist dieser kleine Beitrag um so vieles wertvoller, da er deutlich macht, dass die Filmindustrie nicht nur von einigen grossen Stars lebt.
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#2 Jessica Dost 2017-04-06 21:35
Hallo ihr lieben, ich laß das hier ganz zufällig und finde es großartig dass ihr so an meinen Vater denkt. Er hätte sich sehr gefreut wenn er das hier lesen könnte. Im Namen meines Vaters bedanke ich mich sehr für eure Mühe hier. Dass es sein Traum war sein Leben in Buchform zu verwirklichen war tatsächlich so. Das sagte er sogar einige Wochen vor seinem Tod auf Intensivstation. Schön dass er so tolle Freunde hatte auf denen er bauen konnte. Lieben Dank dafür.
Herzliche Grüße jessica Dost
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