Fritz Tenkrat's Tony Ballard (Die Hefte 1974 - 1990) - 1.Teil: Die Zeit im Gespenster-Krimi

(Die Hefte 1974 - 1990)
Früher ...
Gute zehn, fünfzehn Jahre lang aber konnten die Fans aus dem Vollen schöpfen. Denn sie tummelten sich zuhauf auf stark holzhaltigem Papier und hinter reißerischen Titeln und ebensolchen Bildern all die Geister-, Teufels- und Dämonenjäger und -killer und wie sie auch genannt wurden.

Tony Ballard machte da keine Ausnahme: Auch er war ein solcher Klon (wenn auch einer der ersten), ein »Nachbau« sozusagen anderweitig bereits erfolgreich laufender Modelle, ohne sich von diesen Vorbildern großartig abzusetzen am Anfang jedenfalls war das so, zu Beginn seiner mittlerweile über 30 Jahre währenden Karriere als »Dämonenhasser« vom Dienst. Um aber nach gut drei Jahrzehnten immer noch unvergessen zu sein und sich ungebrochener Beliebtheit zu erfreuen, unter alten Fans der ersten Stunde und der frühen Jahre wie auch bei Lesern, die seine Abenteuer oft nur aus Flohmarktkäufen kennen, dazu bedarf es dann doch etwas mehr, als nur eine Kopie zu sein.
Wie kam Tony Ballard eigentlich zu seinem Namen? Sein »geistiger Vater« Fritz Tenkrat erinnert sich: »Wieso ich ihn Tony nannte, weiß ich nicht mehr. Auf den Namen Ballard stieß ich bei einem Spaziergang mit meiner Frau. Es war in Wien. In der Taborstraße. Ich weiß es noch ganz genau. Ich warf einen Blick in das Schaufenster einer Buchhandlung und entdeckte das Werk eines Autors namens Ballard. Der Name gefiel mir von der Optik her, deshalb nannte ich meinen Helden so. Allerdings bedachte ich nicht, dass es Schwierigkeiten mit der Aussprache geben würde. Kaum jemand sagt Bällard, wie es richtig wäre, auch ich nicht. Fast alle sagen Ballard mit a. Aber Eigennamen kann ja zum Glück jeder aussprechen, wie er will.«
Aller Anfang ...
... war im Fall von Tony Ballard nicht schwer, sondern unspektakulär: Gruselkost von der Stange, wie sie damals, man schrieb das Jahr 1974, Usus war an den Kiosken und im Zeitschriftenhandel sowie unter den Schulbänken des deutschsprachigen Raums. In Band 47 der »Gespenster-Krimi«-Reihe des Bastei Verlags gab Tony Ballard sein Debüt, erdacht und geschrieben von einem gewissen »A. F. Mortimer«, den damals viele Leser noch für einen Engländer oder Amerikaner gehalten haben dürften. Was er jedoch ebenso wenig war wie etwa sein Kollege »Jason Dark«, der mit seinem Geisterjäger John Sinclair den »Gespenster-Krimi« (GK) im Vorjahr eingeläutet hatte und mit eben diesem Helden fortan die erste so genannte Unterserie innerhalb der Reihe bestritt, der vor allem mit Beginn der achtziger Jahre viele, viele weitere folgen sollten.

In seinem 16. Gruselroman, »Die Höllenbrut«, ließ Tenkrat nun also zum ersten Mal Tony Ballard auftreten, der in dieser Geschichte noch nicht sehr viel mit jenem Dämonenhasser zu tun hatte, der auch heute noch seine treuen Anhänger hat. Das Geschehen wurde in der dritten Person geschildert (später schrieb Tenkrat die Romane in der Ichform), Tony war noch heroisch blond (später dann dunkelhaarig) und Inspektor bei der Polizei in einem (damals noch namenlosen) englischen Dorf; dass es Griddledon hieß, erfuhr der Leser erst viele, viele Jahre und Romane später.
Bei der titelgebenden »Höllenbrut« handelte es sich um sieben Hexen, die der hiesige Hexenhenker Anthony Ballard (ein Vorfahr »unseres« Tonys) im Jahr 1674 am örtlichen Galgenbaum aufknüpfte. Sehr zum Verdruss der Dorfbewohner kehrten die Hexen aber fortan alle 100 Jahre wieder, um sich zu rächen, und so auch 1974 wo sie an den tüchtigen Polizei-Inspektor (und Nachfahren des Hexenhenkers) Tony Ballard gerieten, der ihnen ein für alle Mal den Garaus machte, indem er ihren magischen Lebensstein mit seinem Blut löschte. Und E N D E.
An dieser Stelle wies noch nichts darauf hin, dass es ein Wiedersehen geben könnte und sollte mit Tony Ballard. Noch war er also nicht einmal ein Subserienheld, sondern nur der Protagonist eines einzelnen Gruselheftromans, wie es sie bereits zu Dutzenden gab. Hätte der Autor diese Geschichte so für sich stehen lassen, kein Mensch hätte Tony Ballard eine Träne nachgeweint.
Nichtsdestotrotz war mit diesem Roman der Grundstein für die Serie gelegt, denn einiges von dem, was darin geschah und vorkam, sollte in ihrem weiteren Verlauf noch von Bedeutung sein: Die Bibliothekarin Vicky Bonney blieb treu an Tonys Seite, der Hexenhenker Anthony Ballard kehrte in späteren Jahren allerdings erst aus dem Jenseits zurück und durfte im Diesseits und mithin im Dienst bleiben, vor allem aber brach Tony ein Stück aus dem erloschenen Lebensstein der Hexen und ließ sich daraus seine erste Waffe gegen die Mächte und Abgesandten der Hölle fertigen: einen magischen Ring.

Warum aber durfte Tony Ballard nicht nur ein zweites Mal, sondern in der Folge immer wieder Jagd auf Dämonen etc. machen? Dazu der Autor: »Ich hatte es satt, immer neue Geisterjäger mit neuen Waffen zu erfinden. Vor allem Letztere waren das Problem. Deshalb entschied ich mich für einen Kämpfer gegen die Hölle in allen Romanen.« Allerdings war Tony Ballard nicht der erste »Wiederholungstäter«, den Fritz Tenkrat ins Rennen schickte: Auch seine Figur »Jerry Baker« brachte es im GK auf zwei Auftritte, nämlich in den Bänden 6 (»Mit den Insekten kam das Grauen«) und 16 (»Das Blutgericht der Insekten«); eine Serie war in diesem Fall allerdings nicht angedacht, Jerry Baker musste nur deshalb noch ein zweites Mal ran, weil er in Band 6 offenbar keine ganze Arbeit geleistet hatte und seine Gegner, die »Insekten« aus dem Titel, noch einmal für Angst und Schrecken sorgten.
Tony Ballard war aber nach Rellergerds John Sinclair auch nicht der zweite Unterserienheld innerhalb des GKs, sondern bereits der dritte: Ihm vorausgegangen war »Earl Bumper«, den der Autor Gerhard Hartsch alias »Frank de Lorca« bis dahin viermal zum Einsatz gebracht hatte, beginnend mit Band 3, »Der Turm des Grauens«. Und auch als Dritter in diesem Reigen blieb Tony Ballard nicht lange allein: Ihm dicht auf den Fersen folgte »Frank Connors« (vereinzelt findet man auch die Schreibweise »Conners«), ein weiterer Geisterjäger, den Kurt Maurer (»Bruce Coffin«) in GK #51 (»Die mordenden Monster«) das Licht der Unterserienwelt erblicken ließ; Frank Connors brachte es zwar nicht zur eigenen Serie, hielt aber bis zum Ende des GKs im Jahr 1985 durch und löste über 50 Fälle. Übrigens verließ sich auch Connors auf einen magischen Ring.
Partner fürs Leben

Fraglos eine ebenso simple wie geniale Idee des Autors. Denn diese Partnerschaft ersparte ihm für die Zukunft, mühsam Verbindungen konstruieren zu müssen, via derer sein Geisterjäger von neuen potenziellen Fällen erfährt. Die rund um den Globus reichenden Kontakte Tucker Peckinpahs dienten bei Bedarf als Kanäle, durch die ihm und Tony Ballard entsprechende Informationen zuflossen. Und dank der unerschöpflichen finanziellen Unterstützung, die der Millionär dem nunmehr berufsmäßigen Dämonenjäger angedeihen ließ, musste Tenkrat sich künftig keine Gedanken mehr darum machen, wie sein Held die Miete bezahlt, und auch die Kosten für Flüge in alle Welt etwa, um in aller Herren Länder gegen das Höllengeschmeiß antreten zu können, waren kaum noch der Erwähnung wert.
Mit folgenden Worten besiegelt Tony Ballard seine fundamentale Partnerschaft mit dem schwerreichen Großindustriellen Tucker Peckinpah:
»Abgemacht, Mr. Peckinpah. Ich werde die Welt zu meiner Heimat machen. Und alle Menschen werden meine Brüder sein, denen ich im Kampf gegen die Dämonen beistehen werde, wann immer sie meiner Hilfe bedürfen.«
Darüber hinaus ist die Figur des Tucker Peckinpah aber auch ein Paradebeispiel dafür, was Fritz Tenkrats Meisterschaft im Metier des Heftromans ausmacht: Wie ein Schnellzeichner wirft er seine Figuren mit raschen, groben, aber durchwegs charakteristischen Strichen aufs Papier, beschränkt sie aufs Wesentliche und macht sie dabei doch unverkennbar. So weiß der Leser bis heute im Grunde nur, dass Peckinpah »schwerreich« ist und ein »Großindustrieller«, 60 Jahre alt (bei seinen ersten Auftritten allerdings noch 65) und Zigarrenraucher. Fertig. Denn mehr braucht der Leser nicht über ihn zu wissen, um einem TONY BALLARD-Roman folgen zu können. Einzelne Details, über Peckinpahs genaue Geschäfte in der »Großindustrie« zum Beispiel, fließen allenfalls dann ein, wenn sie einer Geschichte von Nutzen sind. Und selbst dann sind solche Einzelheiten nicht zwingend im Serienkosmos festgeschrieben, weil sie damit ihren Zweck schon erfüllt und ausgedient haben und für weitere Romane im Regelfall nicht mehr von Bedeutung sind.
Wie gesagt, Tucker Peckinpah ist nur ein Beispiel dafür, das erste eben, das auffällt, wenn man sich etwas eingehender mit der Serie und vor allem ihren Anfängen befasst. Aber diesem Muster bleibt der Autor treu, und das sicher nicht, weil er es nicht anders könnte, sondern weil er es nicht anders will, weil es in einem Heftroman, dessen Geschichte sich auf rund 60 Druckseiten entfalten, abspielen und enden muss, nicht anders sein kann, weil dem Autor nur Platz bleibt für das, was für diese eine Geschichte wirklich wichtig ist und für die Geschichten um Tony Ballard ist es eben nicht von Bedeutung, wie lange Tucker Peckinpah morgens in den Spiegel guckt und welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gehen ...
Dennoch sind Tucker Peckinpah & Co. mehr als nur leblose Staffage in der TONY BALLARD-Serie. Denn eben weil es über diese Figuren nicht mehr zu wissen gibt als das Wenige, was der Autor über sie verrät, wirken sie rasch vertraut, glaubt man sie zu kennen, in- und auswendig weil es leicht ist, sich dieses Wenige zu merken, auch über Wochen, die zwischen den einzelnen Romanen liegen, hinweg, und weil der Autor diese Information mit ein, zwei eingeflochtenen Sätzen (und oft auch im stets gleichen Wortlaut) immer wieder auffrischt, ohne den Leser zu langweilen und den Lesefluss ins Stocken zu bringen.
Ebenfalls zugute kam und kommt diesem Effekt, dass Tenkrat in seinen Romanen auf Komparsen verzichtet, wenn es um seine Nebenfiguren geht. Wer mit von der Partie ist, spielt eine tragende Rolle, erfüllt eine bestimmte Funktion. Vor allem später, in der eigenen Serie, nimmt die Zahl dieser Figuren gewaltig zu, was zu eben jenem Abwechslungsreichtum und Facettenreichtum beiträgt, die Tony Ballard von vielen Kollegen abheben sollten.
Bis dahin aber war es Mitte der siebziger Jahre noch ein gutes Stück Weg ...
Vom Lande nach London

Zum einen beschließen Tony Ballard und seine Freundin Vicky Bonney, nach London überzusiedeln, weil die Großstadt natürlich ein günstigerer Ausgangspunkt für eine Dämonenhatz im globalen Rahmen ist als ein kleines Dorf am Ende der Welt; zum anderen schafft sich Tony seinen Colt Diamondback an, den er mit geweihten Silberkugeln lädt, und er kauft sich seinen weißen Peugeot 504; beide sollten ihm fortan treue Dienste leisten und wurden zu Markenzeichen des Helden.
In »Die Feuerbestien« ziehen Tony und Vicky dann in jenes Haus in der Chichester Road im Londoner Stadtteil Paddington, in dem sie bis kurz vor Ende der eigenen Serie leben werden. Ihr Nachbar dort ist Lance Selby, Professor der Parapsychologie, und er ist nach Tucker Peckinpah der Zweite im festen Freundeskreis um Tony Ballard. Auch Lance Selbys Beschreibung stutzte Tenkrat aufs Nötigste zurecht, und gerade in seinem Fall bleibt die ewig gleiche Formulierung im Gedächtnis: Er ist nämlich »ein großer Mann mit gutmütigen Augen und der Andeutung von Tränensäcken darunter«, dessen »Haar an den Schläfen grau zu werden begann«.

Der nächste Fall, »Die Rache des Todesvogels«, führte Tony Ballard in die Südsee, wo er seine gekidnappte Freundin aus den Fängen des Sohnes von Paco Benitez befreien musste, der sich wie sein Vater (in GK #64) in einen Blutgeier verwandeln konnte. Hilfe erhielt Tony dabei von Dr. Frank Esslin, der für die World Health Organization (WHO) arbeitete und als Nächster zum Stammpersonal der Serie stieß. Aufgrund seiner Profession als Experte für Tropenmedizin war es in Zukunft oft Esslin, der Tony auf unheimliche Vorkommnisse an exotischen Orten aufmerksam machte.
Erst einmal, und zwar schon im folgenden Roman, reiste Tony auf Bitten seines neuen Freundes aber »nur« in dessen Heimatstadt New York wo ihn, im GK #95, ein »Fahrstuhl in die Hölle« zwar nicht eben dorthin, dafür aber ins zwölfte Jahrhundert brachte und ihm eine Bekanntschaft bescherte, die sein Leben verändern und seine Serie maßgeblich beeinflussen und mit bestimmen sollte ...
Das »Silver Age«

Fritz Tenkrat tat mit seinem Partner für Tony Ballard einen besonders guten Griff, mehr noch, dieser Partner sollte den Helden später insgeheim wenigstens sogar überflügeln in der Lesergunst und sich zum eigentlichen Star der Serie mausern. Bis dahin allerdings hatte Mr. Silver, »der Hüne mit den Silberhaaren«, noch einen weiten Weg zurückzulegen und eine gehörige Entwicklung zu durchlaufen.
Zunächst nämlich spielte er, der abtrünnige Dämon, der dem Bösen abgeschworen hatte, kaum mehr als die Rolle eines Dieners an der Seite Tony Ballards, nachdem der ihn in der Vergangenheit vor dem sicheren Tod gerettet hatte und beide in Tonys Welt und Zeit zurückgekehrt waren. Ein Umstand übrigens, der symptomatisch scheint für die BALLARD-Serie: Viele der elementaren Bausteine waren zwar von Anfang an vorhanden, aber es dauerte eine Weile, bis wirklich etwas daraus wurde.
Mr. Silver war also ein weiterer solcher Baustein, und rückblickend betrachtet möchte man sagen: Er war das wohl wichtigste Element, das Tenkrat seiner Serie hinzufügte und eine glückliche Fügung mithin, denn eine konkrete Überlegung gab es da offenbar nicht, wie der Autor selbst sagt: »Mr. Silver war einfach ein Geistesblitz von mir. Ich weiß nicht, wie ich auf ihn gekommen bin. Ein Vorbild für den Silbermann gibt es mit Sicherheit nicht.«
Mag der Ex-Dämon zu Beginn auch noch nicht der gewesen sein, der er später sein sollte, so war er aber doch von Anfang an interessant. Zum einen, weil er im Genre etwas ganz Neues darstellte. Und zum anderen machte es Spaß, Mr. Silver kennen zu lernen zusammen mit dem Autor nämlich, der die Figur und ihre übersinnlichen Fähigkeiten peu à peu auslotete und bei Bedarf ausbaute. So stellte sich im Laufe der Zeit heraus, dass Silver aus seinen Augen Feuerlanzen verschießen konnte, mit denen er höllischen Feinden tüchtig Zunder gab, er konnte ein Ektoplasma-Abbild seiner selbst entstehen und andernorts agieren lassen, er konnte seine Körpergröße verändern, er kannte Zauber- und Bannsprüche in der Dämonensprache und er verstand sich auf eher abstrakte Kunststückchen wie etwa weißmagische Impulse, mittels derer er zum Beispiel unsichtbare schwarzmagische Blockaden zertrümmern konnte. Am herausragendsten aber ist freilich seine Gabe, sich ganz oder teilweise in massives Silber verwandeln zu können, ohne dadurch seine Beweglichkeit einzubüßen.

Das »Ur-Team« um Tony Ballard war also (fast) komplett (in GK #112, »Der Geist der Serengeti«, gesellte sich noch der Brillenfabrikant Vladek Rodensky hinzu, ein »polnischer Österreicher«, dessen Funktion vor allem darin bestand, Tony Ballard von Zeit zu Zeit in die Heimat des Autors zu lotsen, wenn dort die Hölle los war), die Weichen waren gestellt. Trotzdem, so recht in Fahrt geraten wollte die Serie noch nicht. Sicher, die meisten Romane waren spannend und boten dem Leser jener Zeit, was er sich davon versprach, aber dieses Gefühl, den nächsten BALLARD-Roman kaum erwarten zu können, das verspürte man in dieser frühen Phase noch nicht. So recht etabliert schien sich Tony Ballard noch nicht zu haben als Serienfigur und nach seinem Auftritt in Band 112 des »Gespenster-Krimis« verschwand der Dämonenhasser auch erst einmal in der Versenkung.
Frischer und munterer

Tony Ballard tat dieser »Zwangsurlaub« jedenfalls gut: Die Romane, die nun folgten, wirkten frischer, origineller, der Autor schien sich wohl zu fühlen im Genre und im Umgang mit seinem Helden. Und es stellte sich eine gewisse Regelmäßigkeit in der Erscheinungsweise ein, auch wenn man den späteren Monatsrhythmus noch nicht erreichte; das beste »Subserienpferd« im GK-Stall hieß 1976 immer noch John Sinclair.
Aber auch mit dem eigentlichen Seriencharakter haperte es noch ein bisschen bei Tony Ballard. Er äußerte sich durch gelegentlich wiederkehrende Gegner, die den Helden also erst einmal entgingen, um ihnen später noch einmal das Leben zur Hölle zu machen. Mitunter gab es am Schluss auch einmal einen Hinweis auf das nächste Abenteuer, so zum Beispiel in GK #236, »Wenn die Zombies kommen«, wo Autor und Held den Leser wissen lassen: »Ich freute mich auf den Heimflug, doch daraus sollte nichts werden, denn ... Vicky Bonney war spurlos verschwunden! Dämonen hatten sie entführt, wie sich erst viel später herausstellen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte ...« Und bisweilen hielt es Tony und Silver auch mal für mehr als nur einen Fall an ein und demselben Ort, weil es dort noch mehr zu tun gab. Dennoch, Zwei- oder Mehrteiler im herkömmlichen Sinne entstanden dadurch nicht, es gab keine Cliffhanger am Ende eines Romans, die Geschichten blieben in sich abgeschlossen.
Der erste Schritt in jene Richtung, die Tony Ballard nehmen und die typisch werden sollte für die Serie, erfolgte trotzdem schon in dieser Phase, nur ließ eben der zweite und deutlich konsequentere danach wieder etwas auf sich warten.
Rufus!

»Die Geißel der Hölle«, das war der Dämon Zodiac, und er gehörte zu denen, die es schafften, einen Roman zu überleben, um in einem weiteren wieder aufzutauchen. Zodiac kehrte in GK #228, »Das Tribunal der Dämonen«, zurück, aber auch da gelang es ihm nicht, mit Tony Ballard und Mr. Silver fertig zu werden allerdings schafften auch sie es im Gegenzug nicht, Zodiac zu erledigen, sondern nur, seine finsteren Pläne zu durchkreuzen. Trotzdem hatte Zodiacs letztes Stündlein geschlagen: Das Tribunal der Dämonen exekutierte den Versager, doch der rief, mit seinem letzten Atemzug, jemanden auf den Plan, der Ballard und Silver lange, lange plagen sollte: Rufus nämlich, den Dämon mit den vielen Gesichtern!

Zunächst war Rufus das Oberhaupt der Dämonensippe von Chicago, die in GK #249, »Die Furie«, jedoch vernichtend geschlagen wurde. Danach trieb Rufus anderweitig sein Unwesen; zwar nicht in jedem BALLARD-Roman, aber doch in vielen, wobei er bisweilen auch nur im Hintergrund die Fäden zog.
Rufus zählt ohne Zweifel zu Fritz Tenkrats besten Schöpfungen, und abermals könnte man von einer genial einfachen Idee sprechen. Rufus ursprüngliche Erscheinung mag zwar nicht sonderlich originell wirken, immerhin, ein Skelett, das eine schwarze Kutte mit hochgeschlagener Kapuze trägt, muss man fast schon zum Standard eines Gruselheftromans der siebziger Jahre zählen, seine grenzenlose Wandlungsfähigkeit allerdings war da schon ein anderes Kaliber: Rufus konnte jede beliebige Gestalt annehmen und seine Gegner mit Abertausenden von falschen Gesichtern täuschen. Der eigentliche Clou aber war ein Trick, mit dem Rufus sich buchstäblich aus jeder Klemme befreien konnte: Sah er nämlich keinen Ausweg mehr, konnte er sich selbst zerstören, um später, wie Phönix aus der Asche, wieder aufzuerstehen. Zu schlagen war er nur, wenn es gelang, ihn zu überraschen und vorher zu vernichten.
Abgesehen davon aber, dass Rufus ein nachgerade »beliebter« Gegner Tony Ballards wurde, war er auch jenes eine Rädchen, das die Serienmaschinerie als solche erst ins Rollen brachte. Sein häufiges Auftreten verknüpfte die Romane enger miteinander, er war eine Figur, deren nächsten Auftritt der Leser mit Spannung erwartete, weil immer die Frage im Raum stand, ob Tony und Silver ihn dann zur Strecke bringen würden. Und er ebnete den Weg für weitere wiederkehrende Gegner wie Atax, Seele des Teufels und Herrscher der Spiegelwelt, oder Phorkys, den Vater der Ungeheuer (eine »Leihgabe« sozusagen aus der griechischen Mythologie).

Der Autor hatte mit diesem offenkundigen Erfolg jedenfalls Grund zur Freude, und diese Freude schien ihn zu beflügeln denn Tony Ballard wurde in der Folge nicht nur noch besser, sondern endlich auch »richtig« zur Serie!
Keiner kann's, wie's »Morland« macht
Es gab keinen Wendepunkt in dem Sinn, keinen bestimmten Roman, über den sich sagen ließ: »Mit dieser Geschichte wurde alles anders.« Denn es wurde ja auch nicht alles anders, nicht schlagartig zumindest. Auch der Autor selbst kann eine solche »Schwelle« innerhalb des »Gespenster-Krimis« nicht festlegen: »Der Seriencharakter ist allmählich gewachsen«, sagt Fritz Tenkrat, ihm seien eben »... immer neue Ideen gekommen, um die Geschichten mehr miteinander zu verzahnen.«
Halbwegs guten Gewissens könnte man vielleicht behaupten, dass sich die Romane, die vor Band 300 erschienen, doch recht deutlich von den danach kommenden unterschieden, in Bezug auf ihren Inhalt, ihre Originalität, ihren Ton. Die Saat, die vor Jahren gelegt worden war, ging in diesen späteren Heften endlich auf, was früher schon angeklungen und aufgeblitzt war, etablierte sich und wurde zu »dem«, was Tony Ballard ausmachte.
Und dazu gehörte sicher auch der Stil des Autors. Natürlich hatte er zu der Zeit bereits zig Heftromane für alle möglichen Genres verfasst, er hatte Routine und seine Schreibe dementsprechend entwickelt, bewusst wird einem das aber eben gerade in den BALLARD-Romanen nach Band 300 des GKs vielleicht deshalb, weil der Stil des Autors zu dieser Zeit seinen Feinschliff erfuhr und seine Entwicklung ihr relatives Ende fand: So und nicht anders schrieb Fritz Tenkrat als »A. F. Morland«. Und es war ein unverkennbarer Stil im Wust jener vielen der damaligen Zeit: knapp, flott, sauber, nie schluderig.
Tenkrat war der »König der kurzen Sätze«, bisweilen konnte man den Eindruck haben, der Verlag hätte gedroht, ihm für jedes Komma ein paar Schilling vom Honorar abzuziehen. Kommas schien er für Schleusen und Dämme im Lesefluss zu halten, den er bevorzugt als Stromschnelle gestaltete. Er sagte mit wenigen Worten alles oder zumindest viel; im Gegenzug konnte er aber auch viele Worte um nichts machen, wenn noch ein paar Zeilen oder Seiten zu schinden waren ... aber auch das ist Teil der Kunst, einen Heftroman zu schreiben, und in Tenkrats BALLARD-Romanen gingen derlei Streckungen nie auf Kosten des Unterhaltungswerts.
»Action statt Atmosphäre«, so könnte man Fritz Tenkrats BALLARD-Motto auf einen Nenner bringen. Wo er mit drei, vier Sätzen und in kurzen Absätzen ruck, zuck zu Werke ging und schon mittendrin war im Geschehen, hätten andere erst einmal eine Seite darauf verwendet, das Setting vorzubereiten was Tenkrat wiederum nebenher macht ... wenn er es überhaupt als wichtig erachtete!
Dass bei so einem »Vollgas«-Stil die Logik, die Plausibilität der Geschichte und die Motivation der schwarzblütigen Gegner schon mal auf der Strecke blieben, das musste man als Leser und Fan von Tony Ballard in Kauf nehmen; nicht immer fand sich beispielsweise eine befriedigende Antwort auf Fragen wie: »Warum hat der Dämon jetzt eigentlich dieses oder jenes angezettelt ...?« Da musste man sich dann auch mal mit einem »Weil die Geschichte sonst keinen Aufhänger hätte!« begnügen...
Andererseits ließ Tenkrat seinen Nebenfiguren bei allem Tempo doch immer genug Raum, um ihnen einen Lebenslauf auf den Leib schreiben zu können weil er wusste, dass der Leser nur dann mit einer Figur litt und nötigenfalls um sie trauerte, wenn er sie »kannte«, wenn sie ihm also glaubhaft und »echt« vorkam. Freilich beschränkte er sich dabei auf die vergleichsweise schlichten Mittel des Mediums Heftroman: Er entwarf keine ausgeklügelten Persönlichkeitsstudien, er griff auch mal auf Klischees und Schablonen zurück, aber er machte es geschickt, auf angenehm zu lesende Weise, er erfüllte die Erwartungshalter seiner Leser. Und all das tat er in diesen Bänden nach »Gespenster-Krimi« Nr. 300 eben besser als je zuvor.
Und besser als je zuvor waren auch seine Ideen und das, was er sich jetzt daraus zu machen traute.
Unverwund- und unsichtbar
Die BALLARD-Romane dieser besten Phase innerhalb des »Gespenster-Krimis« waren also in der Regel rasant und originell man konnte oder musste ihnen aber auch eine gewisse Naivität bescheinigen, eine durchaus reizvolle und vor allem wichtige allerdings, denn auch dieses Element trug entscheidend zur Prägung der Serie bei.
Diese Naivität äußerte sich zum Beispiel darin, dass »Normalsterbliche« in den Geschichten, Menschen wie du und ich also, die durch Zufall oder weshalb auch immer ins Romangeschehen hineingerieten, nicht erst groß davon überzeugt werden mussten, dass es Vampire, Werwölfe, Dämonen und dergleichen tatsächlich gab. Damit entrückte Tenkrat seine Serienwelt der Realität zumindest in diesem Punkt ein gutes Stück, aber dieser »Kniff« tat Not: Schließlich wäre es für alle Beteiligten den Helden, den Autor und den Leser auf Dauer mühsam und ermüdend gewesen, hätten nur Zweifler die Romane bevölkert, die sich dann doch stets eines Besseren belehren lassen mussten.



Tony Ballard wurde nun also in Band 420 mittels einer magischen Formel wieder sichtbar gemacht in Band 429 war er allerdings wieder bzw. immer noch unsichtbar, weil Mr. Silver »Im Niemandsland des Bösen« nach der entsprechenden Zauberformel suchte, wohin er sich mit seiner Freundin Roxane abgesetzt hatte, um sie vor Mago, dem Jäger der abtrünnigen Hexen, in Sicherheit zu bringen, mit dem und dessen Schergen sich Tony derweil in London herumschlug ...
Moment mal ... Roxane, Mago, Schergen ... Bahnhof ...?
Ach so, ja, der Reihe nach ...
Hexenjagd
Es tat sich also eine ganze Menge in dieser Hochphase der BALLARD-Unterserie im »Gespenster-Krimi«. Eine Storyline aber ragte heraus und erwies sich als besonders interessant und dramatisch: Mr. Silvers Suche nach seiner verlorenen Liebe.
Fritz Tenkrat ist ein spontaner Autor, aber er weiß damit umzugehen. Kommt ihm eine tolle Idee, die auf den ersten Blick nicht recht ins Gefüge passen will, dann wird's eben passend gemacht. So ähnlich zumindest dürfte es sich mit seiner Idee zu der Figur Roxane verhalten haben, einer Hexe, mit der Silver verbandelt war, bevor er Tony Ballard kennen lernte, und die, wie er, dem Bösen entsagt hatte und deshalb ständig auf der Flucht war; mehr noch, der Ex-Dämon wähnte seine große Liebe von einst längst tot.

Was einen A. F. Morland indes nicht störte, und auch den Leser kümmerte diese Plötzlichkeit nicht, mit der hier eine neue Figur quasi aus dem Ärmel gezaubert wurde, denn immerhin wurde sie behutsam und spannend eingeführt; von ihrer ersten Erwähnung in Band 326, wo sie Silver schriftlich vor einer Gefahr warnt, bis zu ihrem ersten tatsächlichen Auftauchen und Verbleib in der Serie in GK #406, »Das Trio des Satans«, vergingen immerhin über anderthalb Jahre (und elf BALLARD-Romane).
Roxane erwies sich als weiterer »Joker« in Tenkrats methodischem Spiel: Die Hexe aus dem Jenseits, wie er sie nannte, konnte nämlich zwischen den Dimensionen hin- und herpendeln, und von diesen Ausflügen brachte sie oft Informationen über nahende Gefahren mit. Damit bot sie dem Autor eine weitere Möglichkeit, seine(n) Helden zu aktivieren, ohne sie anderweitig ins Bild setzen zu müssen.
Aber: Roxane kam nicht allein. Sie stand nämlich ganz oben auf der Abschussliste von Mago, dem Schwarzmagier und Jäger der abtrünnigen Hexen, und der spürte sie natürlich auch in ihrer neuen Heimat London auf. In den Bänden 420 und 429 erfolgte die erste Konfrontation mit Mago und seinen Schergen durch die vertauschte Reihenfolge dieser beiden Romane kam aber leider eher Verwirrung als Spannung auf,
Das Ballard-Team schien mit Roxane also um eine Person gewachsen zu sein nur ist A. F. Morland kein Autor, der Gnade vor seinen eigenen Schöpfungen kennt ...
Ein Ex-Dämon trägt Trauer

Nun hätte man als happyend-gewöhnter Leser meinen mögen, dass die Mission gelingt und der Dämonenhasser und die schöne Hexe aus dem Jenseits am Ende des Romans mit dem Heilkraut zurückkehren und Silver retten aber damit hätte man nur zur Hälfte Recht gehabt: Ja, Tony kehrte zurück, und er hatte das Kraut dabei, das Silvers Rettung bedeutete Roxane allerdings wurde von der Teufelsschlange Tingo gefressen!
Drei Romane lang hatte Mr. Silver Zeit, diese Schreckensnachricht zu verdauen und seiner nun abermals verlorenen Liebsten nachzuweinen. Und der Autor kostete es aus, den Leser mit dem Ex-Dämon trauern zu lassen bis er mit dem ersten Satz von Band 470, »Die Teufelsschlange«, zum Überraschungsschlag ausholte und verkündete: »Roxane lebt!«
Und weiter: »Die Totgeglaubte befindet sich im Labyrinth der Dämonenschlange Tingo. Das Untier, dem sie geopfert wurde, hat ihr noch eine Galgenfrist eingeräumt. Aber in der Nacht des schwarzen Mondes ist es soweit. In dieser Nacht muß Roxane sterben. Unwiderruflich. Die Hexe aus dem Jenseits weiß, daß ihre Stunden gezählt sind ...«
Ganz so unwiderruflich war's dann doch nicht, denn zum zweiten Mal schlug Tenkrat nicht in dieselbe Kerbe. Roxane wurde also gerettet, am Ende waren alle wieder glücklich vereint, und der Leser durfte gespannt sein, was sich der Autor als Nächstes einfallen lassen würde, denn justament waren alle bis dato losen Fäden verknüpft.
Und seltsamerweise (und zur Enttäuschung des nun doch schon etwas verwöhnten Lesers) blieb das erst einmal auch so.
Alles auf Anfang?

Besagtes Abenteuer erlebte der Dämonenhasser dann also im ersten Band seiner eigenen Serie, »Wenn sie aus den Gräbern steigen«, erschienen am 1. Oktober 1982.
»Aber das ist«, um dieses Zitat abschließend noch einmal zu bemühen, »eine andere Geschichte ...«, und die soll ein andermal erzählt werden...
...und zwar hier: Fritz Tenkrat's Tony Ballard (Die Hefte 1974 - 1990) - 2.Teil: bis die Hölle starb ...