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Storylebenslang

Gestern starb ich. Ich konnte ohne Schlaftabletten längst nicht mehr schlafen, gestern hatte ich eine besonders große Menge von ihnen eingenommen, da ich unruhig gewesen war, aufgekratzt, dann legte ich mich nieder, das Tageslicht war schon schwach, es war Ende November. Ich versuchte an etwas Schönes zu denken, Erlebnisse mit Frauen, ausgedachte oder wirklich stattgefunden habende, Kinder mit denen ich Späße machte, meinen eigenen, als sie noch klein waren, und anderen, die so positiv eingestellt waren, je jünger desto gutgläubiger, aber die Bilder blieben schwarz und weiß und blass, und Nebel hing in ihnen.

Ich weiß nicht, wie es passierte. Die Dosis war wohl zu hoch, Kreislaufzusammenbruch, Herzinfarkt, ich spürte einen scharfen Stich in der Brust, wie von einem Messer, das von innen nach außen dringt, ein paar Momente aber nur, dann war ich dahin. Mein irdisches Leben endete. Es machte mir nichts aus. Ich hatte so viele Dinge erlebt, schlechte und gute, dass es für drei, vier Leben gereicht hätte. Ich war auch fast neunundvierzig. Es war an der Zeit, etwas Neues zu erleben.

Fünf Sekunden nach dem Tod. Ich habe mich von meinem Körper gelöst, aber ich bin an keinem anderen Ort, ich bin in meinem Schlafzimmer, sehe mich selbst daliegen, halboffen die Augen, doch ich kann nicht eingreifen. Ich bin eine Art Geist. Auch nach weiteren drei Minuten hat sich nichts geändert. Woher ich die Zeit weiß? Von der Wanduhr. Warum sie für mich als Toten gilt? Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung. Ich beschreibe nur, was los ist. Ich stelle fest, ich fühle, dass ich nicht mehr traurig bin, ich bin aber auch nicht fröhlich oder glücklich. Ich bin weder das eine noch das andere, in mir regt sich nichts, ich bin gar nichts. Ich bin, wer früher, vor seinem Tod, ein Mensch war. Fühle ich mich befreit von den Schatten, den Schatten, den Schatten in meinem Geist überall? Nein, denn ich fühle ja nichts. Ich halte meinen derzeitigen Aufenthaltsort für ein Zwischenreich, das klingt etwas prosaisch, doch dieser Ausdruck trifft es am ehesten. Es ist definitiv nicht der Himmel, es wirkt aber auch nicht wie die Hölle – ganz unterschreiben kann ich das jetzt aber noch nicht, es scheint wie das Fegefeuer ohne Feuer.

Ich bin nicht religiös. Wäre ich es, wäre ich dann woanders? Hätten mich Engel begrüßt und zu Petrus gebracht, an die Pforte des Himmelreichs? Nein, das glaube ich nicht. Wenn, dann käme es darauf an, wie viel Gutes und Schlechtes man getan hat. Wohin neigt sich die Lebenswaage, qualifiziert sie jemanden für den Himmel, oder wird er in die Hölle verwiesen? So gesehen, müsste ich im Plus sein, ich gab mir stets Mühe.

Die meisten wollen leben, so lang wie irgend möglich. Sind vierundneunzig, sehen fast nichts, sind praktisch taub, oder im Rollstuhl, ans Bett gefesselt, vom Krebs zerfressen, mit künstlichem Darmausgang, den Magen entfernt, alles an ihrem Leben ist schlecht, doch sterben wollen sie nicht. Sie haben Angst vor dem Tod. Wenn ganz am Schluss schreckliche Schmerzen kommen, dann ziehen sie ihn öfters doch vor, sehnen ihn manchmal geradezu herbei. Ich kann für mich sagen: Der Tod ist nicht so schlimm. Aber womöglich bin ich noch nicht lang genug tot, um das beurteilen zu können, denn ich weiß – die Reise geht weiter. Und vielleicht ist das Sterben auch für jeden anders, und die Zeit danach.

Ich halte mich in dem Raum auf, in dem ich gestorben bin. Ich verlasse ihn nicht. Warum nicht? Es besteht dazu keine Notwenigkeit. Kann ich denn das Schlafzimmer verlassen? Ich weiß nicht, ich versuche es gar nicht. Es steht nicht zur Diskussion. Ich würde mich als Teil des Bildes bezeichnen, wie beispielsweise die Bettdecke, doch würde jemand das Schlafzimmer fotografieren, schiene ich auf dem Foto nicht auf. Ich bin jenseits der Physik. Kann es sein, dass ich ein Untoter bin, ein Wiedergänger? Dann würde ich um Mitternacht zum toten Leben erwachen oder erweckt werden, von wo kommt dort der Antrieb? Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist. Aber mit Sicherheit kann ich es erst ausschließen, wenn Stunden- und Minutenzeiger der Wanduhr sich überdeckend aufwärtszeigen, und dann bei mir nichts in Gang gesetzt wird. Bis dahin ist noch Zeit.

Mir ist nicht langweilig. Wäre ich noch am Leben, wäre mir wahrscheinlich langweilig, doch das bin ich ja nicht. Anders ist die Ewigkeit auch garantiert nicht ertragbar. Noch immer messe ich mit menschlichem Maß. Das ist wohl nicht mehr angebracht. Auf jeden Fall bin ich hier alleine. Wenn man von meinem Körper absieht, aber der ist ja tot. Ich meine damit, dass ich mit niemandem kommunizieren kann. Ich, wer bin ich denn? Bin ich die unsterbliche Seele? Das wird sich erst erweisen. Momentan bin ich sicherlich der Geistesinhalt meines Leichnams. Ich erinnere mich, ich kann kombinieren, das Gehirn indes steckt im Kopf des Toten, im toten Kopf, doch das ist nicht entscheidend, was ist wichtiger, die Festplatte oder die auf ihr gespeicherten Daten? Ich bin mit meinem Leichnam nicht mehr verbunden, doch ich führe seine Gedanken weiter? Halt! Stimmt das denn? Nein, eigentlich ist es anders: Die Gedanken des Toten sind abgeschlossen, und ich als sein Nachfolger hege meine eigenen Gedanken. Generell: Die Leiche, ich, das Schlafzimmer, wir befinden uns in einem statischen Zustand. Es tut sich nichts. Ich, als Einziger, der denken kann, warte darauf, dass etwas passiert. Bestimmt wird mein toter Körper gefunden werden, irgendwann, aber wann? Ich als Mensch, Konrad Edlinger, lebte zurückgezogen, ich hatte schon lange keinen Besuch mehr, keiner war angekündigt, die Wohnung gehörte mir, also würde kein Vermieter auftauchen, zu meinen beiden Ex-Frauen hatte ich den Kontakt abgebrochen, bleiben die Kinder, das erwachsene Mädchen, der erwachsene Bub, sie würden mich finden, beziehungsweise würden sie veranlassen, dass die Wohnung geöffnet werden würde – in der ich als vergammelte Leiche liege, läge.

Für meinen Körper ist alles vorbei, ich als Geist stehe erst am Anfang, denn so bleiben, wie es ist, wird es nicht, das spüre ich, obwohl ich nichts spüre. Gespannt auf die Zukunft, meine Zukunft, müsste ich daher sein, aber Spannung, Erwartungshaltung, Hoffnung, das sind Begriffe, die für Menschen gelten, und Mensch bin ich keiner mehr.

Das Schlafzimmer hat ein Fenster. Ein gelber Vorhang ist vorgezogen. Dahinter liegt ein kurzes Stück Wiese, daran schließt ein Wald an. Als mein Körper den Vorhang zuzog, waren die Wiese und der Wald noch zu erkennen. Jetzt sehe ich draußen die Konturen von Bäumen, die der Mond bescheint. Wie kann das sein?, frage ich mich. Das Bild, das sich beim Zuziehen des Vorhangs zeigte, liegt in der Erinnerung meines Körpers, meines Menschen. Aber wie entsteht das jetzige Bild? Ich sehe es? Habe ich denn Augen? Nein, keine Augen. Wie konnte ich dann meinen Körper sehen? Ich kann es mir nur solcherart vorstellen: Die Augen sind das Bindeglied zum Erkennen. Ich nun bin reines Denken, reiner Geist, reines Erkennen. Ich brauche keine Augen, um zu sehen. Doch jetzt die zweite Frage: Um aus dem Fenster zu blicken, hätte ich mich bewegen müssen, das tat ich aber nicht. Vielleicht griff ich auf einen vergangenen Eindruck zurück. Es kann so sein, muss es aber nicht. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Oder vielmehr besteht eine andere Möglichkeit: Ich bin überall zugleich. Warum denn nicht. Das könnte die Lösung sein. Ich bin ja körperlos. Aber Gott bin ich darum keiner. Ich könnte einen Gott gebrauchen, dass er mich herausführt von hier und mir eine stabile Existenz verleiht. Denn hier ändert sich meine Lage, kaum merklich, unmerklich, schleichend, aber sie tut es gewiss.

Ich erinnere mich an meine zwei großen Lieben, die beide große Enttäuschungen wurden. Der Vorname meiner ersten Frau beginnt mit A, aber wie geht er weiter? Und meine spätere zweite Frau, wir lernten uns im Oktober kennen, in einer Bar, aber wie hieß die nur gleich?

Da merke ich es, jetzt fällt es mir auf, mir wird bewusst, es ist auch nicht zu übersehen, dass ich vergesse. Ein Geist, der vergisst, löst sich auf. Ich löse mich auf. Ich verschwinde. Jetzt erst bin ich wirklich tot.

Rotes-Kreuz-Lampe

Zum Autor
Bright Angel (Pseudonym) wurde Mitte der 1960er Jahre in Kärnten geboren. Er ist ein unsteter Geist und ein rollender Stein. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele und fotografiert. Er veröffentlichte Lyrik, Kurzprosa und Fotos in Zeitschriften und Anthologien und bei „Erozuna“, „Zukunftia“, „Gangway“ und „zugetextet.com“ im Internet.

Veröffentlichungen:

  • Gedichte in „Driesch“, Nr. 5  im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 27 im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „TrokkenPresse“, Nr. 5 im Jahr 2011.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 2 im Jahr 2012.
  • Gedichte in und Gedicht auf „Brückenschlag“, Band 28 im Jahr 2012.
  • Miniaturen in „WORTSCHAU“, Nr. 17 im November des Jahres 2012.
  • Gedichte in „Spring ins Feld“, 13. Ausgabe, Dezember des Jahres 2012.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 29 im Jahr 2013.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 3 im Jahr 2013.
  • Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 59, 09/2013.
  • Kurzgeschichte in der Anthologie „Mein heimliches Auge, Das Jahrbuch der Erotik XXVIII“ vom konkursbuch Verlag
  • Claudia Gehrke im Jahr 2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 60, 12/2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 61, 04/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 62, 08/2014.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 63, 11/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 64, 04/2015.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 67, 04/2016.

Kommentare  

#1 VM 2019-02-02 05:00
Hat mir sehr gut gefallen. Sehr gewissenhaft verfasst.
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