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Eine dreiviertel Stunde - Eine Kurzgeschichte

StoryEine dreiviertel Stunde
Eine Kurzgeschichte

Er hatte sich über sie informiert, denn sie war es, die er wollte. Sie, und nur sie. Er kannte sie vom Fernsehen, aus Videos, von Illustrierten, von Paparazzi-Fotos. Er wusste sogar von den weißen Stellen an ihrem makellosen Körper. Seit 20 Jahren schon, als ihre Karriere als Model eben begonnen hatte, war er ihr verfallen. Sie war Französin, 1,68 Meter groß, mit Jungmädchen-Charme. In seinen Träumen schenkte sie ihm ihr Herz und ihren Körper. Er rettete sie vor Gefahren, woraufhin sie ihn dankbar anlächelte. Er sammelte alles über sie.

Er hatte ihre private Email-Adresse herausbekommen. Er sandte ihr zumindest ein Mail pro Woche. Er erzählte ihr von seinen Erlebnissen und machte ihr Komplimente über ihre Schönheit. Sie antwortete nie, aber das war auch gar nicht nötig. Sie war schließlich seine Auserwählte. Sie vertraute ihm sicherlich, denn er breitete sein Leben vor ihr aus. Ohne Zweifel würde sie das schätzen. Er hängte an seine Mails Liebesgedichte an, die er für sie verfasst hatte, von Sonne, Mond und Sternen, von unbekannten Wegen, die sie beide Hand in Hand beschreiten würden.

Er war ein gutaussehender Mann, Mitte 40, der solch eine Fernbeziehung eigentlich gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Wenn sie nur nicht seine Liebste gewesen wäre! Er war ein erfolgreicher Sales Manager, verhandelte zehn Millionen Euro pro Jahr aus und verdiente dementsprechend gut. Wenn er ins Puff ging, suchte er meist Mädchen, die aussahen wie seine süße Französin, aus. Ihm war klar, dass sie ihm nicht treu war. Sie hatte einfach zu viel Gelegenheit für Sex, und sie musste auch ihr Image pflegen, um regelmäßig in den Klatschspalten aufzutauchen. Vielleicht wollte sie ja auf seine Mails reagieren, aber ihr fehlte einfach der Mut dazu. Er hatte schon längst ihre Seele berührt und sei unauslöschlich in ihrem Gedächtnis verhaftet, dessen war er sich sicher. Er war nie eine fixe Partnerschaft eingegangen, da er ständig auf sie gewartet hatte, darauf, dass eine ihrer Beziehungen abrupt in die Brüche gegangen wäre. Er wäre dann ihr Seelentröster gewesen. In seinen Armen würde sie sich schwach fühlen, und ganz als Frau.

Was ihn störte, war, als sie von einem Ex-Lover aufs Gröbste verunglimpft wurde. Er hatte sie als Flittchen bezeichnet, er meinte, sie sei von mehr Männern bestiegen worden als der Eifelturm. Der Mann wollte nur Geld aus dem Artikel schlagen. Er war ein Kiss and Tell-Boy, die Briten würden sagen: “He is a rat.“ Der Bursche war tatsächlich Brite. Mit Briten hatte er soundso nichts am Hut, diese käsebleichen, teils gewalttätigen Pfannkuchengesichter. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Wurm für seine Taten wohl gerichtet werden würde.

Er verfolgte aufmerksam ihren Lebensweg, googelte sie täglich. Er fand ihre Adresse in einem Forumsbeitrag. So machte er ihr kleine Geschenke, Ohrringe mit Swarowski-Steinen, seltenen Briefmarken, exquisiten Nagellacks. Er hatte sie in einem Brief gebeten, sich die Zehennägel zu lackieren und ihm ein Foto ihrer Füße zu senden. Bislang hatte sie dies nicht getan, doch irgendwann würde sie seinem Drängen nachgeben. Sie würde in seine Arme fallen, sie würden ein Tuch aufspannen in der Blumenwiese, und sie würden sich lieben. Hinterher würde sie ihm Schwüre ins Ohr flüstern. Keine Frau konnte ihm geben, wozu sie imstande war.

Sie war die Gebieterin seines Herzens. Derart kitschig und
sentimental sms-te er es ihr – SMS, da sie nicht bei WhatsApp war. Er verfolgte sie nicht, aber er sei bereit, wenn sie nach ihm verlange. Wenn sein Handy durch ein Doppelpiepsen ein SMS ankündigte, vermochte es von ihr zu sein, deshalb schaltete er nie sein Handy aus und hatte es ständig bei sich. Sie war erst 37. Sie könnten noch Kinder zeugen, die sie gemeinsam aufziehen würden.

Einmal war er ihr begegnet, vor ihrem Haus, als sie gerade vom Einkaufen, beladen mit Tüten, heimkam. „Hallo, ich bin´s, dein Gio“, hatte er zu ihr gesagt, „Freust du dich, mich zu sehen?“ „Hau ab, du Irrer!“, hatte sie entgegnet, doch das hatte sie gewiss nicht so gemeint. Es war vielmehr ein Ausruf der Verwunderung gewesen. Ihr Herzblatt stand nun vor ihr. Sie hatte sich nur nicht getraut, es zuzugeben.

 „Hallo. Hast du Zeit? Treffen wir uns beim Inder?“, lautet sein nächstes SMS in der darauffolgenden Woche an sie. Er hielt es für angebracht, jetzt einen amikaleren Ton anzuschlagen. Er ging wirklich zum Inder, trank ein Mango-Lassi und wartete eine dreiviertel Stunde auf sie, doch sie tauchte nicht auf. Stattdessen setzte sich eine Gruppe hübscher Mädchen an den Nebentisch, die ihn vorsichtig taxierte. Er spazierte leicht bedrückt nach Hause. Mag sein, dass sie ihr Handy ausgeschaltet hatte, sie seine Nachricht deshalb noch nicht erreicht hatte.

Seine herzallerliebste Französin lebte mit drei Katzen in einer geräumigen Villa im Nobelviertel der Stadt, in der auch er wohnte. Er war wegen ihr hierhergezogen, hatte mit Glück nearby den guten Job gefunden, den er ausübte. Es mussten ihre Katzen sein, die sie so in Beschlag nahmen, die sie so verwirrten, dass sie ihren Gefühlen nicht Ausdruck verleihen vermochte. Er erlöste sie von dieser Plage, indem er eine ihrer Katzen einfing, sie ausweidete, anschließend ausstopfte. Er legte den Kadaver vor ihre Haustür. Den Brustkorb des toten Tieres hatte er aufgeschlitzt und eine Nachricht hineingesteckt: „Wenn ich sterbe, komme ich in den Himmel. In der Hölle bin ich mein ganzes Leben schon gewesen. Dein Gio.“

Würde sie sich über sein Präsent freuen? Die Ungewissheit nagte an ihm. Würde sie wohl seine Aktion als Liebesbeweis sehen? Sein Handy blieb still. Wann würde sie sich melden? Sollte er ihr etwa das letzte Glied seines kleinen Fingers der linken Hand senden, als Beweis seiner Opferbereitschaft?

Er ließ sich ihr Konterfei farbig in den Rücken stechen und übermittelte ihr das Foto als MMS. Der Geschäftsführer seiner Firma bemäkelte in letzter Zeit manchmal seine fehlende Konzentrationsbereitschaft. Er scheine andere Dinge im Kopf zu haben, meinte er zu ihm.

Würde er seine große Liebe aufgeben müssen, sich gar einen neuen Job woanders suchen müssen? Undenkbar! Er musste in ihrer Nähe sein. Er würde sich mit Benzin übergießen, das anzünden und lichterloh vor ihrem Angesicht verbrennen, wenn sie das von ihm verlangt hätte.

Als er ein paar Tage später im herzförmigen Whirlpool, der ihr so sehr zusagen würde, ein Bad nahm, studierte er die Zeitung. Auf Seite Sieben sah sie ihn mit unschuldigem Blick an, die kleinen Brüste züchtig bedeckt. So sah er sie am liebsten. Hatte sie seine Gedanken erraten? Wonne durchströmte seinen Körper. Sie hatte ihm ein Zeichen gegeben! Nachdem er sich abgetrocknet hatte, setzte er sich auf die Wohnzimmercouch, platzierte den Laptop auf dem Tischchen und schrieb ihr ein Mail:

„Stell dir vor, meine Blume, wir hätten einen gemeinsamen Sohn. Er würde wie ein kleiner Stern auf dem Gepäcksträger meines Fahrrades mit mir mitfahren. Er würde auf und ab hüpfen, weil er ja noch so leicht sei. Ich würde dich und ihn beschützen, und ihr wäret vor Unheil verschont. In Liebe, dein Gio.“

Eine verheißungsvolle Nachricht für das Mädchen der Sterne. Durch die Sichel des goldenen Mondes würde er fliegen, um zu ihr zu gelangen.

Sie alterten gemeinsam, blieben Vertraute durch all die Jahre. Täglich aß er ihr Herz. Er liebte sie doch so.


Rote Lichter zu Einbruch der Nacht


Zum Autor

Bright Angel (Pseudonym) wurde Mitte der 1960er Jahre in Kärnten geboren. Er ist ein unsteter Geist und ein rollender Stein. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele und fotografiert. Er veröffentlichte Lyrik, Kurzprosa und Fotos in Zeitschriften und Anthologien und bei „Erozuna“, „Zukunftia“, „Gangway“ und „zugetextet.com“ im Internet.

Veröffentlichungen:

  • Gedichte in „Driesch“, Nr. 5  im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 27 im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „TrokkenPresse“, Nr. 5 im Jahr 2011.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 2 im Jahr 2012.
  • Gedichte in und Gedicht auf „Brückenschlag“, Band 28 im Jahr 2012.
  • Miniaturen in „WORTSCHAU“, Nr. 17 im November des Jahres 2012.
  • Gedichte in „Spring ins Feld“, 13. Ausgabe, Dezember des Jahres 2012.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 29 im Jahr 2013.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 3 im Jahr 2013.
  • Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 59, 09/2013.
  • Kurzgeschichte in der Anthologie „Mein heimliches Auge, Das Jahrbuch der Erotik XXVIII“ vom konkursbuch Verlag
  • Claudia Gehrke im Jahr 2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 60, 12/2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 61, 04/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 62, 08/2014.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 63, 11/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 64, 04/2015.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 67, 04/2016.

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