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Wie neu geboren - Teil 4

StoryWie neu geboren
(Teil 4)

„Wir stehen dicht vor dem Kulminationspunkt“, sagte Lydia Schwerdtfeger im Büro des Klinikleiters. „Herr Richter hat sich da ein ziemlich stabiles Ideenkonstrukt errichtet, das zumindest in Teilen auf Fakten baut. Bisher habe ich noch keinen aussichtsreichen Ansatzpunkt gefunden, um einen Heilungsprozess einzuleiten.“ Dr. Franck nickte. „Halten Sie ihn für ebenso gefährlich wie Professor Berghammer in seinem Gutachten?“

„Ich möchte mir noch kein abschließendes Urteil erlauben. Aber ich wäre überrascht, wenn er seine Rechtfertigung für die Tat nicht energisch verteidigen würde.“

Der Pfleger, der Manfred Richter ins Sprechzimmer begleitet hatte, rückte sich einen Stuhl zurecht, als Lydia ihr Aufnahmegerät einschaltete. „Lassen Sie uns fortfahren, Herr Richter. Sie kamen also aus Passau zurück. Und was geschah dann?“

* * *

Als ich am nächsten Morgen zu Hause ankam, zeigte mein Anrufbeantworter zwei neue Nachrichten an. In der ersten Nachricht vom Freitag nachmittag erzählte mir Hartwig, dass er die letzte Woche am Hallstätter See in Oberösterreich verbracht hatte. Die letzten Abschnitt der “Übungen” bezogen sich mehrfach auf ein paar eng beschriebene Notizbücher, und dort war es ihm schließlich gelungen, sie zu erhalten. Die größte Hürde bestand nach Hartwigs Worten darin, dass der ursprünglich angegebene “Bewahrer” nicht mehr lebte; so war es zuerst ein Problem gewesen, das Vertrauen seines Sohnes zu gewinnen, der sie seither aufbewahrt hatte. Aber nachdem Hartwig sich mit ein paar Zitaten als Berechtigter ausgewiesen hatte, war der alte Mann unvermittelt sehr hilfsbereit geworden ... gerade so, als wäre er froh, sich endlich von der Verpflichtung seines Vaters befreien zu können. Er wusste selbst nicht genau, wie lange sein Vater die Unterlagen schon für diesen Tag aufbewahrt hatte – für den Tag, an dem ein ernsthafter Student der “Übungen” erscheinen würde, um sie einzufordern. Jemand wie Hartwig.

Zum Zeitpunkt des Anrufs war Hartwig noch nicht über die ersten Seiten des ersten Notizbuchs hinausgekommen. Trotzdem war er sich jetzt schon sicher, dass er vor einer umwälzenden Entdeckung stand; einer Entdeckung, die sein Leben vollkommen verändern und einen neuen Menschen aus ihm machen würde.

Meine schlimmsten Befürchtungen sollten sich offenbar bewahrheiten; im Gegensatz zu Hartwig wusste ich ja recht gut, was für einen “neuen Menschen” Rudolf Scheller mit seinem Programm erschaffen wollte. Entgegen aller Vernunft hoffte ich, die Grundlagen der Persönlichkeit meines Freundes noch retten zu können. Aber es musste schnell gehen.

Bevor ich losfuhr, rief ich schnell noch die zweite Nachricht ab. Sie stammte ebenfalls von Hartwig, allerdings aus der Nacht von Samstag auf Sonntag, und ich erkannte seine Stimme kaum wieder. Hartwig stammelte, er befände sich in einem traumähnlichen Zustand. Sein ganzes Leben erschien ihm plötzlich unwirklich ... das einzig Reale war Hier und Jetzt, und in seinem Gedächtnis taten sich seltsame Lücken auf. Er konnte sich nicht mehr deutlich an seinen Vater oder seine Mutter erinnern, ihre Namen und Gesichter; an ihrer Stelle erschienen ihm immer wieder die zwei Menschen auf der Schwarzweiß-Fotografie, also die Eltern Rudolf Schellers. Hartwig beschrieb den unheimlichen Zwang, unter dem er stand und der ihn nötigte, die Notizbücher zu Ende zu lesen. Es kostete ihn alle seine Willenskraft, wenigstens für die Dauer dieses Anrufs mit dem Lesen aufzuhören. Er fand keine Worte, um zu beschreiben, was gerade mit ihm geschah – und vielleicht gibt es in unserer Sprache, in unserem gesamten Denken kein Konzept dafür. Das Manuskript hatte ihm wesensfremde Verhaltensmuster - “eine neue Art zu denken” – einprogrammiert; jetzt erfolgte ein Austausch von Hartwigs Erinnerungen gegen das, was in den Tagebüchern niedergeschrieben worden war. Hartwigs Erinnerungen, sein Leben – sein Ich! - verblassten, wurden Schritt für Schritt, Wort für Wort ausgelöscht und ersetzt durch das, was ein todkranker Mann vor mehr als sechzig Jahren niedergeschrieben hatte. Am Ende dieses Prozesses würde von Hartwig Ehrlicher nur noch eine Erinnerung in den Köpfen seiner Freunde und Bekannten bleiben. Und wer oder was sollte in seinem Körper an seine Stelle treten?

Ein Vergleich aus der Welt der Computer schoss mir durch den Kopf: die „Übungen“ waren ein Installationsprogramm, geschrieben, um ein menschliches Gehirn in den notwendigen aufnahmebereiten Zustand zu versetzen, in dem dann der Inhalt dieser verfluchten Bücher – die Lebenserinnerungen eines Toten! – alles, was vorher war, überschreiben konnte. Nach der Philosophie Schellers, so wie sein ehemaliger Assistent sie mir beschrieben hatte, war damit das Ziel der Wiedergeburt so gut wie erreicht.

Aber alles das, was meinen Freund Hartwig ausgemacht hatte, war dafür ausgelöscht worden. Oder würde ausgelöscht werden, wenn ich ihn nicht sofort mit Gewalt von diesen entsetzlichen Büchern wegreißen konnte!
 

* * *
Ich stand im zweiten Stock vor Hartwigs Wohnungstür und klingelte, aber vergebens. Während ich in meinen Jackentaschen nach dem Zweitschlüssel, suchte den er mir dagelassen hatte, hörte ich jemanden die Treppe hoch kommen., und dann fragte Hartwig Ehrlichers Stimme: "Wollen Sie zu mir?" Hartwig Ehrlicher, mit dem ich seit Jahren befreundet war, stand hinter mir - und erkannte  mich nicht.

Ich kann Ihnen das Entsetzen kaum beschreiben, das mich in diesem Moment überfiel. Das war ohne jeden Zweifel Hartwigs Körper, auch die Kleidungsstücke kannte ich genau, und die ganze Körperhaltung sagte mir: “Das ist Hartwig - oder jedenfalls der neue Hartwig.” Aber in seinen Augen fand ich nicht die geringste Spur von Hartwigs freundlichem und einnehmendem Wesen wieder. Sein letzter Anruf hätte mich besser darauf vorbereiten sollen, aber ich hatte es einfach nicht für möglich gehalten; von etwas Unglaublichem zu lesen ist eines, aber es mit eigenen Augen zu sehen etwas ganz anderes.

Doch hier, von Angesicht zu Angesicht, wurde mir klar, dass jemand oder etwas vollkommen Fremdes den Körper meines Freundes beherrschte. Den Körper, der jetzt seinen Kopf etwas schräg hielt und mich anschaute, um dann die Frage zu wiederholen: “Wollen Sie zu mir?”

Zuerst war ich sprachlos. Dann wurde mir blitzartig klar, dass mein Leben von meiner Reaktion abhängen konnte. Wenn das alles stimmte – wenn der Körper vor mir tatsächlich von einer Rekonstruktion der Persönlichkeit Rudolf Schellers beherrscht wurde und wenn ich mir anmerken ließ, dass ich einen Verdacht hatte - dann würde er mich ohne zu zögern umbringen, um sein Geheimnis zu wahren. Also breitete ich die Arme aus und sagte: “Hartwig, mein Alter! Ich bin’s, Manfred. Sag jetzt nicht, dass der neue Haarschnitt mich derart verändert hat!”

Einen Augenblick lang musterten mich diese fremden, vertrauten Augen von oben bis unten. Dann antwortete mir das Ding mit Hartwigs Stimme: “So eine Überraschung, Manfred. Ich habe dich doch tatsächlich nicht wiedererkannt. Nimm es mir nicht übel, wenn ich das so sage - aber dieser neue Schnitt steht dir wirklich nicht sehr gut.” Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: “Du musst wissen - ich war in der vergangenen Woche sehr beschäftigt. Und in den letzten Tagen wahrscheinlich auch ziemlich überspannt ...”

Ich erinnerte mich daran, dass Hartwig zu Beginn der “Übungen” eine schriftliche Inventur seines bisherigen Lebens anlegen musste. Der wirkliche Sinn wurde mir jetzt klar: diese Inventur war eine Gebrauchsanweisung für Scheller, um in den ersten Tagen seiner Eingewöhnung in einem neuen Körper und in einer neuen Zeit nicht zu sehr aufzufallen.


Meine Unterhaltung mit dem Ding in Hartwigs Körper war wie ein Schachspiel mit Worten. Ich versuchte, unauffällig Beweise zu finden dafür, dass die Persönlichkeit meines Freundes durch eine Rekonstruktion von Rudolf Scheller ersetzt worden war; mein Gegenüber bemühte sich, das Ausmaß meiner Nachforschungen zu erkennen und festzustellen, ob ich den wahren Sachverhalt erahnte.

Schließlich war ich mir sicher. Es gab einige Erlebnisse aus Hartwigs Vergangenheit, über die der jetzige Besitzer seines Körpers absolut nichts wusste. Zum Beispiel die kurze Episode mit dem Vollbart, den Hartwig sich aus Neugier für ganze zwei Wochen stehen lassen hatte; als er dann feststellte, dass der Bart ihm absolut nicht stand, rasierte er sich und verlor nie wieder ein Wort darüber. Ich stellte dem Anderen eine Falle, indem ich aus diesen zwei Wochen drei Monate machte und eine Wette als Anlass dieses Bartes nannte. Und er lachte, nickte und sagte: “Ja, ja ... ich war jung und dumm ...”

Aber als sich in mir diese kalte Gewissheit einstellte und jeden Zweifel an der unfassbaren Geschichte aus Hartwigs letzter Mail auslöschte, da musste etwas davon mein Gesicht erreicht und mich irgendwie verraten haben. Für einen Moment blitzte es in den Augen auf, die einmal Hartwig gehört hatten, und dann sagte Hartwigs Stimme: “Es gibt da ein paar Dinge, über die ich gerne mit dir reden würde, alter Freund. Darüber, was du bisher so aus deinem Leben gemacht hast ...”

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Freunde die Menschen sind, denen man ohne Furcht seine Schwächen zeigen kann. Es gibt Wahrheiten über mein Leben, denen ich mich nur mit großen Schwierigkeiten stellen kann - gestorbene Hoffnungen und zerbrochene Träume, deren Scherben tief schneiden, und ich denke, dass es Ihnen vielleicht in manchen Dingen ähnlich geht. Mein Freund Hartwig hatte mich gut gekannt, und jetzt hatte dieser schreckliche Wiedergänger einen Teil von Hartwigs Wissen zu seiner freien Verfügung. Scheller hatte sich früher sehr gut darauf verstanden, den Schwachpunkt eines Menschen zu finden und seinen Hebel anzusetzen; ich erinnerte mich an Erich Dorfflers Geschichte von dem SS-Junker, und mir wurde klar, dass es jetzt um mein Leben ging.

Ich werde nicht für Sie wiederholen, was Hartwigs Stimme mir in diesen Minuten über mich und mein Leben sagte. Nur so viel – er hatte in manchen Punkten recht, aber ich glaube immer noch, dass es für mich nicht zu spät ist. Denn darauf wollte er hinaus: mein Leben sei ohne Sinn und Ziel, eine einzige Abfolge vergebener Chancen, und wenn ich nie gelebt hätte, würde kein Mensch den Unterschied feststellen können. Ich war nutzlos, für meine Mitmenschen entweder ein schaler Witz oder eine Belastung und ein steter Quell der Trauer für meine Erzeuger, die sich jeden Tag fragen mussten, was sie falsch gemacht hatten. Nach seinen Worten war es höchste Zeit, wenigstens einen sauberen Schlussstrich zu ziehen, und das lieber heute als morgen ...


Was danach genau geschah, verschwimmt in meiner Erinnerung. Ich muss wohl versucht haben, seiner Stimme zu entkommen, denn als nächstes erinnere ich mich an die kleine Küche, die Besteckschublade, das große Brotmesser und die unbarmherzige Stimme hinter mir, die ihr Gift in meinen Verstand träufelte. Für einen Augenblick stand ich vor der Wahl zwischen Leben und Tod; dann drehte ich mich um und stach zu. Wieder und wieder und wieder, um diese Stimme endlich zum Schweigen zu bringen! Und wahrscheinlich habe ich dabei geschrieen – ich erinnere mich nicht mehr ... jedenfalls riefen Hartwigs Nachbarn die Polizei an.

Elf Stiche in Brust und Bauch, sagen Sie? Das wird wohl stimmen – ich habe sie nicht gezählt. Ich weiß nur, dass endlich wieder Ruhe herrschte; nur ein leises Gurgeln drang noch aus dem Mund dieser Abscheulichkeit. Wider besseren Wissens beugte ich mich zu ihr herunter; mag sein, dass ich mir von Hartwig Ehrlicher Vergebung erhoffte, jetzt, da ich Erich Schellers Rückkehr ins Leben ein Ende gesetzt hatte.

Hartwigs Mund verzog sich zu einem blutigen Grinsen, und durch roten Schaum hörte ich die Fragmente von Sätzen:

“... unbedingter Wille ... alles erreichen ... nicht tot was ... ewig liegen kann ...”

Da wurde mir klar, dass meine Arbeit noch nicht ganz getan war.

Deswegen haben die Polizeibeamten mich auch noch in Hartwigs Wohnung erwischt. Ich wollte das Manuskript und die Tagebücher vernichten, aber ich konnte sie einfach nicht finden. Alles, was ich fand, war ein Schlüssel, der zu irgendeinem unter tausend Bankschließfächern passen mag.

Irgendwo da draußen lauert das Vermächtnis von Rudolf Scheller auf ein neues Opfer.

* * *

Michael Schuch konnte später nicht mehr sagen, was eigentlich passiert war. Im einen Moment hatte die Psychologin mit der guten Figur seinem Patienten noch zugelächelt und ihm Mut gemacht - im nächsten Augenblick sprang Manfred Richter auf, umklammerte ihr rechtes Handgelenk mit seiner Linken und legte die rechte Hand um ihre Kehle. Michael gab Alarm und klammerte sich dann mit aller Kraft an Richters rechten Arm, um ihn von Lydia weg zu ziehen; sein Patient drehte sich kurz zu ihm um und versetzte ihm einen Kopfstoß, der dem Pfleger das Nasenbein brach. Obwohl der Schmerz ihm Tränen in die Augen treib, ließ Michael nicht los, und dann stürzten auch schon zwei weitere Pfleger durch die Tür und warfen sich auf Richter. Hinter ihnen kam ein dritter mit einem starken Sedativum.

* * *

"Natürlich muß ich den Bericht noch ausformulieren"; krächzte Lydia Schwerdtfeger in Dr. Francks Büro und rieb sich die geschundene Kehle. "Aber ich halte Manfred Richter für gefährlich wie eine Treibmine. Wenn Sie oder irgend jemand sonst aus Versehen einen seiner Zünder berührt, dann explodiert er. Auf absehbare Zeit sehe ich nicht, wie man ihn aus dem Maßregelvollzug entlassen könnte - nicht, bevor alle seine Zünder gefunden und entfernt worden sind, wenn ich mal bei der Analogie mit der Mine bleiben darf."
"Sie haben ihm eine Falle gestellt, nicht wahr?" - "Ich brauchte eine spontane Reaktion, Herr Dr. Franck. Und die habe ich bekommen."

Ein paar Räume weiter behandelte der Klinikarzt Michael Schuchs gebrochene Nase. "Ich frage mich bloß was sie gesagt hat, bevor der Mann derartig ausgerastet ist." - "Weiß nicht", murmelte Schuch. "Irgend so was wie 'Sie müssen's nur fest genug wollen', meine ich ..."


 

Kommentare  

#1 Hermes 2011-03-23 00:43
Schöne Geschichte!
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#2 Mikail_the_Bard 2011-03-23 09:20
Zitat:
"Irgend so was wie 'Sie müssen's nur fest genug wollen', meine ich ..."
Der Satz passte wie die Faust aufs Auge...
Ich fand die Geschichte, die man aber am Besten in einem Teil lesen sollte, gut.
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