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Sieben gegen die Hölle - Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 6)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Sarasvati Galadriel Clausnitzer (Teil 6)
Daheim: Echos aus alter Zeit
"Die Spur ist leider kalt" erklärte Sara und goss sich einen Pott Kaffee ein. "Wir sind ziemlich sicher, wo das Schwert war. Aber wir wissen nicht, wer es aus der Kammer geholt hat und wann. Oder kannst du dazu etwas sagen, Skirfir?"

"Ich war sehr, sehr lange allein mit mir. Im Dunkeln. Ich erinnere mich an viele Dinge, die aber nicht alle wahr sein müssen. Aber ich erinnere mich, wie Männer kamen und über Balmung sprachen."


Skirfir saß im Schneidersitz in einer Ecke von Saras Wohnzimmer. Seine Aussprache war viel verständlicher geworden.

„Sie waren voller Freude, dass sie einen würdigen neuen Schrein für das Schwert gefunden hatten. Sie lachten, weil Russen und Chinesen aufeinander schossen. Sie konnten es kaum erwarten, dass sich beide gegenseitig auslöschten – wer immer die auch sein mögen. Und da war einer, den sie Bewahrer nannten.“

Sara tippte bereits Stichworte in die Internetsuchmaschine. „Das müsste … der „Zwischenfall am Ussuri“ gewesen sein. So nahe dran am Krieg waren Russen und Chinesen nie zuvor und seitdem nicht wieder. Also zwischen Anfang März und Mitte September 1969.“ Sie warf Skirfir einen fragenden Blick zu. „An Namen kannst du dich nicht erinnern?“

„Nein, Meisterin“, antwortete der Zwerg. „Oder ich erkannte sie damals nicht als Namen.“

Sara ließ den Kopf hängen. Zu Beginn der Suche hatte sie Lokis Ansinnen noch für völlig illusorisch gehalten. Und jetzt hatten sie das Schwert Siegfrieds um knapp zwei Generationen verpasst. Um sich abzulenken startete sie eine weltweite Suche nach dem Buch, das ihr Agnieszka Melnik geschenkt hatte. Sie traute ihren Augen nicht, als das Ergebnis auf dem Bildschirm erschien.

„Die Reisen von Simon Sohn des Baruch aus Chersones durch die Länder der Sarmaten“ gab es seit drei Jahren als kostenloses Ebook, zusammen mit vielen anderen zur Verfügung gestellt von einer „Stiftung Deutsche Mythen“.

Sie erklärte Loki das Konzept eines Ebooks und beendete ihre Ausführungen: „Es ist eigentlich ziemlich praktisch, dass diese Stiftung so viele vergriffene alte Bücher online verfügbar gemacht hat. An einige davon wäre sonst nur sehr schwer heran zu kommen.“

„Ich sehe den Vorteil darin“, sagte Loki. „Schließlich war es doch eine überaus glückliche Fügung der Nornen, dass wir diese Reisebeschreibung in die Hände bekommen haben. Kann ich das Kapitel mit der Bestattung des Kriegers noch mal sehen?“

„Sicher. Ich rufe es mal eben auf. Am schnellsten geht’s, wenn ich nach einem Begriff aus dem Kapitel suche … sagen wir mal Simons Gastgeber Odabrad.“ Sie tippte den Namen in die Suchfunktion des Anzeige-Plugins und runzelte die Stirn. „Kein Treffer? Das ist aber eigenartig.“

Anschließend sprang sie durch den Text, bis sie im achten Kapitel angelangt war. Sara las die ersten Zeilen, und ihre Brauen hoben sich.

„Da steht nichts über eine Bestattung. Dieses Kapitel beschreibt eine Hochzeitsfeier?“

Einige Minuten später hatte sie das Buch aufgeschlagen auf dem Tisch neben dem Computer liegen und verglich die Texte. Kapitel Sieben war wortgetreu übertragen worden. Kapitel Acht hatte jemand komplett umgeschrieben; hier war Simon als Gast auf einer Hochzeitsfeier der Venedi, die er mit zahlreichen Details schilderte. Kapitel Neun entsprach dann wieder der gebundenen Ausgabe aus Wilno von 1939 – von der nur noch ein einziges Exemplar bekannt war, das der russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg gehörte.

„Das ist verdammt gerissen. Die haben also dieses Buch nicht einfach verschwinden lassen, sondern ein ganzes Kapitel umgeschrieben und stellen ihre Fälschung jedermann zur freien Verfügung, damit möglichst niemand nach Sankt Petersburg fährt und sich das Original ansieht. Warum machen die das? Was haben sie davon?“

„So verwischen sie ihre Spur“, sagte Loki. „Diese Leute haben den Balmung gefunden und sie haben kein Interesse daran, dass jemand in ihren Fußstapfen wandert und das herausfindet.“

Sara nickte versonnen. „Das ergibt einen Sinn. Wir müssen alles über diese Stiftung herausfinden, was es zu erfahren gibt.“

 * * *

Etwa eine halbe Stunde später lehnte sich Sara mit einem leisen Ächzen in ihrem Stuhl zurück. „Stiftung Deutsche Mythen. Gegründet am 1.4.1967 von einem deutschstämmigen Industriellen aus Argentinien. Erster Vorsitzender des Vorstands der Stiftung war Friedrich Lautenschläger. Die Stiftung hat ihren Sitz auf Burg Hohenfels am Rhein; die Burg ist in Privatbesitz, aber die Eigentümer haben der Stiftung gut die Hälfte der Anlage zur Verfügung gestellt. Und zwar … im Sommer 1969.

Friedrich Lautenschläger hat die Stiftung bis kurz nach der Wiedervereinigung geleitet. Hier ist ein Bild von ihm, wie er 1988 das Bundesverdienstkreuz erhält … und jetzt werd' ich verrückt.“ Sara blätterte in den Unterlagen, die sie aus Polen mitgebracht hatte, bis sie den Steckbrief gefunden hatte. „Friedrich Lautenschläger könnte ein Zwillingsbruder von Felix Leissner sein. Wir haben ihn gefunden!“

„Noch nicht!“, schränkte Loki ein. „Wir haben seinen neuen Namen. Aber wo er sich jetzt aufhält, das müssen wir erst noch herausfinden.“

 * * *

Sara schaltete den Monitor aus, rieb sich die Augen und stellte ihrem Urahn die eine Frage, die ihr seit der Wewelsburg nicht mehr aus dem Sinn ging.

„Loki? Die Sagen behaupten, wenn es mit der Welt zu Ende geht, dann kommst du sowieso frei. Und dann führst du die Feuerriesen gegen die Asen ins Feld und kämpfst gegen Heimdall und ihr tötet euch gegenseitig. Kannst du nicht einfach die Seiten wechseln und für Odin kämpfen?“

„So einfach ist es nicht“, seufzte Loki. „Wenn ich zum Ragnarök frei komme, dann werden die Asen auch den Rest der Prophezeiung für die Wahrheit halten. Es ist alles eine gewaltige Ladung Pferdemist, die sie sich da haben weismachen lassen, aber sie glauben diesen Mist. „Wyrd bið ful aræd!“, das Schicksal ist unausweichlich – das ist alles, was ihnen dazu einfällt. Für einen Riesen ist der Gedanke unerträglich, dass alles im Leben vorherbestimmt wäre, aber die meisten Asen suhlen sich geradezu in dieser Idee. Sobald sie mich sehen, wird Heimdall sich auf mich stürzen und versuchen, mich umzubringen. Da wird mir keine Zeit für Erklärungen bleiben, denen sowieso keiner zuhört.“

„Das klingt enttäuscht. Und wütend.“

„Natürlich bin ich wütend auf die Asen!“ Lokis Stimme kochte vor Erregung. „Sie haben mir nicht mal zugehört, als ich meine Unschuld beteuerte! Ich habe ehrliche Tränen um Balder vergossen! Aber sie haben lieber meine Söhne ermordet, um mich mit ihren Gedärmen zu fesseln! Und seit einer Ewigkeit liege ich hier und leide für einen Tod, mit dem ich nichts zu tun hatte!“

Nach einer kurzen Pause fuhr der Listenreiche fort: „Aber ich bin noch viel wütender auf die Jotunen, die mir die Schuld an allem untergeschoben haben. Die Jotunen haben Odin eine Prophezeiung eingeflüstert, in der ich mich am Ende der Zeit gegen die Asen wende. Und dann haben sie Balders schwachen Punkt in Erfahrung gebracht und Hodur den Mistelzweig in die Hand gedrückt. Alles, um den einzigen Strategen der Asen aus dem Spiel zu nehmen für die Schlacht am Ende der Welt, weil Thor und Heimdall und Tyr und Freyr so entsetzlich berechenbar sind. Bei Ymirs Blut, der Allvater ist doch der Einzige unter den Herren von Asgard, der seinen Kopf nicht nur benutzt, um einen schmucken Helm darauf zu tragen!“

„Das kann ich nicht glauben“, warf Sara ein. „Was ist zum Beispiel mit Heimdall? Ich weiß, du kannst ihn nicht leiden, und er dich auch nicht, aber … heißt es nicht, er würde alles sehen?“

Ihr Urahn lachte bitter. „Oh ja, Heimdall. Heimdall sieht alles. Wenn einhundert Krieger nacheinander in eine kleine Hütte eintreten und keiner sie verlässt, dann kann Heimdall dir sagen, dass dort einhundert Krieger sein sollten. Er hat sie ja eintreten gesehen. Jeder mit einem Funken Verstand würde fragen, wo sie geblieben sind, weil einhundert Krieger unmöglich gleichzeitig in dieser Hütte stehen könnten, aber nicht Heimdall. Er sah sie eintreten, er sah keinen die Hütte verlassen, sie müssen also alle noch drinnen sein.“

„Heimdall schaut also nicht hinter die Dinge, sondern vertraut dem Augenschein?“

* * *

Schließlich entdeckte Sara ein drei Jahre altes Interview mit „Friedrich Lautenschläger“, das auf Burg Hohenfels geführt worden war. Anscheinend genoss der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Stiftung ein lebenslanges Wohnrecht in der dortigen Residenz. Die trutzig-malerische Burg beherrschte die Mündung der Lahn in den Rhein südlich von Koblenz.

Laut seiner Biographie war Lautenschläger zehn Jahre später geboren worden als Felix Leissner, und auf dem Bild sah man ihm sein wahres Alter nicht an. Im Interview konzentrierte er sich auf die Kyffhäuser-Sage um den schlafenden Kaiser, der eines Tages wiederkehren werde, um das deutsche Volk aus seiner Not zu retten und das alte Reich wieder neu zu errichten. Dabei wies Leissner darauf hin, dass zur Entstehungszeit der Sage der Stauferkaiser Friedrich II. im Kyffhäuser vermutet wurde und nicht sein Großvater Barbarossa, der ihn im 16. Jahrhundert dort verdrängte. Auch der letzte legitime männliche Erbe der Staufer kam zur Sprache: der sechzehnjährige Konradin von Staufen, den sein siegreicher Gegner Karl von Anjou 1268 in Neapel enthaupten ließ. Der Mythenforscher erwies sich als gut vorbereitet und ließ sich auch von Zwischenfragen nicht aus dem Konzept bringen.

Leissner war trotz seines Alters ein ernst zu nehmender Gegner auf dem Weg zu Balmungs Versteck. Aber er war die einzige Spur, der Sara und Loki jetzt noch folgen konnten.

„Jetzt wird’s ernst. Leissner hat den Balmung entweder selbst oder er weiß, wer ihn hat. Und ich glaube nicht, dass er uns freiwillig helfen wird.“

Lokis Antwort verwirrte Sara: „Also müssen wir ihn dazu bringen, dass er uns das Schwert geben will. Und dafür müssen wir uns Gedanken machen, warum er das tun könnte. In wessen Hände würde ein Mann wie Felix Leissner, Hüter des Schwertes der Schwarzen Tafelrunde, den Balmung aus freien Stücken legen?“

„Ich glaube nicht, dass mich jemand mit einer Walküre verwechselt.“ Sara schüttelte den Kopf. „Bestimmt nicht diese Leute. Unter blond und blauäugig geht da nichts. Aber mir kommt da gerade eine andere Idee ...“

„Gefällt mir!“ erklärte Loki, als sie ihm den Plan beschrieb. „Könnte von mir sein. Du machst mich stolz, Kind.“

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