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Manfred

Zauberspiel - KatzengeschichtenManfred

Montag, 3.3.
Es war Abneigung auf den ersten Blick, als mir Svenja heute dieses magere, zerzauste Ding ins Haus schleppte. Eine Katze. Ein Kater, um genau zu sein. Und er heißt Manfred! Das stelle man sich einmal vor! Ein Kater namens Manfred! Wer zum Teufel nennt sein Haustier denn so? Warum nicht gleich Herr Müller?
Seit Wochen führen ich und Svenja schon diese fruchtlose Diskussion! Sie will unbedingt so ein Vieh, ich bin strikt dagegen. Tja, und nun haben wir eines. Soviel dazu, wer bei uns die Hosen anhat!

Sie sagt, sie hat Manfred im Tierheim gefunden. Er hat ihr furchtbar leid getan mit seinem zerrupften Ohr und den traurigen Augen. Er hat sie mit dem Schädel dauernd gegen das Schienbein gepufft, als wolle er sagen: „Nimm mich mit!“ Also hat Svenja genau das getan. Und ich stehe nun hier und bringe es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich das Vieh nicht hier haben will. Aber bevor sie mich jetzt mit ihren traurigen Augen anblinzelt und mir mit ihrem Schädel dauernd gegen das Schienbein pufft, gebe ich eben klein bei.

Toll! Ich habe eine grau getigerte Allerweltskatze. Und ich kann mir nicht helfen: Das, was Svenja als traurigen Blick bezeichnet hat, kommt mir eher lauernd, beobachtend vor.

Dienstag, 4.3.
Seit gestern war von Manfred nicht viel zu entdecken. Er ist scheu und versteckt sich in allen nur denkbaren dunklen Ecken. Unter dem Bett, unter der Bank im Esszimmer, ja selbst unter meinem Lesesessel im Wohnzimmer, wo nun wirklich nicht viel Platz ist. Aber Manfred ist so hager, dass er sich selbst in einen so engen Raum zwängt. Keinesfalls hat er mehr als 2.5 kg! Eher weniger.

Svenja hat mir von Manfreds Vergangenheit erzählt und er hat mir sogar beinahe ein bisschen leidgetan: Er wurde aus einem total verwahrlosten Haushalt gerettet. Manfreds ehemaliges Frauchen (oder nennt man das nur bei Hunden so?) lag wochenlang tot in der Wohnung. Wie es so ist in unserer Zeit: Den Nachbarn ist nicht etwa aufgefallen, dass sie die Frau schon lange nicht mehr gesehen haben oder dass ihr Briefkasten beinahe überquoll! Nein, sie haben die Polizei gerufen, weil sie das immer lauter werdende Jammern des Katers gestört hat. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie Manfred es dort geschafft hat, nicht zu verhungern.

Donnerstag, 20.3.
Nach seiner anfänglichen Scheu hatte ich ja gehofft, dass sich Manfred auf Dauer unter dem Bett einrichtet. Ein Wunschtraum, mehr auch nicht! Er wird immer zutraulicher und selbstbewusster. Ich glaube sogar, inzwischen hat nicht einmal mehr Svenja die Hosen an, sondern der Kater! Er frisst nur das teuerste Futter mit den saftigsten Fleisch- oder Fischstückchen. Füllt Svenja ihm mal etwas Preiswerteres in den Napf, schnuppert er kurz daran, rümpft die Nase und stolziert mit aufrechtem Schwanz davon. Können Katzen einen angewiderten Gesichtsausdruck haben? Ich glaube, sie können es! Manfred kann es auf jeden Fall.

Er trinkt auch nicht etwa aus einem Napf. Nein, es muss ein laufender oder tropfender Wasserhahn des Waschbeckens im Klo im ersten Stock sein. Nicht der in der Küche, nicht der im Bad – der im Klo muss es sein. Als würde das Wasser dort anders schmecken. Ich nehme mal an, das hat er sich im Haushalt seiner toten Vorbesitzerin angewöhnt. Vielleicht hat dort der Hahn im Klo getropft und seitdem sieht er den Raum mit der großen Porzellanschüssel als Zapfstelle an. Katzenpsychologe müsste man sein!

Dank Svenjas guter Pflege hat er zugenommen. Sie hat ihn gewogen (also sich mit ihm auf die Waage gestellt und ihr Gewicht abgezogen): 3,8 kg. Da mir das sogar noch wenig vorkam, habe ich ihn auch auf den Arm genommen und versucht, mich zu wiegen. Das Einzige, was ich davon hatte, waren zwei parallele, blutige Schrammen im Gesicht. Scheißvieh!

Svenja sieht das natürlich anders. Ich soll ihn nicht so bedrängen, hat sie gesagt. Er kommt schon noch von selbst zu mir, hat sie gesagt. Als ob ich das wollte!

„Tja, mein Freund, nun bin ich der Herr im Haus!“ Das ist es, was mir sein lauernder Blick Tag für Tag zu sagen scheint.
Svenja merkt nichts davon. Sie ist völlig vernarrt in diesen ach sooo süßen Kerl. Gestern hat sie gesagt, sie würde ihn am liebsten totknuddeln. Ich hätte nichts dagegen.

Montag, 7.4.
Jetzt fange ich wegen Manfred sogar schon an, mein Mobiliar zu zersägen! Nacht für Nacht hat er an der Schlafzimmertür gekratzt und gemaunzt. Erschreckend, wie sehr das nach einem weinenden Kind klingt. An Schlaf war nicht zu denken!

„Ignorier ihn einfach“, lautete Svenjas heilsbringender Ratschlag. Toll! Im Gegensatz zu ihr gehöre ich nicht zu den Menschen, die nicht einmal dann aufwachen, wenn ihnen ein D-Zug durchs Bett fährt. Ich habe versucht, meinen Kopf unter dem Kissen zu dämmen. Ich habe es mit kiloweise Ohropax probiert. Ich habe Schlaftabletten angetestet. Ohne Erfolg!

Also bin ich nach stundenlangem Psychokrieg jede Nacht erst wach, dann schwach geworden und hab ihn reingelassen. Es war jedes Mal das Gleiche: Noch bevor ich mich wieder ins Bett kuscheln konnte, hatte er sich auch schon auf meinem Kopfkissen zusammengerollt.

So konnte es nicht weitergehen! Deshalb habe ich heute eine Katzenluke in die Tür gesägt. Jetzt kann er kommen und gehen, wie es ihm beliebt, ohne dass ich ihm den Platz auf meinem Kissen abtreten muss.

Ich hoffe nur, dass er noch recht lange durch die Luke passt, denn er wird tatsächlich immer fetter! Inzwischen hat er ein bisschen über 5 kg.

Montag, 5.5.
Futterstreik!

Manfred wiegt inzwischen 7,2 kg. Vor gerade mal zwei Monaten war er noch ein fellbespanntes Gerippe und jetzt ist er ein wuchtiges, rundes Vieh. Er frisst und frisst und frisst. Nur vom Teuersten, nur vom Feinsten. Doch damit ist Schluss. Ab jetzt streike ich, wenn es darum geht, das kostspielige Futter zu finanzieren. Es gibt nur noch das billigere und auch nur einen Bruchteil der bisherigen Mengen. Das spart Geld und der Kater nimmt hoffentlich etwas ab.

Der missbilligende Blick Dr. Meterers ist mir noch gut im Gedächtnis haften geblieben. Er ist Tierarzt und letzte Woche waren wir zum ersten Mal mit Manfred bei ihm. Er sagte zwar nichts, aber die zuckende Augenbraue und die zusammen gekniffenen Lippen sprachen mehr als tausend Worte! Er hat Manfred gewogen und die Braue hochgezogen. Er hat Manfred die Spritze gegeben und die Lippen zusammengepresst. In seinen Augen lag die unausgesprochene Frage, wie man einen Kater so fett werden lassen kann.

Ach ja, Spritze! Ich habe Svenja endlich dazu überreden können, Manfred kastrieren zu lassen. Angeblich sollen sie dadurch ja häuslicher und ruhiger werden. Wir werden sehen, ob das stimmt.
Aber wenn ich mir gegenüber ganz ehrlich bin, ging es mir gar nicht darum, dass er ruhiger wird. Nein! Er mag vielleicht immer noch der Herr im Haus sein, aber der einzige Mann im Haus bin nun ich!

Sorry, Manfred!

Freitag, 9.5.
Der Kater ist angepisst! Und deshalb pisst er uns an!

Ich weiß nicht, ob es eine Protesthaltung gegen die Futterkürzung oder eine Nachwirkung seiner Entmannung ist, aber Manfred pinkelt mehrfach täglich auf den Teppich. Außerdem randaliert er. Er kratzt an Schränken und Polstermöbeln. Nachts setzt er sich vor die Katzenluke im Schlafzimmer und jammert stundenlang vor sich hin.

Und Svenja? Sie ist immer noch über beide Ohren in das Scheißvieh verliebt.

„Lass ihn doch! Überleg dir mal, was der schon alles durchgemacht hat!“
Dann wuchtet sie ihn hoch und knuddelt ihn, während er mich mit Siehste- und Ätsch-Blicken bombardiert.

Vielleicht sollte lieber Svenja sich mal überlegen, was ich gerade durchmache. Allzu lange schaue ich mir das nicht mehr an!

Freitag, 30.5.

Alles wieder beim Alten. Manfred hat sich dank seiner Pinkelattacken durchgesetzt. Er kriegt jetzt wieder das teure, leckere Futter – und er frisst, als hätte er einiges nachzuholen. Zum Dank macht er nicht mehr so oft auf den Teppich. Ganz eingestellt hat er es allerdings nicht. Es ist fast so, als wolle er uns immer mal an seine Geheimwaffe erinnern. Wenigstens lässt er mich nachts wieder schlafen.

Gewicht inzwischen 10 kg. Ich habe noch nie eine so fette Katze gesehen. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich schwören, dass er nicht nur dicker, sondern auch größer geworden ist.

Montag, 30.6.
Es reicht! Jetzt ist Manfred fällig! Gerade eben hat er mich völlig grundlos angegriffen. Es ist absolut kein Spaß mehr, wenn einem ein Sechzehn-Kilo-Koloss an der Wade hängt, langsam daran heruntergleitet und dabei die Krallen ins Fleisch schlägt. Die Biss- und Kratzwunden sind zwar nicht sehr tief und wir haben sie auch gleich desinfiziert, aber sie brennen wie verrückt.

Zuerst hat Svenja ihn sogar noch verteidigt. Ist das zu fassen? Wir standen nebeneinander im Flur und haben uns darüber unterhalten, ob wir Manfred noch einmal zu Dr. Meterer bringen sollten. Es musste doch eine Möglichkeit geben, den Kater auf Diät zu setzen. Ein Magenband für Katzen oder was weiß ich! Doch wie auch immer: Es kann nicht sein, dass wir für Katzenfutter mehr ausgeben als für unser Essen! Also haben wir dieses Thema durchdiskutiert, während Manfred in einem Meter Entfernung an seinem Napf stand und gerade die fünfte Dose „Kitty’s Delight mit Schlemmerstückchen vom Wels“ schmatzte.

Erst sagte Svenja, sie wolle nicht zu Dr. Meterer. „Dann schimpft er wieder, weil Manfred so fett geworden ist.“

„Aber genau darum geht es doch“, erwiderte ich. „Wenn du mit ihm nicht zum Arzt gehst, bringe ich ihn morgen zurück ins Tierheim!“

Das war der Moment, als Manfred aufsprang und versuchte, mir die Haut an den Waden in Streifen zu reißen!

In ihrem ersten Schreck sagte Svenja: „Das ist ja kein Wunder, wenn du mit solchen Sachen drohst.“

Als ob das Mistvieh mich verstehen könnte! So ein Schwachsinn.

Aber jetzt habe ich lange genug Rücksicht genommen. Svenja kann sich den Gang zum Tierarzt morgen sparen, denn Manfred steht ein anderer Gang bevor. Und ob der unbedingt zum Tierheim führt, weiß ich wirklich noch nicht!

Dienstag, 1.7.
Svenja ist tot! Und ich habe sie auf dem Gewissen.

Vor drei oder vier Stunden bin ich nach Hause gekommen. Der letzte Arbeitstag, danach drei Wochen Urlaub. So war der Plan. Obwohl meine Wade beim Kuppeln und Gasgeben nach wie vor brannte, als würde Manfred immer noch daran hängen, stimmte mich die Aussicht auf Erholung milder als noch gestern. Eine letzte Chance wollte ich Manfred noch geben. Eine allerletzte!

Ich parkte den BMW vor dem Haus und stieg aus. Bevor ich reinging, freute ich mich für einige Sekunden daran, dass ich von den Stadtgeräuschen kaum etwas hören konnte. Es hat doch seine Vorteile, wenn einem der reiche Papa ein Haus auf einem riesigen, von Wald gesäumtem Grundstück vermacht. Man wohnt zentral, kriegt aber nichts davon mit.

Mit einem Lächeln auf den Lippen ging ich rein. Ich fürchte, es war das letzte Lächeln meines Lebens!

Ich rief nach Svenja, doch sie antwortete nicht. Auch von Manfred war nichts zu sehen. Im ersten Stock war auch niemand zu entdecken, also ging ich hinauf ins Dachgeschoss zum Schlafzimmer. Vielleicht hatte Svenja sich ja ein paar Minuten hingelegt.

Das hatte sie, aber nicht nur für ein paar Minuten. Die Badtür stand offen, als ich oben ankam. Ich sah Svenjas Füße aus der Tür in den Flur ragen.

Ich rannte zu ihr und fand meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Svenja lag auf den Fließen, der Kopf in unmöglichem Winkel an die Badewanne gestützt. Sie hatte sich das Genick gebrochen. Das Grausigste aber war ihr Gesicht. Oder besser die Tatsache, dass ihr Gesicht nur noch eine breiige Masse war. Als hätte ein wildes Tier an ihr herumgefressen.

In diesem Augenblick hörte ich ein Knurren hinter mir. Ich fuhr herum und sah Manfred. Oder das, was einmal Manfred gewesen war. Er war ganz eindeutig gewachsen! Diesmal war es keine Einbildung, denn er hatte die Größe eines Schäferhundes. Von einem Tag auf den anderen! Ich habe keinerlei Erklärung, wie es dazu kommen konnte, aber letztlich tut es auch nichts zur Sache.

Seine Schnauze war blutverschmiert. Er knurrte mich noch einmal an und kam langsam auf mich zu. Ich überlegte nicht lange, wie groß meine Chancen gegen ihn wären. Dazu war ich viel zu aufgewühlt. Da er mir den Weg zur Treppe versperrte, gab es für mich nur eine Möglichkeit: Rückzug ins Schlafzimmer!

Zu meinem Erstaunen ließ Manfred mich gewähren. Als ich die Tür hinter mir schloss, glaubte ich noch, ein selbstzufriedenes Grinsen in dem überdimensionierten Katzengesicht zu sehen.

Ich setzte mich aufs Bett und starrte gegen die Wand. Sekunden später kamen die Vorwürfe: Hätte ich den Kater gestern (als er noch ein Kater war) nach seinem Angriff gleich zum Tierheim geschafft oder irgendwo in der Pampa ausgesetzt, könnte Svenja noch leben. Natürlich, vielleicht war es nur ein Unfall. Vielleicht ist sie unglücklich gestürzt und Manfred hat anschließend nur die Gelegenheit genutzt, seinen Hunger zu stillen. Vielleicht hat er sie aber auch angesprungen, sich ihr in den Weg gestellt, dass sie gestolpert ist, oder sie auf sonst eine Art ermordet!

Und ich glaube, nein: ich weiß, dass es kein Unfall war. Er hat sie umgebracht, weil ich ihm die Möglichkeit dazu gegeben habe. Also habe ich Svenja auf dem Gewissen! Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Schuld

Mittwoch, 2.7.
Ich muss eingeschlafen sein! Mitten im Satz! Als ich vorhin aufwachte, lag ich mit dem Gesicht auf dem Tagebuch. Der Stift war in die Bettritze gekullert.

Ich weiß gar nicht, warum ich diese Eintragungen mache. Svenja hat mich immer ausgelacht, wenn ich mein Tagebuch aus dem Nachtkästchen gezogen und darin herumgekritzelt habe.

„Ich dachte, du bist ein dreißigjähriger Architekt und kein dreizehnjähriges Mädchen“, hat sie dann immer gesagt.

Vielleicht brauche ich das einfach als Ventil, um nicht alles in mich hineinzufressen und mich daran zu verschlucken. Doch egal, aus welchen Gründen ich auch damit angefangen habe, jetzt erfüllt das Tagebuch einen anderen Zweck: Es soll berichten, was hier passiert ist. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich selbst noch dazu noch in der Lage sein werde. Also müssen es diese Zeilen für mich erledigen.

Gerade habe ich durch die Katzenluke in der Tür gespäht. Svenjas Füße sind verschwunden. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wohin!

Im Flur war Manfred. Ich glaube, er ist schon wieder gewachsen. Inzwischen hat er mindestens die Größe eines Rottweilers. Er saß einfach nur da, die Vorderpfoten ganz dicht beieinander, den Schwanz kunstvoll davor drapiert. Als er mich sah, zwinkerte er fest mit beiden Augen und presste ein Miauen hervor. Es war ein eigenartiger Moment, denn das hat er auch immer gemacht, als er noch keine fünfzig Kilo (oder was weiß ich, wie viel) gewogen hat. Nur klang der Laut, den er damals ausgestoßen hat, nach einem kläglichen Maunzen. Diesmal klang er nach einem drohenden Grollen.

Er stand auf, streckte sich und marschierte ins Bad. Kurz danach erklang ekelhaftes Geschmatze. Ich musste erst kotzen und dann heulen. Doch ich hatte mich schnell wieder im Griff. Für Trauer und Traumabewältigung ist später noch Zeit! Oder fürs Verstehen. Seit Stunden zermartere ich mir den Kopf, wie dass passieren kann, was gerade passiert. Wie kann eine Katze so wachsen? Aber ich bin ratlos! Bin ich dabei, den Verstand zu verlieren? Hänge ich in einem besonders lebhaften (und besonders langen) Albtraum fest? Ich weiß es nicht, aber es ist auch zweitrangig. Jetzt muss ich erst mal versuchen, hier herauszukommen.

Das Telefon im Flur ist meine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte. Hoffentlich.

Es hat nicht geklappt.

Ich habe gewartet, bis Manfred mit seiner schaurigen Mahlzeit fertig war und ich ihn im Klo im ersten Stock herumhantieren hörte. Einen Augenblick fragte ich mich, wer ihm nun wohl seinen Lieblingswasserhahn aufdrehte oder ob er aus der Kloschüssel soff, verdrängte den Gedanken aber sofort wieder. Ich zog die Schuhe aus, öffnete die Schlafzimmertür, so behutsam es nur ging, und schlich auf Strümpfen durch den Flur. Ich untersagte mir sogar einen Blick ins Bad, obwohl ich aus den Augenwinkeln Svenjas Leiche darin liegen sah. Oder das, was davon übrig war. Aber ob ich ihre Füße vom Schlafzimmer aus nicht mehr sehen konnte, weil Manfred sie weiter ins Bad gezogen oder weil er sie ihr abgebissen hat, verbot ich mir zu überprüfen.

Ich war so leise! Ich war mir tausendprozentig sicher, dass kein Lebewesen dieser Welt mich hätte hören können.

Manfred konnte!

Ich spürte die Erschütterung unter den Füßen, als er vom Waschbecken oder der Kloschüssel sprang. Und dann hörte ich auch schon das Klackern seiner Krallen auf dem Parkett und den Steinstufen der Treppe.

Ich rannte die letzten zwei Schritte zum Telefon und schnappte mir den kabellosen Hörer. Dann wollte ich mich umdrehen und losspurten, doch dank meiner Socken rutschte ich auf dem Parkett aus. Bis vor ein paar Monaten hat hier noch ein edler, sauteuerer Läufer gelegen. Doch als Manfred seine Ich-protestier-euch-auf-den-Teppich-Phase hatte, haben wir den Läufer zusammengerollt und im Keller verstaut. Und nur deshalb rutschte ich jetzt weg!

Da war der Rottkater auch schon über mir. In einer sinnlosen Abwehrgeste riss ich die linke Hand hoch, in der ich das Telefon hielt. Manfred schnappt ein einziges Mal zu und schon hatte er den Hörer zwischen den Zähnen. Er ließ ihn fallen, schoss ihn mit der Pfote durch den Flur und hetzte hinterher. Als würde er mit einer Maus spielen! Mir schenkte er keine Aufmerksamkeit mehr.

Ich schleppte mich zurück ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass mir Manfred nicht nur den Hörer aus der Hand geschnappt, sondern mir dabei auch noch drei Finger abgebissen hatte. Ich habe das Bettlaken zerfetzt und die Hand damit verbunden. Hoffentlich hört es auf zu bluten. Bisher spüre ich noch keine Schmerzen.

Später. Blutet immer noch. Nicht mehr so stark, aber doch. Tut unglaublich weh!

Donnerstag, 3.7.
Hab Schmerzmittel in Svenjas Medikamentenvorrat gefunden. Früher hab ich immer mit ihr geschimpft, dass sie das Zeug in meinem Kleiderschrank aufhebt, jetzt bin ich froh darüber.

Hat lange gedauert, die Beipackzettel zu lesen. Aber ich kenn mich mit dem Arzneikram nicht aus. Aber jetzt hab ich, was ich brauche. Die Schmerzen sind nur noch ein dumpfes Drücken. Dafür fühlt es sich an, als wäre mein Kopf in Watte gepackt. Oder mit Watte ausgestopft. In der Packung stand, man soll nicht mehr als drei von den Pillen am Tag nehmen. Hab schon vier genommen und es ist gerade erst Mittag.

Wenigstens blutet es nicht mehr!

Warum bin ich gestern eigentlich zurück ins Schlafzimmer, als Manfred mit dem Telefon gespielt hat? Wäre vielleicht besser gewesen abzuhauen. Es wenigstens zu versuchen. Andrerseits glaub ich nicht, dass Manfred das zugelassen hätte.

Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Hab viel geschlafen seit gestern, doch immer, wenn ich wach war, hab ich gegrübelt, wie ich hier rauskomme. Ich hab aus dem Fenster um Hilfe gerufen. Hat nichts gebracht. Ich höre von hier aus die Stadt nicht und die Stadt hört mich nicht.

Das Telefon ist hinüber. Mein Handy liegt unten im Erdgeschoss. Soll ich versuchen, es zu holen? Das lässt Manfred niemals zu!

In der Arbeit werde ich auch nicht vermisst. Drei Wochen Urlaub! Schönen Dank auch.

Hab überlegt, ob ich aus dem Fenster springen soll. Ist aber viel zu hoch. Und wenn ich vorher die Matratze runterwerfe? Dann könnte ich weicher landen. Und mir trotzdem alle Knochen brechen. Wenn ich die Matratze überhaupt treffe.

Oder mich an den Bettlaken abseilen? Nein, mit meiner verletzten Hand hab ich da keine Chance.

Doch was soll ich dann machen? Was hat Manfred mit mir vor? Was wird er tun, wenn ... wenn er Svenja aufgefressen hat?

Noch will er mich anscheinend am Leben halten. Hab heute Morgen, als ich durch die Luke spähte, zwei Päckchen Cornflakes, eine Packung rohe Spaghetti und eine Flasche Orangensaft vor der Tür gefunden. Das muss er in der Speisekammer gefunden haben. Manfred sorgt für mich! Auf seine Art.

Muss jetzt aufhören. Brauche noch eine Tablette.

Freitag, 4.7.
Ich wollte fliehen. Hab so viele Klamotten wie möglich übereinander angezogen und versucht, einfach davonzulaufen. Bescheuerte Idee! Ich sah aus wie das Michelin-Männchen und konnte mich kaum bewegen. Gerade mal bis in den ersten Stock hab ich es geschafft. Dann hat Manfred mich angesprungen, umgeworfen, am Kragen gepackt und wieder hoch gezerrt. Zur Strafe gab es nur Orangensaft, nichts zu essen.

Die Hand hat wieder angefangen zu bluten. Mir ist kotzübel von den Schmerztabletten, aber die sind bald alle. Dann wird mir kotzübel von den Schmerzen sein.

Hier drinnen stinkt es wie die Pest. Manfred lässt mich nicht aufs Klo. Also erledige ich das hier drin. Ich halt’s bald nicht mehr aus.

Muss raus hier!

Samstag
Futterstreik ist beendet. Manfred hat wieder was gebracht: ein Glas Nutella, zwei Gläser Marmelade, ein Päckchen Zwieback. Auch wieder Orangensaft. Diesmal zwei Flaschen. Dafür sind die Pillen alle und es tut wieder weh. Ist kaum auszuhalten.

Svenja war bei mir. Haben uns unterhalten. Sie hat mir verziehen. Dann hat sie geweint. Ich hätte sie gerne getröstet, brachte es aber nicht übers Herz, sie in den Arm zu nehmen. Nicht mit diesem Matschgesicht. Sie hat es verstanden.

Es ist kalt hier drin. Hab die Heizung aufgedreht, aber die wird nicht warm. Muss mal den Monteur anrufen. War nicht irgendwas mit dem Telefon?

Svenja hat sich bei mir entschuldigt, dass sie Manfred mitgebracht hat. Hätte sie nicht tun sollen. Ich hatte Recht, sie nicht. Ich hab ihr auch verziehen. Sie hat gesagt, ich soll das Vieh umbringen. Sie hat nichts dagegen.

Werde tun, was Svenja sagt. Sie ist der Mann im Haus.

Ich hab eine der Saftflaschen zerbrochen. Der Flaschenhals hat schöne scharfe Spitzen. Wie im Western. Da machen sies aber mit Wiski. Hab ich keinen, also nehm ich Saft. Jetzt wart ich auf Mampfred und ramm ihm den Hals in den Hals. Hahaha! Komm nur her!

Sonntag(?)
Hat wieder nicht geklappt. Keine Chance. Bin viel zu schwach. Hätte der Katz lachen können, er hätts getan! Kann er aber nicht. Also hat er was Anderes getan: mich kastriert! Ein Happs und vorbei war’s mit der Männlichkeit. Ist aber nicht schlimm, Svenja will eh keine Kinder. Aber es stimmt, was man sagt: Ich fühl mich ruhiger und häuslicher. Bin so müde. Und blute wie ein Schwein.

Hab versucht, mit Bettlaken zu verbinden. Ging nicht sehr gut. Papa und der Heizungsmonteur haben geholfen. Ging trotzdem nicht. Jetzt wären ein paar Tabletten recht. Stattdessen gibt’s Puffreisschokolade. Manfred sei Dank. Hahaha!

Mondtag

Immer noch kalt. Dem Monteur zahl ich kein Cent!
Svenja war wieder hier. Hat sich abverschiedet.
Nun isse weg. Was soll Katzfred jetzt essen? Kommt bestimmt bald zu mir. Muss mich bereit machen. Kratzt er da nicht schon an der Tür? Werde mal durch die Luke spähen.

Aus dem STADTANZEIGER (Seite 1):

Mysteriöser Leichenfund
Eine schreckliche Entdeckung machte gestern ein Architekt unserer Region, als er seinen Kollegen Hendrik F. (30) aufsuchen wollte, der nach dem Urlaub nicht wieder am Arbeitsplatz erschienen ist. Hendrik F. war tot! Seine Leiche war zum Teil verstümmelt. Wie Polizeihauptkommissar Wedlich dem Stadtanzeiger gegenüber mitteilte, wurden Aufzeichnungen gefunden, die der Tote wohl in den letzten Tagen seines Lebens angefertigt hat. Wedlich: „Das Tagebuch deutet darauf hin, dass Herr F. erhebliche psychische Probleme hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich die Verstümmelungen selbst zugefügt hat. Da von seiner Lebensgefährtin jede Spur fehlt, ist nicht auszuschließen, dass Herr F. ihr etwas angetan und darüber den Verstand verloren hat.“
Aus dem Haushalt konnte ein magerer, verunsicherter Kater gerettet werden, der dem Städtischen Tierheim übergeben wurde.

(Lesen Sie den ganzen Bericht auf Seite 15.)

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Kommentare  

#1 Richard 2008-09-26 15:46
Ja!! Das ist eine richtige Katzengeschite! Hat wirklich Spass gemacht sie zu lesen. Sie errinert mich an E.A. Poe Horrorgeschichten. Bisher mein Favorit.
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