Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Das müde Lächeln - Hörspielfans auf ausgetretenen Pfaden

1Das müde Lächeln
Hörspielfans auf ausgetretenen Pfaden

Immer wieder diese Hörspielfans. Sie sammeln sich und sie zerschlagen sich. Von 2008 bis 2010 war die HÖRSPIEL in Hamburg das Highlight für die Liebhaber der erzählten Geschichten. Danach gab es die Veranstaltung nicht mehr. Nutzen und Aufwand standen in keinem Verhältnis zueinander, meinten damals die Veranstalter. Es gab immer noch die Unentwegten. Fans der alten Zeit und auch ein paar Hinzugekommene, die sich den Luxus leisten Hörspielfan zu sein.


Viele sicher mit ernsthaften Ambitionen. Doch ist das Medium Hörspiel und die damit verbundene Kraftanstrengung ständig neue Events ins Leben zu ruden noch gerechtfertigt? Selbst die Hörspielarena auf Tour, der inoffizelle Nachfolger der HÖRSPIEL konnte den Charme und die Größe des Hamburger Events nicht einfangen. Dennoch gibt es sie weiterhin.

Hörspielfans wandeln auf ausgetretenen Pfaden. Denn die HÖRMICH ist kaum ein Anziehungspunkt für echte Fans der drei ???. Auch keiner für Benjamin Blümchen-Hörer. Hier tummeln sich eher die Hörer der Erwachsenen-Hörspiele. Eine Gruppe von Hörern also, die es erst mit Beginn des neuen Jahrtausend so wirklich gab. Ehemalige Jugendliche aus den 80er Jahren, die in den Kleinoden ihrer Erinnerungen kramen. Sei es nun "Die drei ???", die "Fünf Freunde", "Commander Perkins" oder "Larry Brent" und "John Sinclair". Diese Hörspiele haben in den 80er Jahren Jugendliche und junge Erwachsene angesprochen. Sie waren für eine Zielgruppe kreiert, von der man wusste, dass diese schnell keine Zielgruppe mehr sein würde. Entsprechend kurzlebig waren diese Serien. Nichtsdestotrotz übten diese Hörspiele eine Faszination aus und teilweise tun sie es ohne Zweifel heute noch. Doch es gibt heute einen anderen Markt.

Andere Interessen und vor allem andere Möglichkeiten. Auf der HÖRMICH in Hannover, die sich offiziell Messe schimpfte, begegneten mir Hörspielhändler, die einst Flohmärkte unsicher machten. Ich traf Labelvertreter der kleinen Unternehmen wie HörPlanet und R&B Company. Eben jene, die sich erhoffen für eine kleine Präsentation, den einen oder anderen potenziellen Käufer von seinen Produkten zu begeistern. Denn "Lady Bedford", "Faith" oder "Schrei der Angst" sind Hörspieladaptionen die 30 Jahre zu spät das Licht der Welt erblickten. Es sind Hörspiele für Erwachsene und vielleicht auch für Jugendliche. Doch die Erwachsenen sind eben diejenigen, welche schon 1980 Hörspiele hörten. Nur  wenige davon begeistern sich noch für dieses Medium. Man macht heute Hörspiele für ein ganz kleines Grüppchen von Leuten. Ausnahmen bleiben "Die drei ???" und noch eine Handvoll andere. Doch diese tummeln sich auf entsprechenden und ehrwürdigen Events. Ich vergleiche die Situation mit der TV-Show "Wetten dass". Die wurde jüngst eingestellt, weil die Kosten nicht mehr im Verhältnis zum Aufwand stehen. Hier schauen auch nur diejenigen zu, die aus Nostalgiegründen und aus einer alten Tradition heraus mit der Sendung verbunden sind.

Das Hörspiel wird aber munter weiter produziert. Es entstehen Geschichten für die sich niemand oder bestenfalls ein kleines Grüppchen interessiert. Und an Tagen wie jüngst in Hannover darf der Nerd so herzlich Nerd sein wie er nur möchte. Da gehen Sammler um die 30 um, die z.B. nach Drei ???-Hörspielen Ausschau halten und zwar in allen Auflagen. Sie haben Listen zur Hand um zu wissen was Ihnen noch fehlt zum Glück. Dabei ist es durchaus von Bedeutung ob die Kassettengehäuse der alten Tapes nun verschraubt oder verschweißt sind. Ob die Kassetten Aufkleber haben oder ob der Titel einfach auf das Plastikgehäuse gedruckt wurde. Ob die Kassette schwarz oder gelb ist und das Tonbandsichtfenster groß oder klein spielt eine ebensolche Rolle. Und auf die Frage was das Sammlerherz nun begehrt hört man die knappe Antwort "Alles".

Ich möchte die HÖRMICH nicht klein reden. Die Macher haben viel Zeit und Energie investiert. Und einige Menschen hatten sichtlich Freude an den Auslagen und Veranstaltungen. Doch jede Lesung, jede Podiumsdiskussion auf der Empore verpuffte bei mir. Ein müdes Lächeln umspielte meine Lippen, als ich den Darbietungen, den Gesprächen und Argumenten lauschte. Ach wie sehr kam mir das doch alles bekannt vor. 2008 hatte ich es schon in Hamburg gehört. Und ich wollte schreien. "Leute" die Zeit ist um. Auch wenn es Unentwegte gab, die den Tod des Hörspiels wegredeten ohne auch nur ein Argument dafür zu haben. Tot. War es jemals lebendig? Es war doch stets ein Nischenprodukt. Die Faszination, die davon ausgeht liegt im Reiz der Nostalgie. Für mich wurde in Sachen Hörspiel alles gesagt und ich kenne doch ziemlich jede Anekdote, jedes Argument für und gegen Hörspiele. Emotional war ich vom Hörspiel nie so weit entfernt wie an jenen Samstag auf der HÖRMICH in Hannover. Diese Veranstaltung war nicht weniger und kaum mehr als ein Flohmarkt. Sammlerpreise von alten Hörspielen, die in die Hunderte Euro gehen sind auch vorbei. Hier wurden Tonträger maximal mit zweistelligen Summen gehandelt.

Ich habe dem physikalischen Datenträgern längst abgeschworen. Aus Platzgründen. Kein CD-Regal soll mir die Wände verschandeln und Staub fangen. Auch diese Zeiten sind vorbei.

Kommentare  

#1 joe p. 2014-06-03 08:47
Ich war schlicht deswegen nicht anwesend, weil bei mir noch zuviele Hörspiele eingeschweißt herumliegen. Hatte keine Lust, diesen Turm noch um zehn weitere Neuanschaffungen zu erhöhen, egal wie günstig diese sein mögen. Außerdem war Rasenmähen angesagt.
Die Hörspielefans sind ein ganz umgängliches Völkchen. Auch wenn die Zuneigung zum veralteten Medium Cassette bei dem einen oder anderen Fan groteske Züge annimmt.
Zitieren
#2 Hans aus Wien 2014-06-04 19:20
Sorry, G. Walt, aber da geht mir das Geimpfte auf! Ich lasse für ein gutes Hörspiel noch immer JEDEN Spielfilm zum selben Thema sausen. Hast du's mal mit wirklich erstklassigen Hörspielen versucht? Aktuelle Tipps: "Verdacht" (in Kunstkopf-Stereo) und die Neuproduktion des "Hundes von Baskerville". Nix da mit Nerd, wir Hörspielfans schätzen einfach Qualität!
Zitieren
#3 G. Walt 2014-06-05 13:41
So ist es Hans aus Wien. Ich schätze Hörspiele ebenfalls sehr. Hier ging es um die Veranstaltung an sich und um Hörspiele des Mainstreams. Und ich habe versucht ein Bild der Hörspielfans wiederzugeben, die an jenem Tag vor Ort waren. Leider auch selbstüberschätzende Hörspielmacher. Die Relation ist, dass diese Macher in Wirklichkeit nur eine sehr kleine Schar Anhänger haben. Ich denke dass ist deutlich geworden. Das Hörspiel wird von den Hörspielfans selbst maßlos überschätzt, wenn wir im kommerziellen Bereich denken. In Wirklichkeit handelt es sich um liebes kleines Völkchen mit Familiencharakter. Ganz nett, aber bei weitem nicht mit dem großen Erfolg, der immer propagandiert wird.
Zitieren
#4 Hans aus Wien 2014-06-06 16:19
Okay, das lass ich gelten. Und um dir auch einen Schritt entgegen zu kommen: Es gibt auch Hörspiele, die schwer nerven, vor allem jene "Experimente", wo die Sprecher nur als "Stimme 1" und "Stimme 2" angegeben sind, du weißt sicher, welchen Typ Hörspiel ich meine. Aber ein positives Gegenbeispiel sind etwa die monatlichen "ARD-Radiotatort"-Krimis, die es an Witz und Spannung leicht mit ihren TV-Pendants aufnehmen können! Und die Klassiker, etwa Paul Temple (um im Krimi-Bereich zu bleiben) sind in ihrer Art sowieso unschlagbar und zum Glück alle wieder greifbar...
Zitieren
#5 G. Walt 2014-06-07 11:40
Sa gebe ich dir unverholen Recht. Der ARD-Radio-TATORT ist eben ein Radiohörspiel, aber eines was sich unbedingt als besser Kunst verstehen will. So was mag ich grundsätzlich nicht. Hörspiele sollen unterhalten. Der erhobene Zeigefinger oder die versteckten gesellschaftlichen Botschaften gehen mir auf die Nerven, wenn sie allzu dick aufgetragen sind. Es gibt aber auch bessere Folgen der Reihe.
Zitieren
#6 Hans aus Wien 2014-06-09 09:51
Ganz schlau werd ich aus deinem posting nicht. Du gibst mir recht, magst aber den Radiotatort eher nicht? Ist aber auch egal. Ich glaub, im Grunde schätzen wir gut gemachte unterhaltsame Hörespiele beide, und das können wir jetzt getrost so stehen lassen, Nische hin oder her. Machs gut!
Zitieren
#7 G. Walt 2014-06-09 13:56
In deinem Posting ging es ja nicht nur um den Radio-Tatort. Weil ich ihn aus "du hast Recht" ausgeklammerte, beschrieb ich es näher. Aber egal. Nette Diskussion. Auf bald.
Zitieren

Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.