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Österreichische SF Heftreihen von 1948 bis 1965: Die Maschine versagt

Östereichjische SF Österreichische SF Heftreihen
von 1948 bis 1965

Die Maschine versagt
(The Machine Stops)

In den 50-er und 60-er Jahren haben sich mehrere Wiener Verlage auch auf dem Gebiet der Science Fiction und Fantasy versucht - wobei diese Reihen im Laufe der Zeit weitgehend, meiner Meinung nach zu Unrecht, in Vergessenheit geraten sind. An diesem Thema Interessierte möchte ich auf den Artikel von D.Wrath über „Utopische Leihbücher und Romanhefte aus Österreich“ verweisen.


Ich will versuchen, einige dieser Heftreihen wieder ins Gedächtnis zu rufen: Reihen, die nur mehr teilweise, wenn sie überhaupt auf den Markt kommen, für uns Sammler zugänglich sind.

Als nächstes Objekt möchte ich mich einer weiteren Besonderheit zuwenden, einem Büchlein aus dem Wiener Amandus-Verlag, nämlich

Die Maschine versagt
(The Machine Stops)
Diese Erzählung ist 1947 erschienen und signalisiert schon durch den Untertitel, daß es eine Übersetzung aus dem Englischen ist. Als Autor firmiert Edward Morgan Forster, der diese Geschichte schon fast 40 Jahre früher, nämlich 1909 verfaßt hatte und die als eine der wichtigsten SF-Kurzgeschichten gilt. Wer die Story im englischen Original lesen möchte, findet sie im Internet unter folgendem Link: „Machine Stops

Edward Morgan (E.M.) Forster (1879-1970) führte nach seinem Studium in Cambridge ein ziemlich abenteuerliches Leben, reiste viel und war während des 1. Weltkriegs in Ägypten stationiert. Dank einer Erbschaft hatte er die Mittel, ein Leben als unabhängiger und freier Schriftsteller zu führen. Er dürfte ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein, das von seiner Mutter und seiner Tante abhängig war.

Östereichjische SF Hier einige Beispiele der verschiedenen englischen Ausgaben:

„The Machine Stops“ war sein einziger Ausflug in das Genre der Science Fiction, aber seine Bücher werden noch heute gelesen und auch verfilmt. Darunter befinden sich unter anderen:

Where Angels Fear to Tread (1905; dt. Engel und Narren, 1948)
A Room with a View (1908; dt. Zimmer mit Aussicht, 1986)
Howards End (Roman, 1910; dt. Wiedersehen in Howards End, 1949)
A Passage to India (1924; dt. Auf der Suche nach Indien, 1980)
Maurice (1971; dt. Maurice, 1988)

Alle diese Romane wurden zwischen 1984 und 1991 verfilmt. In Wikipedia und im Internet findet man, falls man sich dafür interessiert, genügend Material über Forsters Leben und seine Werke.

Doch nun zum vorliegenden Büchlein. Im Katalog der österreichischen Nationalbibliothek steht folgendes:

Die Maschine versagt (The Machine Stops)    E.M. Forster [ca. 1947]
Der englische Untertitel besteht diesmal zu Recht, es handelt sich um die älteste mir bekannte Übersetzung ins Deutsche.

Außerdem wurde die Story 1989 im Sammelband „AUGENBLICK DER EWIGKEIT.“ im Nymphenburger Verlag neu übersetzt und herausgegeben.

Englische Ausgaben findet man wie Sand am Meer: Diese Geschichte ist im englischen Sprachraum noch immmer sehr populär und auch als eBook verfügbar.

Dieses Büchlein ist nicht nur sehr selten, es ist meines Wissens auch die einzige Ausgabe, die nicht in einer Storysammlung verlegt wurde. Da es kaum deutsche Übersetzungen gibt, möchte ich mich mit dem Inhalt etwas ausführlicher befassen.

Östereichjische SF Inhalt des Büchleins
Die Geschichte spielt weit in der Zukunft, in der alle Menschen in unterirdischen Städten leben, abgeschirmt voneinander in kleinen Wohneinheiten und nur betreut und versorgt von der allmächtigen Maschine, die wir uns heute als einen Supercomputer vorstellen müssen. Die Menschen kommunizieren nur durch Televisoren, gefährliche Tätigkeiten werden durch die Maschine verboten und Reisen zwischen den Städten erfolgen, wenn überhaupt per Luftschiff. Und das Handbuch über die Betätigung und Funktionen der Maschine ist quasi die neue Bibel.
Die Helden der Geschichte sind Vashti, die bedingungslos an die Maschine glaubt, und ihr Sohn Kuno, der an den Regeln zweifelt und sie auch übertritt, indem er heimlich die nunmehr lebensfeindliche Erdoberfläche besucht.

Vashti besucht ihren Sohn, der als Gesetzesbrecher aus der Stadt an die Erdoberfläche verbannt werden soll. Sie ist entsetzt über sein Verhalten, kann ihm aber nicht helfen und schlägt seine Warnungen vor der Maschine in den Wind.

Die Jahre ziehen dahin und es kommt zu immer mehr Ausfällen in den Funktionen der Maschine, die anscheinend nicht zu reparieren sind, da die entsprechenden Funktionen ebenfalls schadhaft sind. Kuno hat an der Oberfläche überlebt und meldet sich wieder bei seiner Mutter und warnt sie, daß die „Maschine versagt.“

Letztlich kommt es zu immer weiteren Ausfällen, die Versorgung mit Nahrung und Luft läßt nach und die Menschen in ihren unterirdischen Wohneinheiten suchen vergeblich Hilfe im Handbuch der Maschine, doch sie sind letztlich zum Untergang verdammt.

Vieles von dem, was Forster hier präsentiert, kommt uns irgendwie bekannt vor. Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, die Schwierigkeiten haben, unter Menschen zu gehen, die ihre Kontakte nur noch computervermittelt pflegen können (das gilt auch für die Mutter-Kind-Beziehung), die sich der realen Welt entfremdet haben und diese nur medial präsentiert aus zweiter Hand kennen. Auch in unserer Gesellschaft kann man eine zunehmende Zahl Betroffener ausmachen, die unter Internetsucht und sozialer Vereinsamung leiden, wodurch die reale Welt auf den Kosmos ihrer Wohnung schrumpft. Forster war hier mit der Vision von menschlichen Monaden seiner Zeit weit voraus und sie ist aktueller denn je.

Da die Menschen ihrer Umwelt weitgehend entfremdet sind, versuchen sie, die Leere, die sich aus der Abwesenheit von anderen Menschen ergibt, damit zu füllen, dass sie über elektronische Mittel miteinander kommunizieren. Als das System sie nicht mehr miteinander verbinden kann und Stille im Raum einkehrt, brechen sie zusammen.
Damit antizipiert Forster nicht nur die erschreckenden Ergebnisse von psychologischen Tests mit Studenten, die nicht mehr auf ihre sozialen Netzwerke zurückgreifen konnten, sondern auch gleich die technischen Entwicklungen, auf denen diese beruhen. Vom Gott der Technik, der Maschine, im Stich gelassen, müssen diese Menschen zugrundegehen.

In Forsters Erzählung überlassen sich die Menschen wohl auch auf Grund ihrer Bequemlichkeit vertrauensvoll „Der Maschine“ und beginnen zum Schluss sogar, diese mit religiösen Attributen zu versehen, Andersdenkende müssen beseitigt werden. Damit stemmt sich der Autor nicht nur der Technikgläubigkeit seiner Zeit entgegen, sondern widerspricht energisch auch den utopischen Erwartungen, dass aufgrund der Industrialisierung und Technisierung ein Paradies geschaffen werden könne, das den Menschen von der lästigen Arbeit befreien würde, wenn die äußeren Bedingungen entsprechend gestaltet würden. Der häufig geäußerten Ansicht, daß sich der Mensch nun endlich intellektuell und künstlerisch entfalten könnte, begegnet Forster mit der Vision von Millionen nur noch aus zweiter Hand lebender Menschen, die verzweifelt in ihren winzigen Räumen nach neuen Ideen suchen. Sie sind aber nicht mehr in der Lage, den Aufbau eines Geräts zu verstehen, geschweige denn, den drohenden Untergang ihrer Welt zu verhindern, als das Reparatursystem letztlich streikt.

Diese Geschichte beeindruckt, obwohl vor über 100 Jahren geschrieben, trotz der etwas antiquierten Sprache und Ausdrucksweise (was vielleicht auch an der Übersetzung liegen mag) noch heute und ist meiner Meinung nach eine beeindruckende Zukunftsvision, die hoffentlich niemals Realität werden wird.

Die Verbreitung dieses Büchleins dürfte mangels einer entsprechenden Auflage eher gering gewesen sein, ja es ist ziemlich selten, wird aber im Internet gehandelt.

Da es sich hier um die älteste Übersetzung ins Deutsche handelt, kann man es zu Recht zur Österreichischen Science Fiction zählen.

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