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Die Hand von Saint Ury (The Hand of Saint Ury, 1951) - Teil 3

StoryDie Hand von Saint Ury
(The Hand of Saint Ury, 1951) - Teil 3

8.
Die Seance erwies sich als qualvolle Angelegenheit mit verschwommenen Andeutungen, Gekreisch und boshaften Drohungen. Mrs. Shaughnessy stöhnte zuerst, wiegte sich hin und her und begab sich in ihre „Trance“, aus der sie dann die Anwesenheit eines „dunklen Geistes“ verkündete, der angeblich den Raum ausfüllte und von jemandem Besitz ergreifen wollte, doch nicht von ihr.

Er begehrte die „Kontrolle“ über jemanden, „der dem Haus näherstand.“ Woraufhin Mrs. Medford eine Reihe von Anfällen erlitt, in denen sie ächzte und zitterte, um schließlich in eine Art starres Koma zu verfallen. Dann krächzte eine seltsame Stimme aus ihrem Bauch.
„Ich bin hier!“ sagte sie. „Nicht hier, aber in diesem Haus, bevor es hier war. Ich schaue durch ein Fenster in einen Gemüsegarten, doch da ist kein Gemüse, sondern moosiges Kopfsteinpflaster! Und da sind Menschen und Soldaten in Rüstung und Edle in Samt...“
Plötzlich schrie sie: „Ich sehe ihn! Da kommt er! Ein schrecklicher großer haariger Mann! Wird von Soldaten gezerrt...ist mit Eisen-Ketten gefesselt... Ich sehe ihn!“ dann schien sie der Mann selbst zu sein und stöhnte und schauderte mit gequälter tiefer Stimme.
„Es war eine schreckliche, große, haarige Hand“ bestätigte Jimmy.
Mrs. Medford begann nach kurzem Schweigen erneut aufzuschreien. „Er hebt seine Hände mit den Ketten und rüttelt die Fäuste. Es ist...ein Fluch! Er sagt etwas von...essen und trinken...wachen und schlafen...leben und steben... 'Ich werde auf dich warten, Lord von Auberge!' Und die samtenen Edlen lachen, und der Lord sagt: 'Lasst uns das Urteil des Hohen Gerichts ausführen'“!
Und dann griff Mrs. Medford nach ihrem Handgelenk, wand sich in ängstlichem Widerstand und schrie erneut voller Qual auf, um dann halb von Sinnen zu einem bibbernden und stöhnenden Haufen zusammenzusinken.
Jimmy und Eula kamen zitternd aus dem dunklen Raum. Eula rieb sich unbewußt ihr eigenes Handgelenk. Dr. Harries schien nicht sehr beeindruckt. „Die meisten dieser Manifestationen sind“, fasste er das bizarre Experiment zusammen, „obwohl sie eifrig drauf bestehen, 'geist-gesteuert' zu sein, eigentlich nur Äußerungen des Unbewußten. Verschiedene Eindrücke, lose geformt von einem nicht gut ausbalanciertem und empfindlichen Gehirn, und gespeist von Gelesenem oder vom Hörensagen, werden mit erstaunlicher Realität visualisiert. Dieses Phänomen ist auch die Erklärung für die meisten Visionen von Heiligen und Madonnen. Obwohl wir natürlich“ fügte er mit kalter Objektivität hinzu, „die Möglichkeit nicht komplett ausschließen können, dass mache sensiblen Medien quasi als Empfangsgerät für Wellenlängen einer äußeren Quelle dienen. Wir waren eben also entweder Zeugen der Visualisierung eines unausgegorenen Unbewußten, oder“ - seine Akzeptanz dieser Möglichkeit war furchteinflößend - „ es waren die Ausstrahlungen einer immer noch sehr starken aktiven Haß-Energie. Kurz – wir können eigentlich nichts Definitives tun, bevor die Hand hier ist.“
        
9.
Es war Lady Jane, die die ersten Anzeichen dafür lieferte, dass sich etwas Bedrohliches verstohlen näherte.  Aus der Dämmerung kamen das durchdringende Gewinsel eines Pudels, der fast zu Tode verängstigt war, und bald setzte die Kreatur ihr Gekläff unter einen Stuhl fort, zu dem sie mehr getaumelt als gerannt war.
„Na gut!“ presste Jimmy durch seine Zähne, „Was können wir tun, um uns zu verteidigen?“ Er sagte nicht: „Um es zu bekämpfen.“
„Tja...“ meditierte Dr. Harries vor sich hin, „Wenn wir nur wüßten, wie wir Sie immunisieren könnten – genauer gesagt, wie wir irgendein undurchdringliches Schild um Sie herum errichten könnten, etwa so, wie man mit Blei radioaktive Energie abschirmen kann. Dann würden Ihre Ausstrahlungen vermutlich aufhören, das Ding am Leben zu erhalten“.
„Verdammt!“ Jimmys Ungeduld schlug in Wut um. „Ich mach das schließlich nicht mit Absicht!“
„Natürlich nicht. Und doch könnte in Ihnen ein unbewußter Willen existieren, der die Hand anlockt – schließlich wissen wir, dass solche Dinge sogar bewußt gesteuert werden können, so etwa bei den sogenannten „Magiern“ des Mittelalters oder afrikanischen Hexenmeistern unserer Gegenwart. Ein gewisser Schutz wird angeblich gewährleistet durch diverse „magische Kreise“ oder „heilige Pentagramme“ und so weiter, obwohl ich persönlich nicht viel Vertrauen zu derlei Abwehr habe. Etwas glaubwürdiger und verläßlicher ist da schon der bekannte mittelalterliche Glauben an die Kraft von kaltem Eisen gegen das, was sie damals Hexenkünste nannten – dafür spricht auch, dass die Hand einst mit einem Eisennagel gegen die Tür genagelt wurde. Auch war es üblich, Selbstmördern einen großen Eisennagel durch ihre Körpermitte zu schlagen, weil man glaubte, sie seien im Tode ruhe- und heimatlose Geister. Es gab aus diesem Grund auch eiserne Särge und so weiter. Dieser Glaube hat übrigens bis heute überlebt in Form von eisernen Amuletten und eisernen Kreuzen, sei es als Medallions oder auf Grabsteinen. Unglücklicherweise können wir Sie nicht in einen eisernen Sarg legen. Und um die Hand erneut mit eisernen Nägeln zu spicken, müssen wir sie erst fangen.“
„Klingt wie eine Kobra-Jagd“, fluchte Jimmy grimmig.“Wie wärs mit dem  Stahl einer Revolverpatrone?“
„Das wäre eine Möglichkeit. Zwar könnte es sein, dass das Ding auch nach seiner, äh, Disintegration fortfährt, Sie zu hassen, da die Haßenergie selbst nicht aufgelöst werden kann, aber das ist dann vermutlich nur noch eine Frage von theoretischem Interesse, weil seine physische Möglichkeit, sich zu rächen, zerstört wurde.“     
Jimmy entfuhr ein langer Seufzer, der fast etwas erleichtert klang. Doch der Doktor fuhr erbarmungslos fort: „Wir könnten damit den ganzen Spuk los sein, außer natürlich, die hassende Kraft besteht darauf, in irgendeiner anderen telekinetischen Form weiterzuexistieren. Sie könnte auf andere Weise Dinge bewegen, sagen wir, zum Beispiel einen Ziegelstein von einer hohen Mauer auf Sie plumsen lassen.“ Auf Jimmys gehetzten Blick hin erklärte der Doktor mit brutaler Fröhlichkeit: „Das Phänomen, warum ein Ziegelstein oder Eimer Farbe exakt auf eine 'unglückliche Person' niederfallen kann, ist nie befriedigend geklärt worden.“
„Also ich gehe jetzt in die Stadt und besorge mir eine abgesägte Schrotflinte“, verkündete Jimmy düster.
„Wär es o.k. Für Sie, wenn Sie gleich zwei besorgen?“ schlug Doktor Harries mit kühler Akzeptanz der schlimmsten Möglichkeiten vor. „Und obwohl es noch hell ist, wäre es vielleicht besser, ich leiste Ihnen auf Ihrem Weg Gesellschaft.“

10.
Sie kehrten mit einem ganzen Waffenarsenal und zwei riesigen Boxerhunden zurück.
„Wenn die das Ding dabei erwischen, vor dem Haus herumzukrabbeln, und es fressen oder zerreißen, schätze ich, wird sie ausreichend desintegriert sein.“ erklärte Jimmy Eula.
Eulas Antlitz verzerre sich angesichts einer so unappetitlichen Vorstellung. „Ich vermute, sie werden sie zumindest auf Trab halten. Aber vergiß nicht, die Hunde des Wilderers...“
Die erste Nacht nach der Ankunft des Dings brachte ein wildes Chaos mit viel Gebell und Geraschel mit sich, das zu nichts führte. Verstohlene Geräusche drangen aus dem zugewucherten Garten herüber. Die Hunde verkündeten ihre Aufregung über das, was es auch immer sein mochte und galoppierten auf ihren großen Pfoten hierhin und dorthin wie wahnsinnig gewordene Brauereipferde. Bei jedem Zwischenfall stürzten Jimmy und der Doktor eifrig zu den Fenstern und durchforschten die dunkle Tiefe mit ihren Blicken. Sie konnten die schattigen Umrisse der großen Hunde über mondbeschienene Flecken huschen sehen – aber sonst nichts.
„Es könnten natürlich auch Ratten sein“ schlug der Doktor vor.
„Klar, Ratten!“ Eula legte ihre gesamte Verachtung in ihr britisches Idiom.
„Vielleicht entdecken wir ja Spuren, wenn es hell wird“ überlegte Jimmy hoffnungsvoll, „dann wissen wir mehr.“
Die Spuren, die sie neben den Eindrücken der Hundepfoten fanden, waren hoffnungslos verschmiert. „Hatte dieses Ding“, fragte der Doktor, „als Sie es in dem Laden fanden, lange Fingernägel? Wie auch immer“, faßte er die Situation zusammen,  „wir können auf jeden Fall davon ausgehen, dass das Ding nachtaktiv ist, wie alle dunklen Mächte. Wir werden deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit tagsüber sicher sein – dann jedenfalls, wenn wir um dunkle Ecken einen großen Bogen machen. Wir wissen nun, es vermeidet eine überlegende Anzahl von Gegnern, wie zum Beispiel zwei wütende Hunde. Wir wissen aber auch, dass es, wie im Fall des Wilderers, in der Lage ist, listig einen Hund zu separieren und dann einzeln anzugreifen. Und, da es sich bisher noch nicht offen gezeigt hat, müssen wir, so sehr ich das bedaure, uns mit der Tatsache anfreunden, dass seine Absichten definitiv bösartig sind, und daß es mit tödlicher Intelligenz begabt ist.“
„Vielleicht könnten wir dann ja tagsüber jagen?“ schlug Jimmy voller Hoffnung vor. „So können wir jedenfalls nicht weitermachen – mit dem Wissen, das ein höllisches Etwas in Gestalt einer haarigen Hand irgendwo auf dem Grundstück herumlungert und darauf wartet, nach Anbruch der Dämmerung auf jemanden zuzuspringen und ihm die Kehle zuzudrücken!“
„Wenn wir es finden könnten! Sein fieser Vorteil ist, dass es sich mit Leichtigkeit in tausend Ritzen hier im zerbröckelnden Mauerwerk verstecken kann.“
Mrs. Medford wußte natürlich, wo „es“ zu finden war. „Es lebt im Kartoffelkeller!“ verkündete sie, und bevor sie nachfragen konnten, fügte sie hinzu: „Ich habe es gesehen!“
„Vor Ihrem geistigen Auge, vermute ich mal“, meinte der Doktor. „Aber lassen Sie uns die Gewehre nehmen und nachschauen – wer weiß...“
Der Kartoffelkeller stellte sich als dunkles Gewölbe hinter einer schweren Tür heraus, erbaut aus riesigen Steinen, kalt und moderig. Aus den Löchern, die herausgefallene Steine hinterlassen hatten, tröpfelte Wasser. An den Mauern aufgereihte Tonnen enthielten Kartoffeln und die Sorte großer Steckrüben, in die die Landbevölkerung inklusive des Viehs so vernarrt war. Der Doktor, der den Keller mit einer völlig unzureichenden funzeligen Taschenlampe sorgfältig erkundete, vermutete, dass dies einst, in den Tagen der Brutalität und der hygienischen Sorglosigkeit, ein lichtloses Verließ gewesen war.  
„Gott“ fluchte Jimmy. Die ständige Ungewißheit und wachsende Bedrohung zerrte an seinen Nerven. „Hier gibt es eine Million kleine Verstecke. Wenn wir vielleicht eine starke Lampe an einer Verlängerungsschnur aus dem Haus...“
„Wir könnten auch dann nicht jedes einzelne Loch finden und erkunden“, unterbrach Harries. „Wer weiß, wie tief sie in die Wände reichen. Wir bräuchten Frettchen, wie in einem Kaninchenbau.“ Der Doktor konnte sich nicht enthalten, in seiner unheilsschwangeren Art warnend hinzuzusetzten:  „Das Ding ist allerdings entschieden gefährlicher als ein Kaninchen.“
Ein raschelndes Geräusch in der Ecke ließ beide herumwirbeln. Ein unterdrücktes hohes Krächzen entwich Jimmys Kehle, und panisch feuerte er beide Ladungen seines Gewehrs in diese Richtung. Der Strahl der Taschenlampe zeigte, dass er ein paar Zwiebeln und eine Ratte gründlich „desintegriert“ hatte.
„Und wir wissen“, konstatierte der Doktor, als ob er den Faden irgendeiner eben dozierten Theorie wieder aufnahm, „dass es auf Aggression mit wachsender Rachsucht reagiert.“ Seine wissenschaftliche Attitüde, selbst in der Stunde der Gefahr, war entnervend. Die beißende Dämpfe des Schießpulvers vertrieb sie von diesem unwirtlichen Ort.
„Meine Güte“, hustete Jimmy. „Was sind Sie bloß für ein Pessimist!“
„Wir können es uns nicht leisten“ grollte der Doktor, „angesichts einer Kreatur optimistisch zu sein, die in der Finsternis operiert. Es ist nicht nur christlicher Aberglaube, dass Licht und das Gute zusammengehören. Alles, was wir tun können, ist, auf der Hut zu sein.“
Bei einem späten Dinner schlug er vor: „Miss Bogue, ich halte es für ratsam, dass Sie ab jetzt bei unserer formidablen Haushälterin übernachten.“
Eula wedelte heftig mit ihren weit gespreizten Fingen bei dieser Aussicht. „Huah! Das wäre noch grusliger, als...“
„Und ich“, unterbrach der Experte sie rüde, „werde mit Mr. Duck zusammenziehen. Ich würde vorschlagen, wir belegen Räume mit Verbindungstüren. Am besten die im alten Kapellen-Flügel mit den vergitterten Fenstern.“
Und so kam es, dass sich die vier zu einer Nachtwache versammelten, um gemeinsam durch die Fenster der Katastrophe ins Auge zu sehen. Tatsächlich schien rund ums Haus die Hölle losgebrochen zu sein. Krachende Gebüsche, wildes Galoppieren von Füßen, kläffende Hunde  - manchmal bellten sie gemeinsam zur selben Zeit, wütend hinter etwas herjagend – und dann gab es wieder getrennte Konfusion; ein Hund schien hysterisch unter einem Busch etwas anzubellen, das er nicht erreichen konnte, der andere war wohl überzeugt davon, dass er etwas in einem Abflußrohr in die Enge getrieben hatte. Und dann wurden die vier Beobachter an den hochgelegenen Fenstern Zeugen eines echten Schreckens im Mondlicht.
Einer der beiden Hunde taumelte aus den Schatten hervor, hustend und würgend, und stolperte unsicher über ein Rasenstück. Im fahlen Licht sah es zunächst so aus, als hielte er etwas Schlaffes zwischen den Zähnen, um es furios zu schütteln. Doch als sein Kopf sich von einer Seite zur andern wand, konnten sie erkennen, dass nichts zwischen seinen Zähnen steckte, sondern etwas an seiner Kehle hing – etwas, das alles andere als schlaff war!  
Jimmy und der Doktor schnappten sich ihre Gewehre. Sie rasten die Treppe hinunter und nach draußen. Doch der Hund war inzwischen in der Dunkelheit zwischen schattigen Büschen verschwunden. Auf ihre Rufe hin kam keine Antwort. Nicht einmal vom anderen Hund.
„Wir sollten uns lieber nicht zu weit in die Schatten wagen“, warnte der Doktor. „Und auf keinen Fall die Frauen allein lassen!“
An der Tür standen beide einen Moment wie erstarrt.
„Mein Gott, wir haben sie offengelassen!“
Im Haus war allerdings nichts Schlimmes passiert, sah man davon ab, dass Mrs. Medford sich grade bebend von einer kurzen Ohnmacht erholte. Eula rieb ihr die Hände. Wasser, das großzügig um das Waschbecken auf dem Boden verspritzt war, zeugte von Eulas nicht sehr zartfühlenden Wiederbelegungsversuchen.
„Gott!“ murmelte Mrs. Medford. „Ich...habe es gesehen!“
„Aber Sie haben es doch schon mal gesehen“, meinte Eula rüde, “und da sind Sie auch nicht umgefallen und haben mich allein gelassen.“
„Ah“ machte Mrs. Medford. „Aber diesmal habe ich es wirklich gesehen! Es war eine schreckliche haarige Hand!“
„Sie kann sie eigentlich nicht wirklich identifiziert haben“ widersprach der Doktor mit kalter Sachlichkeit. „Viel zu wenig Licht, und die Fenster liegen zu hoch. Wie auch immer, wir haben die Tür für einige Augenblicke lang nicht im Auge behalten, also bleibt uns nichts anderes übrig, als zusammen für den Rest der Nacht wachzubleiben.“
Jimmy war auf alles und jeden in der Welt wütend, im speziellen auf sich selbst und seine unkontrollierten Nerven, die es zugelassen hatten, dass die Tür weit offenstand. „Ja“, krächzte er zynisch, „wir können uns ja die Zeit mit Gruselgeschichten vertreiben!“ Seine Hand strich nervös über seine Kehle.
Eula warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Doktor Harries hat uns nur gewarnt!“
„Vielleicht“, gestand der Doktor streng, „habe ich meine Warnungen nicht deutlich genug ausgesprochen. Vielleicht habe ich das alles selbst nicht ernst genug genommen. Sonst hätten wir auf die Tür geachtet. Nun ja, morgen früh sind wir schlauer.“
Alles, was sie am nächsten Morgen erfuhren, war, dass die Hunde nicht mehr lebten. Beide Hundeköpfe mit ihren hängenden Backen waren gräßlich verzerrt, und die Zungen hingen heraus, widerwärtig schwarz verfärbt.
„Tjjjaaa.“ Der Doktor zog das Wort zischend in die Länge. „Ausgekocht genug, um sie bis zur Erschöpfung herumzujagen, durcheinanderzubringen und sich dann einen nach dem andern vorzunehmen. Wir müssen, solange wir Tageslicht haben, das ganze Haus äußerst gründlich durchsuchen. Und zwar Raum für Raum.“
„Hunde nützen hier nichts“, konstatierte Jimmy. „Ich werde in die Stadt gehen und einen Wachmann engagieren. Und ihn, bei Gott, mit einer Wagenladung Taschenlampen ausstaffieren. Und mit einem MG.“

11.
Jimmy kehrte spät zurück. „Ich hatte verdammte Mühe, jemanden zu finden, der den Job annehmen wollte! 'Nicht auf Dockbridge Manor!', sagten die meisten, mit hervorgequollenen Augen. Wieso nicht? Weil es verflucht ist. Keine Verwandten gehen da angeblich um, nein, 'schwarze Dinger', und es gäbe Skelette toter Männer unterm Haus, so die Legende, und jeder verdammte Bauerntölpel der Gegend macht sich vor Angst in die Hosen. Aber ich hab letztendlich einen guten Typen ergattert. War Wachmann im Whitehaven-Gefängnis, sagt er, und er würde auch einen Friedhof bewachen, wenn es gut bezahlt wird. Habt ihr hier inzwischen irgendwas gefunden?“
Dr. Harries schüttelte seinen Kopf. „Nichts, das uns wirklich weiterbringen würde; wir haben uns wahrscheinlich bei der Suche nur noch verrückter gemacht, und genützt hat sie kaum etwas. Dutzendweise Rattenlöcher in dunklen Ecken hinter Wandschränken und Küchenregalen. Manche davon groß genug für eine Katze. Jetzt, wo sich herausstellt, dass Hunde nutzlos sind, wünschte ich, dass wir eine Katze hätten – eine große, meine ich, einen Leoparden etwa – ein Jagd-Tier, das auch im Dunklen sehen kann...“
Es war fast so etwas wie eine Erleichterung nach all der Ungewißheit, als die Männer in der folgenden Nacht von Eulas Schreien im nächsten Raum wach wurden. Hineinstürzend, fanden sie sie hysterisch weinend in Mrs. Medfords Armen. Mrs. Medford orakelte: „Diesmal hat sie es gesehen! Ich hab friedlich wie ein Baby geschlafen, als ich wach wurde und sie kreischen hörte: 'Da, da ist ist sie!' und ich frag: 'Wo, wo denn?', aber was immer sie gesehen hat, war zu schrecklich, und da ist sie durchgedreht...“
Eula fiel Jimmy um den Hals. „Bing mich hier weg!“ stöhnte sie. „Oh, bring mich weg hier, vor diesem schrecklichen Ort!“
Alles was er dazu sagen konnte, war: „Ich könnte dich hier wegbringen. Aber bei mir hätte es keinen Zweck, davonzulaufen. Wir wissen, dass es uns immer weiter verfolgen kann, ohne müde zu werden. Wir müssen hier ausharren! Das stimmt doch, Doktor?“
„Ich fürchte ja. Flucht würde die Sache nur in die Länge ziehen, und hier kennen wir wenigstens die Bedingungen. Wir müssen es hier durchstehen -
und da wir nicht wissen, wie man seine Kräfte neutralisiert, muss es vernichtet werden. Hoffen wir, dass es zerstörbar ist. - Versuchen Sie uns zu erzählen, was Sie gesehen haben!“
Eula zeigte bebend zum Fenster. „ Da draußen... Ich konnte nicht schlafen...natürlich nicht... und vom Bett aus konnte ich die Silhouette dieser Äste sehen. Und plötzlich war es da! Diese Augen! Es hat boshafte kleine rote Augen. Es saß auf einem Zweig und wartete.“
Verwirrt sah der Doktor Jimmy an.
„Diese Regenschirmfrau“ erinnerte ihn Jimmy. „Auch sie sah die roten Augen. Eng, wie bei einer Spinne, und alle Welt hat das Ding ja auch für eine Spinne gehalten. Jedenfalls hat es einen ekelhaften Ring an einem Finger. Ich dachte, ich hätte Ihnen davon erzählt – eine schwarze flache Scheibe mit zwei roten Steinen.“
„Hm... ich frage mich...Ich frage mich, ob das der Schwarze Spiegel und die Roten Augen des Anubis sein könnten...“
„Was sind die Roten Augen des Anubis?“
„Aber nein.“ Der Doktor verwarf die Theorie. „Das ist alte ägyptische Magie von schrecklicher Stärke. Das trifft hier nicht zu... Das hier ist schwarzer normannischer Haß – die Geschichte der Hand hat es klar genug bewiesen. Und Sie, meine Liebe, müssen versuchen, noch etwas Schlaf zu bekommen. Wir können uns keinen weiteren Nervenzusammenbruch in dieser alles entscheidenden Zeitspanne leisten. Lassen Sie Ihre Tür offen. Jimmy und ich werden uns mit der Wache abwechseln.“
„Ich schätze“, grollte Jimmy, „Wir können diesem idiotischen Wachmann keine Schuld geben – wie soll er so etwas Flüchtiges wie eine Ratte ausmachen, die auf einen Baum klettert. A propos klettern – sie könnte die Distanz doch nicht gesprungen sein, oder?“
„Sechs Meter hoch? Sehr unwahrscheinlich. Na jedenfalls, an unserem Zimmerfenster steht kein Baum. - Irgendwelche Präferenzen, was Ihre Schicht angeht?“
„Ich nehme die erste“ beschloß Jimmy. „Ich könnte sowieso nicht schlafen – selbst unter Drogen nicht... Ich werde mir eine Pfeife anzünden und wachbleiben. Ich denke, wir können nun wirklich endgültig ausschließen, dass das Ding, wie Sie neulich schrecklicherweise vorgeschlagen haben, freundlich gesinnt ist. Es ist auf Rache aus.“
„Ich fürchte ja. Ich fürchte es sogar sehr. Also – riskieren Sie es nicht, auch nicht für eine Sekunde, einzunicken! Wecken Sie mich, wenn Sie irgendwas hören.“
Dazu hatte Jimmy nur allzu bald Gelegenheit. Der Doktor gehörte zu den Menschen, die die Fähigkeit besitzen, sofort hellwach zu sein. „Was gibt’s?“
„Da ist ein kratzendes Geräusch im Efeu draußen unterm Fenster!“ flüsterte Jimmy.
Doktor Harries' Antworet war laut. „Ich wünschte, wir könnten so tun, als wenn es Ratten wären. Oder ein Einbrecher. - Es scheint nicht sehr ängstlich zu sein. Klingt so, als hätte es inzwischen die Fensterbank erreicht. Licht! Um Himmels willen, schnell! Licht!“
Die altmodische Glühlampe an der Decke leuchte zwar den Raum aus, erreichte aber nicht die Außenwelt. Mir demselben Impuls griffen die beiden Männer nach ihren Waffen, rannten zum Fenster und lenken die Strahlen ihrer starken Taschenlampen durchs Fensterglas.
Was immer auch dort entlang gekrabbelt war, war flink genug gewesen, um rechtzeitig zu verschwinden. Jimmy riß das Fenster auf, noch bevor der Doktor schreien konnte: „Nein! Großer Gott, nicht!!“ Der helle Lampenschein enthüllte nichts. Nur ein Rückzugs-Geraschel ertönte aus dem Efeu.
„Ha!“ Der Dokor wirkte etwas befriedigt. „Wie ich mir gedacht habe. Es existiert am liebsten im Dunkeln. Licht ist bis zu einem gewissen Grad eine Verteidigungsmöglichkeit.“
„Schauen Sie!“ Jimmy flüsterte wieder, ziemlich heiser. Er hatte den Strahl seine Lampe auf das Fensterbrett gerichtet.
Dort, im Staub, war ein Abdruck! Der Abdruck einer Hand! Der Abdruck von langen verdrehten Fingern und einer Handfläche – und dünne Kratzer von ungeschnittenen Nägeln.
Von unten blitzte plötzlich der Strahl einer weiteren Taschenlampe auf. Die undeutlichen Umrisse des Wachmanns waren dahinter zu erkennen. „Alles o.k.?“ rief er.
„Wissen wir nicht!“ antwortete der Doktor schnell, bevor Jimmy die gräßliche Entdeckung hinausposaunen und den Mann trotz seiner vorgeblichen Tapferkeit verschrecken konnte. „Wir haben etwas im Efeu gehört. Sollten Sie es auch hören – stellen Sie keine Fragen! Schießen sie sofort auf das Geräusch!“
„Will ich gern machen, Sir. Aber das Efeuzeug ist ein guter Ort für allerlei Ungeziefer, Ratten und Spatzen und was weiß ich alles, hier mitten auf dem Land.“
„Tja, wie es aussieht“ seufzte Doktor Harries, „ist so ein Wachmann hier genauso unnütz wie ein Hund.“ Energisch schloß er das Fenster.
„Wieso...“ Jimmy konnte sich das ehrfürchtige Flüstern nicht abgewöhnen. Etwas weigerte sich in ihm, in dieser turbulenten Nacht normal zu sprechen. „Wieso hat es nicht das Glas zerbrochen und ist hier rein? Es hat damals doch auch das Ladenfenster zertrümmert.“
„Ich weiß nicht recht...“ Doktor Harries zog die Augenbrauen zusammen. „Das waren damals kleine Bleifenster, oder? Könnte es sein, dass es weiß, dass wir bewaffnet sind und dass wir es – desintegrieren können? Oder könnte es sein...das wäre doch immerhin möglich... dass die kalten Eisenstäbe an den Fenstern... Wir wissen so wenig. Wirklich, wie wenig wissen wir über die Dunklen Mächte! Wir wissen nur eins – das Ding hat tödliche Kräfte.“
„Die Hand eines Toten!“ murmelte Jimmy, seine Augen starrten ins Nichts.  „Aufgeladen mit Haß! Fähig zu krabbeln! Fähig zu rennen! Fähig – zu würgen...!“
„He, he!“ Der Doktor packte und schüttelte ihn. „Reißen Sie sich zusammen! Wenn Sie zulassen, dass Ihre Nerven schlappmachen, sind Sie verloren! Sehen Sie denn nicht, dass die Hand genau das versucht zu erreichen? Wie bei den Hunden – erst macht sie Sie konfus und hysterisch...und dann... Kommen Sie, lassen Sie sich nicht gehen!“       
„Puuh!“ Jimmy stieß einen langen Seufzer aus und schüttelte seinen Kopf. „Die ganze Sache ist nur so schrecklich ekelhaft! Ein bösartiges Ding von der dunklen Seite der Welt...mit allen Vorteilen auf seiner Seite...“
„Nicht mit allen“, ermutigte der Doktor ihn. „Wir haben zum Beispiel das Licht auf unserer Seite. Sogar Taschenlampen helfen. Keine Ahnung, warum das so ist. Es scheint so, dass eben die dunklen Mächte eben auch am besten im Dunkeln funktionieren. Was natürlich auch ein Grund dafür ist, dass wir sie so fürchten.“
Jimmy schüttelte sich, um die Anspannung seiner Nerven, die sich durch die ständige Angst wie Drahtseile anfühlten, zu lockern. „Da haben Sie verdammt recht, Doc. Und wir werden nicht aufgeben. Was ist mit dem Wachmann da unten? Sollten wir ihm nicht einen Hinweis geben? Könnten wir nicht zumindest andeuten, mit welcher Art von Bedrohung wir es zu tun haben?“
„Vor allem, mit welcher Art von Bedrohung er zu rechnen hat. Falls das Ding an ihm hochkrabbelt, ohne daß er weiß...“
„Ich sags ihm gleich morgen früh“, seufzte Jimmy. „Bevor er nach Hause geht. Ich hoffe, er kommt danach wieder her!“

(Fortsetzung in zwei Wochen)

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4 (24.06.2019)

Anmerkungen: Gordon MacGreagh: The Hand von Saint Ury (Weird Tales 1951)

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