Der Stoff aus dem man Helden macht
Der Stoff aus dem man Helden macht
Inhaltlich hat Rettungskreuzer Ikarus dieses Ziel nach meiner Meinung schon längst erreicht. Die Serie hat alles, was die PR-Serie im Kern ausmacht, also Raumschlachten, Agenteneinsätze, exotische Rassen und eine überwiegend von Humanoiden bewohnte Galaxis versehen mit einem "kosmischen" Hintergrund. Das ganze ist aber modern verpackt, es gibt ein Team und die Romane lesen sich nicht wie Jugendromane, sondern wie SF für Erwachsene.
Einführung:
Wichtig für jede Serie sind die Leitcharaktere oder eine Stufe schlichter: die Helden. Perry Rhodan lebt von Gucky, Icho Tolot, Atlan und Alaska Saedelaere. Mit der Wahl dieser Figuren und ihrer Positionierung werden wichtige Vorentscheidungen über die Serien getroffen. Man denke z.B. an Dana Frost und Sternenfaust. Ihre Position als Kommandantin eines Kriegsschiffes schafft von vornherein Festlegungen, die Sternenfaust bestimmten. Bei Rettungskreuezer Ikarus stehen nicht die Station Vortex Outpost oder das Raumcorps im Mittelpunkt, sondern der Kreuzer selbst. Deshalb werfen wir heute doch als erstes einen Blick auf die wichtigsten Protagonisten, nämlich die Besatzungsmitglieder.
Da der Rettungskreuzer im Mittelpunkt der Serie steht, kommt seiner Besatzung eine wichtige Rolle als Handlungsträger zu. Mit nur sieben Besatzungsmitgliedern erinnert Rettungskreuzer Ikarus stark an die alte Promet I. Dort bestand das Team aus dem Eigner Piet Orell, seinem Freund Jörn Callaghan, seiner Jungendfreundin Vivien Raid und dem Ausserirdischen Arn Borul. Dazu kamen der Ingenieur Pino Tak, der Astrogator Szer Ekka und der Funker Gus Yonker. Später stießen noch Boruls Frau Junici und der Arzt Ben Ridgers dazu. Das waren dann neun Personen. Bei Ikarus sind es anfangs sechs, die so vorgestellt wurden:
Die Crew:
Etwas später wird die Besatzung noch um ein Mitglied ergänzt.
Weitere Infos:
Natürlich kann man auch hier wieder Paralellen zu anderen Serien ziehen. Erinnert Arthur Trooid nicht ein wenig an Data aus STNG? Aber eigentlich geht Ikarus komplett neue Wege. Die Besatzung besteht nämlich -Arthur Trooid mal außen vor- im Grunde aus lauter Charakteren, die ziemliche Probleme haben. Schon in den ersten beiden Romanen der Serie erfährt man z.B., dass Roderick Sentenza ein trockener Alkoholiker ist, Chief DiMersi eine Workaholic, Anande ein jenseits der Legalität handelnder Forscher und Weenderveen ein Pleitier.
Und das Ganze hat ja auch einen Grund, wie wir in Band 1 erfahren als sich die Leiterin der Rettungsabteilung erkundigt:
"Wie sieht es mit der Mannschaft aus?"Aber wenn man jetzt den Eindruck gewonnen hat, die Besatzung besteht nur aus vom Schicksal gezeichneten Figuren, so ist das nur die halbe Wahrheit. Sentenza ist durch und durch Soldat mit Verantwortsbewußtsein für seine Leute und hat auch große Fähigkeiten als Schlachtschiffkommandant. Seine Differenzen mit Prinz Joran vom Multimperium haben großen Einfluss auf die Geschichten. Er kann hart und kompromisslos agieren. DiMersi hält ihr Schiff auf Vordermann und scheut auch nicht vor kämpferischen Auseinandersetzungen zurück. Anande bemüht sich bis zur Selbstaufopferung um jeden seiner Patienten und ist ein genialer Forscher. Diese Protagonisten sind buchstäblich an ihren Schicksalsschlägen gewachsen. Dazu kommen der (fast) perfekte Trooid mit seinen übermenschlichen Pilotenreflexen und schließlich Thorpa der einzige Nichthumanoide.
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"Nun ja ... da wir sehr enge finanzielle Rahmen haben und das meiste Geld in den Umbau des Schiffes gehen wird, dürfte klar sein, dass wir ... nun ... nicht gerade erstklassiges Material vorweisen können."(Die Feuertaufe, S.20)
Überhaupt dieser Thorpa ist wirklich eine einzigartige Figur. Das fängt mit der Erscheinung an: "Ein filigran wirkendes Wesen, das wie ein wandelnder Strauch aussah. In der Mitte war so etwas wie ein stärkerer Stamm erkennbar, von dem eine Vielzahl von Gliedmaßen abgingen. Das Wesen bewegte sich auf wurzelähnlichen Pseudopodien fort."
Wo hat es schon einmal eine ähnlich ausgefallene Hauptfigur gegeben? Und wo ist Thorpas Handycap? Der Pentakka ist Xenopsychologe, allerdings erst im zweiten (von zwölf) Semestern. Und (eine) seine(r) Funktion(en) innerhalb der Serie wird auch schnell klar, wenn man seine Selbsteinschätzung liest:
"Ich versichere Ihnen, dass ich ein sehr nützliches und produktives Mannschaftsmitglied sein werde. Meine Lieblingsspezies seit der xenobiologischen Grundschulung in der Schule waren die Humanoiden. Sie sind leicht berechenbar, denken einfach und verfügen einen eingeschränkten geistigen Aktionsradius. ich werde mich sehr leicht auf die Arbeitsweise meiner Kollegen einstellen können, es wird keine Anpassungsprobleme geben."Ein wenig komplizierter liegt der Fall bei der zweiten Ausserirdischen. An'ta gehört zum Volk der Ceelie, auch Grey genannt. Dabei handelt es sich um das Ergebnis eines Versuchs des NEOLECTRA-Konzerns, der die Grey als Arbeitssklaven gezüchtet hat. Später rebellierten die Grey und erkämpften sich die Freiheit. Die Besonderheit ist, dass wenn ein Grey stirbt, er auf dem Heimatplaneten in einem neuen Körper wiedergeboren wird. Normalerweise sind die Grey eher groß, bullig und robust gebaut. An'tas neuer Körper ist dagegen recht grazil und sehr weiblich. Sie war früher selbst Captain eines Bergungsschiffes und erträgt es nur sehr widerwillig an Bord der Ikarus lediglich Nummer 3 zu sein. Dazu kommt, dass sie ganz eigene Vorstellungen von Nahrungsaufnahme und Sauberkeit hat und großen Wert auf körperliche Distanz legt.(Die Feuertaufe, S.22)
Wie bei jeder richtigen Serie gibt es auch bei Rettungskreuzer Ikarus mittlerweile wichtige Charaktere, die ausserhalb des Schiffes tätig werden. Jason Knight und Shilla etwa sind Beispiele dafür. Doch darüber an anderer Stelle mehr.
Bekanntlich basiert die Grundidee zu Ikarus auf einem Computerspiel. Dies war in der Anfangszeit der Serie nicht ohne Folgen. Betrachtet man die Darstellung der Besatzung z.B. auf dem Titelbild zu Sonderheft 1 "Legale Fracht" so machen Sentenza und Co ein wenig den Eindruck von Comicfiguren. Auch die Ikarus-Titelbilder der ersten zwanzig Ausgaben waren sehr bunt und poppig angelegt. Mittlerweile sind diese aber für die eBook-Ausgabe durch andere, realistische Werke ersetzt worden.
Fazit:
Wie man gesehen hat, hebt sich Rettungskreuzer Ikarus von den anderen SF-Serien dadurch ab, dass hier von Anfang an nicht auf einen Einzelhelden, sondern eine Heldentruppe gesetzt wurde. Dabei hat man teilweise auf Bekanntes zurückgegriffen (Arthur Trooid), aber überwiegend ist man ganz neue Wege gegangen. Thorpa und An'ta hat es so wohl noch nicht gegeben. Insgesamt kann man sagen, hier gibt es Protagonisten mit Vorgeschichte und Entwicklungsmöglichkeiten, keine ewig gleichbeibenden Hauptfiguren.