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Der Prophet des Mondes

Zauberspiel - KatzengeschichtenDer Prophet des Mondes

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„Getrieben von Macht, besessen vom Gedanken die Herrscher des Universums zu sein, werden die Menschen von der Erde aus die Galaxis bereisen, fremde Welten besiedeln – und anderes Leben unterjochen. Große neue Städte werden sie bauen, unbewohnbare Landschaften mit Leben erfüllen, und dabei ihre Heimat fast vergessen. Sie werden glauben die Erde sei ihre unzerstörbare Trutzburg in den Weiten des Alls, und sie werden das Übel nicht sehen, daß sich unter ihren vor Überheblichkeit blind gewordenen Augen zusammenbraut. Die Menschheit wird vergehen, und kein Zweibeiner wird es aufhalten können.

Und doch besteht Hoffnung für unsere Heimat. Einer wird kommen. Einer von uns,  stark und mutig, und nur er wird unser Volk retten können. Ihr werdet ihn erkennen und wissen..
 weißer Mond auf dunklem Grund.

Geht nun. Geht und verbreitet die Kunde, auf das sich unser Volk auch viele Generationen später noch daran erinnern wird. Er, der Prophet des Mondes, wird unsere letzte Rettung sein.“


Schweigend betrachtete das Rudel die alte Tigerkatze, die auf einem flachen Stein in der Mitte der kleinen Baus thronte. Ihr silberfarbenes Fell war struppig, und die gelben Augen schauten müde aus den tief liegenden Höhlen. Fela war schon seit langem die Seherin ihres Volkes, aber die vielen Winter hatten ihr deutlich zugesetzt. In letzter Zeit befürchteten viele Familienmitglieder den baldigen Tod der Ratgeberin, und auch Fela selbst verhielt sich seit ein paar Tagen äußerst merkwürdig. Immer wieder hatte man des Nachts aus ihrem Bau ein Flüstern und Murmeln vernommen, als ob dunkle Träume den Schlaf der alten Dame störten. Letztlich hatte sie vor ein paar Stunden überraschend eine Versammlung einberufen, zu der außergewöhnlicherweise neben dem Führer der Gruppe und den Vorstehenden des Rates auch alle Familien geladen wurden.

Nachdem sich nun das Gehörte ein wenig in den Köpfen der Anwesenden gesetzt hatte, löste sich die Versammlung langsam - das Wort der Seherin wurde für gewöhnlich ohne weitere Fragen befolgt, und diejeinigen unter ihnen die es doch wagten nachzuhaken, wurden von den Ratsmitgliedern hinausgetrieben.

Viele hatten verworrene Träume in dieser Nacht, einige beschäftigte die Prophezeiung so sehr, daß sie beschlossen sich am nächsten Morgen heimlich zurück zu Fela's Bau zu schleichen, um vielleicht noch etwas mehr zu erfahren. Die meisten Vierpfoten hatten zwar gelernt ihre angeborene Neugier zu zügeln, Ausnahmen gab es jedoch immer.

Diesmal allerdings sollten sie keine Antworten finden.
Fela die Seherin war noch in der gleichen Nacht für immer verschwunden.

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200 Jahre später.

Ona lachte. Sie konnte einfach nicht länger den unbeholfenen Versuchen ihres Bruders zusehen die alte Baumbrücke zu überqueren. „So wird das nie etwas. Schau noch mal her“ sagte sie und erhob sich. Dann betrat sie den uralten, kurz vor dem Zerfall stehenden Baumstamm, und wandelte mit erhobenem Schwanz graziös hinüber zur anderen Seite des Ufers. Der brausende Fluß zu ihren Füßen schien sie gar nicht zu beeindrucken. „Da, ist doch ganz einfach.“

Ihr Bruder Enso, ein junger schwarzer Kater, verzog das Gesicht und kräuselte abfällig die Nase. „Das sagst Du so. Du bist ja auch noch kein einziges Mal in das kalte Wasser da unten gefallen.“ Er brummte und kletterte zum wiederholten Male die steile Böschung hinauf, sein Fell triefte vor Nässe. Ona bleckte die Zähne und grinste. „Ach Brüderchen, Du bist ein Kater, eigentlich sollte Dir das Klettern und Springen im Blut liegen!“ Sanft stupste sie ihn mit der Nase in die Seite. „Hey, ich KANN springen!“ maulte er zurück und machte wie zum Beweis einen großen Satz Richtung Brücke.

„Dieser blöde Baumstamm, was soll ich denn drüber klettern. Auf der anderen Seite gibt es sowieso nichts. Nicht mehr, seit die Zweibeiner mit den Fremdlingen im Clinch sind. Alles zerstört, keine Mäuse, keine Milch... da gibt es nichts mehr, das mich dazu bewegen würde DA hinüber zu steigen.“ erklärte Enso.

„Das weißt Du nicht. Niemand kann sagen was uns noch alles bevorsteht.“ widersprach seine Schwester sofort, aber Enso verdrehte die Augen.

„Du bist doch hier die Auserwählte. Du bist die mit dem Zeichen, nicht ich. Die Prophetin des Mondes...“ äffte er mit aufgesetzter Stimme. „Ooooh, Ooona, die Prophetin des Mondes, rette uns vor den fiesen Fremdlingen!“ und dabei stakste er hochnäsig herum.

Ona schnaubte wütend. „Glaubst Du ich habe mir das ausgesucht? Du kamst am gleichen Tag zur Welt! Mein Fell ist ebenso schwarz wie Deines, was kann ich denn dafür, daß ausgerechnet ich auch noch die weiße Zeichnung des Mondes trage?“ „Komm schon Ona, Du bist stolz darauf…“ warf Enso dazwischen.

„Stolz? Worauf? Daß unser Volk der Meinung ist ICH sei die Retterin der Welt, nur weil eine verrückte Alte vor hunderten von Wintern das vorausgesagt hat? Du bist mein Fleisch und Blut, mein Bruder – mein Zwilling! Du solltest mich besser kennen Dummkopf.“ fauchte Ona ihn jetzt an. Und noch mit dem letzten Wort auf ihren Lippen sprang sie über den brüchigen Baumstamm und verschwand auf der anderen Seite des Flusses im Wald.

„Ona“ rief er „es tut mir Leid, so habe ich das doch nicht gemeint!“ rief Enso noch, aber Ona war schon außer Hörweite. Matt und frustriert ließ er sich auf einen moosigen Stein nieder und begann sein nasses Fell zu trocknen. Ja, Ona hatte Recht. Sie hat sich diese Bürde nicht ausgesucht. Früh war sie im Kampf unterrichtet worden, Stunden musste sie bei der Seherin verbringen um von ihren Weisheiten zu lernen. Leicht hatte sie es wirklich nicht, und dennoch war Enso neidisch auf die offensichtliche Zuneigung und Bewunderung die ihr von allen entgegengebracht wurde. Vielleicht stänkerte er deswegen dauernd an seiner Schwester herum. Er konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, daß Ona stärker, klüger und geschickter war als er... schließlich war sie nur ein Mädchen.

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2 Jahre später.

„Wir müssen hier weg!“ schrie Ona, die vor ihrem Bruder her rannte. Enso sah sich um und erkannte es - sie würden bald den Fluss überqueren. Die seltsam anmutenden Fremdlinge mit ihren riesigen Maschinen kamen nun genau in ihre Richtung. Wenn sie sich jetzt nicht beeilten würden auch die letzten Überlebenden ihres Volkes dem Tod entgegen sehen.

Seit die Zweibeiner im großen Krieg endgültig geschlagen worden waren, letzte Überlebende dieser Art wurden gefangen genommen und in gewaltigen Raumschiffen verschleppt, sah auch die Zukunft der Vierpfötler mehr als düster aus. Nicht, daß die Fremdlinge irgendein Interesse an ihrem Volk gehabt hätten, sie zerstörten nur Stück für Stück ihren Lebensraum und sämtliche Futtermittel. Als noch einige freie Menschen übrig waren, hatte man beschloßen telephatischen Kontakt zu ihnen aufzunehmen um über eine Allianz zu beraten, aber jeder Versuch scheiterte am Unglauben der Zweibeiner daran, daß Katzen auch nur über einen Funken Verstand verfügten – oder gar ungeahnte mentale Fähigkeiten. Die Menschen, die den Katzen glauben schenkten, wurden meist sofort eingesperrt und nie wieder gesehen. Jetzt, da keine Menschen mehr übrig waren, standen die Familien allein. Größere Tiere wurden von den Fremdlingen ebenso wie die Zweibeiner auf Raumschiffe verfrachtet, wie man hörte sollten sie auch weiterhin die Nahrung der nun versklavten Menschen stellen. Kleinere Tiere, wie auch die Katzen, wurden als nichtig angesehen und einfach ignoriert. Viele flohen in die Berge als die Zerstörung der Wälder begonnen hatte, nur ihr eigenes Volk war noch da – neben den Hundeartigen, die den Feinden nun genauso als Spione dienten wie einstmals den Menschen. „Verabscheuungswürdige Verräter“ dachte Enso, während er in schneller Hatz seiner Schwester und dem Rest der Gruppe folgte.

Sie flohen in die tiefen des Waldes hinein, verfolgt von den lärmenden Maschinen die alles zermalmten was zwischen ihre gewaltigen Schaufeln geriet. Endlich hatten sie etwas Abstand gewonnen und Ona sank atemlos zu Boden, was den anderen bedeutete sich ebenfalls etwas auszuruhen, bevor sie ihren Weg zu den Höhlen fortsetzten. Alle Augen waren nun erwartungsvoll auf sie gerichtet, sie war die Prophetin des Mondes, sie würde sie führen und am Ende auch retten – wie die alte Fela es vor Jahrhunderten vorausgesagt hatte.

Ona blickte sich um. Sie war müde und verzweifelt. Alle warteten auf ihren nächsten Befehl, aber sie wußte einfach nicht was zu tun war. Enso erkannte ihren nachdenklichen Blick und legte trostbringend eine Pfote auf ihren Rücken. „Ona, wir müssen die Familien in Sicherheit bringen. Lange wird es nicht mehr dauern, bis die Maschinen auch den Teil diesseits des Flusses eingestampft haben. Die Höhlen werden nicht mehr lange Schutz bieten.“ Ona seufzte kaum merklich, und richtete ihren Blick weg von der Gruppe. „Ich weiß Bruder. Aber mir will keine Lösung einfallen. All die Jahre des Trainings, all die Lehren und Weisheiten - und trotzdem weiß ich nicht wie ich sie retten soll. Diese Wesen sind… ich kann sie nicht besiegen… sie sind größer und stärker als wir alle zusammen. Sie haben die Menschen und ihre Technik besiegt.“ Enso nickte und wußte daß auch er keine große Hilfe sein konnte. „Lass uns aufbrechen Ona, wir wollen nach Hause solange wir noch eines haben….“

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Stunden später hatten sich alle Katzen in der großen Tropfsteinhöhle versammelt. Nachdem Ona vom baldigen Eintreffen der Fremden berichtet hatte, brach große Unruhe unter den Familien aus. Das Volk begann an Fela’s Prophezeiung zu zweifeln, begann an Ona zu zweifeln. Sie konnte sie nicht retten. Wollte sie das überhaupt? Hatte Ona wirklich alles getan für ihr Volk? Es folgten Vorwürfe und gegenseitige Unterstellungen, Uneinigkeit breitete sich aus, am Ende schlug Enso’s Schwester blanke Wut und Enttäuschung entgegen. Und während die sonst so anmutigen Katzen zu zankenden und raufenden Wilden mutierten, zog Ona ihren Bruder Enso schweigend beiseite.

„Enso, ich muß etwas tun. Wenn wir die Fremdlinge nicht mit unserem Verstand vertreiben können, dann müssen wir eben kämpfen.“ Enso blickte sie ernst an. „Ona, das ist verrückt. Du sagst es doch selbst.. wir können sie nicht schlagen. Physisch sind wir ihnen weit unterlegen!“
„Ich weiß, aber sieh Dir unser Volk an. Sie streiten und zanken. Sie verlieren die Fassung und ihre Instinkte treten zu Tage. Enso, ich habe eine Idee…“

„Wir müssen in dieses Raumschiff gelangen. Das Große, weißt Du?“
„Bei meinen Barthaaren, was hast Du denn vor Ona?“

„Diese Wesen unterscheiden sich in ihrer Gesellschaftsform nicht wesentlich von uns Enso, sie müssen einen Anführer haben! Und wenn wir den ausschalten können, ich weiß noch
nicht wie, dann fliehen die anderen vielleicht, und wir können endlich wieder in Frieden leben.“

„Es ist eigentlich ganz einfach. Für sie sind wir niedere Wesen, die keiner Beachtung würdig sind. Es müsste ein Leichtes sein sich in dieses Schiff zu schleichen, und den Anführer anzugreifen.“

„Ona, ich weiß nicht was ich sagen soll. Das ist Wahnsinn! Du willst unser Volk über das
verbrannte Land durch die riesigen Maschinen hindurch in ein Raumschliff schleusen, um den Anführer der Fremden zu töten? Ich weiß nicht, ob dieser Plan auf großen Anklang stoßen wird. Wir sind wenige geworden in den letzten Tagen.“

„Nein Enso. Nicht –wir- werden diesen Weg gehen. ICH alleine werde diesen Weg gehen. Ich bin die Prophetin des Mondes, das glaube ich jetzt. Fela hat das alles vorausgesehen, und alles was sie sagte ist passiert. Ich MUSS es einfach sein. Ich werde gehen, und dann sehen wir, ob ich uns alle retten kann.“

Enso’s Augen weiteten sich vor Schreck. Seine Schwester war kurz davor in den Tod zu laufen, sie mußte den Verstand verloren haben. „Ona, nein.. das kannst Du nicht…“ „Doch, Enso ich kann..“ lächelte sie ihn an. Und ehe er begriffen hatte, daß dieses Lächeln den Abschied bedeutete, huschte seine Zwillingsschwester davon hinaus in den Wald.

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Tief in der Nacht wälzte sich Enso im Schlaf. Ona war fortgerannt einen tollkühnen Plan umzusetzen, und er hatte sie nicht aufhalten können. Die Familien hatten das Verschwinden ihrer Prophetin erst bemerkt als Enso sie in einem Anfall von Zorn laut zur Raison gerufen hatte. Scheinbar waren sie aber nicht einmal bestürzt über Ona’s verhalten, ganz im Gegenteil, viele waren der Meinung das Ona nun doch endlich das tun würde, das ihr schon immer bestimmt gewesen war. Enso konnte es nicht fassen, versuchte aber die Ansicht seines Volkes damit zu entschuldigen daß alle Angst hatten.

Er träumte einen wilden Traum. Rastlos durchstreifte er einen düsteren Wald, umgeben von abgestorbenen Bäumen und Büschen. Die Luft roch nach Moder, und der Boden zu seinen Füßen war feucht und matschig. Kein Laut drang an seine gespitzten Ohren, aber in der Ferne bemerkte er ein merkwürdiges Leuchten, auf das er nun entschlossen zuging. Nach einigen Minuten erkannte er endlich, was da ihn da durch die Dunkelheit geführt hatte. Die gelben Augen einer alten silbergrauen Katze.

„Du bist Fela“ sagte Enso mit demütiger Stimme. Er wußte es sofort, obwohl sie schon unzählige Monde vor seiner eigenen Geburt bereits nur eine Erinnerung der Alten gewesen war. „Ja.“ antwortete Fela, „und ich weiß auch wer Du bist - Prophet.“

Enso riss die Augen auf. Wie hatte sie ihn da genannt? Prophet? Nein, er musste sich verhört haben. „Was sagst Du da, Alte? Du verwechselst mich. Meine Schwester Ona, ist die, die Du meinem Volk prophezeit hast!“

Die Seherin lächelte Weise. „Nein, Enso. Du bist es. Du bist es immer gewesen.“
Enso war schwindelig und furchtbar flau im Magen geworden. Das konnte doch nicht sein. Das DURFTE nicht sein.

„Aber.. das Zeichen. Ich trage es nicht. Erinnerst Du Dich? Weißer Mond auf dunklem Grund! Das ist das Zeichen das Ona auf ihrer Brust trägt. Ich habe nicht ein weißes Haar an meinem Körper! Du musst Dich irren Seherin!“

Wieder schmunzelte Fela vor sich hin. Sie hatte gewusst, daß ihr Volk im Versuch die Wildnis aus ihrem Blut zu verdrängen den Instinkt verlieren würde um zu sehen, was offensichtlich war.

„Du musst kein weißes Haar an Deinem Körper haben um dieses Zeichen tragen zu können. Du trägst dieses Zeichen IN Dir, junger Prophet. In all den Jahren in denen Du Deine Schwester beobachtet hast bei ihrer Ausbildung, Dich zurückgenommen und gelernt hast Deine eigenen Wünsche hinter die Wichtigkeit einer Sache zu stellen, trugst Du es in Dir. Du wurdest zu dem Wesen, das unser Volk retten wird. Sie werden es sehen.. vertraue mir.“

Enso war sprachlos. Er war der Prophet? Er? Der nichts anderes getan hatte als einfach der zu sein, der er war.. der ungeschickte Bruder seiner angesehenen Schwester, die ihn auslachte weil er sich vor dem großen Fluß fürchtete? Er verstand das alles nicht.

„Aber Ona, sie ist aufgebrochen um die Fremden anzugreifen. Sie riskiert ihr Leben für uns, sie wird sterben bei dem Versuch den Anführer zu töten!“

„Daran ist nichts Falsches. Warte ab, und Du wirst es begreifen.“.

„ABWARTEN? Meine Schwester ist in Gefahr, und Du verlangst von mir ich soll abwarten? Was bist Du für eine Weise, daß Du so etwas wegen einer falschen Prophezeiung, zulässt? Nein, ich werde sicher nicht abwarten…. „

Mit einem Ruck fuhr Enso aus dem Schlaf. Sein Herz klopfte wie wild, er wußte er hatte nicht einfach nur geträumt. In seinem Inneren kannte er jetzt die Wahrheit. „Ona, ich komme Ona.“ dachte er, während in seinem Kopf die letzten Worte der Seherin hallten.. „Du wirst es sehen, Enso, Du wirst es verstehen..“

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Er rannte. Er rannte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen, dennoch sprang er über Steine, Baumstämme und Äste, huschte durch Dornenbüsche ohne auf die Stacheln zu achten, die ihm das Fell in kleinen Fetzen von der Haut rissen. Ona hatte viele Stunden Vorsprung, und sie war flinker auf den Füßen als er. Er mußte sie einfach einholen. Sie mußte erfahren, was ihm Fela in seinem Traum – seiner Vision? - gesagt hatte.

Er konnte immer noch nicht begreifen daß er der Prophet sein sollte, glaubte es auch nicht im Ansatz, aber wenn irgendwas Wahres in Fela's Worten gewesen war durfte er nicht zulassen, daß Ona sich für nichts und wieder nichts opferte.

Endlich gelangte er zum großen Fluß, den er noch nie überquert hatte. Er suchte die Stelle am Ufer wo der große Baumstamm über das Wasser führte, und zögerte. Noch nie war er trockenen Fußes ans Ufer gekommen, schon gar nicht ans andere. Es sah nicht wirklich tragfähig aus, daß letzte Mal daß Ona und er dort klettern geübt hatten war Jahre her, und schon damals konnte er kaum das Gewicht eines jungen Katers tragen. Enso war zwischenzeitlich gewachsen und schwerer geworden, und die neuen Wurmlöcher im Stamm sahen auch nicht sehr vertrauenserweckend aus. Aber mußte dort hinüber. Egal wie.

Die Zeit lief, und Enso brauchte ein paar Versuche wenigstens nur eine Pfote auf eine vor ihm in die Höhe ragende Wurzel zu setzen, und fast hätte ihn dabei der Mut verlassen, als aus der Ferne ein grausames Geschrei an seine Ohren drang. Katzengeschrei. Ona!

Mit einem riesigen Satz sprang er ab, landete nach ein paar Metern fast mitten auf dem alten Stamm, der unter seinem Gewicht schon gefährlich zu bröckeln begann. Er geriet ins Wanken, rutschte mit den Hinterfüßen auf dem moosigen Untergrund ab und baumelte einen Moment lang mit dem Hinterteil über dem Abgrund. Enso's Puls pochte in seinen Adern, und mit letzter Kraft schaffte er es nun doch sich wieder nach oben zu ziehen. Vorsichtig, Schritt für Schritt bewegte er sich nun vorwärts und als er endlich das andere Ufer erreicht hatte, stieß er einen erleichterten Freudeschrei aus. Er hatte es geschafft! Nach all den Jahren.. er hätte es nie geglaubt.. er war gar kein Feigling.. und jetzt verstand er auch Fela's Worte.. ohne Ona's waghalsigen Angriff hätte er seine Seite des Waldes niemals verlassen. Vielleicht .. aber nur vielleicht.. war an der Prophezeiung doch etwas Wahres.. mit oder ohne Zeichen.

-7-

Er war gut. Keiner der Fremden hatte ihn bisher bemerkt oder gar entdeckt. Er hatte sich an den gewaltigen Maschinen vorbei geschlichen und war kurz darauf auf Ona’s Spur gestoßen, der er nun konzentriert schnuppernd folgte.

Das Land hier war öde und trostlos. Alles was einmal grün und lebendig gewesen war hatte der Krieg zwischen Menschen und Fremdlingen vernichtet, was danach noch stand hatten die Maschinen erledigt. Die Fremden nahmen was sie brauchten, und das war eine Menge. Sie bohrten scheinbar bodenlose Löcher in den Boden, sprengten ganze Berge entzwei. Mineralien, Brennstoffe.. alles was irgendwie abzubauen war wurde auf Schiffe verladen und abtransportiert.  Enso konnte und wollte sich nicht vorstellen, was mit seinem Wald geschehen würde, sobald sie den Fluss überschritten hatten.

Die Opfer dieser besetzten Welt waren allgegenwärtig. Auch wenn keine Leichen zu sehen waren, konnte Enso sie doch riechen. Tod lag in der Luft, und er hoffte inständig seine Schwester nicht zu spät einzuholen.

Ona unterdessen hatte endlich das größte der Schiffe erreicht und sich an Board geschlichen. Eine Weile streifte sie schnuppernd umher, als sie plötzlich den Geruch von Autorität wahrnahm. Sie folgte diesem Duft bis in eine weite Halle die, voll gestopft mit technischen Geräten und blinkenden Lichtern, augenscheinlich die Kommandozentrale des Gefährts darstellte. Sie huschte leise hinein, und versteckte sich hinter einer großen Kiste aus der es fürchterlich nach Tod stank. Da war er, das mußte er sein. Stolzierte zwischen seinen Untergebenen herum wie ein Pfau und brüllte Kommandos in einer seltsamen Sprache. Breit gebaut war er und groß, viel größer als der größte Mensch der Ona je begegnet war. Um seinen massigen Körper hatte er einen Waffengurt geschlungen in der eine Art Kanone steckte… ganz anders als die Waffen die sie bisher bei den menschlichen Zweibeinern gesehen hatte. Sie wirkte viel gefährlicher, viel tödlicher. Ona überlegte..

Zur gleichen Zeit erreichte endlich Enso den Ort an dem er seine Schwester vermutete. Das linsenförmige Gefährt ragte vor ihm einige Kilometer in den Himmel hinein; Enso konnte sich gut vorstellen wie viele der Fremdlinge darin Platz gefunden hatten und schauderte bei dem Gedanken. Ona’s Spur führte direkt dort hinein, und so betrat auch er das unheimliche Schiff und suchte sich seinen Weg durch die vielzähligen Gänge in dem er ihrem Geruch folgte. Ona hatte Recht gehabt, keiner der Fremdlinge nahm Notiz von ihm, es half zwar seinem Vorankommen, kratzte aber etwas an seinem Stolz so „unwichtig“ zu sein. Er hatte allerdings keine Zeit mehr darüber lange nachzudenken. Ein Gebrüll aus nördlicher Richtung lenkte ihn ab, und diesmal war es wirklich Ona’s Stimme.

Ona setzte zum Sprung an. Einer der Fremden hatte sie hinter der Kiste entdeckt, und obwohl er nach wie vor kaum Interesse an der Katzendame zeigte, nutzte sie die Möglichkeit für einen Überraschungsangriff. Der Anführer stand ihr nun genau gegenüber. Ungläubig blickte er dem haarigen Etwas entgegen: Dieses wertlose kleine Ding will mich angreifen? Sein Blick sprach Bände, doch als Ona mit ausgefahrenen Krallen auf ihn losging, zog er die Waffe und drückte ab.

Ein Schuß. Er hatte schon viele gehört während des Krieges, er wußte was sie bedeuteten. Eno's Herz pochte nun so stark in seiner Brust, daß er glaubte es müsse gleiche stehen bleiben. So schnell er nur konnte raste er los, rutschte, stolperte und kam am Eingang der Kommandozentrale zum Stehen. Mit weit aufgerissenen Augen sah er Ona wie sie noch in der Luft krampfte und anschließend mit einem schrecklich dumpfen Geräusch auf den Boden schlug, dort reglos liegen blieb. „Ona. Nein, das darf nicht sein!“ Sein Verstand tobte als er sich neben dem leblosen Körper seiner Schwester niederließ. Ihr Fell roch verbrannt, wo der Strahl sie getroffen hatte. „Du darfst nicht tot sein, ich bin es doch. Ich bin es der hier liegen sollte!“ Wütend sah er sich um, die Waffe des Kommandanten war nun auf ihn gerichtet – die anderen Fremdlinge schienen sich großartig zu amüsieren.

Er war so wütend wie nie zuvor, so rasend, daß er nur schwach die veränderte Geräuschkulisse wahrnahm. Da waren andere.. sie kämpften. Katzen, es war sein Volk das da kämpfte. Sie waren ihnen also gefolgt, ihr Instinkt und Überlebenswille hatte sich durchgesetzt. „Gut.“ dachte Enso und während die Fremdlinge noch nicht begriffen was da passierte, stürzte er sich blind vor Schmerz und Hass auf ihren bewaffneten Anführer. Er schlug mit einer krallenbewehrten Pfote nach dem Feind, hörte einen Knall und die Welt verschwamm vor seinen Augen.

-8-

„Wach auf Prophet, wach auf, es ist Zeit.“ hörte er eine Stimme sagen. Enso gehorchte und blickte in Fela’s gelbe Augen. „Bin ich tot?“ fragte er verwirrt. Fela lächelte, wie sie immer lächelte, wenn man ihr dumme Fragen stellte. „Du träumst.“ antwortete sie ihm.

„Was ist passiert? Was ist mit den anderen? Sie waren da, im Raumschiff, kurz nachdem Ona..“ Enso erinnerte sich.

„Es ist alles in Ordnung mit Deinem Volk, sie warten auf Dich. Du hast die Prophezeiung erfüllt.“

„Aber zu welchem Preis denn? Ich trage immer noch kein Zeichen, und Ona, meine Schwester, sie ist tot, oder?“

„Ach Enso, Du hast es immer noch nicht verstanden? Alles ist so wie es sein soll. Nun wach auf!“

Es lag eine friedliche Stille über dem Wald. Er konnte Vögel zwitschern hören und das Rascheln des Windes in den Bäumen. Enso öffnete die Augen. Er erhob sich von seinem Lager, steckte vorsichtig den Kopf aus seinem Bau und stutzte erstaunt über das geschäftige Treiben. Alle Familien waren da, einige neigten das Haupt zum Gruß, andere lächelten ihn einfach an. Was war nur passiert? Hatten sie zu guter Letzt die Fremdlinge doch besiegen können? Aber wie? Und wieso hatte er überlebt, man hatte auf ihn geschossen?

Schweigend wanderte er umher bis er den kleinen Bach erreichte, der den Katzen seit je her als Tränke diente. Er warf einen Blick auf sein Spiegelbild und erstarrte. Auf seiner Brust, dort wo er von der Waffe des Fremdlings getroffen worden war, hatte er eine große Wunde. Sie war längst verheilt, aber nicht von Fell bewachsen. Er staunte als ihm klar wurde, daß die weiße Narbe zwischen dem dunklen Fell die Form eines Mondes hatte. Das Zeichen! Er konnte es nicht glauben.

„Bist Du endlich aufgewacht, Du Langschläfer?“ hörte er eine bekannte Stimme sagen. „Wir dachten schon Du würdest für immer nur Träumen wollen.“

Er blickte auf die Gestalt neben sich. Dort war seine Schwester, Ona, angeschlagen aber lebendig. „Ona.. ich dachte...“  und dann fiel ihm auf, daß irgend etwas anders an ihr war.
Ihr Zeichen, ihr weißer Mond war verschwunden. An seiner Stelle befand sich nun ein kurzer, schwarzer Fellflaum. Sie nickte. „Es war verbrannt.“

„Aber es wächst schwarz nach?“ fragte Enso ungläubig „nicht weiß, wie vorher.“

Wieder nickte sie. „Äußerlichkeiten. Wir alle haben uns getäuscht. Es kann nur einen Mond-Propheten geben, und das warst immer Du wie es scheint.“

Es war ihm gleich. Seine Schwester war bei ihm, und die Fremden waren fort. Ona erzählte was passiert war. Davon wie er trotz schwerer Verletzung den Kommandanten angegriffen und mit nur einem Hieb seiner Krallen die Kehle des Fremden, wie sich heraus stellte die empfindlichste Stelle der Eindringlinge, aufgeschlitzt hatte. Die Katzen wussten nun was zu tun war und konnten den Feind so entgültig vertreiben.

Enso war stolz. Sein Volk hatte unglaubliches vollbracht. Etwas, das nicht einmal die selbsternannten Herrscher des Universums hatten nicht schaffen können. Er wußte, die Fremden würden sicher eines Tages zurückkommen, aber das sorgte ihn nicht, denn während Ona ihm Bericht erstattete hatte er eine Vision, ein Geschenk der Seherin Fela. Es war der Blick in eine gute Zukunft, und er wußte, sie waren  für alles gewappnet.
 
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Kommentare  

#1 BettinaM. 2008-09-16 02:48
*dream* *schwärm* ... was für eine wunderschöne Geschichte. Ich gebe ausdrücklich noch KEIN Votum ab, da ich die anderen Geschichten noch nicht gelesen habe :P , aber diese hier ist einfach *dream*.
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