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Ringo´s Plattenkiste - H. P. Lovecraft: Dreams in the Witch House

Ringo´s Plattenkiste H. P. Lovecraft: Dreams in the Witch House

»Music was my first love« sang John Miles anno 1976. Meine auch, sieht man von Uschi L. mal ab, der blonden Nachbarstochter, mit der ich im zarten Alter von 6 Jahren fast täglich zusammen war. Bis sie wegzog. Mit ihren Eltern natürlich.

Aber um die geht es hier nicht, sondern um Musik. -

Einzig und allein.

Ringo´s PlattenkisteÜber den Schriftsteller H. P. Lovecraft braucht man gewiss nicht mehr viele Worte zu verlieren, hat er doch der Phantastischen Literatur seinen ganz eigene Stempel aufgedrückt und viele Autoren inspiriert und beeinflusst.

Nur Wenigen dürfte allerdings bekannt sein, dass es vor langer Zeit auch eine Band mit diesem Namen gab und einige – kaum beachtete – Alben veröffentlichte und sich schließlich mangels Erfolg schnell wieder auflöste.

Die Gruppe wurde 1967 in Chicago gegründet und war dem so genannten Psychedelic-Rock zuzuordnen, einer Stilrichtung, der auch bekannte Acts wie Jefferson Airplane, Vanilla Fudge, Pink Floyd oder The Crazy World of Arthur Brown angehörten. Der Sound  dieses Genres entwickelte sich langsam Mitte der Sechziger Jahre im Underground, erlebte seinen Höhepunkt etwa 1967-68 und verebbte dann 1969 schließlich wieder. Während oben genannte Acts kommerziell erfolgreich und bekannt waren, blieb dies der Chicagoer Band leider versagt. Geprägt war der Sound von HPL in erster Linie durch die beiden Vocalisten George Edwards (sein wirklicher Name ist Charles Ethan Kenning) der auch die Gitarre spielte, und dem vielseitigen Keyboarder Dave Michaels (alias David Miotke).

Letzterer hatte auch eine klassische Gesangsausbildung, während sein Kollege aus der Folk-Szene stammte. Komplettiert wurde die Formation von Michael Tegza an den Drums, sowie dem Bassisten Tom Skidmore. Als Lead Gitarrist fungierte Tony Cavallari.

Die Band fand sich angeblich während einer Jam-Session für das Label Dunwich Records zusammen, wo man eine Cover-Version des Troggs-Hits  Anyway That You Want Me aufnehmen wollte. Das Label gehörte den beiden Lovecraft Enthusiasten Bill Traut und George Badonsky, die auch den Bandnamen vorschlugen – einer der beiden hatte einen Hund namens „Yuggoth“ -, der auch von Edwards und Michaels angenommen wurde.

Anyway That You Want Me erschien 1967 als Single, gefolgt von Wayfaring Stranger, einer Cover-Version eines bekannten Folk-Songs. Beide Singles waren musikalisch zwar – für die damalige Zeit - hochwertig, verkauften sich aber leider nur sehr schleppend. Dennoch gab die Formation nicht auf, sondern spielte live eine Unmenge Konzerte.

Ringo´s PlattenkisteNach einer durchaus beachteten US-Tour machte man sich dann schließlich an die Arbeit, ein Album aufzunehmen, welches Ende des Jahres auf den Markt kam und schlicht H. P. Lovecraft betitelt war.

Der Sound war stark psychedelisch geprägt und musikalisch breit gefächert. Die Band versuchte – glaubt man den Liner Notes – den unheimlichen Grundton von Lovecrafts Schaffen in ihrer Musik umzusetzen: Macabre tales and poems of Earth populated by another race! Ein hoher Anspruch, dem es gerecht zu werden galt. Eigentlich fehlte hier nur noch ein zünftiges Iäääh.

Ringo´s PlattenkisteNeben den beiden Songs der zweiten Single fanden sich auf dem Debut noch acht weitere Songs, zumeist Fremdkompositionen (es war sogar ein Song von Randy Newman darunter). Eine Inspiration durch Lovecrafts Schaffen war jedoch nicht ohne weiteres erkennbar, fand sich doch tatsächlich nur ein einziger Track, der auch an sein Werk angelehnt war: The white Ship war auch der bekannteste Song der Band. In seinem Aufbau ähnelt das Stück einem Bolero und verbreitet wohliges Räucherstäbchen-Feeling, obwohl die ab und an ertönende Schiffsglocke ein wenig lächerlich wirkt. In der Single-Auskopplung The White Ship ist der sehr schöne harmonische Gesang Edwards und Michaels dominierend, während die Orchesterbegleitung leider etwas zu kurz kommt. Von den anderen Songs besticht noch Wayfaring Stranger, ein Folk-Klassiker in gelungener Neuinterpretation mit Doors-Orgel.

Let´s get together ist ein reiner Hippie-Song, gefolgt von der Newman-Ballade I've Been Wrong Before.

The Time Machine ist eine Art psychedelischer Vaudeville-Song, während der letzte Track des Albums Gloria Patri einen kurzen gregorianischen Choral darstellt.

Dieser gewagte Stilmix war der anvisierten Käuferschicht dann aber trotz aller psychedelischer Substanzen wohl doch ein wenig zu unausgegoren und zu uneinheitlich, und so blieb dem Album - wie auch den Singles zuvor – der kommerzielle Erfolg versagt. Man gab abermals nicht auf und spielte erstmal munter live weiter, immerhin als Vorgruppe von bekannten Acts wie Grateful Dead, Jefferson Airplane oder gar Pink Floyd.

Im  folgenden Jahr nahm man des zweite Album in Angriff, das dann im September 1968 erschien. Die Besetzung hatte sich verändert, nachdem Bassist Skidmore ausgeschieden war und durch Jeff Boyan ersetzt wurde.

Ringo´s PlattenkisteAufgrund der vorangegangenen, ausgedehnten Tour blieb den Musikern nur wenig Zeit, um neues Material zu komponieren, bzw. einzustudieren, und so wurde im Studio improvisiert. Wie schon beim Vorgängeralbum stammen lediglich vier der zehn Songs aus der Feder der Band, der Rest waren abermals Fremdkompositionen. Dennoch wirkt das Album im Vergleich ausgereifter und auch homogener; der Sound ist deutlich psychedelischer und spaciger als der auf ihrem Erstling. Aufgenommen wurde in einem Studio, das den Beach Boys gehörte. Glaubt man Edwards, so konnte man die negativen Vibes förmlich spüren, da die Beach Boys zu diesem Zeitpunkt schon verkracht waren und kaum noch miteinander sprachen. Kurioserweise saß eines Nachts, während die Band aufnahm, ein mysteriöser Mann ganz still in einer Ecke und hörte zu. Wie sich herausstellt, kannte niemand aus der Gruppe diesen Besucher. Edwards erfuhr später, dass es sich um einen Freund von Dennis Wilson handelte, einen Freund namens Charles Manson!

Zu den Songs:
Der Track Electrollentando mit seinen sechseinhalb Minuten ist ein vielsagendes Beispiel dafür, dass die Bezeichnung Psychedelic nicht nur auf die Musikrichtung zutraf, sondern ganz besonders auf die Mitglieder und die Entstehung der Songs. Wie die Band selbst zugab, standen sie während der Aufnahmen  alle unter Einfluss von LSD. At the Mountains of Madness ist eine weitere Psychedelic-Perle mit einem grandiosen Gesangsduett von Edwards und Michaels. Der Song hat – wenigstens was den Titel betrifft – einen direkten Bezug zur gleichnamigen Story des Namenspatrons. Der Sound ist very abgehoben und gespickt mit Klangeffekten und transportiert eine durchaus eingängige Melodie. Teilweise erinnert der Song ein wenig an die frühen Pink Floyd, ebenso wie Jack of Diamonds aus der Feder des neuen Bassisten. Jack ist aber eher eine Ballade mit leichten Folk-Anklängen.  Mobius Trip von Edwards erinnert an From the Beginning von Emerson, Lake & Palmer, das 5 Jahre später erschien. Keeper oft he Keys könnte glatt von den  frühen Atomic Rooster stammen, die sich ein Jahr nach diesem Album formierten.

Man sieht, die Band ließ sich nicht nur beeinflussen und spielte nach, sondern beeinflusste durchaus Nachfolger, wenngleich auch weitgehends unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Der Rest der Songs fügt sich gut ins Gesamtbild ein, erwähnt sei aber noch die Nummer High Flying Bird, die durchaus perfekt in einen Tarrantino-Film passen würde.

Der Sound des Albums wurde maßgeblich durch den Tontechniker Nick Huston geprägt, der für die akustischen Spielereien und Effekte verantwortlich war.

Ringo´s PlattenkisteDer Erfolg blieb trotz aller Mühe und Ambitionen leider aber auch diesmal aus, und somit löste sich die Band dann frustriert Ende 1968 auf, und jeder ging erstmal seine Wege.

1969 trafen sich Sänger Edwards und Drummer Tegza dann erneut und ließen die Band neu erstehen: Es erschien das kaum beachtete und auch unspektakuläre Album Valley oft he Moon, allerdings lösten sich Lovecraft – wie sie sich nun nannten -bereits zum Erscheinen des Albums wieder auf. Wie schon die beiden Vorgänger blieb auch hier der Erfolg aus.

Ringo´s PlattenkisteDamit wäre eigentlich auch Schluss mit der Bandgeschichte, aber wie es so schön bei HPL heißt „Das ist nicht tot, was ewig liegt – bis dass die Zeit den Tod besiegt“, und so ließ Tegza die Band dann abermals wiederkehren, diesmal als Funk-Band! 1975 erschien das erste und zugleich auch letzte Album  We Love You Whoever You Are, musikalisch mehr als belanglos und auch abermals wider völlig erfolglos. Die Plattenfirma schmiss die Band raus, und Love Craft löste sich abermals auf, diesmal aber endgültig.

1991 erschien dann aber überraschend ein „neues“ Album der Band: Live May 11, 1968,  einen – wie der Titel schon verrät – Mitschnitt eines Konzertes, das im Fillmore West stattfand. Das Repertoire umfasst die Songs der beiden ersten Alben und ist von erstaunlich guter Klangqualität. Das Album zeigt das musikalische Potential als Live-Band und lässt die – teilweise sehr improvisativ gestreckten - Songs der Studio-Alben in gänzlich neuen Licht erscheinen.

Ringo´s PlattenkisteMit Dreams in the Witch House kam dann 2005 eine sehr schöne Compilation auf den Markt, die die beiden ersten Alben, sowie 4 Bonus Tracks enthalten. Hierbei handelt es sich erfreulicherweise um die Tracks der ersten Single Anyway that you want me & It´s all over for you. Der CD liegt auch ein psychedelisch-buntes, aber leider optisch schwer lesbares Booklet bei. Leider wurde der Titel dieser Compilation gezielt gewählt, wohl um Fand des Autors als potentielle Käufer anzulocken, besitz er doch keinerlei Bezug zum Schaffen des Meisters. Die  beiden ersten Alben der Band liegen aber nun in einer klanglich und optisch ansprechenden Form vor, die man sich zwischendurch immer wieder mal anhören kann. Und vielleicht liegt auch genau hier der Grund für die Erfolglosigkeit. Die Alben sind zwar gut, aber letztlich auch nicht mehr. Der Anspruch, Lovecrafts Geist in ihrer Musik einzufangen, war augenscheinlich- pardon: ohrenscheinlich - doch zu hoch gestellt. Sie wurde ihm auch nie gerecht und erreichten ihn auch nicht mal ansatzweise.

Lediglich zwei Songs des gesamten Repertoires hatten einen Bezug zu ihrem Vorbild, der Rest war durchaus beliebig. Auch der sehr hohe Anteil an Coverversionen kam bei der Hörerschaft wohl nicht sonderlich gut an. Der Band fehlte – trotz aller musikalischen Finessen - insgesamt zu sehr das charakteristische und eigene.
Schade, aber ein klangvoller Name und ein vielversprechendes Konzept alleine sind eben doch nicht ausreichend für einen Erfolg.

 

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