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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Drei Leichen im Garten (John Sinclair 210)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Drei Leichen im Garten«
John Sinclair 210 von Jason Dark (Helmut Rellergerd)

Uuuund Abschluss der frühesten Jugenderinnerungen an Heftromane, Zombies und Geisterjäger. Wie bereits lang und schmutzig erwähnt, waren meine ersten drei Heftromane allesamt „Sinclair“, ein schon damals amtlich zerlesenes Bündel aus dem Hab und Gut meiner Schwester (bzw. eines ihrer Freunde), die ich seither in meiner Sammlung in Ehren gehalten habe:


Nichts Besonderes, nichts Wegweisendes, einfach drei ziemlich unwichtige Einzelromane, die aber überaus ausreichend waren, mich für die nächsten 3-6 Jahre komplett anzufixen und fortan alles wegzuflexen, was mir hauptsächlich von Bastei und Zauberkreis in die Griffel kam.

Nach den „Riesen-Kraken“ (ich schüttele immer noch leicht den Kopf über die Formulierung) und dem Sinclair-Familieneinsatz bei der „Gruft mit dem Höllenauge“ folgt darauf tatsächlich gleich der Folgeroman „Drei Leichen im Garten“, der wie der Vorgänger so dicht an die Vorgänger anschloss, dass ich (fälschlicherweise) annahm, die Serie würde sich wirklich so erzählerisch dicht entwickeln wie eine gute TV-Serie (die es damals in so einer narrativ dichten Form noch gar nicht gab, aber wünschenswert war).

Allein die Bezüge auf die vergangenen und vorigen Romane mit dem ganz speziellen Fußnoten-Sternchen boten einen gewissen Reiz, Lücken zu füllen und so stieg fortan stark in die 100er und 200er-Romane ein. Aber damals gab es ja auch noch die Mordliga, Asmodina und ein noch entwicklungsfähiges Silberkreuz und die vage Chance, dass das Niveau der Serie ewiglich auf diesem Niveau bleiben würde – ein Irrtum, streckenweise ein unterhaltsamer, aber irgendwann dann doch ein zunehmend frustrierender.

„Drei Leichen im Garten“ - zu dieser Zeit waren inzwischen alle Sinclairs von Rellergerd verfasst – ist heute, vermutlich zurecht, ziemlich vergessen, selbst gemessen an frühen Maßstäben ist der Plot sicherlich unspektakulär, aber nach Monstermutationen und einem dämonischen Alptraumwesen bot dieser Roman weitere wichtige Elemente, die ich bis dato noch nicht kannte: Skelette, Untote, Hexen und einen Ghoul, eine Wesenheit, die ich nun noch so gar nicht kannte und die in dieser Form wohl auch nur durch „Sinclair“ und angrenzende Serien marodierte. Erst als ich mich durch ein paar hundert klassische Horrorfilme gefressen hatte (inzwischen sind es wohl einige tausend), wurde ersichtlich, dass Ghouls dabei zwar vorkommen (etwa in einem Semi-Klassiker aus den 30ern und einem britischen Film aus den 70ern), die betont grünlich-schleimige Darreichungsform ein Einfall von deutschen Romanheftschreibern war.

Und noch etwas enthielt dieser Dutzendroman, neben dem Einsatz des kompletten Arsenals an weißmagischen Waffen und einer Erstbegegnung mit der Horror-Oma Sarah Goldwyn (und wer von uns wurde nicht an Margaret Rutherford erinnert, die wir alle heiß und innig liebten und die nie näher an Sarah dran war als in diesem Roman): eine Waffe, die John so gut wie nie benutzte und von der man auch fast nie las (ein ähnliches, aber nicht ganz so rares Schicksal erlitten die „gnostischen Gemmen“).

Ich kann nach Zweitlesung nicht behaupten, es würde sich um einen wirklich guten Roman handeln, im Gegenteil, denn John verhält sich über weite Strecken ziemlich kurzsichtig bis dämlich, damit ihn die Ansammlung eher unterdurchschnittlicher Gegner überhaupt brauchbar in Gefahr bringen kann. Darüber hinaus geht die Hauptgefahr von einem rein menschlichen Gegner aus, während die alles antreibende Hexenfigur überraschend inaktiv und funktionsarm rüber kommt. Aber gewisse Elemente prägten sich damals ein und ich konnte bei meiner Wiederentdeckung erfreut feststellen, dass ich den Roman praktisch noch auswendig kannte – nur die Ansprüche an Plotentwicklung waren inzwischen eher nach oben mutiert.

Also mal schnell einen Blick darauf, was an drei Leichen denn nun so spektakulär sein soll...

Drei Leichen im Garten»Gegen was kämpfen wir heute?« - »Och, ich hab mal von allem etwas mitgebracht...«
John und Suko sind nach den Ereignissen der letzten beiden Romane immer noch nicht wieder in London angekommen, sondern noch spät in der Nacht mit dem Zug unterwegs, just als dieser kurz vor London (genauer gesagt: Hampstead) wegen unterspülter Gleise auf freier Strecke stoppen muss.

Während die meisten Passagiere mit Taxis die restlichen Meilen weiterreisen, bleiben John, Suko und ein Handelsvertreter zunächst zurück, weil John ein leuchtendes Skelett erfolglos verfolgt, das Suko erblickt hat.

Später findet sich doch noch eine Mitgefahrgelegenheit in dem privaten Bentley eines vier- bis siebenschrötigen Kerls namens Serge, der angibt, für eine „Lady Clarence“ zu arbeiten, als das Skelett wieder auftaucht. Während die Geisterjäger das Wesen verfolgen, verschwindet der bösartige Serge in die Büsche, während der Vertreter von einem monströsen Wesen erschlagen wird (dass es ein Ghoul ist, erfährt man dort noch nicht). Serge hält das Wesen von Schlimmeren sogar noch ab.

Nachdem der Knochenmann in einem Röhrensystem verschwindet, entscheidet sich John für eine gekrabbelte Röhrenverfolgung, während Suko Hilfe holen soll. Der läuft zurück und findet den toten Vertreter, woraufhin Suko sich auf den Weg zur Polizei Hampstead macht. John killt derweil in den Tunneln eine fiese Ratte und begegnet dann erst blutigen Händen, später einem dürren Kerl, der sich in einen schleimigen Ghoul verwandelt. Neugierig geworden, bringt er das Wesen nicht um, sondern folgt dem Ghoul – bis in den Garten des Anwesens von Lady Clarence (was John aber noch nicht weiß).

Das ist übrigens exakt dort, wo sich Horror-Oma Sarah Goldwyn gerade aufhält, die einen Job als Haushälterin bei besagter Lady angenommen hat, nachdem eine Bekannte von ihr zu Tode gekommen war, die diesen Job auch inne hatte. Lady Clarence ist mit dem Begriff „miese bösartige Schlampe“ nur sehr unterdurchschnittlich beschrieben und ist von menschenverachtender Gesinnung und ziemlich herben Umgang. Der besteht hauptsächlich aus ihrem Ex-Zirkus-Faktotum Serge, der Züge auch mit einer Hand zum Entgleisen bringen könnte und mit dieser gleich mal einen bösen Hund meuchelt.

Anschließend muss Sarah mit den beiden nach London shoppen fahren, nur dass sie speziell im Wagen in der Tiefgarage eingeschlossen wird. Sarah wird misstrauisch, weil Koffer in dem Wagen sie an Johns Gepäck erinnern. Prompt entsteigt einem Zwischenraum das leuchtende Skelett, zeigt sich aber recht freundlich und stellt sich als der Überrest eben ihrer Freundin Florestine Everett vor, die Sarah (und damit den Leser) darüber aufklärt, dass Lady Clarence eine vor über hundert Jahren eingemauerte Hexe ist, die von zwei Bewohnern aus ihrer magisch aufgeladenen Kellernische versehentlich befreit wurde. Aus diesen Bewohnern wurden nun Ghoul und Untote, sie selbst wurde irgendwann in den Keller gelockt und zum Skelett gemacht (und ja, die Leichen liegen im Garten, logo...).

John ist derweil im Garten auf eben jene recht blasse Untote getroffen, die aber recht flüssig und ziemlich patzig parliert. Obwohl jeder solide Geisterjäger sie sofort gemeuchelt hätte, lässt John sich solange zulabern, bis er in ein Fangeisen tritt. Die böse Dame attackiert ihn fortan mit einem Spaten, er verliert erst seine Beretta, dann den Dolch bei einem unglücklichen Wurf und kann nur mit Mühe die Untote gerade noch so mit dem Kreuz meucheln.

Derweil ist Sarah mit ihren Begleitern vom Einkaufen zurück (das Skelett hat sich wieder versteckt) und die Böslinge entdecken natürlich John, der noch im Fangeisen steckt. Nach einem Verhör (bei dem er auch auf Sarah trifft), wird er in den Keller gesperrt, in dem sich auch der Ghoul aufhält, leider bleibt John nahezu komplett waffenlos.

Derweil hat Suko die örtliche Polizei aufgemischt, ist ebenfalls zu besagter Lady gefahren und hat im Vorbeigehen das Skelett mit der Dämonenpeitsche zerstört/erlöst.
Es kann also rundgehen im Totenhaus der Lady Clarence...

»Es muss nicht immer logisch sein, aber man kann ja auch aus wenig viel machen..«
Wie gesagt, es ist nicht der beste „Sinclair“, es ist sicherlich bei weitem auch nicht der Schlechteste. Bei heutiger Lektüre fällt mir zuvorderst natürlich auf, dass sich John betont leichtsinnig verhält, was aber wiederum notwendig ist, um ihn überhaupt erst in die gefährliche Situation zu bringen, in der er durchhalten muss.

Die Gefahren des Romans sind zunehmend „menschlich-realistische“: die Enge einer Tunnelröhre, ein mörderischer Spaten, ein Fangeisen, ein feuchter Keller, ein starker Schläger, die übernatürlichen Aspekte scheinen da eher „normal“.

Eine Untote, einen Ghoul, ein (freundliches) Skelett, eine größtenteils inaktive Hexe, das sollte ein profilierter Geisterjäger zwischen Tagesschau und „Tatort“ erledigen können, aber hier hatte Rellergerd wohl mal eine andere Intention.

Und es funktioniert, denn wenn der Roman Qualitäten hat, dann eben der erzählerische Ausbau einer oder mehrerer spezieller Notlagen. John sieht sich erst in der klaustrophobischen Röhre den blutigen Händen des Ghouls gegenüber und muss den Ort irgendwie verlassen. Später tritt er in das Eisen und hängt im Garten fest, während ihn die Untote attackiert und mit einem Ghoul im Keller eingesperrt sein, macht auch keinen großen Spaß, wenn das Kreuz mal nicht da ist.
Diese zunehmend verzweifelten Kämpfe haben damals großen Eindruck gemacht und sie wirken heute noch, der Weg zu diesen Situationen ist allerdings ein wenig konstruiert. Wie überhaupt sowohl die Untote wie auch die fiese Lady Clarence unglaublich übertrieben beschrieben werden, letztere ist so wahnwitzig-geifernd, dass man sich fragt, warum sie dann auch noch dem Shopping-Wahn unterliegt.

Die Chose mit der Nische im Keller erinnert übrigens etwas an „Amityville“ und Poe, die Hexe an sich ist leider ziemlich inaktiv und rabatzt nur verbal die ganze Zeit, ansonsten hätte Sarah Goldwyn vermutlich auch keine Chance zum Überleben, erledigt sie doch hier den Job aus„16.50h ab Paddington“.

Besagte seltene „Waffe“, die John schließlich benutzt, ist seine magische Kreide und das Wissen um gewisse planetare Bannzeichen, mit denen er den Ghoul auf der Kellertreppe fest setzt, wenn dabei auch einer der TOTAL unglaubwürdigen Momente vorkommt, in der der Geisterjäger einfach ÜBER den unter ihm stehenden Ghoul (also eine Stufe tiefer) springt, um das Bannzeichen auch hinter dem Schleimvieh anzubringen. Sensationelle Leistung sowieso, noch besser, wenn das Fangeisen sich durch den halben Fuß gefressen hat. Dennoch im Nachhinein eine hübsche Idee.
   
Rasant ist das Finale des Romans, bei dem es mal so richtig drunter und drüber geht und es eine flotte Auflösung gibt, die mehr Spaß macht als die langgezogenen Showdowns anderer Stories bzw. die breit angelegte Prügelei Sukos mit dem fiesen Handlanger.

Dennoch, diese bunte Tüte quer durch das Sinclair-Land hat viele denkwürdige, weil atmosphärische Momente für mich gehabt und ist immer noch ein guter Einstiegsroman, da Rellergerd hier das letzte Quäntchen Spannung aus der Erzählung presst. Viele Waffen, viele Gegner-Gattungen und jede Menge typisch englische Gruselelemente, die so einen Füllroman enorm aufwerteten. Noch dazu ist der ganze Ton rabiat und das Gefühl des Eingeschlossen-Ausgeliefertseins übermächtig.

So gesehen bin ich damals wohl genau richtig gestartet, als mir mein Romantrio Nummer eins zur Verfügung gestellt wurde und ich habe es auch nie bereut, nicht mal, als ich feststellen musste, dass mein geliebter Romanautor offenbar zunehmend unter Termindruck litt und erzählerisch einfach nichts mehr zulegen konnte, was andere Autoren inzwischen verinnerlicht hatten.

Und nachdem ich das mit Tony Ballard erneut durchexerziert hatte, stellte ich fest, dass Konkurrenzserien wie „Larry Brent“ deutlich abgründiger, düsterer und opferreicher ausfielen (und durch die horriblen Titelbilder auch noch anrüchiger aus der Sicht der Eltern).

Für die kommende Zeit versuche ich mich jetzt aber endlich mal an dem übel beleumundeten Zeugs, dass man übrigens im „alten Romantausch“ relativ selten fand und das heute noch einen knackigen Ruf am Rockzipfel kleben hat: Dr.Morton kommt zum Tee...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-09-27 10:00
Du zählst genau die Punkte auf, die mir irgendwann die deutschen Massenproduktionen verleidet haben. Der allmächtige Zufall als ständiger Handlungsmotor - hier gleich zweimal auf idiotische Weise - und die Alltäglichkeit des phantastischen Elements. Bei einer Ein-Mann-Serie wie Sinclair kann ich das durchaus verstehen, es erleichtert die Produktion. Letztlich ist es faules Schreiben. Der Geisterjäger kauft Milch im Supermarkt, und bei den Haarpflegeprodukten begegnet er einem Werwolf. Schlichter geht es kaum.

Ich glaube, der Erfolg vom frühen Sinclair hing in oft unterschätzter Weise beträchtlich von der Titelbildgestaltung und den oft launigen Titeln ab. Wie bei Rhodan Johnny Bruck und die markigen Titel plus Untertitel. Selbst wenn der Inhalt mal nicht so toll war, blieb zumindest das im Kopf haften.
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