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Spuk in Hill House: Atmosphäre, Tragik und Familie

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneSpuk in Hill House:
Atmosphäre, Tragik und Familie

Bis heute ist der Topos des Geisterhauses eines der grundlegenden Plots für Grusel- und Horrorgeschichten. Uns eingeprägt haben sich die zahlreichen Gemäuer in vorwiegend einsamen englischen - oder abgelegenen amerikanischen - Gegenden, verwinkelte, düstere Gebäude mit Türmen und Giebeln, in sich bergend eine unendliche Anzahl an großen Räumen, verwinkelt unübersichtlich, verschlossene Räume, zu denen niemand einen Schlüssel hat und Wendeltreppen, die in die Höhe führen.

Besonders die Wendeltreppe in den Filmen »Bis das Blut gefriert« oder »Das Geisterschloss« haben sich uns eingeprägt - dieses fast freistehende Stahlungeheuer, das zumindest beim Geisterschloss dramatisch am Ende zusammenbricht.

Wie das heutzutage so ist, kommt auch der Stoff, der in den beiden Spielfilmen schon verarbeitet wurde - sie basieren auf »Spuk in Hill House«, einem Roman von Shirley Jackson - in diesen Tagen in einem neuen Gewand daher. Diesmal auf Netflix und diesmal mit dem passenderen deutschen Titel »Spuk in Hill House« - »The Haunting of Hill House« dann im Original. Die Filme liefen jedes Mal unter dem englischen Titel »The Haunting«. Und schon die Filme unterschieden sich sehr. Denn während im Original aus den Sechzigern es deutlich unentschiedener bleibt, ob es wirklich im Haus spukt, das Remake dann auf sehr viel CGI setzt, schon ein wenig zu viel, und das Ende kitschig-schön-verklärt daherkommt; die zehn Folgen der Netflix-Serie nehmen sich viel Zeit und legen den Fokus eher auf das, was nach dem Spukhaus passiert.

Dabei nimmt sich die Serie ausdrücklich viel Zeit. Vielleicht für manchen Zuschauer zu viel, denn in den ersten Folgen nimmt das Geschehen in Hill House selbst nur wenig Zeit in Anspruch. Eher sind es die einzelnen Familienmitglieder, die sozusagen durchleuchtet werden und deren einzelne Erlebnisse im Haus erzählt werden. Alle Familienmitglieder sind nach den Ereignissen aus der Bahn geworfen. Mag Autor Steven Craine noch so erfolgreich sein, seine Beziehung zu seiner Freundin ist es nicht. Die Zwillinge Neill und Luke sind psychische Wracks: Neill rennt von einer Therapie-Sitzung zur nächsten, Luke ist drogenabhängig. Theodora ist zwar eine erfolgreiche Psychologin, aber zu menschlichen Bindungen nicht mehr fähig. Einzig Shirley scheint mit ihrer Familie normal geblieben zu sein - allerdings ist da auch ein Geheimnis, dass die Besitzerin des Besttatungsinstitutes nicht kennt. Allen gleich ist: Sie haben sich von ihrem Vater entfernt, der sich strikt weigert, etwas über die Nacht zu erzählen in der die Mutter starb. Es sei zu ihrem Besten, rechtfertigt er sich - und auf keinen Fall möchte er, dass irgendjemand in das Haus zurückkehrt. ›Es hatte sich euch einverleibt und wartet nur darauf, euch endgültig zu verdauen.‹

Die Metapher des Körpers taucht in der Serie durchaus immer wieder auf. Wenn Olivia, die Mutter, als Architektin erklärt, dass die Leitungen im Haus Venen gleichen, die Wände wie die Haut sind, wenn der Vater Hugh die schon erwähnte Metapher des Verdauens erwähnt und am Ende ein Zimmer als Herz präsentiert wird. Jedes Haus ist eigentlich in diesem Sinne durchaus lebendig, denn wer hat nicht Nachts schon mal das Gluckern in den Heizungsrohren vernommen, das Ächzen, wenn Holz sich verändert oder das summende Geräusch des Kühlschranks. Allerdings ist Hill House in einem anderen Sinne sehr lebendig: Es birgt in sich die Geister der Vergangenheit und durchaus in der Lage, seinen Bewohnern Dinge vorzuspielen, die es gar nicht gibt.

Anders als aber das Remake, in dem am Ende erklärt wird, warum das Haus so ist, wie es ist, erklärt die Serie nichts. Sicher, sie erklärt in Rückblenden, was vorgefallen ist - die hervorragende Übergänge haben, übrigens, kameratechnisch und von der Gestaltung des Lichts her ist die Serie ebenso atmosphärisch wie durch die ganze Ausstattung. Sie erklärt, warum die Familienmitglieder wurden, was sie sind und was das mit Hill House an sich zu tun hat. Aber sie lässt im Unklaren und Vagen, warum das Haus zum Geisterhaus wurde. Es gibt ein schauerliches Ereignis wie in den Gothic-Romanen, kein Urahn, dem fürchterliches Unheil widerfuhr, keine auslösende Tragödie. Wir wissen, wie die Craines, die zu Beginn einziehen, um das Haus zu renovieren und dann zu verkaufen, so gut wie nichts über dieses Haus. Was natürlich ein geschickter Schachzug ist, weil wir auf diese Art und Weise nicht schlauer sind als die Bewohner des Hauses selbst.

Und daher sind wir genauso hilflos wie sie, wenn das Grauen einsetzt und sich immer weiter steigert. Wenn zuerst nur kleine Andeutungen da sind, dass irgendetwas nicht stimmt - das Klopfen gegen Wände, das Rattern von Türknäufen, das Heulen von Hunden - obwohl der Verwalter versichert, es gäbe gar keine. Die Serie nimmt sich Zeit, das Grauen aufzubauen. Das mag in Zeiten, in denen wir es gewohnt sind von einem Jumpscare zum nächsten geleitet zu werden ungewöhnlich sein. Und einige abschrecken. Hill House ist halt nichts, was sich sofort erschließt, sondern das nach und nach seine Faszination entwickelt. Da muss man auch die etwas drögen ersten beiden Folgen durchhalten. Und ja, dass die Serie auch keine Lärmkulisse erzeugt, sondern Musik sehr spärlich und mit Bedacht einsetzt gehört zum Konzept. Wie oft haben wir es in schlechten Horror-Filmen, dass die Musik anschwillt - mit Vorliebe hohe, schrillende Geigen - bevor der Jumpscare überhaupt einsetzt. Das mag auf billige Art und Weise gruseln, intelligent ist es nicht.

Intelligent ist die Serie gerade deswegen, weil sie nicht alles verrät und sich ab und an nicht in die Karten schauen lässt. Intelligent ist sie, weil sie Rückblenden mit der aktuellen Gegenwart so gut verbindet, dass man immer weiß auf welcher Zeitebene ist - ohne, dass es dauernd eingeblendet werden muss. Denn die Serie springt gerne auch bei den erwachsenen Darstellern ein wenig in der Zeit umher, um Dinge zu erklären oder zu etablieren. Die Geschichte von Luke etwa wird von seiner Entscheidung zum endgültigen Entzug an bis zu den Ereignissen des Finales der Serie dargestellt - aber eben nicht chronologisch. Sondern eher so, wie wir uns auch an Dinge erinnern: Manchmal fällt uns dies ein, dann wieder dies.

»Spuk in Hill House‹ gelingt es einerseits Familiendrama zu sein, andererseits auch atmosphärischen Horror zu präsentieren. Zu kritisieren wäre allenfalls, dass man vielleicht ab und an zu sehr auf Atmosphäre setzt, dass die Dialoge an einigen Stellen durchaus nicht vorankommen. Das passiert aber glücklicherweise nur an wenigen Stellen. Und diese Stellen werden dann wieder durch durchaus überraschende Twists wieder aufgehoben. An dieser Stelle sei nur die Folge mit der Frau und dem Hals hingewiesen. DAS erwartet keiner. Alles in allem: Netflix ist da durchaus ein weiteres Highlight gelungen. Eine zweite Staffel ist angekündigt, aber eigentlich ist die überflüssig - und ich weiß auch nicht recht, was die Macher noch da erzählen wollen. Allerdings wußte ich das bei »Broadchruch« nun auch nicht ...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2019-04-26 10:26
Ich fand es abgesehen vom Technischen nur grässlich. Ich weiß nicht, was mich dabei mehr angeödet hat - die amerikanische Besessenheit mit Sucht, das schwer strapazierte Thema "jeder ist ein Opfer" oder das absolut hirnrissige Ende. Wegen der hier fehlenden Spoilertags will ich das Ende nicht weiter ausführen, aber die zutiefst verlogene Auflösung war tatsächlich noch schlimmer als das lausige "relevant gemachte" Ende des Kinoremakes.

Jetzt können die Macher in Staffel 2 James' "Turn of the Screw" verhunzen. In der Tat ein Highlight.
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