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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit den Adobe Walls 1864?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit den Adobe Walls 1864?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Adobe Walls im Texas Panhandle verdankt seinen Ruhm vor allem dem legendären Kampf zwischen 28 Bisonjägern und 400 bis 500 Comanchen, Kiowa und südlichen Cheyenne unter Führung von Quanah Parker im Jahr 1874.

Tatsächlich gab es schon am 25. November 1864 eine Schlacht von Adobe Walls, die an Dramatik nichts zu wünschen übrig ließ.

Adobe Walls (übersetzt: Lehmziegelmauern) war ursprünglich ein kleiner Außenposten von Fort Bent in Colorado, gegründet von William Bent. 1864 war er lange verlassen und bestand nur noch aus Ruinen.

Der Departmentskommandeur der Armee, General James Carleton, hatte Anfang November 1864 den ehemaligen Trapper, Scout und Indianeragenten Kit Carson, jetzt Colonel der 1st New Mexico Freiwilligenkavallerie, nach Fort Bascom beordert und ihn beauftragt, die kriegerischen Völker der Comanchen, Kiowa und Apachen in der Panhandle-Region anzugreifen. Carson fügte sich dieser Anordnung mit Widerwillen. Er stand Carletons Politik skeptisch gegenüber und hatte mehrfach um seinen Abschied gebeten. Carleton aber dachte nicht daran, den erfahrensten Offizier seines Kommandos ziehen zu lassen. Carson warb 75 Ute-Indianer und einige Jicarilla-Apachen als Scouts an und zog mit ca. 260 Mann Kavallerie, 70 Mann Infanterie und den Indianerscouts durch die von eisigem Wind und einem Schneesturm gepeitschten Plains ostwärts.

Im Morgengrauen des 25. November 1864 stießen die Soldaten auf ein kleines Indianerdorf am Canadian River. Die Bewohner ergriffen sofort die Flucht. Etwa 3 Meilen von Adobe Walls kam ein größeres Dorf in Sicht. Die Krieger hier griffen Carsons Vorhut an. Sie wurden zurückgeschlagen. Eine Stunde später erreichte das Kommando Adobe Walls. In dessen Nähe entdeckten die Ute-Scouts ein weiteres Kiowa-Dorf von Chief Dohäsan.

Carson befahl den sofortigen Angriff. Es kam zu einem heftigen Schußwechsel. Die Kiowa zogen sich zurück.

Die Soldaten waren aufgrund des langen Nachtmarsches in Schnee und Kälte erschöpft. Carson befahl eine Rast. Binnen 1 Stunde tauchten die Indianer in ungeahnter Stärke wieder auf; wenigstens 1.000 berittene Krieger näherten sich von allen Seiten. Carson ging in den Ruinen des Handelspostens in Deckung. Er kommandierte jetzt 260 Soldaten und 70 Ute- und Jicarilla-Krieger. Die Infanterie war als Tross-Bedeckung zurückgeblieben.

Während die Soldaten hinter den Lehmziegelruinen in Stellung gingen, griffen die Ute und Jicarillas die heranrückende Front aus Comanchen, Kiowa und einigen Plains-Apache an. Die erste Angriffswelle wurde von so prominenten Kiowa-Häuptlingen wie Satank und Satanta angeführt. Für Verwirrung sorgte, dass die Signale von Kit Carsons Trompeter durch Hornsignale aus den Reihen der Indianer konterkariert wurden; Satanta hatte einen Krieger dabei, der über ein erbeutetes Kavalleriehorn verfügte und die Signale darauf kopierte.

Die Soldaten wären überrannt worden, hätten die Ute die Attacke nicht abgefangen. Carson dirigierte in geschickter Weise das Salvenfeuer seiner Männer und setzte seine beiden Haubitzen effektiv ein.

Die Indianer erkannten, dass ihr Gegner zahlenmäßig erheblich schwächer war. Sie kehrten in größerer Zahl zurück. Am Nachmittag war die Ebene vor Adobe Walls schwarz von Kriegern. Der Abwehrkampf der Soldaten dauerte über 6 Stunden. Die Männer waren erschöpft und übermüdet. Carson befahl den Rückzug in das nahe Kiowa-Dorf, das er mit seinen Soldaten am Morgen gestürmt hatte. Er wartete auf seinen Tross.

Als die Indianer bemerkten, dass die Armee abziehen wollte, versuchten sie, das Kommando zu umrunden und ihm den Weg abzuschneiden. Sie setzten das Gras und das Buschland unweit des Flusses in Flammen. Carson ließ Gegenfeuer legen und besetzte einige Anhöhen, die sich gut zur Verteidigung eigneten.

Im Schutz der Nacht ließ er sein Kommando abziehen. Nach einigen Stunden stieß er auf seine unversehrte Nachhut mit dem Tross.

Am Morgen des 26. November tauchten erneut Kiowa und Comanchen auf und wollten die erschöpften Soldaten angreifen. Carsons Ute und Jicarilla Scouts preschten ihnen entgegen und lieferten sich wilde Scharmützel.

Am 27. November trat Carsons Stab zusammen und empfahl einen erneuten Angriff. Kit Carson lehnte kategorisch ab. Er hatte sich zuvor mit seinen Scouts beraten. Sie hatten ihn vor einem Kampf gewarnt. Er befahl den Rückzug nach New Mexico. Die Schlacht von Adobe Walls war der größte Kampf während der gesamten Indianerkriege auf den südlichen Plains.

In einem Wintercount – der piktographischen Geschichtsschreibung der Plainindianer – hieß das Jahr 1864 bei den Kiowa „Der Winter, als die Kiowa Kit Carson vertrieben“.

Carson war nicht nur bei den Weißen, sondern auch bei den Indianervölkern ein berühmter Mann. Er hatte den Ruf mutig, klug und ehrlich zu sein. Ihn zu besiegen war eine bedeutende Leistung.

Kit Carson hatte sich auf diesem Feldzug nicht als der „Feuerfresser“ erwiesen, als der er in der Öffentlichkeit immer wieder dargestellt wurde, sondern als umsichtiger Offizier. Er hatte klar erkannt, dass er sich mit seinem Kommando, das im Wesentlichen aus nicht gut ausgebildeten Soldaten bestand, mit einem mehrfach überlegenen Gegner nicht messen konnte. Mit geschickter Defensivtaktik hatte er sein Kommando vor der drohenden Vernichtung gerettet. Der Historiker Hampton Sides schrieb: „Carson hatte verstanden, dass die wichtigste Definition eines Sieges das eigene Überleben ist.“ Er hatte lediglich 6 Gefallene und 25 Verwundete.

Sein Kommando war zeitweise in höchster Gefahr. Dass es ihm gelang, mit geringsten Verlusten davonzukommen, spricht für hohes taktisches Geschick.

Auf der Gedenktafel für das Ereignis heißt es: „Obwohl Carson sich brillant verteidigte, siegten die Indianer.“ Die hier angegebene Zahl von 3.000 Kriegern ist eine gewaltige Übertreibung. (Copyright © by Dietmar Kuegler)

Im Detail nachzulesen ist dieses Ereignis in meinem Buch ICH ZIEHE MIT DEN ADLERN – KIT CARSON, EIN AMERIKANISCHER HELD – seit Erscheinen immer wieder auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste „Indianer“.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die kommende Ausgabe

 

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