Und sie schwinden dahin... - was bleibt, was nicht
Und sie schwinden dahin...
- Was bleibt, was nicht -
- Was bleibt, was nicht -
Doch manchmal machen mich Dinge nachdenklich. Da sahen wir kürzlich im Fernsehprogramm des Westdeutschen Rundfunks eine Folge aus der (wie es neudeutsch wohl heißt) Dokutainment-Reihe Der Trödel-King. Dort veräußerte eine Frau die Hinterlassenschaft ihres Mannes. Und Bettina warf jene Frage auf, die mich nachdenklich macht: Was bleibt von einem Leben?
Und auch bei der täglichen Arbeit für den Zauberspiegel kommt diese Frage dann und wann auf. Wir stoßen nämlich immer wieder bei der Recherche für Artikel auf große Schwierigkeiten. Und das betrifft keine Personen aus früheren Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden, sondern Namen mit denen ich aufgewachsen bin. Man sollte vermuten, da gäbe es wenige Schwierigkeiten. Aber oft bleibt die Frage: Was bleibt von den Legenden meiner Jugend?
Ich war begeisterter Heftromanleser. Einige der Autoren gehören zu den Idolen meiner Teenagerzeit. Für mich waren sie zum Teil wie Popstars. Die Mädels in meiner Klasse himmelten die Bay City Rollers oder Roy Black an, ich war fasziniert von Dan Shocker und anderen, verschlang seine und ihre Romane förmlich. Auch Fußballer und Rockmusiker gehörten zu den Idolen der frühen Tage. Einige der Autoren lernte ich kennen, mit wenigen bin ich gar befreundet. Von einigen weiß ich eine ganze Menge, habe sie unterschiedlichen Situationen (teils sehr privaten) erlebt oder gar begleitet. Sie sind mir vertraut. Weitere kenne ich flüchtig vom Sehen. Andere sind für mich ein Pseudonym (und damit völlig fremd) geblieben.
Einige dieser Legenden und Idole meiner Kindheit und Jugend sind mittlerweile den Weg alles Irdischen gegangen. Was bleibt von ihnen? Was weiß man von Ihnen, welche Spuren kann man noch finden? In unserem Zeitalter der Information möchte man (optimistisch) meinen: Jede Menge. Doch weit gefehlt.
Als zum Beispiel Matthias Anemüller seine Unger-Bibliographie in fünf Teilen für den Zauberspiegel zusammengestellt hat, wollte er diese mit biographischen Daten würzen, quasi eine Minilebensbeschreibung beisteuern. Konnte ja gar nicht so schwer sein? Das dachten wir. Gerd Fritz Unger starb (erst) 2005 im Alter von 84 Jahren, es werden von seinen Romanen immer noch zahlreiche Nachdrucke verkauft (es wird gar gemunkelt, dass er Basteis derzeitiges Flaggschiff in Sachen Heftroman ist). Er ist einer der ganz Großen der deutsch Nachkriegs-Unterhaltungsliteratur. Manche seiner Romane dürften zehnmal oder gar häufiger aufgelegt worden sein. Da werden doch tausende Seiten im Netz sein, die sich mit Unger befassen. Und einige davon werden die Stationen seines Lebens thematisieren.
Über G. F. Unger gibt es aber kaum etwas im Netz. Der Mensch Unger, ja selbst der Autor Unger tritt zurück. Es gibt: Einen Wikipedia-Eintrag, hier und da ein paar Brocken (die nicht immer korrekt sind), viele Angebote bei eBay & Co und Titellisten seiner Romane. Dafür, dass dieser Mann einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts war, ist es beeindruckend wenig. Nicht nur Matthias war entsetzt.
Ist das wirklich alles was von Autoren bleibt? Titellisten und Angebote in Internetauktionshäusern. Dabei ist die Datenlage in Sachen Unger noch gut, wenn man sie mit der zu anderen Autoren vergleicht. Fragen sie mal nach Hans E. Ködelpeter. Der war unter diversen Pseudonymen in den unterschiedlichsten Genres tätig. Er wirkte unter anderem an Kommissar X mit und schrieb als Cedric Balmore Vampir Horror Romane.
Und was kann man über diesen einst recht populären Autor finden? Nichts. Das war schon verstörend. Ködelpeter hat Hunderte Romane verfasst. Er war kein Student, der mal einen Roman verkauft hat und dann wieder in Versenkung verschwand, kein Ghostwriter oder etwas in der Richtung. Er war eben keine Randerscheinung, sondern ein voll etablierter Autor im Geschäft mit den Heftromanen.
Ingo Löchel stieß bei der Recherche zu Kommissaar X nicht nur im Fall Ködelpeter auf erhebliche Schwierigkeiten, konnte kaum etwas finden. VPM war keine Hilfe. Wenig traditionsbewusst hatte man dort bereits vor fast 20 Jahren das Archiv im Altpapier entsorgt und mit dem eigenen auch das zugekaufte Archiv des Zauberkreis Verlags. Wertvolle Daten wurden zu Toilettenpapier verarbeitet, verschwanden unwiederbringlich in der Kanalisation. Wer weiß schon, wer einen Autorenvertrag, ein Heft oder gar Manuskripts welchen Autors für seine persönliche Hygiene verwendete ...?
Am besten sind noch Autoren in Leben und Werk dokumentiert, wenn sie (zumindest) teilweise in einem Genre gearbeitet hat, das ein Fandom ausgeprägt hat. In diesem Zusammenhang werden Fans, selbst ich scheue mich nicht, das zu sagen Hardcorefans zu nützlichen Wesen. Aber auch da ist die Dokumentation nur bei jenen Autoren befriedigend, die sich dem Fandom geöffnet haben. Denn da war Recherchearbeit einfach und leicht. Ansonsten hatte an es schwer, wenn der Autor auf Briefe nicht antwortet oder aber (was auch vorkam) der Verlag, diese gar nicht weitergab.
Über den Western-Autor Bernhard Bömke wird kolportiert, dass er nur als Larry Lash alles selbst schrieb, aber unter zahlreichen von ihm benutzten weiteren Pseudonymen oft irgendwelche Lohnschreiber nach Exposé Leihbücher verfassen ließ. Dabei soll Bömke für Exposé und Vermittlung zwei Drittel des Honorars eingestrichen haben. Kann man diese Geschichte noch verifizieren? Wer waren diese Männer, die für Bömke geschuftet haben (sollte es sie gegeben haben)? Über manchen Pharao ist mehr bekannt als über diesen oder jenen Heftroman- oder Leihbuchautoren.
Fanzines, früher in Umdruckverfahren, später in Kopie erstellt, verschwinden. Aber gerade dort schlummern noch so manche Informationen. Aber wer hat noch wie viele und welche Exemplare? In den Nationalbibliotheken in Frankfurt und Leipzig sind auch noch Infos vorhanden. Aber sonst?
In Sachen Horst Hübner war es Zufall, dass ich ihn gerade noch rechtzeitig nervte, damit er daran ging mal aus seinem Leben zu erzählen und einiger seiner Anekdoten preiszugeben. Aber bevor er das Werk vollenden konnte, erkrankte und verstarb er.
Dabei ist es (auch) wichtig, Personen nicht nur in ihren Glanzlichtern quasi auf den Sockel zu heben, denn kein Mensch (nicht einmal Franz Beckenbauer) ist eine reine Lichtgestalt, denn wo Licht ist, gibt es eben auch Schatten. Und um ein komplettes Bild vom Autor und Mensch zu bekommen, ist beides gleich wichtig, sowohl (pathetisch formuliert) die Heldentaten als auch die Schurkenstreiche einer Person.
Selbst Autoren, die relativ gut dokumentiert scheinen, sind vor dem Vergessen nicht sicher. W.K. Giesas Homepage wurde zunächst von Elke Hurtz gerettet und übernommen. Dann aber teilte sie im Bastei-Forum mit, dass folgendes passiert sei...
Da sollte sich doch jemand finden... - Vielleicht sogar der Bastei-Verlag oder ein großer Fanclub ...
Gut, die Daten mit wichtigen Informationen dürften offline verfügbar und damit (noch) nutzbar sein. Aber eine der wichtigsten Recherche-Grundlagen ist nun (hoffentlich nur vorerst) öffentlich weg. Wer auch immer diese anrufenden Fans waren, sie haben der Sache, der Erinnerung an einen Autoren und der Möglichkeit über ihn zu schreiben, einen Bärendienst erwiesen. Denn gerade die Homepage lieferte Facetten über W.K. Giesa.
Diese Liste ließe sich beinahe beliebig fortsetzen. Jedenfalls sind die Autoren des Heftromans nur unzureichend bis gar nicht dokumentiert. Und zuletzt sind sie nur noch ein Pseudonym, (vielleicht noch) ein Name und Titellisten.
Es ist ja nicht die erste Autorengeneration, die in Vergessenheit zu geraten droht (bzw. gerät). Die Autoren von Kolportage-Romanen früherer Jahrhunderte sind (von wenigen Ausnahmen abgesehen) auch der kollektiven Erinnerung entschwunden. Man möchte ausrufen: ein kulturgeschichtliches Unding.
Das sollte gestoppt werden. Daher rufe ich jeden auf, der noch etwas weiß, es aufzuschreiben und im Zauberspiegel und ähnlichen Seiten zu veröffentlichen. Datenrettung, nennt man das in der EDV. Ein Backup aus den Erinnerungen muss her, damit nicht eine ganze Autorengeneration das Schicksal Altvorderer teilt, vergessen zu werden.
Damit nicht wieder ein Teil unserer Kulturgeschichte unwiederbringlich verloren, egal ob man ihn für wertvoll halten mag oder nicht. Denn der Kulturbegriff in seinem Ursprung wertet nicht. Kultur stellt die gesammelten Leistungen einer Gesellschaft dar. Und zu diesen Leistungen zählen auch Heftromane und Leihbücher, ungeachtet ihres wie auch immer gemessenen Wertes.
Und natürlich gehören auch die Autoren dazu, die mehr verdient haben, als nur Titellisten und Pseudonyme zu sein.
Kommentare
Dazu dies: Hat einer von euch schon mal Alexander Rybaks Lied "13 Horses" gehört? Das ungelogen erste Lied, bei dem mir jedes Mal die Tränen kommen und mein Rücken in Schauern badet. Habe nie etwas Traurigeres gehört. Wer des Englischen mächtig ist, sollte es sich z.B. bei YouTube mal anhören (am besten mit eingeblendeten Lyrics). Ich übernehme aber keine Verantwortung für nass geweinte T-Shirts. Kein Witz: Wer eh schon depressiv ist, tut sich das besser nicht an!
"Mein Vater, Bernhard Bömke, hat alle seine Romane eigenhändig geschrieben. Kein Westernroman wurde in Lohnarbeit vergeben. Die Legenden um Lohnschreiber (andere Autoren leiden auch unter diesen Vermutungen) ensteht aus meiner Sicht aus der Arbeitsweise der damaligen Verlage. Mein Vater hat u.a. das Pseudonym "Larry Lash" und weitere ins Leben gerufen. Das Pseudonym "Jim Allison" war ein reines Verlagspseudonym, worunter mein Vater und andere Autoren für den Verlag schrieben. Also, sind die Westernromame mit dem Pseudonym "Jim Allison" von verschiedenen Autoren benutzt worden, aber jeder dieser Autoren hat selbst geschrieben. Daher ensteht leider die Vermutung, das Autoren eigene Lohnschreiber beauftragt haben. Ich verweise sehr gerne auf die Nachschlagewerke von Dr. Jörg Weigand, "Träume auf dicken Papier", "Pseudonymenlexikon" und "Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur". Mein Vater und andere Autoren haben noch zu Lebzeiten an der Gestaltung dieser Nachschlagwerke mitgewirkt.
Im Kürschner-Literaturkalender sind alle Pseudonyme meines Vaters dokumentiert. Ich arbeite weiterhin mit Herr Dr. Weigand und dem Kürschner Verlag eng zusammen, damit mein Vater, seine Westernromane und auch die anderen Westernschriftsteller dieser Generation nicht in Vergessenheit geraten.
Vielen Dank!"
Wir haben zu danken.
Falls es natürlich Gründe für diese Vorgehensweise gibt, die sich mir nicht erschlossen haben, bitte ich um Erleuchtung.
Was Realnamen der Autoren beim VHR betrifft, darf ich vielleicht auf diesen Artikel von Uwe verweisen, den man zum besseren Verständnis parallel zum vorstehden Artikel lesen kann:
www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastik-horror-mainmenu-10/gedrucktes-mainmenu-147/7168-fast-eine-dekade-unheimliches-vampir-horror-roman
Mit Scham oder mangelndem Mut haben die fehlenden Namen sicher nichts zu tun, vielmehr wohl mit Übersichtlichkeit.
Und nix für ungut, Heiko
www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastisches/gedrucktes-mainmenu-147/6789-autorenstatistik-der-vampir-horror-reihe
Wenn ich Zeit und Lust habe, werde ich bei Gelegenheit in der Titelliste, die Originalnamen der Vampir-Autoren hinzufügen...