Ist das Kunst, oder kann man das lesen? - Mai 2014
Ist das Kunst, ...
... oder kann man das lesen?
Andreas Junge Autoren streben oftmals nach Ruhm, Ehre und Reichtum. Wer schreibt, der bleibt, und das nicht schlecht, denkt man. Doch sein Brot mit Schreiben zu verdienen wird nur selten gut bezahlt. Oft geschieht es nebenher, als Zweitjob oder quick and dirty. Und Lektoren sind ein Luxus, den sich immer weniger leisten. Sehen wir die Ware Text zu geringschätzig? Oder ist es einfach nur ein Massenartikel geworden, der nun einmal schnell produziert werden muss?
Also, erst einmal: Wieso „junge“ Autoren? Ich tu das auch! Umschlingt mich, Millionen!
Pauschal würde ich das mit dem Massenartikel nicht so sagen, aber trotzdem, es trifft durchaus zu, vor allem, wenn es gerade einen neuen Mainstream gibt, einen rasanten Überraschungs-Bestseller-Hit, da wollen alle natürlich gleich mit rein ins Boot und auch „so was machen“, weil sich das verkauft.
Es scheint mir so eine Zwiespältigkeit zu sein, einerseits das Buch als Kunstform, andererseits als Massenware zu sehen, das möglichst viel Umsatz bringen soll. Als ich Anfang der 90er für Perry Rhodan anfing, schrieben die meisten von uns schon am heimischen PC oder auf den ersten damals noch „Schlepp“-Tops. Ich schickte meine Texte zunächst noch als Papierausdruck, aber bald wurde gewünscht, was natürlich auch für uns viel praktischer war, dass eine Diskette geschickt würde. Dadurch veränderte sich aber wohl das Ansehen des Autors, denn der Chefredakteur wurde seitens der Geschäftsleitung einmal gefragt: „Wieso bezahlen Sie Ihren Datenzuträgern eigentlich so viel?“ Also nicht mal mehr „Schreiberling“, was schon schlimm genug ist, nein, „Datenzuträger“. Und es wurde auch darauf hingewiesen (übrigens auch bei anderen Heftromanreihen/-serien), dass jeder, der nicht spurt, sofort rausfliegen solle, weil man ja leicht Ersatz fände. Diese Haltung ist durchaus geblieben. Für einige Geschäftsführer der Großverlage bzw. Konzerne zählt nur die Zahl auf dem Papier, das Verständnis für das Produkt „Buch“ an sich, vor allem, wenn ein Buchverlag zu einem Zeitschriftenkonzern gehört, ist völlig abhanden gekommen. Das High Management weiß gar nicht mehr so recht, was ein Buch ist und wie es zustande kommt; da trifft es sich mit vielen Nicht-Lesern auf einer Ebene, die aus Unkenntnis der Ansicht sind, ein Buch zu schreiben sei ja keine Arbeit, sondern ein Hobby, das man so nebenbei erledigen kann, und dann auch dafür noch bezahlt wird – da muss man doch dankbar sein. Also da besteht die Nähe zwischen Management und Autor in etwa so wie zwischen der Frau Merkel und Bürger Michel – es ist eine seeeehr große Distanz.
Ja, das Volk der Dichter und Denker; so ist es immer noch beim Feuilleton: wenn man's nicht kapiert, dann ist es gut. Geschraubt, gedrechselt und geschwurbelt, das ist dann „Aussage“, weil so mancher dadurch abgelenkt wird, dass unter Umständen gar nichts dasteht. Selbstverständlich gilt auch das nicht pauschal, es gibt großartige Schriftsteller, die eine Menge zu sagen haben und es in schöne Sprache verpacken, die anspruchsvoll ist, aber trotzdem gut lesbar. Und natürlich wird vom Feuilleton das Buch immer noch als Kunst bewahrt, nur sollte halt die Kluft zum „normalen Leser“ nicht so groß sein, das wäre wünschenswert, und manchmal auch weniger Hochnäsigkeit.
Die Mehrheit der Leserschaft will abseits des Alltags unterhalten werden, und dann gibt es noch die gar nicht so kleine Zahl der Leser dazwischen, die sich ohne Berührungsängste in alle Gefilde wagen, weil sie schlichtweg gute Geschichten gut erzählt haben wollen, und es gibt überall Perlen, in allen Ansprüchen und in allen Genres.
Also, ein Buch ist beides: Kunst und Massenware, da kommen wir nicht drumrum.
Was die amerikanischen und englischen Texte betrifft, so darf man nicht vergessen, dass die Schriftstellerei in diesen Ländern als richtiger Studiengang angeboten wird und die künftigen Autoren sich an den Universitäten im Studium oder in dort angebotenen Workshops intensiv mit dem Handwerk auseinandersetzen. Als Dozenten fungieren erfolgreiche Autoren wie Stephen King, die nicht staubtrocken aus Regelbüchern, sondern anschaulich das richtige Schreiben vermitteln. Ob man nun den Stil des Autors mag oder nicht, er weiß jedenfalls, wovon er spricht, und das zu erfahren, ist Gold wert und hilft dabei, viele Knoten zu öffnen und die „Leichtigkeit“ des Erzählens zu finden. (Also was dann gedruckt steht, da hinzukommen bedeutet immer noch Schweiß und Tränen.)
Amerikanische Autoren brauchen vor allem einen Agenten, wenn sie ein Manuskript anbieten wollen, der wiederum dabei hilft, das Buch druckfertig zu machen, und dazu auch das Lektorat vermittelt. Da findet bereits im Vorfeld zumeist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Manuskript statt, bevor es überhaupt im Verlag landet, und wie beim Film auch ist von der ursprünglichen Fassung oft nicht mehr viel übrig. Muss nicht unbedingt besser sein, ist es aber in den meisten Fällen.
Noch eine kleine Anmerkung außerhalb der Bücher: Was du mit den amerikanischen Entertainern ansprichst, trifft tatsächlich in bestimmten Regionen zu. Noch nie konnten wir eine Pressereise so reibungslos, zwar mit vielen Stunden, aber unangestrengt, absolvieren wie in Florida. Vorbemerkung dazu: Meine Freundin ist seit Jahrzehnten Reisereporterin für diverse Magazine, hauptsächlich Joy und Shape. Auf einigen dieser Reisen habe ich sie als Fotografin begleitet, unter anderem eben nach Florida. Bei so einer Reise – auch hier übrigens herrscht bei vielen Leuten aus Unkenntnis die Ansicht „ach ja, da machste Urlaub und verdienst noch Geld dabei“, ja, schön wär's; und nein, ich finde das nicht witzig und das herablassende Grinsen bei Richtigstellung lässt in mir Gewaltfantasien entstehen – hat man für oft weite Strecken und ein dicht gedrängtes Programm immer nur wenige Tage übrig. Was bedeutet: Wenn wir z.B. eine Kajakfahrt machen, dann können wir nicht vier Stunden lustig mit den Touristen um die Wette paddeln, sondern haben eine halbe Stunde für Interview und Fotoshooting und weiter geht es zum nächsten Termin. Auf allen bisherigen Reisen gab es deswegen oft vor Ort ziemliche Diskussionen, weil die Leute nicht kapiert haben, was wir wollen und brauchen und dadurch manchmal beleidigt waren. Und häufig wollen sie besser als wir wissen, was ein gutes Motiv ist und wie wir es machen müssen, und finden es nicht gut, wenn wir alles ganz anders machen und klipp und klar sagen: „Wir haben jetzt noch 5 Minuten, die Sonne ist gerade da, da hinten kommen dicke Wolken – können wir jetzt oder nicht?“ Nicht so in Florida. Das Leben dort ist öffentlich und jeder hofft ein Star zu werden, und so wissen die Leute halt auch, was wir für die Reportage brauchen, und machen alles das, was man gern von ihnen hätte, ohne ständige Diskussionen „ja, aber so könnte man das doch besser ...“. Fitness am Strand? Kein Problem, die Trainerin trommelt, weil sie zwar normalerweise um 5 Uhr morgens den Kurs macht, aber da noch keine Sonne ist, ihre Freundinnen zusammen für ein Shooting um 9 Uhr, weil da das beste Licht herrscht. Daran denkt die Fitness-Trainerin! Sie fragt, wie wir es haben wollen, alle springen und hopsen und erstarren nach meinem Kommando, und schon nach 15 Minuten sind perfekte Aufnahmen im Kasten mit fröhlich lachenden, überhaupt nicht kamerascheuen Frauen, wofür wir anderswo oft zwei Stunden brauchen und den nächsten Termin verschieben müssen, was schon wieder Knatsch gibt. Yoga auf dem Surfbrett? „Ja, das machen wir normalerweise auf dem Meer, aber das geht ja bei euch nicht, deswegen haben wir uns gedacht, hier in der Bucht, da habt ihr sogar noch einen schönen Hintergrund, gutes Licht, und die Fotografin kann stabil auf dem Steg stehen.“ So funktioniert das, und ganz ohne Besserwisserei!
Kommentare
"Ruhm, Ehre und Reichtum" wäre natürlich auch nicht schlecht... aber wenn man nur für die "Millionen" schreibt, ist man dann noch mit dem "Herz" dabei?
Das wäre dann wohl die Steigerung zu dem weltfremden Zeugs, was die Kinder noch immer in den Schulen im Deutschunterricht eingetrichtert kriegen von Lehrern, die selber noch nie auch nur eine Zeile öffentlicher Kritik aussetzen mussten. Geschweige denn, dass sie darauf angewiesen waren, mit ihren Werken erst einen Verlag und dann eine Leserschaft zu überzeugen.
Praxiswissen und Erfahrung eines leibhaftigen Schriftstellers? Wozu? Was ist nicht-akademisches Wissen an deutschen Schulen und Unis wert?
Außerdem wäre dann ja die Benotung für den Lehrkörper erheblich schwieriger, als wenn sie nur vergleichen müssen, ob die Arbeit nun dem Schema aus dem Lehrbuch entspricht.
Hermann hat ja hin und wieder Exkurse in die heiligen Hallen der Bildung gemacht, wo er von der rauen Realität erzählen durfte. Wäre interessant zu wissen, wie sich das auf Unterrichtsstoff und weitere Lehrplanung ausgewirkt hat.