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Produzent des Phantastischen: CHARLES H. SCHNEER (1920-2009)

Charles H. Schneer (1920 - 2009)Produzent des Phantastischen
CHARLES H. SCHNEER
(1920-2009)

Fällt der Name Charles H. Schneer, dann denkt man automatisch an jene Filme, bei denen Ray Harryhausen die Trickarbeit leistete und von denen er die meisten produzierte. Von 1955 bis 1981 waren sie ein festes Duo, hatten grosse Erfolge und hörten dann gemeinsam mit dem Film CLASH OF THE TITANS (Kampf der Titanen) auf. Es war eine Produktion mit dem höchsten Budget, die Schneer je betreut hatte. Somit ein grossartiger Schlusspunkt für Beide.

Charles H. Schneer (1920 - 2009)Namen von Produzenten finden sich selten in Artikeln. Nur wenige schaffen es aufgrund von kontinuierlich bedeutender Arbeit aus dem Schatten der Filme, der Regisseure oder der Darsteller heraus. Doch was wäre Harryhausen ohne Schneer gewesen und umgekehrt? Dass der Mann auch ein paar andere Filme produziert hat, fällt dadurch allerdings kaum noch auf. Hier tritt der Produzent deutlich hinter sein Schaffen zurück.

 

Was das H. In seinem Namen bedeuted, ist schwer zu erfahren. Einzig ein Artikel der New York Times gibt den Zweitnamen mit HIRSH an, in der IMDb findet man eine Bestätigung. Also nehme ich das jetzt mal als gegeben hin.

Charles Hirsh Schneer wurde am 5. Mai 1920 in Norfolk/Virginia geboren. Leider treten Produzenten nicht nur hinter ihren Stars zurück, über sie wird auch weniger berichtet. So ist praktisch nichts über seine Kindheit und Jugend zu erfahren. Irgendwann zog die Familie Schneer um nach Mount Vernon/New York.

Er studierte an der Columbia University und ging dort 1940 ab. Während des 2. Weltkrieges kam er erstmalig mit dem Produzieren von Filmen in Berührung. Er arbeitete bei den US Army Signal Corps und liess Trainingsfilme für die Soldaten herstellen. Nach Kriegsende begann er für Universal und später Columbia als Associate Producer zu arbeiten, unterstand der Abteilung des rührigen Massenproduzenten Sam Katzman.

Als er 1953 den Film THE BEAST FROM 20000 FATHOMS (Panik in New York) sah, war er sehr beeindruckt. Freunde brachten ihn mit dem Trickspezialisten des Streifens, Ray Harryhausen, zusammen. Beide begannen an einem neuen Monsterfilm zu arbeiten, der schliesslich 1955 entstand und als erster Film Charles H. Schneer als Produzenten nannte. IT CAME FROM BENEATH THE SEA (Das Grauen aus der Tiefe) handelte von einem mächtigen Kraken, der die Golden Gate Bridge einreisst.

„Ich ging zu Charles und sagte ihm, dass das Modell für den Kraken nur sechs statt acht Tentakel hatte. Er winkte ab, lächelte und sagte: 'Das wird niemand merken'. Also machte ich es und tatsächlich, es ist keinem Menschen aufgefallen.“ (Ray Harryhausen)

Earth Vs. Flying SaucersSchneer selbst begann nach Stoffen zu suchen, die verfilmbar waren und deren Trickarbeit Harryhausen erledigen konnte. So kam er bald mit einer Zeitungsgeschichte über eine Ufo-Invasion zu Ray. Für jenen war es eine echte Herausforderung. Er fertigte einige Entwürfe an und arbeitete am Drehbuch mit. Und so kam 1956 EARTH VS. FLYING SAUCERS (Fliegende Untertassen greifen an) heraus. Er gilt heute als einer der besten Invasionsfilme überhaupt, was nicht zuletzt der aussergewöhnlichen Animation der Raumschiffe zu verdanken ist.

Das Team Schneer/Harryhausen war gefestigt. Schneer war in der Lage, trotz geringer Budgets Ray so viele Möglichkeiten zu geben wie machbar waren, wusste er doch, wie sehr die von ihm produzierten Filme davon abhängig waren. Ein Jahr später bereits erschien 20 MILLION MILES TO EARTH (Die Bestie aus dem Weltenraum), in dem es um ein Wesen von der Venus geht, das bei der Bruchlandung eines Raumschiffs freigesetzt wird.

Zwischendurch produzierte er 1957 den Film HELLCATS OF THE NAVY (Höllenhunde des Pazifik), der später dadurch Bedeutung erlangen sollte, weil hier Ronald und Nancy Reagan das einzige Mal gemeinsam vor der Kamera standen.

The 7th Voyage of Sindbad„Ich lief schon ein paar Jahre mit der Idee zu THE SEVENTH VOYAGE OF SINBAD (Sindbads siebte Reise) herum. Der Name SINBAD galt jedoch als Kassengift. Ich hatte verschiedene Zeichnungen angefertigt, aber keiner wollte etwas davon wissen. Doch dann trat Charles in mein Leben. Er glaubte an meine Idee.“ (Ray Harryhausen)

Schneer gründete die Produktionsfirma Morningside. Er produzierte seinen erfolgreichsten Film der 50'er mit einem geringen Budget. Als 1958 das Ding erschien, werden sich verschiedene Produzenten, denen Harryhausen es vorher angeboten hatte, in den Hintern gebissen haben. Der Streifen räumte mächtig ab. Für diesen Film hatten Schneer und Harryhausen den Begriff Dynamation kreiert, um die Besonderheit der Stop-Motion-Tricks hervorzuheben.

In der Folge produzierte er ein paar andere Filme, so den Western GOOD DAY FOR A HANGING (Der Henker wartet schon, 1959) von Nathan Juran, der auch schon THE SEVENTH VOYAGE OF SINBAD inszeniert hatte.

Schneer und Harryhausen1960 verlegte Schneer seinen Wohnsitz nach London und produzierte die meisten Filme fortan in England. Zunächst entstand WERNHER VON BRAUN (Der Mann, der nach den Sternen griff, 1960), der die Lebensgeschichte des Mannes erzählte. Danach gab es wieder das Gespann Schneer/Harryhausen für die Projekte THE THREE WORLDS OF GULLIVER (Herr der drei Welten, 1960), MYSTERIOUS ISLAND (Die geheimnisvolle Insel, 1961) und JASON AND THE ARGONAUTS (Jason und die Argonauten, 1963). Immer, wenn er gefragt wurde, dann gab Schneer JASON AND THE ARGONAUTS als seinen Lieblingsfilm an. Keinen anderen fand er in seinem Endergebnis so überzeugend.

1964 brachte FIRST MEN IN THE MOON (Die erste Fahrt zum Mond) das Duo noch einmal mit Nathan Juran zusammen, mit dem Beide am Liebsten gearbeitet hatten. Keiner stand den Trickeffekten so aufgeschlossen gegenüber wie er, weshalb er bei der Inszenierung und Schauspielerführung immer darauf achtete, dass alles schlüssig war.

Danach folgte eine Pause und Schneer wandte sich anderen Stoffen zu. So produzierte er 1967 die Filmversion des erfolgreichen Broadwaymusicals HALF A SIXPENCE und einen weiteren Western von Juran, LAND RAIDERS (Fahr zur Hölle, Gringo, 1969).

Erst THE VALLEY OF GWANGI (Gwangis Rache, 1969 – auch: Die Rache der Dinosaurier/Videotitel) brachte das Duo wieder zusammen. Der Film, eine krude Mischung aus Western und Science Fiction, in dem ein paar Cowboys ein isoliertes Tal entdecken, in dem Dinosaurier leben, basierte auf einem Entwurf von Willis O'Brien, dem Vater der Stop-Motion-Animation und Harryhausens Lehrmeister.

The Executioner1970 produzierte er noch den Actionfilm THE EXECUTIONER (Der Vollstrecker), bevor er sich mit Ray einer weiteren Sindbad-Geschichte zuwandte, die 1974 als THE GOLDEN VOYAGE OF SINBAD (Sindbads gefährliche Abenteuer) erschien. 1977 folgte mit SINBAD AND THE EYE OF THE TIGER (Sindbad und das Auge des Tigers) der letzte Teil dieser unzusammenhängenen Trilogie. Den Abschluss schufen sie dann mit dem monumentalen Epos CLASH OF THE TITANS (Kampf der Titanen, 1981). Geldgeber war hier die Firma MGM, wodurch eine anständige Riege an Stars verpflichtet werden konnte.

„Er war ein Produzent im besten Sinne. Ray ist ein kreativer Mensch. Leute wie er brauchen Menschen, die sich um das Geschäftliche kümmern, damit sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können.“ (Leonard Maltin)

Clash of the TitansCharles H. Schneer hörte auf, genau wie Ray Harryhausen. Ihr Werk war getan. Sie erkannten die Zeichen der Zeit. Weitere Filme wären ein Anachronismus gewesen, denn neue Formen der Tricktechnik eroberten die Filmwelt. Schon bald wurde die Stop-Motion-Animation (Dynamation) zu einer Sache von Liebhabern. Immer weniger Filme dieser Art wurden hergestellt.

Er war seit seinem Umzug Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Science in London. Mit seiner Frau Shirley, die er schon 1940 geheiratet hatte und mit der er bis zu seinem Tod zusammen war, zog er sich nach dem letzten Film zurück. Bis 2005 lebte er in London. Dann verschlechterte sich zusehends sein Gesundheitszustand und er zog nach Florida. Er begann Symptome von Alzheimer zu zeigen.

Er starb am 21. Januar 2009 in einem Pflegeheim.

Mit ihm ging einer der bedeutendsten Produzenten des Phantastischen Films, den er immer gemocht und an den er geglaubt hatte. Obwohl er lediglich 25 Filme als Produzent betreute, die bis auf ganz wenige Ausnahmen immer mit geringen Budgets auskommen mussten, schuf er mit seinen Regisseuren und eben Ray Harryhausen mehrere unzweifelhafte Klassiker des Genres.

Vergessen wird er nicht, denn jeder Vorspann dieser Filme beginnt mit seinem Namen.

Die Filmografie von Charles H. Schneer in der IMDb



Kommentare  

#1 Mainstream 2009-02-10 09:35
-
Ein sehr schöner Artikel. Und sehr informativ.

Doch leider, leider hat dieser Artikel wieder einen
schlechten Einfluss auf meine Gestaltung des
Feierabends. EARTH VS., oder IT CAME FROM
BENEATH THE SEA. Tausend Mal gesehen und
jetzt schon wieder in Erinnerung gerufen. Naja,
dann muss es eben sein.

CLASH OF TITANS war zweifellos faszinierend und
bildgewaltig. Doch muss man selbst als eingefleischter
Cineast einsehen, das Stop-Motion (zum damaligen
Zeitpunkt) seine Grenzen erreicht hatte. Und Motion-Control,
Miniaturaufnahmen und Überblendtechniken haben
mit ihrer Weiterentwicklung alles perfektioniert.

Ich sehe CLASH immer mit gespaltener Meinung.
Die Arbeit und das Engagement ist überwältigend.
Die Technik allerdings schon leicht angestaubt.
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#2 Norbert 2009-02-10 09:49
Ja, wohl wahr.
Sowohl den 3. Sindbad-Film, wie eben auch CLASH empfand ich damals schon als leicht überholt. Beide sind jedoch visuell sehr ansprechend.
Aus heutiger Sicht wirken selbst 7th VOYAGE oder ARGONAUTS kaum noch realistisch. Dennoch werde ich immer ein Anhänger der Stop-Motion sein. Ich bin immer erschlagen schon von der Mühe und Zeit, die in eine solche Arbeit investiert wird.
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#3 Thomas Backus 2009-02-11 12:55
Ich habe Kampf der Titanen damals im Kino gesehen und war total beeindruckt - mittlerweile habe ich den Film auf DVD und ich finde ihn immer noch hervorragend, wenngleich mit einer Priese Nostalgie gewürzt.
Andererseits gibt es heute so einige Filme, die mich trotz fortgeschrittener Tricktechnik nicht zu überzeugen wissen ... und auch nicht alles, was aus dem PC kommt ist gut!
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#4 Mainstream 2009-02-11 18:15
-
Genau diese Prise Nostalgie ist es, die ihn immer noch
attraktiv macht. Wenn ich KAMPF DER TITANEN heute
sehe, wird mir sofort wieder dieser Gefühl bewußt, das
ich damals im Kino empfand. Obwohl es ja längst
verbesserte Tricktechniken gab, beeindruckte mich der
Film durch seinen Aufwand, mit den Darstellern, natürlich
der Geschichte und der eigenen kindlichen Phantasie.

Was Filme heutzutage mit der Tricktechnik anfangen,
überzeugt kaum noch. Nur sehr, sehr wenige Filme
beweisen heute eine gewisse Nachhaltigkeit. Was glaubst Du,
wie lange das Remake von KAMPF DER TITANEN 2010
den Leuten tatsächlich in Erinnerung bleiben wird?

Tja, Norbert, und die Arbeit. Wie wahr , wie wahr.
Schon der Gedanke daran macht müde. Eine Bekannte
von mir hat für ein Jahr Kamera bei BOB THE BUILDER
in England gemacht. Die ist fast durchgedreht.
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