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Eine Beobachtung - Der 3000. Jerry Cotton

1Eine Beobachtung
Jerry Cotton 3000

I.
Natürlich ist der Name bekannt, meist als Klischee. Damit muss man rechnen, wenn seit 1954 fast Woche für Woche nunmehr 3000 Hefte, 616 Taschenbücher und eine sechsteilige Ableger-Serie um den Sidekick Phil Decker erschienen sind. Hinzu kommen natürlich die 21 Vorläufer-Hefte in der Reihe Bastei-Kriminalroman, einige Sonderpublikationen als Zeitungsbeilagen oder anderswo.


Good Bye New YorkSchließlich noch einige Dutzend Romane, die in den Nachauflagen anstelle der angestammten Hefte neu erschienen sind – Sonderfälle, von denen viele als sogenannte Bayern-Romane oder a-Hefte bekannt geworden sind und den Bibliographen das leben nicht leichter machen. Auch der erste Roman der Cotton-Classics war “neu” im Sinne von “zuvor unveröffentlicht”, wenngleich in den fünfziger Jahren geschrieben. Die genaue Zahl der Cotton-Texte ist also nur von Experten in mühevoller Kleinarbeit ermittelbar; sie liegt um und bei 3700.

Spitzfindige Fans erwähnen zudem gerne den einen oder anderen Auftritt des dienstältesten G-Mans aller Zeiten in anderen Heftserien des Bastei-Verlages und behaupten dann allen Ernstes, diese Serien, die weitere Verknüpfungen in anderen Richtungen aufweisen, ebenfalls dem Cotton-Universum zuschlagen zu können. Mir bekannt ist ein Cotton-Auftritt in Trucker-King 166. Der Trucker-King hat nun Verbindung zu Professor Zamorra, der wiederum mit John Sinclair, Tony Ballard und Damona King, verlagsübergreifend sogar mit der Pabel-Serie Mythor und sogar mit Perry Rhodan. An Verbindungen dieser Art waren hauptsächlich Werner Kurt Giesa (kein Cotton-Autor, soweit bekannt) und Friedrich Tenkrat (der schon!) schuld, aber den ursprünglichen Kontakt zwischen dem Trucker und dem G-Man stellte Horst Friedrichs her. Damit sind wir schon bei der Frage der Cotton-Autoren.

Doch ehe wir diese mehr oder weniger ratend behandeln (Geduld!), darf natürlich die Erwähnung der Filme nicht fehlen. In den sechziger Jahren, als die Amerika-Begeisterung hierzulande mondsuchtbedingt schon peinliche Orbitalhöhen erreichte, gab es eine Art internationalen Austausch zwischen München und Hollywood. Deutschen Schauspielern gelang der Sprung über den Atlantik und in (meist) Nebenrollen in Film, Funk und Fernsehen. Umgekehrt frischten einige Hollywood-Mimen der zweiten oder dritten Riege ihre darbenden Karrieren in deutschen oder europäischen Produktionen wieder auf. Namen wie (unsererseits) Senta Berger, Elke Sommer oder Horst Buchholz fallen dabei ein, aber auch (andererseits) solche wie Clint Eastwood und Lex Barker – oder eben Lang Jeffries oder George Nader. Letzterer verkörperte den FBI-Mann in acht recht erfolgreichen Filmen, die zwischen 1965 und 1969 in die Kinos kamen. Mal peinlich, mal witzig, immer den Gefälligkeitsformeln verpflichtet, entsprachen sie den Erwartungen und enttäuschten daher nicht. Eine von vornherein als Parodie angelegte Neuverfilmung aus dem Jahr 2010 mit Christian Tramitz in der Titelrolle floppte dagegen erbärmlich.

Das mag daran gelegen haben, dass die Romanfigur Jerry Cotton von Anfang an und zunächst bereits als Parodie gedacht war. Die Fama besagt, dass Cotton-Erfinder und damaliger Waschmittel-Vertreter Delfried Kaufmann die knallharten Ermittler amerikanischer Prägung, die ab den ersten Nachkriegsjahren in den unter US-Pseudonym in rauhen Mengen erschienenen Romanheftreihen des Bastei-Verlags und anderer Häuser fröhliche Urständ feierten, mit seinem unbedarften Helden “Jeremias Baumwolle” mal so richtig durch den Kakao ziehen wollte. Angeblich soll die Idee bei einem Gartenspaziergang mit Kurt Reis entstanden sein. Dem Germanisten Jörg Weigand kommt der Verdienst zu, diese Urheberschaft 1998 nach mehr als vier Jahrzehnten zutage gefördert zu haben.

Denn der Bastei-Verlag, Heimat der Serienfigur, die letztlich den Grundstein für das Bergisch Gladbacher Roman-Imperium (Roman Empire? – Verzeihung, es kam über mich!) blockt eigentlich bis heute Nachfragen nach der Verfasserschaft der einzelnen Hefte und Bücher ab. Schon der erste Roman “Ich jagte den Gangster-Chef” (als Bastei-kriminal-Roman 68 erschienen) nannte als Verfasser “G-Man Jerry Cotton” und etablierte damit die Fiktion, dass unser Mann in New York seine Fälle selbst in Ich-Form zu Papier bringen würde. Fortan erschienen nahezu alle Romane unter diesem Namen, allerdings mit einigen Ausnahmen: Der achte Roman “Ich schoß auf Jerry Cotton” (BKR91; Verfasser vermutlich der erwähnte Kurt Reis) erschien aus offensichtlichen Gründen unter “Phil Decker”, ebenso wie die Nr. 121 der eigenständigen Serie “Ich suche Jerry Cotton” (hier: Heinz-Werner-Höber). Und in den 2000ern gab es eine längere Periode, in der in den Vorschauen am Ende der Hefte oft die Autoren des Romanes der Folgewoche genannt wurden (wenngleich meist nur unter deren etablierten Pseudonymen).

Es soll auch heute noch einige Menschen geben, welche die Behauptung, Jerry Cotton sei alleiniger Autor, dem Verlag tatsächlich abnehmen. Dessen Repräsentanten behaupten weiterhin beharrlich, dass die Autorenschaft in Wirklichkeit doch niemanden interessiere und die Kunden ohnehin nur die Marke kauften, nicht den Schreiber. (Oder die Schreiberin: Es haben durchaus einige Damen mitgearbeitet – Corina Bomann, Irene Rodrian, Annerose Horn, Nadina Buranaseda, Susanne Wiemer sind aktenkundig.) Indes kann diese Politik auch so gedeutet warden, dass eine Absprache der Autoren untereinander – mutmaßlich zum Schaden des Verlages – dadurch verhindert werden soll(te). Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Delfried Kaufmann verlor nach vergleichsweise wenigen Romanen die Lust und verfasste fortan fast nur noch die doppelnulligen Jubiläumsnummern. Kurt Reis schrieb in Vertretung sechs Hefte. Und dann kam der bereits erwähnte Höber.

Heinz-Werner Höber (1931-1996) hatte sich bereits mit zahlreichen Kriminalromanen in Heft und Leihbuchform einen Namen gemacht. Er kannte die bisherigen Romane und war ob der inhaltlichen Schludrigkeiten der Frisch drauflos schreibenden Kollegen  wenig begeistert. Für die Spätgeborenen, die jetzt ganz tapfer sein müssen: Es gab noch kein Internet (!), auch keine Handys (!!), und Informationen über das Ausland waren nicht ganz leicht zu kriegen. Höber recherchierte in Bibliotheken, erwarb genaue Stadtpläne und schrieb (schüchtern war er nie) das FBI an, das ihm nach einigen Wochen ein umfangreiches Paket zuschickte. Die Nachnahmegebühr soll ihn fast in den Ruin getrieben haben, bei seiner Wirtin zumindest in die Mietschuld. Fortan stimmte die städtische Geographie, Handlungsabläufe und Plots orientierten sich nicht mehr nur an den hakenschlagenden Einfällen der Autoren, sondern konnten sich auf existente Gegebenheiten stützen. Aus der simplen Parodie machte Höber (nicht ganz im Alleingang, aber zu Anfang doch maßgeblich) einigermaßen stabile Kriminalromane, die auf triviale Dämlichkeiten in Dialog, Charakterisierung (cum Frauenbild) und Ablauf zwar nicht verzichteten – schließlich ging und geht es nicht um den Nobelpreis – aber in ihrer nachvollziehbaren Detailverliebtheit immerhin stimmige Porträts von New York und Umgebung lieferten und damit Fenster in eine für die meisten Deutschen unerreichbare Welt boten.

Höber war auch jener Autor, der sich als Erster zur Cotton-Serie bekannte. 1970, als die Serie kommerziell auf dem Höhepunkt war, klagte er gegen den Verlag, weil er sich nicht mit den Pauschalhonoraren abspeisen lassen wollte. Er verlor in erster Instanz. Und in der zweiten. Der Prozess trieb ihn in den Ruin. Den Verlag ließ das kalt. “Wir haben sehr viele Höbers”, soll der damalige Verlagsleiter Rolf Schmitz auf die Frage nach der Bedeutung des Autoren für die Serie gesagt haben.

Höbers Kollege Horst Friedrichs, fast fünfzehn Jahre nach ihm eingestiegen und heute auch schon mehr als vierzig Jahre für die Serie tätig, hatte nach Höbers Fortgang die faktische Aufbereitung übernommen, die für die in den frühen Tagen so hochgelobte “Authentizität” sorgen sollte.

Ironie des Schicksals: In gewisser Hinsicht kam Höber die Anonymität zugute. Zehn Jahre später konnte der aus dem Haus Bastei Verbannte über einen befreundeten Redakteur erneut und unerkannt Romane für die Serie liefern, die er in den frühen Jahren wesentlich geprägt hatte.

II.
Meine erste Begegnung mit der Jerry Cotton-Serie war eher kurz. Um 1974 las ich drei oder vier Hefte aus dem 500er Bereich. Sie hinterließen allerdings keinen bleibenden Eindruck. Damals las ich fast alles in Heftform, was mir in die Finger fiel, hauptsächlich jedoch Science Fiction – Perry Rhodan, Ren Dhark, Terra Astra, wobei ich Zyklen oder Serien den Vorzug gab. Und vielleicht war ich auch deshalb an Autorennamen interessiert.

Etwa zehn Jahre später begann ich mit dem Verfassen von Artikeln zu SF-Autoren für ein Loseblattlexikon des Corian-Verlages. Die Mitarbeiter erhielten stets die gesamte Teillieferung, in der ihre Beiträge erschienen. Der rührige Hermann Urbanek stellte kenntnisreiche Bibliographien zusammen, auch von deutschen Autoren. Und oft enthielten deren Werkslisten aufschlussreiche Einträge über anonym oder pseudonym erschienene Heftromane, darunter auch solche zur Jerry-Cotton-Serie. Friedrich Tenkrat hatte welche geschrieben, ebenso Susanne Wiemer. Wolfgang Kehl, Wolfgang Hohlbein, Horst Gehrmann oder Wolfpeter Ritter – das war interessant. Vielleicht ein Dutzend Namen kam so zusammen.

Ich tat, was jeder anständige Fan in so einer Situation macht. Ich stellte eine Liste zusammen – und merkte bald, dass da nicht viel mehr zu holen war. Mit dem Corian-Lexikon allein würde ich so nicht oder jedenfalls nicht sofort weiterkommen. Die Cotton-Liste verschwand in den Tiefen meiner Frisch angeschafften Festplatte (40 Megabyte Speicher – jawoll! Sowas hatte nicht jeder!).

1992 fiel mir Jörg Weigands Pseudonym-Lexikon in die Hände. Er listete 65 Autoren, leider ohne Zuordnung der einzelnen Romane. Die alte Neugier war geweckt. Andere Aufgaben ließen sie jedoch wieder wieder einschlafen.

Im Jahr 2000 eröffnete machte sich das Internet bei uns nützlich (besser spät als nie). Die Recherchiermöglichkeiten vervielfältigten sich. Die Hinweise zu Cotton-Autoren verdichteten sich. Walter Appel übernahm dabei wohl eine Vorreiterrolle, als er – ob aus Frust oder berechtigtem Geltungsdrang sei dahingestellt – auf seiner Website sämtliche Romane aus seiner Feder listete, darunter auch 100 Jerry-Cotton-Romane. Weitere Autoren gaben sich mal mehr, mal weniger ausführlich als Cotton-Beiträger zu erkennen. Seit Delfried Kaufmann haben über 100 Autoren an Jerry Cotton mitgeschrieben.

Wieder später entdeckte ich das Romanarchiv (das ich in der Anlage immer noch für eines der aussichtsreichsten Projekte zur Erschließung des unübersichtlichen Heftromansektors halte). Aus den eigenen nie ganz erlahmten Recherchen, der Fülle von Informationen aus dem Netz und sich allmählich ergebenden Kontakten zu Gleichgesinnten entstand vor knapp drei Jahren eine Initiative zur Aufschlüsselung der Cotton-Romane im Bastei-Forum.

Warum? Keine Ahnung. Vermutlich aus einer Aversion gegen Anonymität. Offenbar teilten einige Autoren diese, denn sie meldeten sich mit Informationen zu ihren Cotton-Beiträgen.

In all der Zeit las ich einiges über die Serie – und nicht ein Heft oder Taschenbuch aus der Serie, von gelegentlichem Seitenblättern in Bahnhofskiosken mal abgesehen. Vierzig Jahre nach der ersten Bekanntschaft mit FBI-Agent Jerry Cotton war  ich quasi ein Neuleser mit Hintergrundwissen.

Und als solcher nahm ich mir Jerry Cottons 3000. Roman vor …

III.
“He Weißbrot, was soll denn das werden?” Aha. Wir sind im Gangland. Sugar Ray, Danny und Bloodshot, drei „farbige Jugendliche“ (also in doppelter Hinsicht verdächtig), werden vorgestellt. Sie rauben einen ohnmächtigen Weißen aus und finden, wie sich später herausstellt, einen FBI-Ausweis.

Szenenwechsel: Jerry und Phil werden unter Verzicht auf „jegliche sonst übliche Nettigkeiten“ in das Büro ihres Chefs Mr. High beordert. Dieser stellt ihnen die dümmste Frage in ihrer sechzigjährigen Karriere: “Jerry, Phil, sind Sie mit der Hierarchie des FBI vertraut?

In Ordnung. Dies ist eine Romanwelt, und wir wissen, dass nicht einmal J. Edgar Hoover dem FBI sechzig Jahre lang diente – aber ich möchte den mittleren Angestellten mit sagen wir mal zehnjähriger Betriebszugehörigkeit sehen (zumal im Staatsdienst), der nicht, und sei es durch unbewusstes Aufschnappen des Flurfunks, eine ungefähre Vorstellung von Aufbau und Zuständigkeiten seiner Behörde hat.

Mr. Highs Frage richtet sich natürlich an die Leser. Nur an welche? Die langjährigen Cotton-Leser? Kann eigentlich nicht sein, die sollten sich auskennen. An die neuen? Hm. Aber warum dann so plump? Zumal die Frage weder jetzt noch später einigermaßen schlüssig beantwortet wird.

Bemerkenswert ist auch die Reaktion der so abgefragten Agenten. Sie nicken langsam wie ertappte Schüler ohne Hausaufgaben, und Jerry räumt schamhaft ein: „Vielleicht nicht in allen Einzelheiten.“ Immerhin: Als der Director des FBI persönlich erwähnt wird, „hatte Mr High sofort unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und ich verspürte ein Kribbeln, das nichts Gutes verhieß. Instinktiv beugten Phil und ich uns auf unseren Stühlen vor.

Körpersprache ist in diesem Roman ganz wichtig. Jerry und Phil rutschen auf den Stühlen herum und schauen sich (oder Mr. High) öfter in die Augen als Frischverliebte; Augenbrauen, Schultern und Hände werden gehoben, um die hölzernen Dialoge noch zu unterstreichen; es wird genickt, abgewinkt, freundlich gelächelt oder unsicher gegrinst: Der Roman könnte auch unter Aussparung der wörtlichen Rede als „Stummfilm“ gelesen werden; das Gezappel der Beteiligten vermittelt hinreichend den Inhalt. Ein Paradestück ist die folgende Perle: „Wir drei nickten unisono.“ Knirschende Nackenwirbel bei allen dreien liefern die einzige denkbare Erklärung – nach sechzig Jahren vielleicht kein Wunder.

Ach ja, die Dialoge im Roman: Gerade die zwischen den FBI-Beamten niederer, mittlerer und höchster Rangstufe sollen wohl höflichen und respektvollen Umgang vermitteln, von Informationen mal ganz abgesehen. Nur tun sie es nicht. Die biederen Wortwechsel bestehen zu fünfzig Prozent aus fragenden oder bestätigenden Wiederholungen, noch verstärkt durch die oben erwähnte Körpersprache oder stumme Überlegungen unserer Sympathie- und Handlungsträger, damit auch die dümmsten anzunehmenden Leser genau kapieren, worum es eigentlich geht. Akustische Feinheiten wie Lautstärke, Tonfall oder Stimmlage werden ebenfalls genauestens mitgeteilt. Dabei zeigt sich, dass die höheren Chargen des FBI hervorragende Stimmbänder ihr eigen nennen, deren vielseitige Anwendbarkeit jedes Schweizer Offiziersmesser in den Schatten stellt: „Die schneidende Stimme des Directors nagelte mich auf meinem Stuhl fest.“ Armer Jerry.

Nach diesem Roman, so der Bastei-Verlag, soll für Jerry, Phil und Mr. High nichts mehr so sein, wie es einst war. Eines bleibt ihnen und uns jedoch erhalten: Das Frauenbild. Special Agent Mayfair Crispel vom Field Office in Jackson, Missouri, wird vorgestellt:

„Sie streckte uns ihre schmale Hand entgegen. Vor uns stand eine farbige Frau Ende zwanzig. Ihr Teint war nicht ganz dunkel, eher hatte ihre Haut die Farbe von Milchkaffee. Sie war knapp sechs Fuß groß und hatte ihr Kraushaar kurz rasiert, dass es wie ein schwarzer Helm ihren Kopf umschloss.
Ihre großen Augen musterten uns aufmerksam. Im rechten Ohrläppchen schimmerte ein Ohrstecker. Ich vermutete, dass es ein kleiner Brillant war, der uns da anglänzte. Sie trug eine weite, helle Baumwollhose, ein gelbes T-Shirt und darüber eine einfache Jacke.
Es war nicht schwer zu erkennen, dass sie kein Pfund zu viel auf den Knochen hatte und dass die vorhandenen Pfunde genau richtig verteilt waren.“

Good Bye New York, Jerry Cotton 3000, Seite

Na, nun wissen wir doch Bescheid, meine Herren.

Ungeachtet der oben genannten Orientierungshilfen ist die weitere Handlung konfus: Offenbar ist Field Office Director Edward G. Homer in eine leider tödliche Falle gelockt worden (vermutlich um Mr. High den Platz freizumachen), Jerry und Phil werden zeitweilig zu Inspectors (oder Inspektoren) befördert und sollen den Verschollenen suchen, was die Kollegen in Arkansas und Missouri offenbar nicht wissen oder nicht zugeben wollen, weil sie sich recht bockbeinig anstellen, Jerry wird zum Verdächtigen aufgebaut (und rasch durch drei bis vier alte – und bald ehemalige - Kollegen wieder entlastet), hinter allem Ungemach steckt eine geheimnisvolle Organisation, die sich englisch ENA abkürzt (und mit einer deutsch-akronymen E-Mail-Adresse enttarnt wird, ohne dass diese Diskrepanz irgendwie erläutert wird), ein Oberschurke namens Kedro Hollander wird mit einer Drohne final abgetan, und dem Trio Cotton-Decker-High werden die zeitweiligen Ränge einhergehend mit dem neuen Tätigkeitsgebiet der Field Office Section East auf Dauer zugeteilt. Jerry fasst es im letzten Satz prägnant zusammen: „Na dann – Goodbye, New York!“ Womit der Titel des Romans endlich aufgelöst wird. Donnerwetter.

Und das war’s.

IV.
Vorab: Ich wollte den Roman mögen. Es ist das 3000. Heft einer traditionsreichen Serie, da muss doch etliches zu mögen sein. Aber es gelang mir nicht. Und es gab einen unheimlichen Effekt: Die genannten Schwächen sorgten im Laufe der Lektüre für eine innere Standardsenkung. Ich gewöhnte mich an die Schreibe. Das war gruselig. Ich verstand auf einmal die Kinogänger, die mit leicht eingefrorenenen Gesichtern aus irgendeinem überhöht beworbenen Blockbuster kommen, und einer sagt: „Na, so schlecht war der doch gar nicht!“

Ist das genug? Darf das genug sein? Und wem? Den Lesern? Mittlerweile sind es für Jerry & Co noch wöchentlich 12.000 Stammleser. Es waren mal zehn Mal so viele. Warum dieses starre Festhalten an der Formel?

Der Heftroman kommt aus der Ecke der preiswerten Unterhaltung. Woche für Woche werden Stories produziert. Da werden die Ansprüche durch Redaktion und Leser auch heruntergeschraubt, weil ein Axiom der Verlagswelt lautet, dass ein Schriftsteller eben nicht jede Woche ein Meisterwerk hervorbringen kann. Nur wird Jerry Cotton eben nicht von einem Schriftsteller geschrieben, sondern von aktuell vermutlich sechs bis zehn Autoren (oder noch mehr). Ein Edikt, das als Axiom gehandhabt wird, lautet: Man darf die Leser nicht überfordern. Alt-Verleger Gustav Lübbe hatte einst die Theorie vertreten, dass die Leserschaft sich nach oben schmökern kann und soll, und als unteren Startpunkt zum Leseaufstieg setzte er unter anderem die Jerry-Cotton-Serie fest. Hat ihm der Erfolg damit recht gegeben? Und ist dieser Erfolg, der sich in der Langlebigkeit manifestiert (weniger in der Auflage), nur dadurch entstanden, dass beharrlich nach unten geschrieben worden ist, also zum niedrigsten gemeinsamen Nenner hin?

Ich verstehe dieses gegen sich selbst gerichtete Geschäftsmodell nicht. Und mir fällt ein, dass Charles Dickens ebenfalls Autor von Heftromanen war. Die einzige vorgegebene Beschränkung des Heftromans ist seine Länge. Alles andere ist verhandelbar.

Nur nicht für Jerry Cotton. Und deshalb wird entgegen der Bastei-Reklame alles so bleiben, wie es war.

Werde ich mir Band 3001 kaufen?

Wozu?

Heiko Langhans

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2014-12-23 10:51
Größtenteils stimme ich dir zu. Die stilistische Füllerei hast du aber auch bei jedem zweiten Thriller-Autoren. Das sehe ich nicht ganz so eng.

Neben der CIA ist das FBI wohl die real existierende Polizeibehörde, die am häufigsten hemmungslos romantisiert und fiktivisiert wird. Da muss man nur ins Fernsehen sehen. In jeder amerikanischen Cop-Show sind die FBI-Leute die inkompetenten, hinterhältigen Sesselfurzer, die den Helden immer alles nur vermasseln. In populären FBI-Shows wie Numbers, Without a Trace oder Criminal Minds sorgen sie für Ordnung und helfen dankbaren, überforderten Dorfsheriffs. Mit Realismus hat das wenig zu tun. Oder wer glaubt ernsthaft, dass das FBI seine Profilerabteilung ständig im Lear-Jet durchs Land fliegen lässt, um in ein paar Stunden Serienkiller entlarven und abknallen lassen zu können? Und doch läuft CM seit 10 Jahren.

Insofern sollte man dem guten Jerry Cotton einen großen Freiraum zugestehen, was Dinge wie Realismus angeht. Wenn das schon in Amerika alles nur erfunden ist, wieso sollte man dann hier einen strengeren Maßstab anwenden? Dennoch ist der durchschnittliche Cotton im Verglich mit diesen Serien schrecklich öde und bieder. Seitdem die Agents politisch korrekt nicht mehr rauchen dürfen, haben sie gar keine Persönlichkeitsmerkmale mehr :-) . Vertreten Jerry und Phil irgendeinen Standpunkt, außer dass Verbrechen was Schlimmes ist? Eine politische Meinung haben ihre Fernsehgegenstücke auch nur selten, aber sie werden wenigstens (häufig) durch Privates humanisiert. Auch da gibt es bei Jerry oder Phil nicht viel zu melden.

Die Peinkofer-Jahre der Serie mögen manchmal recht reißerisch gewesen sein, da gab es neben der Action sogar gelegentlich einen Funken Sex, was für den blitzsauberen JC ja schon ein Novum war. Aber das hat man wieder rausgenommen und auch die Handlung wieder in konservativere Bahnen gelenkt. JC war früher mal wesentlich unterhaltsamer.

Eigentlich fällt mir zu der Serie nur das Wort Apathie ein. Als man die Taschenbücher sang- und klanglos eingestellt hat, gab es nicht einmal im Cotton-Forum ein Schulterzucken.
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#2 Heiko Langhans 2015-01-15 18:57
Nachtrag: Den obigen Artikel habe ich anhand einer vorab übersandten Datei verfasst.
Heute habe ich endlich das Heft in die Hand bekommen, das auf der Rückumschlagsseite mutmaßlich alle Autoren auflistet (ich habe 150 gezählt). Damit hat sich mein Schmollen über die gepflegte Cotton-Anonymität zumindest in Teilen erledigt.
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