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Glaubenssätze und die EU-Reform - ein Rant

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneGlaubenssätze und die EU-Reform
Ein Rant
 
Ihr Lieben, die ihr immer parat seid, wenn es darum geht die Urheberrechtsreform der EU zu verteidigen. Ich habe mit euch die letzten Tage gestritten. Ich bin übrigens auch selbst Urheber, wie ihr an diesem Artikel seht und ich sehe die Reform durchaus kritisch.

Ich kann eure Sorgen durchaus nachvollziehen.
Aber was ich nicht nachvollziehen kann ist, dass bei den ganzen Diskussionen, die ich geführt habe nicht ein einziger Dialog dabei war, der mir gezeigt hätte, wie das praktisch mit den Vorgaben funktionieren soll, die jetzt von der EU beschlossen wurden.

Abgesehen davon: Es reicht mir auch allmählich. Denn bei jedem neuen Artikel von mir, den ich poste oder den ich kritisiere, springt ein Großteil von euch in die Kommentare und versucht erneut eine Grundsatzdiskussion zu führen. Jedes - verdammte - Mal. Immer und immer wieder. Das war in den ersten Wochen, als das Thema aufkam nun wirklich lustig und ich habe geduldig versucht euch zu erklären, warum ich dagegen bin. An dieser Stelle sogar mit ausreichenden Links für das Für und Wider, damit ihr euch selbst eine Meinung bilden konntet. Ihr Lieben: Wenn es immer nur darum geht die selben alten Argumente auszutauschen, dann ist das kein Diskurs. Dann sind wir im Bereich von Talkshowdebatten, wo die Meinungen schon vorher feststellen und das Amüsement nur darin besteht, dass man übereinander herfällt. Aber schön, wenn das euer Niveau ist: Bitte. Meins ist es nicht.


Gereicht hätte mir übrigens ein konkretes Beispiel. Eine Handreichung, wie ihr euch das vorstellt, wenn jetzt jemand wie ich, in keiner Verwertungsgesellschaft Mitglied aus Überzeugung, in zwei Jahren Texte und Photos bei Facebook online stellt. Einfach einmal durchexerzieren, wie das von sich geht: Erwirbt die Plattform jeweils nur für ein Werk von mir eine Lizenz? Was total unsinnig ist, weil ich ja schon im nächsten Posting was Anderes erschaffen kann. Gibts Pauschallizenzen? Wie geht das vor sich: Stellen die Verwertungsgesellschaften per API eine Schnittstelle für die Plattformen zur Verfügung, damit dann geschaut wird, das Dinge NICHT hochgeladen werden? Habt ihr übrigens schon jemals bei Youtube versucht, einen unrechtmäßigen Claim wieder rückgängig zu bekommen, wenn ihr meint, es gäbe dann irgendeine Stelle, an die ich mich wenden kann? Wo wäre die denn? Schafft der Staat die? Einfach ein Video dazu erstellt, einfach mal mir erklärt wie das gehen soll. Dann hätten wir neue Argumente finden können.
 
Stattdessen versteift sich das, was ich in den letzten Tagen erlebt habe auf etwas, was religionsähnliche Züge annimmt. Da wird unreflektiert der Heilige Micky Meuser zitiert - ohne dass dessen Verbindungen zur GEMA auch nur annähernd erwähnt werden, ein Schelm, wer ... Da wird auf Gegenvorschläge, die es durchaus gibt und gab - man müsste sie halt nur mal anschauen, ebenso vielleicht wie die sachlicheren Beiträge bei Youtube zum Thema, ich hab mir auch alles von Voss, GEMA und Co. angeschaut - nicht eingegangen. Ist halt blöd, wenn sogar ein Rechtsanwalt erklärt, wie es besser gehen könnte, gelle? Es wird ausgeblendet, was Einem nicht passt. Das mag ja durchaus auf beide Seiten zutreffen, wobei die Gegner immerhin auf die Argumente der Gegenseite auch eingegangen sind, aber ihr, liebe Befürworter, kommt mir vor wie Leute, die gerade exzessiv gegen Ketzer vorgehen. Die Scheiterhaufen auf Facebook habt ihr in den Kommentaren jedenfalls gut angezündet. Chapeau. Ach so: Euch hängt der Begriff Uploadfilter zum Hals raus? Dann erklärt mir, was eine Erkennungssoftware sonst tut, die Inhalte vor dem Upload auf Inhalte untersucht und den Upload notfalls verhindert. Wenn es aussieht wie eine Ente, quakt wie eine Ente und Eier legt wie eine Ente ist es eine Ente.
 
Tatsächlich wurde mir vorgeworfen, Google und FB würden sich scheckig lachen, weil ich gegen die Reform sei. Natürlich passt das in ein Glaubenssystem hervorragend: Das Böse ist halt der kapitalistische Großkonzern, dessen Profit nicht an die Urheber verteilt wird. Irgendwie kommt mir das doch sehr bekannt vor ... Aber der Glauben sieht nicht auf die Fakten. Wenn gefragt wird, warum Firmen aus der EU nicht vorgesprescht sind und gesagt haben: Ja, das mit den Filtern und den Lizenzen, technisch schwierig, aber machbar - oder auf Herrn Voss Einwand, in zwei Jahren wäre die Technik ja sicherlich so weit reagierten - dann liegt das daran, dass es momentan offenbar niemanden gibt, der auch nur annähernd diese Technik jetzt oder in zwei Jahren bereitstellen könnte. Zu glauben, dass wir in der kurzen Zeit aufholen können, woran Google insgeheim schon länger arbeitet - kann man machen. Ihr lieben Befürworter: Ist euch nicht klar, dass ihr den Internetkonzernen gerade mehr Macht verleiht, als die eigentlich haben sollten? Denn Google hat ein bestehendes Content-ID-System für Youtube - wie gut oder schlecht das funktioniert, haben wir öfters auch debattiert, ähm, ich habe darauf hingewiesen und ihr habts abgetan. So war das eher. Und Google arbeitet längst an KI-Systemen. Google hat das Wissen und die Macht, Uploadfilter an andere Unternehmen zu verkaufen. Was ich mir durchaus vorstellen kann: Google haut das Wissen gratis raus und schöpft die Daten ab, die beim Hochladen von Inhalten entstehen. Hervorragend: Diese Internetkonzerne wissen dann nochmehr über uns. Angesichts der Bestrebungen der EU gegen Google vorzugehen bzw. da war mal was mit Microsoft - ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Abgesehen mal davon: So ein System braucht eine Unmenge von Serverfarmen, Energie und andere Ressourcen. Wir sind gerade dabei aus der Atomkraft auszusteigen ... was denn, der Vergleich mit der Atomindustrie kam von Herrn Voss, den darf ich wohl auch benutzen.
 
Zudem: Ihr seid es, die für die nächsten Jahre ein unsichere Rechtslage schaffen, weil wir nicht wissen, wie die Bundesregierung die Richtlinie konkret umsetzen wird. Das könnte eher lasch erfolgen, das könnte auch durchaus streng sein. Wir wissen es momentan nicht. Ello, Mastodon, das kleine Fanforum zum Thema Science-Fiction, die ZUM - alles vielfältige kleine Nischen im Netz, die jetzt nicht wissen, was auf sie genau zukommt. Wer keine Zeit hat, das Recht durchzufechten und nicht das Geld, der wird einfach sein Angebot schließen. Die Vielfalt, die ihr als Künstler so schätzt, die Nischen, die ihr auch heute schon nutzt - alles das wird nicht mehr da sein. Weniger Vielfalt, aber mehr von großen Firmen wie Google. Nein, Google lacht sich nicht scheckig, weil ich protestiere. Google weiß ganz genau, dass ihr es seid, die den Giganten stärken werden.
 
Aber es ist müßig, immer wieder Argumente zu liefern, wenn man sich darauf versteift, dass Micky Meuser als Heiliger der GEMA das Evangelium des Profits verkündigt und dass jetzt endlich, endlich, endlich Künstler an den Einnahmen von Google beteiligt werden. Es nützt nichts darauf hinzuweisen, dass die GEMA längst einen Vertrag mit Youtube hat - und dass man eventuell über die Frage der Verteilung des vorhandenen Mittel bei GEMA und Co. nachdenken sollte. Da aber hier völlige Instraparenz herrscht, kann man nun nicht ins Detail gehen. Dass in Zeiten des Krieges nicht mit fairen Mitteln gearbeitet wird - das kann ich nun auch nachvollziehen, aber dass nachweislich falsche Argumente immer und immer wieder aufgearbeitet werden zeugt von der Macht des Glaubens. Nicht dem der Wissenschaft.

Es ist schade. Es hätte ein guter Diskurs werden können. Wir hätten alle Seiten hören können, wir hätten fair und ordentlich miteinander verhandeln können. Was jetzt bleibt ist darauf zu sehen, dass wenigsten national die EU-Richtlinie mit Augenmaß umgesetzt wird. Allerdings: Wer die Bundesregierung zu digitalen Themen beobachtet, der wird da auch keine großen Hoffnungen haben. Bis dahin bin ich allerdings auch gerne weiter böser Revoluzzer und Ketzer und verbrenne auch gerne Bullen aus Rom.

Kommentare  

#1 Kaffee-Charly 2019-03-29 19:31
Wenn bei der tollen Reform wenigstens erkennbar wäre, wie die Rechte der Urheber geschützt werden sollen, die keiner Verwertungsgesellschaft angehören, wäre mir wesentlich wohler. :sigh:
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#2 Laurin 2019-03-31 16:12
Es geht hier scheinbar weniger um die Rechte der Urheber im allgemeinen, sondern um die Interessen mächtiger Lobbyisten, weshalb man auch versuchte, das ganze zuerst hinter verschlossenen Türen unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit durchzuziehen. :-|
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