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»Disentchantment«: Enttäuschende Entzauberung?

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-Kolumne»Disentchantment«
Enttäuschende Entzauberung?

Nachvollziehbar ist, dass Matt Groening nach dem Erfolg der Simpsons und dem Auf-und-Ab bei Futurama noch einmal etwas Anderes machen wollte. Etwas Frisches. Etwas Neues Etwa Anderes halt. Die Frage ist: Ist »Disentchantement« vielleicht die Serie, die beweist, dass Matt Groenings Humor nicht in allen Feldern der Unterhaltung bestehen kann und vielleicht auch, dass Groening doch eine Schaffenspause braucht?

Für Netflix scheint »Disentchantement« ein Erfolg zu sein. Kaum war Staffel 1 draußen, wurde schon verkündet, dass man eine zweite Staffel bestellt habe. Und ähnlich ist es jetzt auch: Kaum ist Staffel 2 online, gibt es schon die Bestätigung, dass es eine dritte und vierte Staffel geben wird. Was erstmal für Groening eine gewisse Planungssicherheit gewährt. Wer die Zusagen für zwei Staffeln im Sack hat, kann größere Storybögen spinnen und muss sich erstmal auch nicht mit der Frage beschäftigen, was bei einer plötzlichen Absetzung an Schadensbegrenzung erfolgen muss. Nicht, dass Groening damit nicht Routine hätte - dafür hat FOX ja nicht nur bei ihm in der Vergangenheit oftmals gesorgt.

Nun muss sich eine Serie erstmal entwickeln und bekanntlich ist die erste Staffel nicht immer die beste. Die Autoren müssen ein Gespür für die Figuren entwickeln, der Zuschauer sich erstmal an das neue Setting gewöhnen. Spätestens nach Folge 4 aber sollte die Serie genügend eigenen Charme entwickeln, um den Zuschauer, die Zuschauerin bei der Stange zu halten. Und das fällt »Disentchantement« in der ersten Staffel relativ schwer.

Das liegt vielleicht daran, dass Groening ein anderes Format und Werbeunterbrechungen gewöhnt ist. 30 Minuten im Werbefernsehen sind halt keine 30 Minuten sondern eher um die 20 - 25. Dazu kommen noch die Werbepausen, die beim Schreiben von Drehbüchern schon mit berücksichtigt werden. Wer sich eine Folge der Simpsons oder eine von Futurama anschaut, der wird das merken - exakt vor einer Werbepause gibt es meistens einen kleinen Cliffhanger, etwas, was den Zuschauer an der Stange halten soll, nachdem er die Werbung über sich ergehen ließ. 

Das beeinträchtigt natürlich dann auch das Tempo der Folgen. Vergleicht man eine Simpsons- oder Futurama-Folge mit einer von »Disentchantement«, so fühlt sich eine »Disentchantement«-Folge merkwürdig gestreckt an. Um nicht zu sagen: Zähflüssig. Da wird ein Gag schon mal über die Länge hinaus gestreckt - da wird die unerwartete Wendung hinausgezögert - kurz: Die 30 Minuten müssen gefüllt werden. Man merkt das deutlich vor allem in Staffel 1, aber auch in Staffel 2 sind die Folgen bisweilen arg mit Füllmaterial gestreckt.

Man nehme nur die Szene, in der Prinzessin Beanie sich nachts Rat von ihrem Vater holt, der nicht schlafen kann - obwohl er gerade zwei Truthähne verspeist hat. Nachdem Beanie ihren Rat bekommen hat, entwindet sie nach langem Hin-und-Her eine Keule aus der Hand ihres Vaters - allein das dauert schon an die zwei Minuten - und als sie es geschafft hat und aus dem Raum geht, holt ihr Vater ein Glas Milch und einen weiteren Teller unter Decke hervor … So amüsant es auch sein mag, Beanie als eine Art Stand-Up-Künstlerin auf die Bühne einer Kneipe zu bringen, die Selbstreflektionen sind dann doch sehr - sehr - lang. So wichtig es sein mag zu zeigen, wie wütend der König auf Beanie ist, als sie wieder in Dreamland ankommt, aber muss man das wirklich derartig in die Länge ziehen mit dem Bombardement?

A propos König, Prinzessin, Elf und Dämon - es ist klar, dass Matt Groening die bekannten Stereotypen gegen den Strich bürstet. Dass der Elf Elfo gerade nicht glücklich im permanent auf Glückseligkeit getrimmten Elfenreich ist, Teabeanie - kurz Beanie - als Prinzessin säuft, rauft und sich natürlich weigert einen Traumprinzen zu heiraten … Dass Groening die Fantasy-Klischees auf den Kopf stellt, sollte man eigentlich erwarten. Aber es sind in Staffel 1 leider auch nichts weiter Klischees, die da dem Zuschauer, der Zuschauerin ans Herz wachsen sollen. Charakterliche Tiefe habe die Figuren nicht und auch in Staffel 2 gibts das in wenigen Episoden. Wenn der König sich in eine Bärfrau verliebt, wenn er nicht imstande ist die Vergangenheit ruhen zu lassen - dann sind das kleine Lichtblicke und ja, diese Episoden sind - wie auch die Folge mit dem Oktopus - durchaus geeignet, die Figuren mehr ins Licht zu heben.

Dass die Figuren das in der nächsten Folge schon wieder vergessen haben … Schön, wir befinden uns der guten alten Sitcom-Tradition, in der die Figuren am Ende genauso weise sind wie zuvor, nichts gelernt haben und die Zuschauer die Moral der Woche verabreicht bekommen haben. Was ja auch durchaus für »Disentchantement« zutrifft. Was die interessante Frage aufwirft, ob »Disentchantement« nicht im Grunde eine Sitcom ist und wir uns als Zuschauer*innen deswegen auch gar nicht weiter beschweren dürfen, wenn es halt so ist, wie es ist?

Aber möchte <<Disentchantment>> denn eine solche Situation-Comedy sein? Sicherlich haben wir in einigen Folgen die königliche Familie und ihre Probleme im Fokus - nun, mehr oder weniger in der gesamten ersten Staffel. Und es mögen für diese Familie durchaus alltägliche Probleme sein, denn die Sitcom handelt immer davon, dass der problematische Alltag in die Familie einbricht und die Mitglieder jetzt mit konfliktreichen Situationen fertig werden müssen. Gut, wäre ein Punkt für die Sitcom-These. Andererseits gibts kaum Sitcoms, in denen Charaktere gemeuchelt werden und es Blut und Totschlag hagelt. Wenn Prinz Derek in der Oktopus-Folge allein am Strand sitzt, ist das zwar eventuell noch mit der Sitcom vereinbar - ältere Sitcoms wie die Golden Girls trauen sich tatsächlich auch melancholische Szenen zu zeigen, etwas, was heutzutage irgendwie nicht mehr opportun zu sein scheint. Wenn der Oktopus später ein Schiff versenkt, dann aber eher weniger. Es ist auch nicht unbedingt komisch, sondern wirkt unbeholfen - an dieser Stelle erfüllt Groening die Erwartungen der Zuschauer*innen. Schiff, gigantischer Oktopus, das kann ja nur im Versinken des Schiffes enden. Und das tut es dann auch.

»Disentchantement« hat Sitcom-Elemente, ohne Zweifel. Das haben alle bisherigen Serien von Groening, aber wie alle bisherigen Serien hat auch diese die Absicht unterhaltend Kritik an der Gesellschaft zu üben. Durch die Dreamlandlupe sollen wir einen anderen Blick auf die Dinge bekommen, die in der Gesellschaft vielleicht nicht so gut laufen. Ein Spiegelbild ist die Situation zwischen Elfen und Menschen in der Stadt: Die Elfen bekommen beim jährlichen Waschtag das dreckige Wasser ab und erkranken daran, sie werden mit Steuern überhäuft und leben eigentlich in ihrem eigenen Ghetto. Das hat natürlich Parallelen.

Nur: Woran genau möchte Groening dann Kritik üben? Wenn König Zord am Ende den Elfen die Steuern erlässt, weil einige Elfen ihn unterhalten haben - soll das die Lösung der Probleme in der wirklichen Welt sein? Oder ist es die Kritik der Kritik? Es ist ja nicht so, dass sich die Situation der Elfen an sich besonders verbessern würde. Im Gegenteil: Alles bleibt erstmal so wie es ist, dass zuvor an sich genommene Geld wird halt zurückgegeben - alles ist also ausgeglichen. Wie am Ende einer guten Sitcom-Folge halt, so wirklich geändert hat sich nichts. Hurra?

Dabei könnte »Disentchantement« uns erzählen, wie es ist sich seine eigene Identität zu bewahren, wenn die Umwelt andere Vorstellungen und Rollenideale von Einem hat. Ob Rebellion letztendlich immer etwas Gutes ist oder nicht doch auch eigene Probleme hervorbringt. Was Glück für den Einzelnen ist. Bisher streift die Serie diese Themen nur am Rand. Natürlich ist sie unterhaltsam, natürlich passiert eine Menge, für Manchen mag das auch durchaus reichen. Nur hat Groening die Latte für seine Serien selbst sehr hoch gelegt. Nun, zwei Staffeln hat er immerhin noch zur Verfügung, man muss abwarten, was er daraus macht.

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