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Wenn Motive sich verwischen: Dracula-Dreiteiler von Moffat und Gattis

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneWenn Motive sich verwischen
Dracula-Dreiteiler von Moffat und Gattis

Man hätte es sich eigentlich denken können, schließlich sind Moffat und Gattis schon an den Jekyll-und-Hyde-Stoff vor einigen Jahren herangegangen und hatten den in die Moderne transportiert. Warum ich eher diese Miniserie heranziehe als die von Sherlock? Weil sowohl Dracula als auch Jekyll bekanntlich eher in ein Genre gehören und daher eher miteinander verglichen werden können. Denn auch bei der Neuauflage von Dracula verschwimmen die Motive und werden neue Dinge hinzuerfunden.

Wir können darüber streiten, ab wann eine Miniserie eine Miniserie ist, gerade heute, wo die Staffeln an sich kürzer werden, aber bei drei Teilen bin ich geneigt dann doch eher von einem Dreiteiler zu sprechen, wenn es um die Neuauflage von Dracula geht. Jekyll hat einiges mehr aufzuweisen. Und beide Serien gehen sofort in Medias Res. Bei Dracula könnte man anfangs denken, dass wir hier eine sehr romantreue Adaption vor uns haben. Der Zwischenstopp von Jonathan Harker auf seiner Rückkehr nach England bei den Nonnen kommt im Roman ja auch vor, im Roman findet sogar die Hochzeit ja noch in Rumänien statt.

Allerdings zieht sich schon hier ein Motiv durch die Befragungsszene - die so im Roman vorkommen könnte, es aber nicht tut - die uns unsicher macht. Was macht die Fliege im Raum? Vor allem: Man sollte ja merken, wenn Fliegen auf dem eigenen Auge sitzen oder wenn sie direkt hinter dem Auge verschwinden … War das nicht Renfield, der zuerst Fliegen im Irrenhaus konsumiert und später Spinnen, der dann sogar um ein Kätzchen bettelte? Wer also sitzt da den beiden Nonnen gegenüber? Das klärt sich im Laufe der ersten Folge dann noch, die sich relativ eng an den Roman hält. Mit einigen Abänderungen - die Baby-Opfer-Szene kommt zwar vor, aber nicht so, wie man sie im Roman kennt und Moffatt scheint eine Vorliebe für architektonisch-labyrinthafte Bauten zu haben …

Während das Labyrinth-Motiv nur in der ersten Folge auftaucht, die zweite Folge spielt dann auf der aus dem Roman bekanntem Fregatte Demeter, bleibt das Motiv der Fliege uns für die nächsten Folgen erhalten. Sie gemahnt an die Sterblichkeit, an den Tod, ein Aufgreifen des Motivs aus den Still-Leben des Barocks, in denen stets eine Fliege mahnt: Memento Mori. Schließlich sind auf Still-Leben in der Regel eigentlich nur Leichen zu sehen, denn Blumen in Vasen werden nicht mehr wachsen und der daliegende Hase wird auf der Tafel sicherlich nicht so bald wieder weite Sprünge tun. Sondern vermutlich demnächst dem Fürsten beim Mahl vorgesetzt. Insofern ist es durchaus interessant, dass die Fliege als gängiges Motiv in dem Dreiteiler aufscheint.

Spätestens ab der Mitte der ersten Folge bestätigen sich Moffatt und Gattis aber auch als Autoren, die Motive der Romanhandlung entnehmen und sie umdeuten. Van Helsing ist kein Mann, sondern eine Nonne. Eine Nonne, in der Dracula durchaus seinen Gegenpart findet, wenn auch nicht unbedingt in Folge Zwei, dann in Folge Drei. Van Helsing ist durchaus Wissenschaftlerin per se. Was dann wiederum zum Charakter des Romans passt: Sie will wissen. Vielleicht, weil sie bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie auf Dracula trifft, nicht glauben kann. Und selbst dann ist es unklar, ob der neugefundene Glaube sie wirklich noch weiterhin trägt. So wie Van Helsing im Roman nutzt die Nonnen Van Helsing aber das Repertoire, dass sie kennt, um gegen den Grafen zu bestehen. Das der Tradition und des Glaubens.

Was immerhin ein interessanter Aspekt der Serie ist: Moffatt und Gattis versuchen den ganzen Glaubensaspekt nicht zu leugnen. Ja, das Kreuz wirkt. Ja, die Sonne ist unangenehm. Ja, das mit dem Sarg und der Erde funktioniert. Warum aber wirkt das Kreuz? Warum eigentlich funktionieren die ganzen alten Traditionen? Genau diese Frage zieht sich durch die Serie und wird erst am Ende erklärt. Ob die Erklärung schlüssig daherkommt, das Kreuz als Symbol eines Jemands, der vor dem Tod keine Angst hat und Dracula als Jemand, der genau den Tod fürchtet? So einfach können es sich halt Serienautoren machen, aber irgendwie erwartet man dann doch noch etwas mehr an dieser Stelle. Zudem: Warum dann am Ende die Sonne Dracula nichts mehr ausmacht, das wird halt eben nicht erklärt.

Weiterhin verschieben die Autoren die Dreierkonstellation zwischen den Bewerbern und Lucy Westenra in die Moderne. Und während im Roman Lucy ja eher die schöne, leidende und aufopferungsvolle Freundin ist - nach dem Lesen des Romans muss man sich dauernd daran erinnen, dass sie es ist, die die Handlung in England eigentlich auslöst - ist sich hier Lucy vollends bewußt, was der Graf ist und was er tut. Und Dracula ist fasziniert von ihr, vielleicht weil sie so furchtlos ist und sich voll und ganz der Verwandlung hingibt. Im Gegenzug sind dann John Stewart und der Bräutigam Quincy nur Randfiguren. Am eigentlichen Liebesdrama sind Moffat und Gattis dann nicht mehr unbedingt interessiert. Sondern eher an der Figur des Dracula selbst. Und während Renfield eine Hauptfigur im Roman ist, taucht er hier zwar auch als Lakai des Grafen auf, aber bleibt eher unscheinbar.

Die Autoren des Dreiteilers nehmen als Motive aus dem Roman zur Vorlage, bleiben manchmal enger an Stoker dran, manchmal weniger. Was aber machen sie aus Dracula? Unzählige Filme versuchen die Figur des Grafen zu beleuchten, in dem sie ihm eine Vorgeschichte verpassen oder in dem sie tragische Aspekte seiner Vergangenheit anführen, die ihm zu dem werden lassen was er ist. Ford Coppulas Dracula wäre ein Beispiel dafür.

Das vermeiden die Autoren allerdings. Sie fügen ein Motiv hinzu, dass im Roman so nicht stattfindet: Das der Nachkommenschaft. Dracula spricht das im Dreiteiler direkt und indirekt an. Zwar wird jeder, der von ihm gebissen wird, zum Vampir - das Austauschen des Blutes untereinander hilft Van Helsing zwar in Folge Drei zu Erkenntnissen zu kommen, aber da sie an Krebs leidet ist ihr Blut giftig für Vampire. Allerdings kommt nicht jeder mit dem gleichem Intellekt zurück oder es dauert seine Zeit. Etwas, was Dracula ja bei Jonathan Harker auch sagt, es wäre bei ihm sehr schnell gegangen. Wobei er bei Jonathan nicht direkt damit gerechnet hat, dass dieser seinen Intellekt so beibehält.

Dabei ist Dracula Killer und Connaisseur zugleich. Er wählt sich die Demeter aus, weil er mit dem Blut der dortigen Passagiere Fähigkeiten erhält, die für die Gesellschaft Europas wichtig sind. Dass er dann als Passagier selbst an Bord eincheckt ist nur folgerichtig. Dracula ist dem im Roman also durchaus gleich: Menschenleben sind nichts wert, Schwüre und Verträge mit ihnen auch eher kaum. Solange es seinem Ziel dient, wird er töten. Allerdings ist in Folge Drei unklar, was genau jetzt sein Ziel ist - abgesehen davon Lucy Westenra zu seiner Braut zu machen, was ja teilweise gelingt. Hier kommt der Dreiteiler etwas ins Stocken, da scheint den Autoren dann doch das Garn auszugehen. Was schade ist, denn die ersten beiden Teile schaffen mühelos den Wechsel vom Horror zum Detektivgenre - Moffat kann es wohl doch nicht ganz lassen.

Alles in allem ist die BBC-Netflix-Serie eine interessante Neuinterpretation des Stoffes. Sicherlich kein neuer Sherlock, das Ende lässt auch keinen Zweifel daran, dass da eigentlich auch keine zweite Staffel geplant ist - wie bei Jekyll auch. Wer den Roman kennt oder die üblichen Verfilmungen, wird sicherlich überrascht sein, da die Serie sich eben nicht streng an die Vorlage hält. Alles in allem: Vergnügliche und annehmbare drei Stunden. Übrigens erfreulich auch, dass offenbar die BBC ein solides Budget bereitstellte. Sowohl für die Sets als auch für die Effekte. Und die Dialoge. Also die Dialoge im Original ... 

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2020-01-10 13:16
Ich sehe es etwas anders. Nicht, dass ich große Erwartungen gehabt hätte, diese Produktionen sind meistens nur noch ein Schulterzucken wert.

Von wegen, die Serie hält sich nicht streng an die Vorlage. Sie übernimmt ein paar Motive, Teile des ersten Romandrittels und wirft den Rest in den Müll. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber dann man sollte man auch dazu stehen und es nicht als "Klassikerverfilmung" verkaufen . Das war nicht Dracula, das war Dracula, die Fortsetzung Version 2019.

Teil 1 war filmisch gesehen 50 Minuten okay, dann betraten wir Neuland. Auch wenn man sich nicht einreden lassen sollte, dass das irgendetwas mit der ursprünglichen Handlungszeit zu tun hat. Schauspieler in Kostümen geben coole Oneliner von sich oder Filmzitate bis zum abwinken. Das ist so viktorianisch wie eine Rave-Party. Hohle Figuren, die sich dem Zeitgeschmack anbiedern.

Teil 2 war schlicht langweilig und überflüssig. Ich habe mich immer gefragt, warum eigentlich keine Dracula-Verfilmung der Demeter-Sequenz mehr Raum schenkt. Jetzt weiß ich es. Sie ist nicht besonders interessant. Dracula tötet die Mannschaft. Punkt. Daraus einen Neunzigminüter zu machen, grenzt an Fanfiction.

Teil 3 war eine Katastrophe. Sah aus wie ein nicht angenommenes Script von Dr. Who oder Torchwood. Dass das Ende nicht mehr das geringste mit der Figur Dracula zu tun hatte, war eigentlich folgerichtig. Stokers Dracula hätte sich bei van Helsing für die Erkenntnis bedankt, ihr den Hals umgedreht und dann erst richtig losgelegt.
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