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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit »Massaker am Nueces«?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit dem »Massaker am Nueces«?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler werden wir diese Beiträge im Zauberspiegel übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 10. August 1862 spielte sich am Nueces River in Texas ein Kriegsverbrechen ab, das bis heute unvergessen ist: Konföderierte Soldaten machten eine Gruppe Deutsch-Texaner nieder, die auf dem Weg nach Mexiko waren, um von dort aus in den amerikanischen Norden zu gelangen und sich zur Unionsarmee zu melden.

Von 1861 bis 1865 tobte der Amerikanische Bürgerkrieg. Entgegen vielen noch heute verbreiteten Klischees, war die Bevölkerung der Südstaaten keineswegs einheitlich damit einverstanden, dass sich ihre Heimatstaaten von der amerikanischen Union losgesagt hatten. Nicht nur das Land als Ganzes, auch die einzelnen Staaten waren in sich gespalten. Mehrere Südstaaten blieben „neutral“. Der Staat Virginia zerbrach: Es entstand der Staat „West-Virginia, der sich dem Norden anschloß. Aus verschiedenen Staaten der Konföderation meldeten sich Tausende junge Männer zur Nord-Armee, in der sich eigene Regimenter unionstreuer Südstaatler bildeten. In Missouri gab es 2 Regierungen – eine unionstreue und eine konföderierte.

In Texas stellte sich der bedeutende politische Führer Sam Houston, ehemals Senator und Präsident von Texas, mit vielen seiner Anhänger gegen den Beitritt zur Südstaatenkonföderation; daraufhin verlor er sein Gouverneursamt.

Gerade in Texas bildete sich eine starke Opposition zur Abspaltung von der Union. Geführt von den Deutsch-Texanern, die ein bedeutendes Element in der Region um San Antonio bildeten.

Deutsche Einwanderung hatte es in Texas seit den späten 1830er Jahren gegeben. Der sogenannte „Mainzer Adelsverein“ hatte Tausende von Deutschen in die damals noch eigenständige „Republik Texas“ transportiert und eigene Kolonien gebildet, deren Zentren Städte wie New Braunfels, Fredericksburg, Bastrop und andere Orte wurden. Das texanische „Hill Country“ war faktisch deutsch. Es gab deutsche Zeitungen, und jahrelang wurden texanische Gesetze und Parlamentsbeschlüsse zweisprachig, in Englisch und Deutsch, veröffentlicht.

1860 betrug die deutsche Bevölkerung in Texas über 20.000 Menschen – von ca. 420.000 weißen Bewohnern. (Es gab ferner ca. 183.000 schwarze Sklaven, die mit Sicherheit auch keine Anhänger der Konföderation waren.)

Zwar gab es einige deutsche Sklavenhalter, aber die überwiegende Mehrheit der Deutschen lehnte die Sklavenwirtschaft ebenso wie die Abspaltung von der Union ab. Die Wortführer der Opposition waren Emigranten, die an der Revolution von 1848 in ihrer alten Heimat teilgenommen und für Freiheit, Menschenrechte und staatliche Einheit eingetreten waren. Genau diese Linie verfolgten sie auch in Amerika.

Zwar versuchten viele Deutsche, sich neutral zu verhalten, aber die Mehrheit der Texaner sah in ihnen eine interne Bedrohung. Viele Deutsch-Texaner, die den Treueeid auf die Konföderation verweigerten, wurden von ihren Nachbarn gelyncht; ihre Farmen wurden niedergebrannt.

Die von Deutschen beherrschten Regierungsbezirke hatten bei einer Abstimmung überwiegend gegen die Konföderation gestimmt. Ab 1862 begannen die Deutsch-Texaner, öffentlich Siege der Union über die Südstaaten zu feiern. Die texanische Regierung befürchtete, dass sich örtliche deutsche Milizen bildeten, die womöglich Kontakt zur Unionsarmee in Arizona und New Mexico aufnehmen würden.

Als in Texas ein Wehrpflichtgesetz eingeführt wurde, weigerten sich viele Deutsche, den Aufrufen zur Armee Folge zu leisten. Im Mai 1862 ließ daher Captain James Duff 2 Deutsche aus dem Gillespie County unter Kriegsrecht verhaften und hinrichten.

Diese Maßnahme löste erst recht Zorn unter den Deutschen aus. Unter Führung von Fritz Tegener, dem Vorsitzenden der „Union Loyal League“, wurde der Entschluß gefaßt, junge Männer vor dem Zwangsdienst in der konföderierten Armee zu bewahren und sie aus Texas zu geleiten, damit sie sich gegebenenfalls zur Unionsarmee melden konnten.

Zwischen dem 1. und 3. August 1862 führte Fritz Tegener 61 junge Deutsche zur mexikanischen Grenze. Als Captain James Duff davon hörte, stellte er eine Einheit von 96 Mann auf, die am 3. August die Verfolgung aufnahm. Am 9. August holte die Einheit die Deutschen ein. Der Kommandant, Lieutenant McRae ließ das Tegener-Lager von zwei Seiten einschließen.

Um 1 Uhr nachts am 10. August bemerkten zwei von Tegeners Männern die Konföderierten. Lieutenant McRaes Soldaten eröffneten sofort das Feuer. Nach Angaben des Historikers Stanley McGowen, der den Vorfall intensiv untersucht hat, konnten 28 der Deutschen im Schutz der Dunkelheit flüchten. Bei Tagesanbruch entkamen noch einmal 5, darunter auch Fritz Tegener. Alle anderen wurden niedergemacht.

Die Konföderierten verloren 2 Soldaten, 18 wurden verwundet, darunter auch Lieutenant McRae. Dessen Bericht über den „Kampf“ kann zumindest als „unvollständig“, wenn nicht als gelogen angesehen werden.

2003 stellte der Historiker Randolph Cambell anhand protokollierter Zeugenaussagen von Überlebenden fest, dass 19 Deutsch-Texaner gleich beim ersten Angriff getötet wurden. Danach drangen die Konföderierten in das Lager ein und erschlugen kaltblütig 9 schwerverletzte Männer, die wehrlos am Boden lagen. McRaes Kavallerie folgte den zu Fuß Flüchtenden und erschlug weitere 9 Männer, die schon fast den Rio Grande – die rettende Grenze – erreicht hatten. Diesen Belegen zufolge, wurden 37 Männer getötet. Die exakte Zahl der Verwundeten – von denen womöglich auch noch einige starben – bleibt bis heute ungeklärt. Die Leichen blieben bis zum Ende des Krieges unbestattet liegen, zum Fraß für Aasvögel und Coyoten.

Die Überlebenden entkamen unter Führung von Paul Machemehl nach Mexiko, schlugen sich nach New Orleans durch und traten in die Unionsarmee ein. Sie wurden Soldaten der „Union 1st Texas Cavalry“.

Dieser Vorfall führte zu einer Erbitterung, die nach Ende des Krieges, als die Nordstaaten gesiegt hatten, zu anhaltenden Feindseligkeiten zwischen den Deutschen und ihren Nachbarn beitrug. Am 10. August 1866, auf den Tag genau 4 Jahre nach dem Massaker, errichteten die Deutsch-Texaner in Comfort (Texas) ein Monument mit der Inschrift „TREUE DER UNION“ im Gedenken an die erschlagenen Männer. Hier liegen die Leichen begraben – mit Ausnahme jener, die auf der Flucht im Rio Grande ertrunken waren.

Die offizielle konföderierte Geschichtsschreibung versuchte nach dem Krieg – und solche Tendenzen gibt es heute noch – diesem Verbrechen einen legalen Anstrich zu geben, indem die Tat als „Schlacht“ bezeichnet wurde. Als Begründung wurde angegeben, dass die Deutschen bewaffnet waren und sich wehren konnten, und dass sie gegen das texanische Kriegsrecht verstoßen hatten. Tatsächlich sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Das Lager wurde im Schlaf überrascht. Die Gegenwehr war marginal. Auch die Verwundeten wurden erschossen oder erschlagen. Die direkten Nachkommen der Männer, die am Nueces getötet wurden, sprechen daher bis heute von einem „Massaker“.

1929 nannte die Zeitung DALLAS MORNING NEWS das Massaker am Nueces „den schwärzesten kriminellen Akt in der texanischen Kriegsgeschichte.“

Der Staat Texas hat das Verbrechen inzwischen anerkannt. Das Massengrab ist eine von nur 5 Gedenkstätten in ganz Amerika, über der die Flagge permanent auf Halbmast stehen darf – und es ist die alte Unionsflagge mit nur 36 Sternen.

Im Jahr 1990 stellte die allgemeine Volkszählung fest, dass 1.175.888 Texaner entweder vollständig oder teilweise deutscher Herkunft waren. Das sind fast 18% der texanischen Bevölkerung.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die kommende Ausgabe

 

 

 

 

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