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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das 1863 mit Quantrill in Lawrence?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das 1863 mit Quantrill in Lawrence?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler werden wir diese Beiträge im Zauberspiegel übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 21. August 1863 kam es zu einem der schlimmsten Verbrechen im Amerikanischen Bürgerkrieg: Die von dem selbsternannten Colonel William C. Quantrill geführte Guerilla-Truppe fiel über die blühende Stadt Lawrence in Kansas her und erschlug 164 Menschen – vorwiegend junge Männer und Knaben. (Manche Quellen geben sogar 180 Opfer an.) Es ist bis heute die blutigste Tat in der Geschichte des Staates. (Es gab keine Bürgerkriegsschlacht in Kansas, nur etwa 30 Guerilla-Aktionen – Quantrills Lawrence-Raid war die schlimmste.)

Quantrill, am 31. Juli 1837 in Ohio geboren, war keinesfalls von Grund auf Vertreter der Südstaaten. Im Gegenteil gehörte er zeitweise sogar den „Freistaatlern“ an, die sich gegen die Sklaverei aussprachen. Er hatte zeitweise als Lehrer gearbeitet, war aber auch Soldat der Nordarmee gewesen, hatte sich als Glücksspieler durchgeschlagen und war vor dem Krieg bereits steckbrieflich wegen Mordes und Viehdiebstahls gesucht worden. Der große Historiker James McPherson (Autor des preisgekrönten Buches „Für die Freiheit sterben“) nannte ihn einen „pathologischen Killer“. Auch andere Historiker sind der Meinung, daß Quantrill keine echte politische oder ideologische Überzeugung hatte, sondern den Krieg lediglich nutzte, seine Mordlust auszuleben. Die Konföderierte Regierung, die er zu unterstützen vorgab, hatte letztlich keine Kontrolle über ihn.

Die Stadt Lawrence war schon vor dem Bürgerkrieg Ziel von Angriffen aus den Südstaaten gewesen. Bereits im Sommer 1856 hatte es als Antwort auf Attacken von Anti-Sklaverei-Guerillas unter John Brown einen ersten Angriff auf den Ort von Pro-Sklaverei-Kämpfern gegeben.

Ab März 1863 galt Lawrence als Zentrum der Miliztruppe der nordstaatlichen “Jayhawkers“, die in der Phase des „blutigen Kansas“ gegen Anhänger der Sklaverei vorgegangen waren. Die auch als „Red Legs“ bezeichneten Männer unter Führung von Fanatikern wie Henry Lane versuchten, Anhänger der Konföderation aus Kansas zu vertreiben. Sie attackierten auch Farmer im westlichen Missouri. Mit gleicher Brutalität gingen südstaatliche Guerillas gegen “Freistaatler” vor. Der US-General Blunt berichtete: „Hier herrscht der blanke Terror. Keines Mannes Besitz ist sicher, noch ist sein Leben etwas wert. Es wird geplündert und geraubt.”

Es besteht kein Zweifel, dass der Angriff der Quantrill-Truppe als Racheakt gedacht war. Er traf allerdings nicht die Jayhawkers, sondern die allgemeine Bürgerschaft und artete in ein unkontrolliertes, schauderhaftes Gemetzel aus. Überlebende Frauen sagten später aus, dass sie den Eindruck hatten, von „Dämonen der Hölle“ überfallen zu werden. Der erste Gouverneur von Kansas, Charles L. Robinson, war Augenzeuge der Ereignisse und entging nur knapp dem Mordkommando. Nach Quantrills eigener Aussage war der Auslöser für seinen Raid der Angriff auf die Stadt Osceola (Missouri) im September 1861. Dabei hatte Senator James Henry Lane den Ort geplündert und 9 Männer hingerichtet.

Bei der Suche nach Motiven für dieses Massaker wird manchmal auch die „General Order No. 10“ von General Thomas Ewing genannt, der in Kansas anordnete, jede Person, die konföderierte Guerillas unterstützte, etwa durch Essen, Schlafgelegenheit, Verstecke, usw. sofort zu verhaften. Dieser Befehl traf vor allem weibliche Angehörige von Freischärlern. Diese Frauen wurden in provisorischen Gefängnissen in und um Kansas City untergebracht. Zum Teil handelte es sich um beschlagnahmte Häuser von Anhängern der Konföderation, die nach Missouri geflüchtet waren. Diese Bauten wiesen kaum sanitäre Einrichtungen auf. Die Haftbedingungen waren schlecht.

Am 13. August 1863 brach eines dieser Gefängnisse zusammen. Dabei wurden 4 junge Frauen getötet. Eine davon war die Schwester des Guerillas “Bloody Bill” Anderson. Eine weitere Schwester von ihm wurde schwer verletzt, da sie mit einer Eisenkugel am Bein keine Chance hatte, sich vor der einstürzenden Decke in Sicherheit zu bringen. Zuvor hatte es Drohungen gegeben, Kansas City anzugreifen. General Ewing blieb davon unbeeindruckt.

Was immer das Motiv für den Angriff war – der Lawrence Raid war sorgfältig geplant. Quantrill hatte sich die Verstärkung durch mehrere kleinere, unabhängige Partisanengruppen aus Missouri gesichert, die aus verschiedenen Richtungen auf Lawrence zuritten. Sie alle waren glänzend bewaffnet und trafen zeitlich exakt koordiniert ein. Gegen 5 Uhr früh erreichten mehr als 450 Guerillas den Stadtrand. Der Pastor S. S. Snyder war der erste, der starb. Er melkte vor seinem Haus eine Kuh, als die Reiter ihn passierten und gewissermaßen „im Vorübergehen“ niederschossen. Sie erreichten wenig später das Eldridge-Hotel, wo Quantrill sein Hauptquartier aufschlug. (Es wurde danach in Brand gesetzt.) Dann begann das systematische Morden.

Vier Stunden lang wüteten die entfesselten Guerillas. Sie plünderten Banken und Geschäfte, brannten über ein Viertel der ganzen Stadt nieder und erschlugen 164 Menschen, bevorzugt Jungen und junge Männer, die sich im wehrdienstfähigen Alter befanden. Die Angaben über das jüngste Opfer gehen auseinander – einige Quellen sprechen von einem Jungen von 8 Jahren, andere sagen, dass er 13 war.

Gegen 9 Uhr am Vormittag verließen die Mordbrenner die Stadt, um einer anrückenden Armeekolonne auszuweichen. Historiker nennen diese Quantrill-Aktion heute eine „Massenhinrichtung“. Gegenwehr war nicht möglich. Fast alle Erschlagenen waren unbewaffnet.

Tatsächlich hatte Quantrill eine Liste bei sich, auf der die Namen prominenter Antisklaverei-Kämpfer standen, die er in Lawrence zu finden und zu töten hoffte.

Augenzeugen beschrieben später unglaubliche Brutalitäten. Verletzte, wehrlose Männer wurden erschossen. Ein Mann, der krank in seinem Bett lag, wurde getötet, ebenso ein Vater und sein Sohn, die auf einem Feld angetroffen wurden. Mehrere Männer wurden in ein brennendes Haus gejagt und kamen in den Flammen um.

Viele Missouri-Farmer an der Kansas-Grenze wurden zu Leidtragenden für Quantrills Überfall: US-General Ewing ordnete einen Tag nach dem Massaker an, die Farmen von Anhängern der Konföderation als Strafmaßnahme niederzubrennen. Diese Ereignisse waren im Grunde der Beginn des „totalen Krieges“, zu dem sich der Bürgerkrieg entwickeln sollte. Männer wie Quantrill waren die Initiatoren, die Zivilbevölkerung in die Kampfhandlungen einzubeziehen und verbrannte Erde zu hinterlassen.

Die Guerillas beider Seiten erzeugten durch ihre Taten eine Bitterkeit, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg für Feindschaft zwischen Nachbarn sorgte. Lawrence war gewissermaßen die „Hochwassermarke“, danach begann ein regelrechter Blutrausch hinter den Fronten der Armeen. Die Menschen, die in der Folge von Lawrence aus Rache und Gegenrache erschlagen und aus ihren Heimstätten vertrieben wurden, wurden nie gezählt. Und es waren in der Regel die Daheimgebliebenen, die nicht in den Armeen dienten, die Alten, Kranken, Frauen und Kinder, die den Preis für die Guerillakriegsführung zu zahlen hatten.

Bis heute leben Familien in Lawrence, die 1863 Angehörige verloren hatten. Das Massaker ist unvergessen.

Quantrill starb im Juni 1865 an Verletzungen, die er sich bei einem letzten Zusammenstoß mit der Unionsarmee zugezogen hatte.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die kommende Ausgabe

 

 

 

 

Kommentare  

#1 Gregor111 2019-08-26 07:09
Es gibt ja Romane, die zeichnen das Bild eines wackeren Rebellen. Das war Quantrill wohl eher nicht. Massenmörder, Kriegserbrecer sind wohl eher Schlagwörter, die es treffen.
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