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Über die Wahrheit, die Logik und die Stimmigkeit - Widersprüche und der Kanon

1Über die Wahrheit, die Logik  und die Stimmigkeit
Widersprüche und der Kanon

»Was ist Wahrheit?« fragt schon Pontius Pilatus. Was beim Perry Wahrheit ist, kann  leicht definiert werden. Wahrheit ist, was in den Heften steht.

Das ist der sogenannte ›Kanon‹ der Serie. Ein böswilliger, chaotarchischer Leser kann natürlich damit  ironisch behaupten, dass auch Druck-,  Setz- oder Tippfehler damit zum Kanon gehören. Aber lassen wir einmal derlei Kleinigkeiten beiseite.

Noch vor einigen Jahren gab es einen Hüter des Grals: eine Person, die aufpasste, ob die Zusammenhänge der Handlungen, die in die Serie eingebrachte Logik und die erfundene Technologie in sich stimmig waren, inneren Logikgesetzen gehorchten und ganz allgemein in den Rahmen der Serie auch dann passten, wenn neue Zyklen entworfen wurden. Die neuen Erzählungen sollten ja nahtlos ohne Widersprüche, jedenfalls ohne gewollte, an die älteren Geschichten anknüpfen.(Die Rede ist natürlich von Rainer Castor, der so gut wie immer den großen Überbau im Blickfeld behielt … und so manchen Schnitzer der schreibend jüngeren Autoren ausbügeln konnte). Dass mitunter kleinere Handlungsfehler auftraten, die selbst RC oder der Außenlektor nicht bemerkten, darüber muss man eben als Langleser seufzend hinweggehen.

Diese Stolpersteine konnten mitunter noch in der PP ausgestochen werden, oder ein langjähriger Leser wies auf den Fehler hin und er wurde zumindest in der LKS nachträglich korrigiert; oft mit einer freundlichen Entschuldigung. Seit einer Weile aber ist der Weg strikter, der Zugang zur Serie kanonischer geworden. Jetzt gilt (wie vorher natürlich auch) immer, was in den Heften steht, das gilt als die reine Wahrheit. Selbst unlogische Zusammenhänge werden nicht  mehr aufgedröselt, zurückgenommen, modifiziert oder variiert. Sogar offensichtliche Fehler, die ein Langleser moniert, weil er „seine“ Serie gut im Kopf hat, werden nicht nur als marginal heruntergeredet, sondern bleiben stur im neuen Kanon. Entschuldigungen über gemachte Fehler gibt es kaum noch, jeden falls nicht von der forschen Expokratenseite aus, die derlei einfach stur aussitzt und an ihrer dicken Haut abprallen lässt..

Da wird dann einfach die Geschichte der Serie umgeschrieben, umgekrempelt, Dinge die lange klar und eindeutig formuliert und erzählt waren, werden vernebelt, verschwurbelt und multikomplex  unnötig  in die Länge gedehnt.Die klaren Konturen langjähriger Zyklen werden neu eingeordnet. Grundsätzlich ist ja nichts zu sagen gegen Erweiterungen bereits erzählter Geschichten, wenn neue Erkenntnisse im Überbau kosmischer Geschehnisse zu den alten Handlungen auftauchen (sollten), diese dürfen aber nicht zu Widersprüchen des früher Erzählten führen oder gar ganze Zyklen  der alten Zeit ad absurdum führen oder negieren wollen.

Nur einmal möchte man den Satz hören, auch und gerade von Expokraten - oder Redaktionsseite: „Ja, ich/wir haben hier einen Fehler gemacht, den wir auch umgehend korrigieren! Sorry. Danke, lieber Langleser für Dein Mitdenken.“ Statt dessen wird stur darauf beharrt, dass die Fehler bleiben und nun zum Kanon gehören. Es steht ja so im Heft! Das muss so sein! Basta! Das ist so! Der Autor hat ja immer recht oder der Exponaut ...wer ist schon der Leser …

Nicht zum erstenmal sei hier aber genannt, dass Leser, die der Serie bereits seit Jahrzehnten folgen, oft auch ohne Perrypedia besser in der Reihe Bescheid wissen, als ein erst sehr spät oder zumindest später hinzugekommener Autor, der vielleicht gar kein ursprünglicher Leser oder Fan der Serie war … das gibt es ja auch, dass Autoren von außen dazukommen, die sich vorher in anderen Genres der Gebrauchsliteratur  umgesehen haben … und deshalb nicht so firm in der Reihe sind, wie der Langleser, der höflich auf gemachte Fehler hinweist. Doch heutzutage wird dieser sehr oft nicht mehr korrigiert, sondern dickfellig ignoriert oder mit seltsamen Nichtargumenten hinweggeredet und fortgeplättet. Argumente, die logisch und klar vom Leser fundiert sind, dringen nicht mehr durch.. (Ob die Niederlandistik daran schuld ist, sei dahingestellt, grins) ... Es steht ja im Heft, also bleibt das jetzt so. Unter Rainer Castor war die Rückkopplung mit dem aufmerksamen Leser stärker. Fehler, die zu offensichtlich waren, so dass der Leser sie bemerkte, wurden wenigstens nachträglich korrigiert, damit der in sich schlüssige Handlungsrahmen der ewig langen Perryerzählung wenigstens seine logische Konsistenz bewahrte.In den Silberbänden war Franz Dolenc damals unter Horst Hoffmann als Redakteur dafür mit verantwortlich ... und auf seine Meinung wurde oft durchaus gehört. Na ja, manchmal ...

Aber das „Mea Culpa“ der entschuldigenden Rückkopplung scheint nicht nur beim Perry eben nicht mehr in Gebrauch zu sein. Die Ansicht, nie etwas falsch gemacht zu haben, ist ja auch bereits weit oben in der Politik des Kanzleramtes angesiedelt.Das ist zwar kein anderes Thema, sondern trifft genau den Punkt, gehört aber jetzt nicht weiter in den Artikel.Lassen wir die Unfehlbarkeit beim Papst. Bleiben wir also beim Perry. Dinge, die offensichtlich fehlerhaft sind, weil sie nicht mit dem klassischen Kanon übereinstimmen, sollten doch dankend korrigiert werden können, anstatt stur zu sagen: „Das ist jetzt eben so … weil es nun eben im Heft steht!“ Auf der LKS werden derlei hilfreiche Hinweise von Leserseite heutzutage  dann abgetan oder dezent heruntergerdet. Nicht korrigiert. Vielleicht sollten wir dann auch die Druckfehler oder die vertauschten Satzteile, die selten aber doch mitunter auftreten,  seufzend mit zum Kanon stellen.

PS: in einem Walter Ernsting-Band (Pseudo:Clark Darlton) wurde die „Vorhut“ durch einen nicht (oder doch?) beabsichtigten Druckfehler einst  zur „Vorhaut“  und damit zu einem großen Lacher in der Fangemeinde. Ist das jetzt zum Kanon geworden …?

Zu Glück nicht. Die terranischen Kommandos der LFT  (ob männlich oder weiblich) dürfen auch weiterhin als Vorhut abspringen.In diesem Sinne: korrigiert die Fehler, die der inneren Handlungslogik widersprechen bitte wieder. Von mir aus auch ohne Kommentar oder Entschuldigung an die Leser. Aber bitte konsistent bleiben.

© 2019 by H. Döring

Kommentare  

#16 AARN MUNRO 2019-01-18 08:18
Lieber Monti, auch, wenn Du jetzt nicht in eine Disku einsteigen willst, wo siehst Du denn eine "bösartige" Interpretation?. Du kannst mir ja PM schicken.
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#17 AARN MUNRO 2019-01-18 08:20
Zitat: (Von wem es ist, weiss ich jetzt allerdings nicht): "Was sind wir alle empfindlich, wenn jemand Wahrheiten ausspricht!"
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#18 Larandil 2019-01-18 08:27
zitiere AARN MUNRO:
Zitat: (Von wem es ist, weiss ich jetzt allerdings nicht): "Was sind wir alle empfindlich, wenn jemand Wahrheiten ausspricht!"

Da ist es wie mit der flachen Erde, den Chemtrails und Autismus durch Impfen: nur weil man es irgendwann einfach nicht mehr hören kann, wird es dadurch noch nicht wahrer ...
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#19 AARN MUNRO 2019-01-18 09:09
zitiere Larandil:
zitiere AARN MUNRO:
Zitat: (Von wem es ist, weiss ich jetzt allerdings nicht): "Was sind wir alle empfindlich, wenn jemand Wahrheiten ausspricht!"

Da ist es wie mit der flachen Erde, den Chemtrails und Autismus durch Impfen: nur weil man es irgendwann einfach nicht mehr hören kann, wird es dadurch noch nicht wahrer ...



Wie wahr! :lol:
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#20 Cartwing 2019-01-18 16:09
Zitat:
Der Inhalt des Artikels wird gerade aktuell von der Diskussion in FB über das Gesicht Perrys auf dem Cover von Band 3000 untermauert. Er wäre nicht zu jung dort abgebildet, hätte ja Falten im Gesicht, etc. ist die offizielle Meinung.Die vieler Leser ist anders.
finde ihn ehrlich gesagt auch zu jung. Aber das ist ja in dem Sinne kein Fehler, sondern fällt eher unter die Rubrik künstlerische Freiheit. Als Fehler würde ich eher die in verschiedenen Farben dargestellten Sprosse bezeichnen, aber selbst wenn, kann man darüber hinwegsehen, denke ich.
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#21 AARN MUNRO 2019-01-18 19:30
Aer wenn man anfängt, über etwas hinwegzusehen, sieht man bald über alles hinweg, und dann tritt Beliebigkeit auf.Wo also die Grenze ziehen?
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#22 Harantor 2019-01-18 20:28
zitiere AARN MUNRO:
Aer wenn man anfängt, über etwas hinwegzusehen, sieht man bald über alles hinweg, und dann tritt Beliebigkeit auf.Wo also die Grenze ziehen?


Aber liest man hier nochmal Andreas Deckers Einwurf
zitiere Andreas Decker:

Das ist das Beispiel für Widersprüche und Kanon? Ernsthaft? So unwichtige Details?

Die grassierende Unlogik und die ständigen Widersprüche in der Handlung wie zb in den schlecht gemachten Techno-Mahdi Romanen stören dich nicht? Das überliest du? Wo in 2977 der Resident allgemein verkündet, dass der böse Adam mit einem alternativen Rhodan den Weltenbrand ausgelöst hat, von dessen Existenz aber zu dem Zeitpunkt keiner der Helden etwas wissen kann? Die Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.


Nimmt man also Andreas Einwurf mal her, so kann man sagen, dass man bereits über alles mögliche hinwegsehen hat. Da braucht man diese Details nicht mehr ... Also warum mal nicht die wichtigen Dinge ins Auge fassen ...
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#23 Mario Staas 2019-01-18 21:24
zitiere AARN MUNRO:
zitiere Norbert Fiks:
Holger, das ist mir zu diffus und zu pauschal. Nenn doch mal ein paar konkrete Beispiele.
Gruß
N.



Ein Beispiel: In einem MMT-Band vor kurzem (nicht im letzten Band) prallte ein Nanogentenschwarm von einem HÜ-Schirm ab, als wäre es ein einfacher Prallschirm (den er ohnehin wahrscheinlich hätte durchdringen können). Das war schon eine enorme Wucht, also hätte er nach dem klassischen Kanon in die Librations-Halbraumzone (Linearraum) abgestrahlt werden müssen. Als dann dieser dezente Hinweis von Leserseite im Forum kam, wurde er von WiVa (glaube ich) oder jemand anders abgetan. Ähnlich gab es neulich einige Fälle von Fehlern, die von Lesern auf der LKS moniert wurden (die genauen Heftnummern muss ich erst heraussuchen), die von MS, der LKS-"Tante" auch einfach weggewischt wurden.Diese Hinweise wurden also auch nicht beachtet.Das setzt sich in letzter Zeit so fort, habe ich den Eindruck.Früher, im Schneckenpostzeitalter, nahm GMS solche HInweise von Langlesern ernst und schrieb den ganzen Autorenschwarm an (oder Bernhard tat dies), solcherart Fehler zukünftig zu korrigieren usw. Heute wird m.E. schlampiger damit umgegangen. Außerdem ist die Kultur des Ich-habe-hier einen-Fehler gemacht-Entschuldigung-kommt-nicht-noch-mal vor irgendwie verlorengegangen. Nur so meine 5 cent zu dem obigen Artikel.

Wenn ein Expokrat etwa sagt, das steht jetzt so im Heft, also gilt es ... auch wenn 500 Hefte vorher etwas anderes drin stand ... na ja ...
Klar, the times, they are a-changing ... aber man sollte sich doch auf einige feste Grundlagen verlassen können. Nicht alles darf beliebig werden.


Hüstel...
Also in den ersten 200 Heften war das wesentlich schlimmer wie heute, ich habe ja den direkten Vergleich. Da konnten Schirme nach belieben abprallen lassen oder auch nicht, manchmal sogar innerhalb des gleichen Heftes innerhalb von 2 Seiten. Nur um beim Beispiel Schirme zu bleiben. Das zieht sich durch die ganze Technik bis hin zu einem Gucky, der munter durch Schutzschilde teleportiert, um an just dem gleichen Schirm 1 Seite weiter zu scheitern. Das ist höchst ärgerlich, keine Frage, dennoch war es in den früheren Heften weitaus öfters, nennen wir es mal seltsam. Ob es seid Castors Abgang (unter ihm waren solche Fehler tatsächlich seltener da, das muss man neidlos zugeben) jetzt wieder mehr Fehler gibt? Mag sein. Allerdings hat man Dank social media und Forum heute auch einen ganz anderen Austausch, da werden kleinste Hasenfurze zum lebensentscheidenden Politikum hocheskaliert. Und man nimmt es dadurch auch weit deutlicher wahr. Das kann durchaus auch die Redaxe und Autoren irgendwann nerven, denn der Tonfall ist doch zweilen sehr toxisch. Ja ich meckere auch über Fehler, aber warum sollte man für jeden eine Entschuldigung der Redaktion/Autoren fordern? So wichtig ist das ausser bei absoluten Kapitalklopfern nun echt nicht.
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#24 Cartwing 2019-01-18 21:38
zumal es solche Entschuldigungen ja durchaus gibt. Siehe etwa LKS PR 2913. Da gibt Michelle in Bezug auf einen ihrer Romane zu, dass sie Rhodans Begegnung mit seinem Mörder (es ging da um die Tiophoren) "besser hätte darstellen bzw. mit dem Autor des Vorgängers absprechen können und gelobt sogar, beim nächsten Mal besser zu recherchieren. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.
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