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Die Pulp Magazines – Amerika im Bann der Kurzgeschichte - 6. Die große Pulp-fiction-Krise 1940-42

Pulps Die große Pulp-fiction-Krise 1940-42
Amerika im Bann der Kurzgeschichte (Teil 6)

Dreimal wurde die papierene Pulp-Traumfabrik gründlich duchgeschüttelt: 1930/31, 1940-42 und 1950-53. Die Ursachen des ersten und letzten Erdbebens sind einfach zu eklären: Weltwirtschaftskrise und Aufkommen von Konkurrenzmedien wie Fernsehen und Taschenbuch.

Doch die Krise der Vierziger Jahre hat kompliziertere Ursachen..

PulpsDie grellbunten Kurzgeschichtenhefte Amerikas hatten die Weltwirtschaftskrise insgesamt gut überstanden. Zwar strauchelten einige Verlage, eine gewisse Anzahl von Magazinen ging ein, doch spätestens ab 1933 profitierten die Pulp-Konzerne eher von der desoltaten ökonomischen Lage des Landes als dass sie unter ihr litten – schließlich war ihre Art von Unterhaltung immer noch die mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis. Man konnte einen Film schließlich nicht aus dem Kino mit nach Hause nehmen, nach 90 Minuten war der Spaß vorbei. Für 10-25 Cent hatte man dagegen beim ca. 120 Seiten dicken Pulpheft jede Menge Lesespaß, der sehr lange anhielt, selbst wenn man nicht jede Geschichte konsumierte. Und man konnte seine Lieblingshefte natürlich aufheben.

Trotzdem zeichnete sich 1939 eine wirklich große Krise am vorher so ungetrübten Pulp-Fiction-Himmel ab, das Ende des Goldenen Zeitalters dämmerte herauf. Schuld waren ganz verschiedene Faktoren, die hier unheilvoll zusammenwirkten.

Pulps1. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs
Die Traumfabrik der Pulp-Industrie profitierte seit den Dreißigern besonders von heroischen Kriegs- und Hero-Phantasien. Oft waren die Kriegserlebnisse noch im Ersten Weltkrieg angesiedelt (z.b. in der Serie "G8 and his Battle Aces"), aber es gab auch geradezu beängstigende Zukunfts-Krieg-Visionen, wie Emile Teppermans „Purple-War“ - Serie (1936-38), in der ein grausamer germanischer Diktator die USA überrollt  - die definitiv düsterste Serie der Pulpgeschichte überhaupt, eine Subserie im erfolgreichen Zukunfts-Krieg-Pulp „Operator 5“. Auch Super-Spione und ganze Elite-Trupps kämpften schon vor 1939 fanatisch gegen deutsche und japanische Finsterlinge – was bei den Lesern wohligen Schauder auslöste. Damit war es spätestens 1940 vorbei – nun waren Kriegsgeschichten kein Eskapismus mehr, sondern erinnerten an eine echte heraufziehende Gefahr, was eher Unlust und Angst auslöste. Viele Hero- und War-Pulps stellten ihr Erscheinen ein – die tägliche Presse mit Berichten von der europäischen Front hatten die kühnsten Phantasien der Pulpautoren überflügelt.

Und was Frederic C. Davis im 3. Heft von „Operator 5“ (The Yellow Scourge“) 1934 geradezu gespenstisch vorwegnahm, trat nun wirklich ein – am 7. Dezember 1941 bombardierten japanische Truppen den Militärhafen von Pear Harbor. Amerika befand sich im Krieg.

Für die Pulp-Szene war das in herber Schlag. Sie bestand – das war immer ihr Wesenszug – vor allem aus extrem jungen Autoren, das Gros der Verfasser war unter 40 Jahre alt, wenn nicht sogar noch jünger. Die Verlage verloren durch die Einberufungsbefehle den Kern dieser Autoren. Und als wäre das nicht genug – bald kam auch eine Papier-Restriktion hinzu, die vielen Magazinen das Genick brach. Die Pulpindustrie lebte vom Massenverkauf – wenn ihre Auflagenzahl beschränkt wurde, sprangen Werbeträger ab, und es flossen weniger Einnahmen zurück. Manche Tricks wurden versucht – Der Verlag Better Publications druckte etwa einfach kleinere Buchstaben mit engerem Zeilenabstand – bis heute sind die Hefte aus dieser Zeit eigentlich nur mit der Lupe zu lesen. Andere wechselten von monatlichen in den zweimonatlichen Rhythmus. Doch viele mussten trotzdem dran glauben.

Pulps2. Schärfere Zensur
Doch auch vor dem Kriegseintritt kämpften viele legendäre Pulp-Magazine ums Überleben, und manch ein Heft überstand die harschen Zensur- und Boykottmaßnahmen des Jahres 1940 nicht. In der Horror-Szene hatte sich die Gewaltspirale seit Mitte der Dreißiger Jahre zu einer exzessiven Gore- und Torture-Porn-Orgie hochgeschraubt, deren Extensität erst wieder in den 1980er Jahren erreicht wurde. Sie gipfelte in einigen der berüchtigsten Pulp-Geschichten überhaupt, etwa in Arthur J. Burks „Mates for the Morgue Master“ (Mystery Tales, Dezember 1939), eine negrophil-masochistische Story mit anti-christlichen Tendenzen (der Held wird an einem umgekehrten Kreuz gefoltert), der berühmten Menschenjagd-Geschichte „Fresh Fiancés für the Devil's Daughter (Russel Gray, Marvel Tales, Mai 1940) und die Kannibalismus-Story „The Monster Must Eat!“ (Holden Sanford, Real Mystery, Juli 1940), um nur drei aus dem „Kanon“ der brutalsten zu nennen. (Murania Press hat grade die Top Ten unter dem Titel „Satan Lives for My Love“ herausgebracht.)

Nicht dass es den Käufern der Hefte selbst am Ende zu viel wurde – es waren wohl eher die luriden Cover mit den spärlich bekleideten Damen in Korrespondenz mit glühenden Zangen oder perfiden Foltermaschinen, die die Aufmerksamkeit von „Outsidern“, „anständigen“ Kioskbesuchern erregte – und die Gegenbewegung auf den Plan rief. Da sich Regierung und Justiz damals noch  schwertaten, sich einzumischen, organisierten reiche Gegner der Horror-Hefte Leerkauf-Aktionen. Mit ihrem Geld zogen Freiwillige los und kauften an den Kiosken sämtlichen Magazine dieser Art auf, um sie dann zu vernichten. Heute erzielen die seltenen Hefte deswegen bei ebay dreistellige Beträge.

PulpsAnfang 1941 gaben die Verlage auf. Einige kehrten zu moderateren Geschichten dieser Art zurück, doch die meisten Horror-Magazine gingen unter. Von der Anti-Horror-Welle 1940 wurden auch die Grusel-Magazine erfaßt und durchgeschüttelt, die die Gewalt-Orgie gar nicht mitgemacht hatten. Weird Tales mußte 1940 nach 17 Jahren vom monatlichen zum zweimonatlichen Erscheinungsmodus wechseln – ohne je wieder zum monatlichen Turnus zurückzukehren. Besonders zynisch ist der Untergang des wunderbaren jungen Magazins „Strange Tales“, das damit warb, in jedem Heft 13 Stories zu veröffentlichen. 1941 ging es im Zuge der Anti-Horror-Kampagne unter – nach der 13. Ausgabe...

Von einer ähnlichen Zensurwelle wurden auch die Hefte des Trojan-Verlages erfaßt -sie produzierten die sogenannten Spicy-Magazine. Die Geschäfts-Idee war Anfang der Dreißiger aufgekommen und ein Riesenerfolg: Die Hefte kombinierten Erotik mit populären Genres. So gab es Spicy Mystery (Horror/Grusel), Spicy Adventure, Spicy Detective und Spicy Western. Da die SF-Leserschaft damals das konservativste Leserpublikum überhaupt war und überhaupt keinen Sinn für solche Experimente hatte, kam es zu keinem „Spicy Science Fiction“ - der einzige Versuch dieser Art („Marvel Science Fiction, 1939) war ein Fiasko und allen Herausgebern noch in guter bzw. schlechter Erinnerung.

Zwar kann man nicht behaupten, dass diese Erotik-Hefte an Freizügigkeit um 1939 besonders zunahmen, doch die Zeiten änderten sich – die prüden Vierziger lösten die wilden Dreißiger ab, das Leben nach der Wirtschaftskrise stabilisierte sich, man wurde wieder braver. Der Trojan-Verlag beschleunigte allerdings den Untergang der Hefte dadurch, indem er versuchte, zurückgehende Verkaufsszahlen durch unsaubere Tricks aufzufangen. So begann man 1941, ältere Geschichten neu zu drucken  – indem man sie unter neuem Titel und anderem Autorennamen wieder auflegte. Nicht so sehr, um die Leser zu täuschen, sondern die Autoren, die so um ihr Wiederholungshonorar geprellt werden sollten. Die Aktion flog natürlich schnell auf, einige Verantwortliche wurden vor Gericht gestellt – doch der Verlag überlebte. Er benannte sein Produkt einfach um, und aus den Spicy-Heften wurden die Speed-Hefte. Mal angesehen davon, dass dort noch viele köstliche Texte des genialen Vielschreibers Robert Leslie Bellem erschienen, waren sie recht harm- und bedeutungslos – der Erotik-Touch wurde in ihnen extrem zurückgefahren. Für den Preis eines Spicy-Heftes kann man heute bei ebay ca. 10-20 Speed-Hefte bekommen.

Pulps3. Tod und Rückzug von Pulp-Kultfiguren
Als wäre das nicht genug, machte sich nun Ende der Dreißiger auch das Fehlen wichtiger Integrationsfiguren bemerkbar, die für eine qualitativ hochwertige Pulp fiction standen. Lange konnte dieses Fehlen hinausgezögert werden, da die Autoren oft noch genug posthume Texte bei den Verlagen hinterlassen hatten. Gestorben waren Meister wie Robert E. Howard (1936), H.P. Lovecraft (1937), George Allan England (1936), Weird-Tales-Herausgeber Fansworth Wright (1940), Arthur B. Reeves (1936), Stanley G. Weinbaum (1935), B.M. Bower (1940) und viele weitere Schriftsteller und Herausgeber, andere hatten ihre Produktion fast komplett eingestellt wie Clark Ashton Smith und Abraham Merritt. Ein anderer bitterer Faktor für die Pulp-Industrie war die massive Abwerbe-Aktion von Pulp-Kultautoren durch die erstarkten Story-Hochglanz-Magazine wie der Saturday Evening Post. Vor allem die Krimi-Pulp-Szene litt unter dem Überwechseln von Autoren in höheren Sphären wie Chandler, Hammett, Rinehart und Gardner. Wie stark der Pulp-Verkaufserfolg von den großen Ikonen abhängig war, zeigt Raymond A. Palmers gelungener Versuch, Tarzan-Autor Burroughs 1939 wieder aus der Versenkung hervorzulocken und für Amazing Stories / Fantastic Adventures neue Geschichten zu schreiben. Die waren zwar viel schwächer als die Werke aus Burroughs Glanzzeit, aber ließen den Umsatz der Hefte in die Höhe schnellen.

Die Science Fiction sollte überhaupt in dieser Krise wieder einmal eine Ausnahme machen – es ist bemerkenswert, das dies Genre in allen drei großen Krisenperioden der Pulps, 1930/31, 1939-42 und 1950-53 Riesensprünge machte. Auch die zweite Krise 1939-42 zeigt diese gegenläufige Tendenz – 1939 kommen eine Menge neue SF-Magazine auf den Markt, nicht zuletzt ein so hinreißendes wie Planet Stories, das Stamm-Magazin von Leigh Brackett und Ray Bradbury.  1939/40 gilt auch qualitativ als extrem wichtige Zeit der SF, viele Kult-Autoren jener Zeit präsentierten ihre ersten Geschichten, wie Asimow, Wilcox, Heinlein und van Voigt.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass – entgegen unserer heutigen Wahrnehmung – der prozentuale Verkaufs-Anteil an SF-Heften auf dem Pulp-Markt in jeglicher Beziehung winzig war. Wenn ein großes Pulp-Magazin wie Argosy oder Adventure 100.000 Hefte pro Monat vekaufte, war vermutlich Krisensitzung angesagt – bei einem SF-Heft wars dann wohl eher Zeit für eine Riesenparty. Solche Ziffern erreichte erreichte man hier nur selten - Amazing Story etwa in den späten Vierzigern.   

Der wichtigste Genre-Markt bei den Pulps, die Western- und Love-Story-Szene, dürfte das Erdbeben 1940 zunächst nur als schwaches Zittern gespürt haben. Die Love-Story-Hefte waren zunächst nicht einmal vom kriegsbedingten Autoren-Mangel ab 1941 betroffen, denn die meisten Geschichten schrieben Frauen. Erst die Papierknappheit ab 1942 machte auch ihnen zu schaffen. Doch die Mehrzahl Magazine dieses Genres überlebten den Krieg ohne Schwierigkeiten.

 

Kommentare  

#1 mammut 2019-07-26 15:16
Wie immer spannend und informativ.
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#2 JLo 2019-07-26 22:16
Ein großes Dankeschön! - Das ist gerade die Art von Lesematerial, wie ich sie mir immer wünsche!
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