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Der vergessene Harald Harst -Ein deutscher Sherlock Holmes?

Der vergessene Harald HarstDer vergessene Harald Harst
Ein deutscher Sherlock Holmes?

Die Blütezeit des Heftromans liegt nicht etwa in den Siebziger Jahren, der Jugendzeit vieler Zauberspiegelmitarbeiter, auch nicht in den "Goldenen Fünfzigern". Nein die meisten Serien mit den höchsten Auflagen erschienen in letzten Jahren der Kaiserzeit, also zwischen 1905 und 1918. Viele Hefte sind nach zwei Weltkriegen und dem unermüdlichen Wirken der Kämpfer gegen "Schmutz und Schund" unwiederbringlich verloren.

Der vergessene Harald HarstDie meisten der Helden, die oft in hunderten von Heften und bis zu sechsstelliger Auflagenhöhe ihr Publikum unterhielten, sind heute gänzlich unbekannt. Einen davon möchte ich heute einmal vorstellen.

Ursprünglich gab es nur wechselnde Einzelabenteuer in den deutschen Romanheften. Die ersten Serienhelden stammten aus Amerika. Da gab es z.B. "Buffalo Bill" und "Nick Carter". Ab 1905 kamen diese Serien auch in Deutschland auf den Markt. In den zwanziger Jahren dominierten dann Western, Abenteuer und Krimis die Romanlandschaft.

1920 betrat ein neuer Detektiv die Bühne des deutschen Heftromans. Im Verlag moderner Lektüre in Berlin erschien seit 1919 eine Serie mit dem Titel "Der Detektiv". Der Verleger Max Lehmann veröffentlichte dort zunächst sechs Nummern mit Geschichten über "Pat Conner - Der Meisterdetektiv", eine Vorkriegsserie, die zuerst 1908 herausgekommen war. Mit der Nummer 7 erscheint dann erstmals Harald Harst. Ursprünglich war vermutlich nur an eine begrenzte Anzahl von Titeln gedacht. Nach dem Mord an seiner Braut im ersten Band geht Harst eine Wette ein. Mitglieder des Universumklubs legen ihm zwölf Fälle vor, die er lösen muss, will er die Wette gewinnen. Percy Stuart, der seit 1913 Hauptfigur einer Heftserie mit mehreren Hundert Bänden (534) war, lässt grüßen! Kaum ist die Wette gewonnen geht es in den Orient. Harst und Schraut bekommen es mit dem Schurken Cecil Warbatty zu tun.

Doch machen wir uns zuerst einmal ein Bild von dem "Liebhaberdetektiv Harst":

"Noch ein Händedruck, und Harald Harst kehrte in sein Dienstzimmer zurück, wo er das Aktenstück »Luckner-Birt« wegschloß und sich dann zum Ausgehen fertig machte. Er tat dies mit der ihm eigenen Sorgfalt, die er seinem äußeren Menschen stets schenkte. Es war ihm Bedürfnis, sich tadellos zu kleiden und die Gewißheit zu haben, daß jede Kleinigkeit an ihm selbst vor dem kritischsten Blick bestehen konnte. Er besaß dabei einen ausgesprochen vornehmen Geschmack, und nichts an seiner Erscheinung verriet, daß er aus einer sehr einfachen, wenn auch reichen Familie stammte. Seine schlanke, mittelgroße Gestalt und das frische, magere Gesicht mit dem kurz gestutzten blonden Bärtchen ließen ihn weit jünger erscheinen, als er es in Wirklichkeit war. Sein gemessenes Wesen, die Ruhe seiner Bewegungen und seine langsame, überlegte Art zu sprechen, seine unerschütterliche Gelassenheit und der kühle, scheinbar all und jedem gegenüber gleichgültige Blick der grauen, dunkelbewimperten Augen waren das Ergebnis strengster Selbstzucht.
Sein Gesicht mit den vorspringenden Backenknochen, der allzu kräftigen Kinnpartie, der hohen, eckigen Stirn und der messerscharfen Hakennase durfte auf Schönheit keinen Anspruch erheben. Aber es war eines von denen, die Eindruck machen, auffallen und dem Menschenkenner sofort überlegene Geistesgaben verraten. – Das war Harald Harst, den seine Kollegen oft den großen Schweiger nannten, da er wenig mitteilsam, ja sogar eine verschlossene, insichgekehrte Natur war."

(Zwei Taschentücher, der Detektiv 7)

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass Harst ein passionierter Zigarettenraucher (Marke Mirakulum) ist und gerne selber am Flügel Wagnermusik spielt.

Harald Harst agierte aber nicht als Einzelgänger. Vielmehr standen ihm einige Helfer zur Seite. Am wichtigsten sicher sein Sekretär und späterer Freund Max Schraut, dem ab dem dritten Heft auch die Aufgabe zufiel als Ich-Erzähler zu agieren. Schraut ist ein untersetzter Mann mit Glatze, der in der Vergangenheit selbst in Konflikt mit dem Gesetzt geraten ist. Die erste Begegnung der beiden wird so geschildert:

"Jetzt stutzte er plötzlich. War das nicht der Komiker-Maxe, Max Schraut, der doch letztens wieder wegen Handtaschen-Abkneifens ein Jahr Gefängnis bekommen hatte? – Ohne Zweifel: dieser frühere Schauspieler, der schnell zum Taschendieb auf der schiefen Bahn des Lasters herabgesunken war, musste aus der Strafanstalt entwichen sein! Er trug jetzt eine gar nicht schlechte Verkleidung, spielte den alten, ehrwürdigen Herrn. Für Harsts Augen hatte der falsche Bart aber doch eine zu stumpfe Farbe."

(Zwei Taschentücher)

Der vergessene Harald HarstEin weiterer Helfer von Harst ist Karl Malke, der aufgrund seiner Jugend ganz andere Aufgaben als Schraut übernehmen konnte.

"Nach Tisch wollte Harst sich zerstreuen, schritt im Gemüsegarten auf und ab und säuberte ein paar Rosenstöcke von Blattläusen. In dem Gärtnerhäuschen am hinteren hohen Holzzaun wohnte seit Jahren die kränkliche Witwe eines früheren Kutschers der Firma Emil Harst mit ihrem jetzt fünfzehnjährigen Jungen. Karl Malke hatte mit Harstschem Gelde das Gymnasium bis Quarta besucht. Doch er kam nicht vorwärts. Das Stillsitzen und Lernen haßte er. Jetzt pflegte er seine Mutter, besorgte allein den kleinen Haushalt und spielte bei Harsts Faktotum für alles. Der langaufgeschossene Junge mit dem altklugen Gesicht war ausgesprochen praktisch veranlagt und ein heller, findiger Kopf. Harst verehrte er, obwohl dieser den bei aller guten Charakterveranlagung recht abenteuerlustigen und unstäten Knaben häufig streng ins Gebet nahm, weil dieser noch immer für einen bestimmten Beruf sich nicht entschieden hatte, während ihm doch dank der Freigebigkeit Frau Augustes jede Laufbahn offen gestanden hätte."

(Zwei Taschentücher)

Und anders als die modernen Ermittler wurde Harst nicht von einer attraktiven Partnerin unterstützt, sondern lebte mit seiner Mutter und ihrer Haushälterin zusammen.

"Von seiner Haltestelle der Straßenbahn hatte er noch einen kurzen Weg bis nach Hause. Frau Auguste Harst wohnte noch in demselben alten Gebäude, wo sie an der Seite des Tischlermeisters und späteren Holzhändlers Emil Harst 25 Jahre zufrieden und glücklich gelebt hatte und nun nach dessen plötzlichem Tode ganz in Liebe und Fürsorge für ihr einziges Kind aufging. Das Haus lag weit von der Straße zurück inmitten eines Gartens mit uralten Linden, der sich nach hinten zu bis an ein Laubengelände ausdehnte. Harald Harst bewohnte im Erdgeschoß die drei Zimmer rechts von dem großen, durchgehenden Flur. Die Räume links standen leer. Er eilte jetzt die breite, gewundene Treppe empor, fand seine Mutter in der Küche am Herde, küßte sie zärtlich und nickte auch der alten Malwine, die bei Harsts nun schon einige zwanzig Jahre diente, einen freundlichen Gruß zu. Dann begann er der kleinen, rundlichen Mutter, der das schwarze Häubchen stets schief auf dem falschen Zopf thronte, sofort von dem vereitelten Stelldichein zu berichten. Frau Auguste tätschelte ihm die Backen."

(Zwei Taschentücher)

Deutlich zu spüren ist der Einfluss der Sherlock Holmes Romane. Schraut als Begleiter und Ich-Erzähler á la Watson wurde ja schon angesprochen. Karl Malke übernimmt Aufgaben, die bei Holmes den Baker Street Irregulars zufallen. Cecil Warbatty entspricht dem ebenbürtigen Gegner Professor Moriarty. Auch das Agieren als "Liebhaberdetektiv" entspricht dem englischen Detektiv. Dazu kommt, dass auch Harst überlegene Geistesgaben zugeschrieben werden und er die kniffligsten Fälle als eine Art Zeitvertreib und als Mittel gegen Melancholie betrachtet.

"Wenn Harald nichts zu tun hatte – und für ihn gab es ja nur eine Tätigkeit, eben die geistige feine Jongleurarbeit unseres selbstgewählten Berufes – kam sehr bald eine nervöse Unruhe über ihn, gegen die selbst einige vierzig seiner parfümierten Mirakulum-Zigaretten pro Tag nichts halfen."

(Der Klub der Toten, Kabel Kriminalbücher Nr.23)

Und die Lust am Verkleiden teilen auch beide Detektive. Manchmal gibt es sogar direkte Anspielungen im Text:

"In einer sehr bekannten, fast berühmten Serie von äußerst fein ausgeklügelten Detektivgeschichten rühmt sich der geistvolle Held, 135 verschiedene Arten von Zigarren- und Zigarettenasche zu kennen und nötigenfalls diese Kenntnis zur Entdeckung des »Schuldigen« zu verwerten.
Zugegeben, daß die heutige Kriminalwissenschaft die modernsten Hilfsmittel der Chemie und Physik anwendet, und daß der Laie staunen würde, was alles durch diese modernen Prüfungsmethoden von winzigsten Gegenständen an Erfolgen erzielt wird. Als jener Schriftsteller vor etwa fünfzig Jahren seine zweifellos in ihrer Art wertvollen Erzählungen verfaßte, kannte man noch nicht einmal das heutige jedem Schuljungen geläufige Fingerabdruckverfahren.
Genau so war es mit den sonstigen Hilfswissenschaften der Kriminalpolizei bestellt.
»Mit den 135 Sorten Tabaksasche wird es also nicht so ganz gestimmt haben«, meinte Harst in derselben Nacht gegen zwei Uhr zu mir und füllte meine Kaffeetasse."

(Die Kaschemme Mutter Binks, Harald Harst Bd. 354)

Der vergessene Harald HarstDas aus heutiger Sicht Interessante ist sicherlich der "Lokalkolorit" der Serie. Fälle in Berlin, Hamburg oder sonstwo in Deutschland bieten Einblick in eine längst vergangene Welt. Aber natürlich bietet Harald Harst noch mehr. Wie damals fast schon üblich gibt es auch exotische Schauplätze wie Indien oder der Nahe Osten.

"Wer meine anspruchslosen Harald Harst-Erzählungen, die Schilderungen unserer Abenteuer unter dem Sammelnamen »Der Detektiv« kennt, weiß genau, daß Indien sozusagen unsere zweite Heimat ist, daß wir wirklich Globetrotter sind, Globetrotter, die freilich stets ein Ziel im Auge haben: die Lösung irgend eines dunklen Problems! –"

(Der Klub der Toten)

Infos zu Harald Harst:

  • Erschienen:
    1920-1934 Der Detektiv/Harald Harst 366 von 372 Titeln
    1923-1925 Kabel Krimalbücher 24 Titel von 45 Titeln
  • Autoren: 
    364 Hefte und 23 Bücher: Walter Kabel (1878-1935)
    2 Hefte und 1 Buch: Peter Becker (= Guiseppe Becce)

  • Da seit 2006 die Romane von Walter Kabel gemeinfrei sind, findet man unter wikisource oder dem gutenbergprojekt etliche der Titel.

 

 

 

Kommentare  

#1 matthias 2019-03-16 12:03
Water Kabel ist einer der wenigen Autoren aus dieser Zeit, welche heute noch lesbar sind.
Leider besteht derzeit kein Interesse an diesen Texten mehr. Diese entsprechen natürlich auch nicht mehr dem heutigen links/grünen Zeitgeist.
Ich habe eben mal in EBAY nach beendeten und verkauften Auktionen gesucht. Die Preise sind aber sowas von abgestürzt! Ich plante vor ca 20 Jahren so einige Ebay-Käufe von Heften aus dieser Zeit, hab dass dann aber gelassen. Heute bin ich froh darüber, denn es wäre ein totales Minus-Geschäft.
Aber man kan derzeit mit wenig Einsatz eine schöne Sammlung aufbauen... (Die Erben entsorgen sie dann allerdings im Altpapier)
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#2 Heiko Langhans 2019-03-16 15:21
Über Walther Kabel findet sich hier (www.walther-kabel.de/) massenhaft Material.

Für mich ist er auch aus studentengeschichtlicher Sicht interessant. Nach einem kurzen Gastspiel in einem Münchner Corps gehörte Kabel den Turnerschaften Borussia Berlin und Franconia Königsberg an und veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten in der Akademischen Turn-Zeitung. Die überlebenden Mitglieder der o.g. um 1935 aufgelösten Turnerschaften fanden später in Berlin (Turnerschaft Berlin) und Hamburg (AT! Slesvigia Niedersachen Hamburg-Königsberg) ihre neue Heimat. Walther Kabel war nicht darunter - seine Texte gerieten ins Visier der Reichsschrifttumkammer und wurden als "undeutsch" gebrandmarkt. Er starb 1935; ein Selbstmord kann bis heute nicht ausgeschlossen werden.

Edit am Sonntag: ... das sind so diese Momente, in denen man sich rückwirkend eine Vorankündigung der Folgeartikel wünscht -- Hut ab, Uwe. 8)
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#3 Harantor 2019-03-17 20:37 Zitieren
#4 Hermes 2019-03-19 13:46
Zitat:
Water Kabel ist einer der wenigen Autoren aus dieser Zeit, welche heute noch lesbar sind.
Das entspricht auch meiner Erfahrung. Die Geschichten sind kürzer als in den heutigen Serien. Damals bestand ein Heft meistens aus zwei Geschichten. Dadurch geht alles schneller, wirkt flott und zügig.
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#5 Matzekaether 2019-03-24 13:33
Tja, die Geschmäcker sind sehr verschieden! Ich habe viele, viele Groschenhefte der Zeit 1900-1945 gelesen, und immer gefunden, dass Walter Kabel zu den ungenießbarsten gehört, vor allem wegen seiner Interpunktions-Absurditäten(seinen ewigen ...), und auch die Harst-Krimis finde ich vergleichsweise schwach, im Vergleich zur amerikanischen Dime-Novel-Tradition (Nick Carter) sowieso, aber auch im Vergleich zu Max Ladenburg oder den Tom Shark-Berlin-Krimis. Aber vielleicht habe ich auch immer die falschen Sachen gelesen...-) Riesenrespekt vor den Betreibern der Kraft-Seite und ihrer unermüdlichen Tätigkeit, aber ich finde vieles wiklich extrem maneriert.
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#6 Matzekaether 2019-03-24 13:35
Kabel Seite, meine ich natürlich - Freudscher Versprecher - ich finde Robert Kraft unendlich viel besser als Walter Kabel...
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#7 Heiko Langhans 2019-03-24 15:28
Die "sinnierenden" Drei-Punkte-Ellipsen findest Du bei vielen, wenn nicht allen Schreibern des frühen 20. Jahrhunderts; sie scheinen besonders von den ostpreußischen Autoren gerne verwendet worden zu sein. Letzteres trifft auf Kabel nur bedingt zu, von seiner ausgedehnten Studienzeit in Königsberg mal abgesehen.
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