Gesichter des Schattens - Blindes Misstrauen
Gesichter des Schattens
Blindes Misstrauen
Pierre Boileau (1906-1989) und Thomas Narcejac (1908-1998) begannen in den frühen 1950er Jahren, erstmals gemeinsam Romane zu verfassen. Nach „Tote sollten schweigen“ aus dem Jahr 1952 folgte ein Jahr später „Gesichter des Schattens“, der im Original „Les Visages de l’ombre“ heißt. Bereits 1960 wurde dieser als „Faces in the Dark“ von David Eady mit Mai Zetterling und John Gregson in den Hauptrollen verfilmt. Noch bekannter wurde schließlich der Boileau/Narcejac-Roman „Von den Toten auferstanden“ (1954), aus dem Alfred Hitchcock vier Jahre später einen seiner besten Filme machte, „Vertigo“ mit James Stewart und Kim Novak. Georges Franju griff gleich mehrfach auf die Vorlagen des Duos zurück. „Augen ohne Gesicht“ aus dem Jahr 1960 ist ebenfalls ein Genreklassiker geworden, Franjus zweite Kollaboration mit den beiden im darauffolgenden Jahr hieß in Deutschland „Mitternachtsmörder“. Und auch Henri-Georges Clouzots „Die Teuflischen“ von 1955 basiert auf einem Boileau/Narcejac-Roman, nämlich ihrem gemeinsamen Debüt „Tote sollten schweigen“. All diesen Romanen und Verfilmungen ist gemeinsam, dass sie sich ausgiebig mit der menschlichen Psyche beschäftigen und aus individuellen Beeinträchtigungen der Protagonisten eine gehörige Portion Spannung zu ziehen verstehen. Das ist auch beim deutschen Fernseh-Remake „Gesichter des Schattens“ nicht anders, der Fans der erwähnten Filmklassiker sicherlich ebenfalls munden dürfte.
Richard Hermansen (Wolfgang Wahl) hat einen schweren Unfall erlitten, bei dem der Industrielle sein Augenlicht verloren hat. Aber er ist ehrgeizig genug, um trotz seines Handicaps nicht klein beizugeben. Seine Leuchtmittelfabrik, die er gemeinsam mit seinem Kompagnon Hubert (Jürgen Schmidt) leitet, will er nach wie vor nicht aufgeben. Aber seine Frau Christiane (Monica Bleibtreu) weiß, dass Richards Leben an einem seidenen Faden hängt. Einer der Splitter, die für seine Erblindung verantwortlich waren, steckt nach wie vor in seinem Schädel und kann auch operativ nicht entfernt werden. Zu jeder Zeit könnte es zu einem Hirnschlag und dem plötzlichen Tod Richards kommen. Um jegliche Aufregung zu vermeiden, wird diese Tatsache vor dem Patienten verschwiegen. Stattdessen zieht sich das Ehepaar mit Hausmädchen Marlene (Barbara Rudnik) und Chauffeur Klemens (Karlheinz Lemken) auf ihr Landhaus in Frankreich zurück, wo der Erblindete wieder zu Kräften kommen soll. Aber Richard plagen mehr und mehr Zweifel, ob ihm nicht Dinge verschwiegen und generell übel mitgespielt werden soll. Denn Christiane hat die alte Haushaltshilfe Gertrud (Erica Schramm) ohne Rücksprache mit ihrem Mann entlassen, und Richards Bruder Max (Wolf-Dietrich Berg), der die Eheleute am Urlaubsort besucht, sorgt ebenfalls für Komplikationen.
Kristian Kühn schafft es in seiner Inszenierung, das Publikum auf eine Stufe mit dem erblindeten Protagonisten zu stellen. Genau wie dieser beginnt man, hinter jeder Ungereimtheit ein Komplott zu vermuten. Im Gegensatz zu Richard kann man zwar zusätzlich noch sehen, aber vieles davon bleibt ganz bewusst mysteriös. Unterstrichen wird die unheimliche Stimmung durch eine gelungene Spannungsmusik aus der Feder von Eberhard Weber („Kommissar Zufall“), so dass man anderthalb Stunden vortrefflich unterhalten und immer wieder durch unvorhergesehene Storytwists überrascht wird. Aus der durchweg gelungenen Besetzung sticht natürlich insbesondere Wolfgang Wahl („Hotel Paradies“) hervor, dem es überzeugend gelingt, sowohl die verletzliche als auch die robuste Seite des Erblindeten zu verkörpern. Die DVD-Erstveröffentlichung in der Reihe „Pidax Film-Klassiker“ präsentiert den ZDF-Fernsehfilm in einem leider ziemlich verwaschenen Vollbild (im Format 1,33:1), das kaum über Videoniveau herauskommt. Der deutsche Originalton (in Dolby Digital 2.0 Stereo) ist durchweg gut zu verstehen und entspricht der Entstehungszeit. Bonusmaterial hat man keines mit aufgespielt.