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Das Dutzend ist voll - Zwielicht 12 ist erschienen

Zwielicht 12Das Dutzend ist voll
Zwielicht 12 ist erschienen

Fester Bestandteil der deutschen Fantastik-Szene ist mittlerweile das Magazin Zwielicht.

Die Herausgeber Michael Schmidt und Achim Hildebrand legen nunmehr die zwölfte Ausgabe vor. Und wieder gibt es einen Mix aus deutschsprachigen Geschichten, Übersetzungen und interessanten Artikeln.

Zwielicht 12Einleitung
Michael Schmidt und Achim Hildebrand legen die neueste Ausgabe von Zwielicht vor. Mittlerweile ist das Dutzend voll. Und wie die Vorgänger ist Zwielicht 12 wieder ein Mix aus frischen deutschen Stories, aus Übersetzungen von "Klassikern" und brandaktuellen neuen Übersetzungen. Dazu kommen wieder einige interessante Artikel. Insgesamt handelt es sich um 17 Stories und 5 Artikel. Das ansprechende Titelbild stammt von Björn Ian Craig.

Die Geschichten

Carrie Laban greift in "Postkarten von Natalie" die Thematik von Sexualmorden an jungen Frauen auf, die oft nicht aufgeklärt werden können. Nachdem ihre Schwester Natalie mit ihrem Freund von zuhause abgehauen ist, zieht sich ihre Schwester Mandy immer weiter zurück. Sie wartet sehnsüchtig auf die wenigen Postkarten, die sie von Zeit zu Zeit erreichen.

Eine Geschichte mit Anspruch. Eine Übersetzung aus dem Amerikanischen. Übersetzer: Sebastian Rudolph.


Bei Max P. Becker stößt in "Strandpoesie" ein Mann auf ein einsames Haus, das ein düsteres Geheimnis verbirgt. Notizen der vormaligen Bewohner offenbaren, ein schreckliches Geschehen, dass mit einem Fund am Strand beginnt. Eine kleine vierköpfige Familie wollte Ferien machen. Der Vater geht noch an den Strand um dort zu rauchen. Da findet er eine austernartige Kreatur, die er kurzerhand verspeist.

Eine eindringliche irgendwie surrealistische Geschichte.

Ralf Kors "Schattensaiten" ist eine Geschichte für Musikliebhaber. Vor einer Musikalienhandlung wird der junge Pascal von dem heruntergekommenen Martin angesprochen. Für zweihundert Euro bietet er ihm eine einmalige Geige an. Pascal kann nicht widerstehen. Zunächst ist er begeistert von dem Instrument, doch bald offenbaren sich ihm dessen Schattenseiten. Es gibt eine geheimnisvolle Inschrift und er mag sich überhaupt nicht mehr aus der Nähe des Instruments begeben.

Eine Geschichte über Besessenheit und alte Mysterien, die den Leser in ihren Bann zieht.

Ebenfalls in den Bereich der Musik fällt "Lilith" von Enzo Asui. Ein Sänger hat Probleme mit seiner Stimme. Ein misslungenes Zungentatoo führte zu einer Infektion und in der Folge zu schweren Sprachstörungen. Da findet er auf einem Spaziergang eine Blues-Harp, die es in sich hat. Bald weiß er nicht mehr, spielt er mit dem Instrument oder spielt es mit ihm? Und da ist ja noch seine Bandkollegin und Lebensgefährtin Rita, die zunehmend eifersüchtig auf die innige Beziehung zwischen Musiker und Instrument reagiert.

Eine Geschichte mit dem Lebensgefühl von Rockmusik.

Ein ganz anderes Problem hat der Protagonist in Wolfgang Raus "Alptraum-Beule". Eines Tages stellt er fest, dass unterhalb seines Knies ein Auge vorhanden ist. Er ist ratlos und weiß nicht wie er dieses Sinnesorgan wieder loswerden soll. Bald darauf träumt er von einer sterbenden Stadt. Schließlich entscheidet er sich für eine Brachiallösung und schießt sich ins Knie.

Die Geschichte geht irgendwie unter die Haut.

Richtig kompliziert wird es bei Sascha Dinse. In "Elysion" geht es scheinbar um Hannah und ihren Freund. Die beiden Wohnen in einem Hochhaus. Und haben eine merkwürdige Nachbarin mit Hund. Vor allen Dingen Hannah hat Angst vor den beiden. Und dann hat das Paar aber auch noch ein Haus in der Nähe eines Sees. Dort treiben sich merkwürdige bedrohliche Rehe herum. Und es gibt eine geheimnisvolle Insel. Als der Mann versucht, das Eiland zu erreichen wird er angegriffen. Doch alles ist auch irgendwie ganz anders.

Eine verzwickte Geschichte, die SF-Elemente vorweisen kann.

Wie in Tausendundeinernacht geht es zu bei Ellen Norton in "Der singende Schleier". Großwesir Wad Ben Mustafa hat noch ein Hühnchen zu rupfen mit der Tänzerin Jamila. Vor drei Jahren verschwand sie mit Hilfe des Schmiedes Hassan aus dem Harem des Sultans. Jetzt endlich taucht sie wieder auf. Als Mustafa sie aufspürt und zurückbringt, will sie unbedingt noch einmal vor dem Herrscher tanzen.

Eine märchenhafte Geschichte.

Auch bei Julia Annina Jorges "Diese verfluchten kleinen Dinge" spielt Musik eine gewisse Rolle. Hat sie sich doch von dem Stück "DNS-Wasserturm" der Band "Einstürzende Neubauten" inspirieren lassen. Ein frühpensionierter Beamter lebt nach der Trennung von seiner Frau im Hause seiner Mutter. Dort lebt er seinen ausgewachsenen Ordnungsfimmel strikt aus. Weite Teile der Wohnung sind mit penibel geordneten Jahrgängen von Zeitschriften gefüllt. Er kann sich kaum zwischen diesen Türmen bewegen. Doch er sammelt noch andere Dinge: Kinderspielzeug zum Beispiel. Ganz gegen den Willen der Mutter. Und sein größter Schatz sind kleine Dinge wie Haarspangen, die er heimlich auf Spielplätzen an sich gebracht hat.

Eine verstörende Geschichte.

Ebenfalls aus dem Bereich der Rockmusic kommt "Mind Fuck" von Vincent Voss. Es geht um die Band SLAYER, besonders um ihren Sänger Matthes. Dieser hat eines Tages einen Doppelgänger, der seine Position in der Band und überhaupt im Leben übernimmt. Und er hat besondere Fähigkeiten.

Dazu fällt mir eigentlich nur Sex, Drugs and Rock'n'Roll ein.

Um die Probleme eines Geistes geht es bei Michael Tillmann in "Warum erlöst sie mich nicht, obwohl sie genau weiß, wo meine Knochen verrotten?". Wenn man erschossen wird, hat man nur noch den Gedanken an Rache. Doch das ist leichter gedacht als ins Werk gesetzt. Die Möglichkeiten eines Geistes sind eben doch begrenzt. Er ist irgendwie auf die letzte Ruhestätte beschränkt und kann sich auch nicht wirklich richtig manifestieren. Dazu kommt, dass die Menschen, denen er erscheint, nicht wissen, was er will und meist mit Angst und Flucht reagieren. Doch eines Tages ist alles anders. Eine Frau findet den Ort der letzten Ruhestätte und reagiert ganz anders als erwartet.

Eine makabre Geistergeschichte mit Pfiff.

Was alles auf einen Familienvater zukommen kann, wenn er mit Frau Kindern einen Sonntagsausflug macht, schildert Uwe Voehl in "Auge um Auge". Dabei fängt alles so harmlos an. An einem kleinen Ort mit idyllischem See will die Familie im Restaurant Modderblick essen. Vorher erlauben die Eltern den Kindern noch ein wenig die Gegend zu erkunden. Zufällig legt gerade ein Fischerboot an. Und der kleine Lasse will unbedingt sehen, was der Fischer gefangen hat. Der Vater hat ein ungutes Gefühl, schreitet aber nicht ein. Obwohl der Junge regelrecht angeekelt wirkt, scheint alles in Ordnung zu sein. Eine Aversion gegen Fisch hatte Lasse schon vorher, jetzt verweigert er aber auch Fischstäbchen. Und bald fängt er an, sich nicht mehr zu waschen, überhaupt Wasser zu meiden.

Nichts für Fischliebhaber. Aber meisterhaft wie aus einem banalen Alltagserlebnis das ultimative Grauen entsteht und eine kleine Familie überrollt.

Bei Jerk Götterwind geht es in "Das Geheimnis der alten Seemannskiste" um ein Familiengeheimnis, das vielleicht besser nicht aufgedeckt worden wäre. Während er eine ausgedehnte Tour durch Südamerika macht, erfährt der junge Mann, dass seine Großeltern verstorben sind. Für ihn waren sie mehr als Großeltern, er ist bei ihnen aufgewachsen, weil die Eltern dauernd beruflich im Ausland waren. Einige Monate später kommt die zweite Trauernachricht. Seine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt kehrt er zurück ins Haus der Großeltern und beim Stöbern findet er auf dem Dachboden in einer Kiste das Tagebuch seiner Mutter. Er hatte einen Zwillingsbruder, aber was für einen.

Die Geschichte hat Anklänge an Lovecraft. Obwohl so gut wie kein Blut fließt, geht der Plot unter die Haut.

Waldemar Klausener schildert in "Bis zum Ende" ein paar Stunden im tristen Leben eines jungen Mannes. Nach einer am Ende doch irgendwie freudlosen Nacht mit einer Frau, mit der es keine langfristige Beziehung geben wird, setzt er sich auf sein Motorrad.

Eine sehr kurze Geschichte, die trotzdem emotional berührt.

Um ein kleines Mädchen, das seit seiner Geburt ein besonderes Mal trägt geht es bei Karin Reddemann in "Die Herzenswünsche der schönen Lilla". Seit ihrer Geburt hat Lilla hinter ihrem linken Ohr ein tropfenförmiges Muttermal. Die altjüngferliche Nachbarin sieht darin ein Zeichen entweder des Himmels oder der Hölle. Zunächst passiert nichts, doch schon in der Schulzeit entwickelt Lilla die Fähigkeit, sich Dinge zu wünschen. Zwar treffen sie meist nicht genau so ein, wie sie sich das vorgestellt hat, doch die allgemeine Richtung stimmt. Leider sind es auschließlich böse Wünsche.

Märchenhaft oder doch wahr? Ein kleines feines Kabinettstück.

Algernoon Blackwood führt den Leser mit "Smiths Untergang" in die Prärie. Eine Jagdgesellschaft erhält überraschend Besuch von Ezekiel B. Smith, dem Gründer von Smithville. Ihn plagen verstörende Visionen. Dabei geht es um "seine" Stadt.

Eine düstere Präriegeschichte vom Altmeister.

Eine ältere Geschichte ist "Drachental" von Anna Alice Chapin (1880-1920). Sie erschien zuerst 1910 im Detective Story Magazin. Drachental ist eine Mischung aus Achter- und Geisterbahn. Eine sechsköpfige Clique hat sich nach einem gemeinsamen Restaurantbesuch in eine Art Vergnügungspark begeben, mit dem Vorsatz alles auszuprobieren. In der Achterbahn kommt es zum Unglück. Schwer verletzt kommt Louise wieder zu sich.

Eine Geschichte, die in die ganz normalen Abgründe der menschlichen Seele führt. Übersetzter: Matthias Kaether.

Ebenfalls ein gehobener Schatz aus vergangenen Zeiten (1899) ist "Phantomschmerz" von Tudor Jenks. Sein Schild ZÄHNE WERDEN SCHMERZLOS ENTFERNT wird einem Zahnarzt zum Verhängnis. Er erhält nächtlichen Besuch von einem Geist, der über Zahnschmerzen klagt.

Eine Geschichte mit einem gehörigen Schuss Ironie. Übersetzer: Matthias Kaether.

Die Artikel
Dieser Abschnitt startet mit einem Bericht von Matthias Kaether über die berühmte Zeitschrift "Amazing Stories". Kenntnisreich legt der Autor dar, wie sich das Magazin im Laufe der Zeit (1926-1965) veränderte und durch die jeweiligen Herausgeber beeinflusst wurde.

Ralf Steinberg greift in seinen Bücherschrank und stellt überaus kenntnisreich in "Jenseits sonnendurchfluteter Sommertage" 10 Bücher aus dem Bereich der Phantastik vor. Er beginnt mit der Urfassung des Frankenstein von Mary Shelley. Weitere Klassiker sind das von August Apel und Friedrich Laun herausgegebene "Gespensterbuch" und "Der lachende Mann von Victor Hugo". In seinem Programm sind aber auch aktuelle deutsche Titel wie "Amerikkan Gotik" von Markus K. Korb, "Dionysos tanzt" von Boris Koch und "Rattensang" von Felix Woitkowski. Dazu kommen auch Übersetzungen wie "Die Mächte des Bösen" von Nathaniel Hawthorne "Die Mächte des Bösen" (Übersetzer: Franz Blei).

Abschließend findet man zunächst die Gewinner und Platzierten des Vincent Preises 2017 in allen Kategorien. Zusätzlich gibt es einen Überblick über die internationale Phantastikpreise als da wären: Bram Stoker Award, Locus Award, August Derleth Award und Shirley Jackson Awards. Und dankeswerterweise sind auch die kompletten Horrorlisten 2017 in allen Kategorien wie Roman, Kurzgeschichte, Anthologie/Magazin, Storysammlung, Kurzgeschichte usw. aufgenommen worden. Und natürlich gibt es auch wieder biografische Informationen zu den Autoren des Bandes.

Meine Gedanken
Die Mischung macht es. Zwielicht mit seinen unterschiedlichen Geschichten und den informativen Artikeln ist einzigartig in der deutschen Horrorlandschaft. Ursprünglich zur Förderung der deutschsprachigen Horror- und dunklen Phantastikszene ins Leben gerufen, ist das Magazin inzwischen mehr. Natürlich bilden die aktuellen Geschichten aus Deutschland immer noch das Herzstück von Zwielicht. Diesmal sind es 13 Stories , darunter befinden sich diesmal etablierte Autoren wie Uwe Voehl und Vincent Voss, "Hausautoren" wie Julia Annina Jorges und Ellen Norten, aber auch Newcomer wie Max P. Becker. Dazu kommen Übersetzungen. Diesmal sind es vier an der Zahl. Darunter befindet sich die Gewinnergeschichte des Shirley Jackson Awards 2016 von Carrie Laben. Wie gewohnt gibt es auch eine klassische Geschichte von Algernoon Blackwood. ergänzt wird dieser Teil diesmal von zwei von Matthias Kaether übersetzte Stories aus der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts. Eben dieser Matthias Kaether hat auch einen Artikel über das berühmte Magazin Amazing Stories beigetragen. Äußerst informativ sind auch die Lesetipps von Ralf Steinberg. Insgesamt ist Zwielicht diesmal sehr umfangreich geworden. Für Horrorfreunde führt eigentlich kein Weg an dieser Ausgabe vorbei.

Zwielicht 12
Achim Hildebrand/Michael Schmidt (Hrsg.)
Cover: Björn Ian Craig
350 Seiten
ISBN 9781790374502
Euro 14.-
Independent/Create Space 2018

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