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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit John McLoughlin?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit John McLoughlin?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Am 19. Oktober 1784 wurde der „Vater von Oregon“ geboren: Dr. Jean-Baptiste McLoughlin (bekannt als John McLoughlin). Er war ein Franco-Kanadier, der als „Factor“ (Manager) der legendären Hudson’s Bay Company zeitweise einer der mächtigsten Männer im Nordwesten Nordamerikas war.

Ab 1798 studierte er Medizin in Quebec und erhielt 1803 seine Zulassung als Arzt. (In jener Zeit mußte man keine Universität besuchen, man konnte bei einem Arzt in die Lehre gehen.) Die „North West Company“, die damals in scharfer Konkurrenz zur „Hudson’s Bay Company“ stand, bot ihm eine Anstellung als Arzt in Fort William an, ihrem Hauptquartier am Lake Superior. Hier wandte er sich bald selbst dem hochprofitablen Pelzhandel zu, lernte mehrere Indianersprachen und wurde 1814 Teilhaber der Handelsfirma. 1821 war er führend an den Verhandlungen zur Verschmelzung der „North West Company“ und der „Hudson’s Bay Company“ beteiligt. Danach übernahm er leitende Positionen in der neuen Firma und eröffnete 1825 unweit des Willamette River – einem Nebenfluß des Columbia – den Handelsposten Fort Vancouver, das Hauptquartier des Columbia Departments der „Hudson’s Bay Company“.

1818 hatten sich die USA und England in der „Anglo-American Convention“ darauf geeinigt, das kaum besiedelte Gebiet am Pacific gemeinsam zu nutzen.

Die Dimension von Fort Vancouver verdeutlichte den Willen der Engländer, die Pacific Region zu behaupten. Tatsächlich beherrschte die „Bay“ den gesamten Pelzhandel im amerikanischen Nordwesten bis Anfang der 1840er Jahre. John McLoughlin war als Chief Factor verantwortlich für den geschäftlichen und politischen Erfolg. Seine enormen organisatorischen und administrativen Fähigkeiten machten ihn zu einem hochrespektierten Mann.

Das Columbia Department der „Bay“ umfaßte die heutigen Gebiete der US-Staaten Oregon, Washington, Idaho, sowie auf kanadischem Gebiet British Columbia. Ein riesiges Reich, in dem John McLoughlin faktisch die vollständige Regierungsgewalt ausübte. Die Chefs von Pelzhandelsposten waren in jener Zeit bei weitem nicht „nur“ Händler, sondern regelrecht die „Fürsten“ ihrer Distrikte, in denen ihr Wort Gesetz war. Die Forts waren wirtschaftliche und politische Zentren für die Indianervölker der jeweiligen Regionen.

Fort Vancouver war die größte Niederlassung der „Bay“ mit einer Palisade von 240x140 m. Das Fort verfügte über ein riesiges Warendepot. McLoughlin verwaltete 34 Außenposten, 24 Häfen und 6 Frachtschiffe. In Fort Vancouver wurden die von den Indianern erhandelten Pelze gesammelt und für die Verschiffung nach England vorbereitet. Wie in jenen Tagen üblich, war das Fort eine autarke Siedlung, ein markanter Vorposten der Zivilisation in der Wildnis. Da Lieferungen aus Europa monatelang unterwegs waren und Bestellungen für den Handel und das persönliche Leben bis zu zwei Jahre benötigten, bevor die gewünschten Waren in Fort Vancouver eintrafen, mußte der Posten für fast alle Lebensbereiche in erster Linie Selbstversorger sein.

Es gab Tischlerwerkstätten, Grob-, Zinn- und Kupferschmiede. In dem zum Posten gehörenden Flußhafen – es gab über 20 weitere kleinere Häfen am Columbia, dessen Nebenflüssen und an der Küste – arbeiteten sogar Schiffszimmerleute. Fort Vancouver verfügte über eigene Felder und Gärten, sowie über eine eigene Rinderzucht. In der Nähe siedelten sich Farmer an, die saisonweise im Fort als Hilfskräfte beschäftigt waren. Insgesamt verfügte Fort Vancouver zu Spitzenzeiten über etwa 600 Angestellte.

Diese lebten in einer Siedlung nur wenige hundert Yards vom Fort entfernt. Da sehr viele Bewohner von den Hawaiianischen Inseln stammten, hatte dieses Dorf den Namen „Kanaka“ – man geht davon aus, daß diese Niederlassung zu ihrer Zeit die größte Ansiedlung von Hawaiianern außerhalb Hawaiis war.

Die Klasse der „Gentlemen“ - die leitenden Angestellten - pflegte ein gehobenes gesellschaftliches Leben, soweit das in der Wildnis möglich war. Fort Vancouver entwickelte sich zu einem dynamischen Handelsplatz, wozu die unermüdliche Energie John McLoughlins beitrug. Entsprechend dem internationalen Charakter des Pelzhandels, fanden sich hier Menschen fast aller Herren Länder und vieler Regionen Nordamerikas. Man hörte ein babylonisches Sprachengewirr.

Die meisten großen Pelzhändler und erfolgreichen Mountain Men nahmen sich indianische Frauen. McLoughlin heiratete eine Metis-Frau, die Tochter einer Indianerin und eines Teilhabers der „North West Company“.

Zum Ärger seiner Vorgesetzten machte Dr. McLoughlin allerdings keine Anstalten, die in wachsender Zahl nach Oregon strömenden Amerikaner einzuschüchtern. Im Gegenteil verkaufte er den ersten Trecks Lebensmittel und Saatgut, und er ging soweit, den Siedlern Kredite einzuräumen und ihnen bei der Ansiedlung behilflich zu sein.

Sein gastfreundliches Verhalten führte zu wachsenden Spannungen zwischen ihm und der Firmenleitung. 1846 kam es zum Bruch. Die USA begannen einen Krieg mit Mexiko und beanspruchten zudem den gesamten Nordwesten. John McLoughlin unterstützte die amerikanischen Forderungen, denen England letztlich im „Oregon-Vertrag“ zustimmte. Damit wurde das „Oregon Territorium“ offiziell Teil der USA.

McLoughlin legte seinen Posten als Chief Factor nieder, zog mit seiner Familie ins Willamette Valley und gründete die Stadt Oregon City. Hier eröffnete er einen ungemein erfolgreichen General Store. 1847 erhob Papst Gregory XVI. ihn zum „Ritter von St. Gregory“. 1849 wurde er Staatsbürger der USA und 1851 zum Bürgermeister von Oregon City gewählt.

Er starb am 3. September 1857 und liegt neben seinem Haus in Oregon City begraben.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die kommende Ausgabe

 

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