Morituri - Flucht aus dem KZ
Morituri (1948)
Flucht aus dem KZ
Der polnisch-jüdische Produzent und Autor Artur Brauner (1918- 2019) war ohne Zweifel einer der wichtigsten Filmemacher der deutschen Nachkriegsjahre. Seit 1946 hatte er in Deutschland Filme produziert und schaffte es, bis ins Jahr 2011 ein immenses Œuvre von über 300 Titeln zustande zu bringen. Darunter finden sich einige der publikumswirksamsten und kommerziell erfolgreichsten Filme der 1950er und 1960er Jahre, Schlagerfilme („O sole mio“), Krimis („Das Geheimnis der schwarzen Koffer“), Literaturverfilmungen („Via Mala“) oder effektvolles Genrekino („Die tausend Augen des Dr. Mabuse“, „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“). Ein besonderes Anliegen Brauners war es aber auch, mit seinen finanzstarken Erfolgsfilmen kleine Produktionen zu ermöglichen, die wichtige Geschichten gegen das Vergessen erzählten. Zu den renommiertesten Arbeiten Brauners in diesem Bereich zählen der Oscar-nominierte „Hitlerjunge Salomon“ von Agnieszka Holland, „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven, „Der Rosengarten“ von Fons Rademakers oder „Babij Jar – Das vergessene Verbrechen“ von Jeff Kanew. Aber bereits im Jahr 1948 nahm er sich in „Morituri“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1965) des Themas an und lieferte dafür auch die Drehbuchvorlage. Ein ähnliches Thema griff übrigens Pepe Danquart 2013 mit der Verfilmung von Uri Orlevs Roman „Lauf Junge lauf“ noch einmal auf.
Dr. Leon Bronek (Walter Richter) ist ein polnischer Arzt, der während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzern dazu verdonnert wird, die Inhaftierten eines Konzentrationslagers auf ihre Arbeitsfähigkeit zu untersuchen. Bronek rebelliert gegen die NS-Schergen und versammelt einige der kräftigsten und widerstandsfähigsten Gefangenen (darunter auch der junge Klaus Kinski in seinem Filmdebüt) in einer Baracke, um ihnen dort zur Flucht zu verhelfen. Zwar sterben etliche von ihnen beim Versuch, in die Freiheit zu gelangen, aber immerhin fünf Inhaftierte können sich in einen nahegelegenen Wald absetzen. Da Broneks Mitwirkung bei der Flucht aufgedeckt wurde, muss auch er sich verstecken und führt die fünf Überlebenden in ein großes Geheimversteck inmitten des Waldes, in dem Lydia (Lotte Koch) das Kommando führt. Die ist zunächst wenig begeistert von den Neuzugängen, da sie befürchtet, dass die verstärkten Suchaktionen nach den Geflohenen auch ihr seit Monaten unentdecktes Versteck enttarnen könnte. Bald schon hat sich die bunte Schar aus einem staatenlosen Sänger (Josef Sieber), einem Russen (Peter Marx), einem Kanadier (Alfred Cogho), einem Franzosen (Carl-Heinz Schroth) und einem deutschen Pastor (Siegmar Schneider) aber integriert und hilft mit, Essen zu besorgen, um das Überleben zu sichern. Als NS-Soldat Georg (Karl Vibach) den geheimen Unterschlupf entdeckt und gefangen genommen werden kann, muss entschieden werden, was mit ihm geschehen soll.
Eugen Yorks Langfilmdebüt (sein während der NS-Zeit gedrehter „Heidesommer“ blieb unvollendet) ist ein sehr frühes Beispiel, die unrühmliche deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Film vereint Menschen der unterschiedlichsten Nationen (die ihre jeweilige Sprache sprechen) miteinander und zeigt auf, wie sie in Zeiten der Gefahr gemeinsam etwas erreichen können. Ein zutiefst humanistischer Ansatz, der durch das moralische Dilemma des gefangenen Soldaten vor eine harte Probe gestellt wird. Alle weiteren NS-Charaktere bleiben im Film übrigens gesichtslos, werden lediglich von hinten oder hinter Zeitungen gezeigt und sind nur akustisch präsent. Ein filmhistorisch interessanter Versuch, dem Grauen einer nur wenige Jahre zurückliegenden humanitären Katastrophe gerecht zu werden. Die DVD-Wiederveröffentlichung bei OneGate bietet ein gutes Bild (Schwarz-weißes Vollbild im Format 1,33:1 – auf dem Cover falsch mit 16:9 angegeben). Der deutsche Originalton (inklusive einiger anderer nicht untertitelter Sprachen; in Dolby Digital 2.0 Mono) ist aufgrund von Rauschen und Knistern mitunter etwas schwer zu verstehen, was dem Alter des Films geschuldet ist. Bonusmaterial ist hier keines mehr enthalten.