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Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 12: Günter Grass - Die Rättin

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 12:
Günter Grass: Die Rättin

Phantastische Literatur in allen ihren verschiedenen Ausprägungen wird allgemein als Teil der Unterhaltungsliteratur betrachtet, um es deutlicher zu sagen der Trivialliteratur. Dass sich aber auch renommierte Autoren der deutschsprachigen Literatur, die zum Teil zu höchsten literarischen Ehren gelangten, mit utopischen und phantastischen Stoffen beschäftigten, wird in dieser Serie aufgezeigt.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Ein Schwergewicht der deutschen literarischen Szene beschließt die vorliegende Artikelserie. Günter Grass (1927 – 2015) war von vielen hoch geachtet, aber auch umstritten, ein Mann, der aneckte, der nicht glatt gebürstet war. Er ließ kaum jemand gleichgültig die Schultern zucken. Grass ist in Danzig geboren, der historischen Hansestadt, die jahrhunderelang vom Miteinander und auch vom nationalen Gegensatz zwischen Deutschen und Polen geprägt war. Der Beginn des Weltkrieges in seiner Heimatstadt und der Verlust der Heimat nach der vernichtenden Niederlage und der Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie haben unauslöschliche Spuren im Denken, Leben und Schreiben von Grass hinterlassen. Er war teilweise kaschubischer Abstammung. Die Kaschuben sind ein kleines Völkchen mit einer eigenen slawischen Sprache vergleichbar mit den Sorben in der Lausitz, die dem Assimilierungsdruck der großen Nachbarvölker ausgesetzt waren bzw. es nach wie vor im heutigen Polen sind. Bereits mit fünfzehn Jahren meldete sich Grass freiwillig zur Wehrmacht, um der Enge seines Elternhauses zu entkommen, und wurde wenige Monate vor Kriegsende zur Waffen-SS einberufen. Dass er diese Tatsache nach dem Krieg lange verschwieg, brachte ihm heftige Kritik von vielen Seiten ein, als er sie in seinem Erinnerungsbuch Beim Häuten der Zwiebel 2006 publik machte. Die Geschichte hat gewisse Ähnlichkeiten mit der von Walter Jens, wo ebenfalls Kritiker aus ihren bequemen Lehnsesseln heraus moralisierend über einen jungen Menschen richteten, der dem Würgegriff eines totalitären und bis zum Exzess gewalttätigen Systems ausgeliefert war. Genauso wie in jenem Beispiel kann man Grass höchstens vorhalten, dass er die Mitgliedschaft in der Waffen-SS so lange verschwiegen hat.

Nach dem Zusammenbruch hatte Grass verschiedene Lebens- und Ausbildungsstationen im Westen, darunter ein Studium der Grafik und Bildhauerei. Aus mehreren Ehen und Beziehungen stammen sechs leibliche Kinder. Schriftstellerisch trat Grass erstmals 1956 als Lyriker hervor, 1957 als Dramatiker und Librettist. Bereits sein erster Roman brachte Grass den Durchbruch zu literarischem Ruhm. Die Blechtrommel, 1959 erschienen, ist das Kernstück der Danziger Trilogie und setzt der verlorenen Heimatstadt ein literarisches Denkmal im geschichtlichen Zusammenhang. Die Lebensgeschichte des Oskar Matzerath, der an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht weiter zu wachsen, ist ist ein Entwicklungs- und Schelmenroman, der auch einige phantastische Anklänge hat. Da dies aber nur eine kleine Begleiterscheinung ist, beschäftigen wir uns hier nicht weiter diesem Werk, das 1979 von Volker Schlöndorff mit David Bennent als Hauptdarsteller eine würdige Verfilmung bekam und mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Politisch war Grass jahrzehntelang der SPD verbunden. Ein besonders enges Verhältnis hatte er zu Willy Brandt und diente ihm auch als Redenschreiber. Die deutsch-polnische Aussöhnung war beiden gleichermaßen ein Herzensanliegen. Grass erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter sind wohl die wichtigesten 1993 die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig und 1999 der Nobelpreis für Literatur. 2015 starb der Autor in Lübeck, der neben Danzig bedeutendsten Hansestadt an der Ostsee.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:

Deutlich mehr phantastischen Inhalt als die berühmte Blechtrommel bietet Die Rättin, 1986 erschienen. Als Roman kann das Buch zwar bezeichnet werden, das ist aber eine eher hilflose Beschreibung für eine apokalyptische Vision. Es handelt sich um ein Neben- und Hintereinander verschiedener Sequenzen, die sich rund um einen Erzähler und seine Ratte, die er sich zu Weihnachten gewünscht hat, abspielen. Die Rättin berichtet dem Erzähler vom Untergang der Menschheit nach dem wechselseitigen Auslösen des Atomkriegs durch die Supermächte. Kann die Rättin wirklich sprechen oder träumt er nur davon, in einem Raumschiff die Erde umkreisend?

Das war kein Rollstuhl, von dem mir träumt. Es war eine Raumkapsel, in der ich angeschnallt saß und meiner Umlaufbahn folgen mußte. Ich, ohne Begriff von all dem Weltraumklimbim; ich, unbelastet vom Spezialwissen, das hochqualifiziert nach den Sternen greift und alle Galaxien namentlich anzusprechen versteht; ich, frei von Sprachkenntnissen, die nicht nur leichthin plaudernden Astronauten, sondern auch Schulkindern mittlerweile geläufig sind; ich altmodischer Narr, dem selbst das Telefonieren ein unbegreifliches Wunder geblieben ist, saß fest in einer Raumkapsel und rief: Erde! Antworten Erde!

Nachdem der Krieg mit Neutronenbomben geführt wird, bleiben die Städte unzerstört und die schlauen Ratten, die den Untergang vorausgesehen und in Tunneln überlebt haben, gründen eine Rattenzivilisation als Erben der Menschheit.

Siehe! rief sie, brachte aber außer sich nichts ins Bild, behauptete nur, es hätten nur vier oder fünf über Gdańsk gezündete Schonbomben zwar alles Leben im Stadtgebiet, im Umland der Weichselmündung und bis in die Kaschubei gelöscht, doch seien, bei schwacher Druckwelle und weil der Mehrfachsprengkopf in neunhundert Metern Höhe gezündet worden war, die historischen Gebäude der Stadt alle erhalten geblieben, desgleichen umliegende Wohnsilos und Hafenanlagen. Das stünde alles in seinen Mauern und Konstruktionen. Einzig das hölzernde Krantor sei abgebrannt und alle Fensterscheiben, sogar die Kirchenfenster hin.

Sie sagte: Woanders schaut es schlimm aus. Die Industriestadt Gdynia und die benachbarten Städte Wejherowo und Sopot sind bis in die Fundamente zerstört, doch bei dir zu Haus ließe sich wohnen. Obgleich Staub- und Aschestürme während der Zeit grimmiger Kälte und lastender Finsternis jedes Gemäuer, alles, was heil geblieben ist, mit Ruß überzogen haben, ist doch das Stadtbild ungekränkt, seine Schönheit dauert, freue dich!

Ob die Ratten selbst Auslöser der Katastrophe durch Annagen der Computersysteme waren oder ob zu Kriegszwecken gezüchtete Labormäuse das Fiasko verursachten, bleibt widersprüchlich. Auf jeden Fall ist der Aufbau einer Zivilisation nach dem Verschwinden der Menschheit mühevoll, auch durch die Folgen der atomaren Strahlung.

Doch zum Glück, rief die Rättin, paßten sich jene Sippen den Staubstürmen und deren strahlender Mitgift an, die sich während der auslaufenden Humanzeit in Kernkfraftwerken und Atommüllzwischenlagern angesiedet und resistent gemacht hatten. Ihnen gelang es, die ersten gesunden Würfe durchzubringen. Doch heißt gesund nicht unverändert: Unser vormals graubraunes Fell ist seitdem grün, als hätten wir jene Farbe retten wollen, die mit den Menschen wie ausgelöscht war. Und nicht nur wir sind verändert. Die Spatzen und Tauben sind weiß und scharlachrot gefiedert. Frösche und Lurche geraten viel größer, sind aber durchsichtig fast. Zwar ähneln die Fische in Wasserlöchern herkömmlichen Plötzen, Karpfen und Hechten, doch sind auch sie im Kiemen- und Seitenflossenbereich verändert, als wollten dort Glieder, demnächst tauglich für Landgang wachsen. Ach je! Auch das noch: Sie Schmeißfliegen werfen lebendige Junge und säugen, stell dir vor, säugen wie wir. Flugschnecken gibt es und Spinnen, die unter Wasser ihr Netz spannen. Die Rußwürmer leben, nützlich durchaus, vom abgelagerten Ruß, sind aber ungenießbar sogar für unsereins...

Ich rief: Das hast du gelesen, Rättin! In Schmökern irgendwo aufgeschnappt. Diese triviale Science-fiction-Menagerie! Malskatsche Fabelwesen oder Breughelsche Ausgeburten. Der übliche Mutationsschwindel!

Der Erzähler will die Geschichte der Rättin nicht hinnehmen und stellt ihr eigene Geschichten entgegen. Die drehen sich einerseits um den alt gewordenen Blechtrommler Oskar, der als Filmproduzent seinen Lebensunterhalt verdient und zum Fest des einhundertsiebten Geburtstages seiner Großmutter Anna Koljaiczek nach Polen reist, andererseits um die fünfköpfige rein weibliche Besatzung eines kleinen Forschungsschiffs, das in der Ostsee die Entwicklung der Ohrenquallenpopulation untersucht, sich aber auch auf die Suche nach der untergangenen Stadt Vineta macht. Auch die Gebrüder Grimm spielen eine Rolle, die als Minister in der Bundeshauptstadt Bonn gegen das Waldsterben ankämpfen. Hätte Grass das Buch in den 2010er-Jahren veröffentlicht, wäre statt der drohenden Apokalypse durch Atomkrieg und Waldsterben wahrscheinlich der Klimawandel und der IS-Terror vorgekommen. So sind die Bücher immer Kinder ihrer Zeit.

Das Ende bleibt offen: Ist die Rättin ein Traum des Erzählers oder entspringt er der Phantasie der Rättin?

Viele Ausgaben des Buches zeigen als Titelbild eine Zeichnung, die von Grass selbst angefertigt wurde und einen Beweis für sein grafisches Talent liefert: eine Ratte vor der unverwechselbaren Silhouette der Stadt Danzig mit dem mächtigen Turm ihres Wahrzeichens, der Marienkirche.

Damit sind wir am Ende unseres Streifzuges durch utopische und phantastische Werke von Autoren der deutschsprachigen Hochliteratur des 20. Jahrhunderts angekommen. Für Leser von geradlinig gestrickter Unterhaltungsliteratur gleich welchen Genres war zweifellos schwer Verdauliches darunter, aber die Blicke in die Bücher können sich durchaus lohnen. Man muss ja nicht unbedingt mit Alfred Döblin oder Arno Schmidt beginnen, ganz zu schweigen von Dschems Dscheuß. Wie sieht es mit der Überwindung der Genre- und Klassengrenzen in der zeitgenössischen Literatur aus? Da gibt es durchaus Bemerkenswertes. Ich habe schon überlegt, als Schlussartikel für diese Serie Das Parfüm von Patrick Süskind zu besprechen, bin aber davon abgekommen, weil alle hier vorgestellten Autoren bereits verstorben sind und ich Herrn Süskind noch ein langes und gutes Leben vergönne. In der Tat ist Das Parfüm ein Roman, der sowohl von etablierten Kreisen der Weltliteratur wohlwollend aufgenommen wurde als auch 1987 (als bisher einziger Roman eines deutschsprachigen Autors) mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet worden ist. Dazu passt auch, dass der Roman im Schweizer Diogenes Verlag herauskam. Diogenes ist ja dafür bekannt, sich nicht um irgendwelche Kategorisierungen zu scheren. Da haben beispielsweise Honoré de Balzac, George Orwell, Jules Verne und Friedrich Dürrenmatt nebeneinander Platz. War Ray Bradbury ein Schundschreiber oder ein Dichter?

Utopisch-phantastische Elemente finden sich auch bei anerkannten Mainstram-Autoren der jungen Generation wie Dietmar Dath (Die Abschaffung der Arten), Christian Kracht (Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten) oder Frank Schätzing (Der Schwarm, Limit, Die Tyrannei des Schmetterlings). Schriftsteller, die aus der SF-Ecke kommen, wie Andreas Brandhorst oder Andreas Eschbach, schreiben andererseits ihre Romane mit einer "handwerklichen" Qualität, die weit über der von Schundfetzautoren vergangener Jahrzehnte liegt. Der Fall ist also nicht hoffnungslos, dass die Decke zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur durchlässiger wird.

Bibliografie

Deutsche Erstausgabe

Die Rättin
Darmstadt 1986, Luchterhand

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Für diesen Artikel verwendete Ausgabe

Die Rättin
München 2007, Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv 12528, 5. Auflage


Übersicht aller Artikel:

13.09.2018 Franz Kafka: Der Prozess & Das Schloss
04.10.2018 Alfred Kubin: Die andere Seite
18.10.2018 Alfred Döblin: Berge, Meere und Giganten
01.11.2018 Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
15.11.2018 Franz Werfel: Stern der Ungeborenen
29.11.2018 Gerhart Hauptmann: Die Insel der großen Mutter
13.12.2018 Ernst Jünger: Heliopolis & Gläserne Bienen
27.12.2018 Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom & Das große Netz
10.01.2019 Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten
24.01.2019 Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik & KAFF auch Mare Crisium
07.02.2019 Marlen Haushofer: Die Wand
21.02.2019 Günter Grass: Die Rättin

 

Kommentare  

#1 Toni 2019-02-21 21:05
Ein schöner Abschluss dieser Artikelreihe.
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