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Eine Frage an ... Dietmar Kuegler: Wie war das mit Levi Boone Helm?

Eine Frage an Dietmar KueglerWie war das mit Levi Boone Helm?

Dietmar Kuegler erinnert auf Facebook immer wieder an bestimmte Daten und Ereignisse der amerikanischen Geschichte. Diese mehr oder weniger kurzen Vignetten sind interessant und ausgesprochen informativ und auf jeden Fall lesenswert.

In Absprache mit Dietmar Kuegler wird der Zauberspiegel diese Beiträge übernehmen.

Dietmar KueglerDietmar Kuegler: Der “Wilde Westen” war keine Erfindung von blutrünstigen Sensationsblättern. Es gab die „Dark and Bloody Grounds“ – wenn auch nicht so, wie die Schreiber von „Dime Novels“ sie im 19. Jh. darstellten. Die Amerikaner an der Ostküste selbst sprachen vom “Wilden Westen“ ihres Landes, in dem es kein Gesetz gab und anständigen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes das Fell (oder der Skalp) über die Ohren gezogen wurde.

Tatsächlich wünschten sich die Pioniere, die in Planwagen westwärts zogen, eine sichere, bürgerliche Gesellschaft. Aber es gab Gebiete, die zu bestimmten Zeiten außer Kontrolle gerieten. Gold- und Silberfunde, die Anlage der Eisenbahn, die Stationen der großen Viehtrails – hier explodierte das Leben. Hier eröffneten sich scheinbar grenzenlose Quellen schnellen Reichtums. Hier sammelte sich meist Menschen, die weder Skrupel noch Rücksicht kannten. Physische Gewalt war natürlicher Teil ihres Lebens.

Zu solchen Menschen gehörte auch Levi Boone Helm, der am 14. Januar 1864 – vor 156 Jahren – in einer Galgenschlinge sein Leben aushauchte. Menschen wie er waren schon damals und im wildesten Westen Außenseiter. Aber hier waren die Verhältnisse so gelagert, dass ihre abnormen Persönlichkeiten ein Feld der Entfaltung fanden, bevor sie mit ähnlich gewalttätigen Mitteln aufgehalten wurden.

Geboren am 28. Januar 1828 (vor 192 Jahren) in Kentucky, ging Helm als „Kentucky-Kannibale“ in die Geschichte der Frontier ein. Heute gilt er als einer der ersten amerikanischen Serienmörder. Seinen Spitznamen erhielt er, weil er tatsächlich das Fleisch von Menschen verzehrte, die er vorher umgebracht hatte. Seine Opfer blieben meistens namenlos, wurden in zeitgenössischen Dokumenten nicht weiter erwähnt.

Helm wuchs in Missouri, wo seine Eltern – ehrenwerte, fleißige Menschen – eine Farm anlegten, mit 12 Geschwistern auf. Schon als junger Mann zeigte er Zeichen eines anarchischen Lebens. Er provozierte Kämpfe und zeigte in jeder Situation extreme Gewaltbereitschaft. Bei einer gerichtlichen Vorladung sprengte er zu Pferde in den Gerichtssaal und beleidigte vom Sattel aus den Richter. 1848 heiratete er ein 17jähriges Mädchen, zeugte einen Sohn und mißhandelte seine junge Frau derart, dass sein eigener Vater letztlich die Scheidung bezahlte, um Schande von der Familie abzuwenden. Das bedeutete 1850 den Ruin der väterlichen Farm.

Danach wollte Helm in die Goldfelder von Kalifornien ziehen. Er überredete seinen Cousin Littlebury Shoot, ihn zu begleiten. Als der Cousin kurz vor dem Aufbruch anderen Sinnes wurde, kam es zum Streit, der damit endete, das Helm ihn erstach. Littlebury Shoots Bruder gelang es, Helm festzusetzen. Das Gericht hielt ihn für geisteskrank und schickte ihn nicht ins Gefängnis, sondern in ein Pflegeheim, wo es ihm gelang, einen Wärter zu überwältigen und zu flüchten.

Auf dem Weg nach Kalifornien beraubte er mehrere Männer und brachte sie um. Vor einer Gruppe anderer Goldsucher, mit denen er zeitweise weiterzog, brüstete er sich der Morde und erzählte, wie er mindestens eines seiner Opfer verzehrt hatte. Überliefert ist die Aussage von einem seiner Bekannten: „Ich war gezwungen viele von den armen Teufeln, die ich umgebracht habe, hin und wieder zu essen, weil ich hungrig war.“ Das war der erste Hinweis auf Helms Kannibalismus.

In der Nähe von Fort Hall (heute Idaho) wurden Helm und seine Begleiter von Indianern angegriffen. Sie flüchteten unter Verlust ihrer Vorräte in die Wildnis. Die Männer töteten ihre Pferde, aßen das Fleisch und fertigten sich Schneeschuhe aus den Häuten an. Sie verirrten sich. Einer nach dem anderen blieb auf der Strecke. Am Ende waren nur Helm und ein gewisser Burton übrig. Schließlich brach auch Burton zusammen und erschoß sich in seiner Verzweiflung selbst. Helm verzehrte eines von Burtons Beinen, schnitt das zweite ab, verpackte es in eine Decke und nahm es als Proviant mit. Irgendwann stieß er in der Nähe eines Indianerlagers auf einen weißen Händler, der ihn versorgte und mit nach Salt Lake City (Utah) nahm. Hier lagen den Behörden mehrere Steckbriefe und Haftbefehle gegen ihn vor.

Helm verließ Salt Lake City fluchtartig. Er gelangte nach Kalifornien und wurde in der Nähe von San Francisco von einem Rancher aufgenommen, den er zum Dank ermordete und ausplünderte. Danach entkam er nach Oregon, wo er von Straßenraub lebte.

1862 schoß er in betrunkenem Zustand in einem Saloon einen unbewaffneten Mann namens Dutch Fred nieder. Auf seiner Flucht vor einem Lynchmob wurde er von einem anderen Mann begleitet, der ebenfalls vom Gesetz gesucht wurde. Als beide ihre Verfolger abgehängt hatten, ermordete Helm seinen Begleiter und verzehrte Teile von ihm. Wenig später wurde er in British Columbia (Kanada) von einem Aufgebot gestellt. Über seinen Kannibalismus sagte er in einem Verhör: „Glaubt ihr, das ich ein Idiot bin? Warum soll ich verhungern, wenn ich es verhindern kann. Natürlich habe ich ihn gegessen.“

Es grenzt an ein Wunder – und belegt, dass die Sitten im sogenannten „Wilden Westen“ nicht ganz so regellos waren, wie es immer dargestellt wird –, dass Helm nicht sofort aufgehängt wurde. Er wurde vor ein ordentliches Gericht gestellt und schaffte es, einen seiner Brüder – genannt „Old Tex“ – zu benachrichtigen, der nach Oregon reiste und ihn mit Hinweis auf seine bereits einmal belegte mentale Erkrankung freikaufen konnte. Er nahm ihn mit nach Texas. Aber noch im selben Jahr tauchte Helm in den Goldfeldern von Montana auf, wo er sofort Anschluß an die als „Innocents“ (Die Unschuldigen) genannte Bande von Straßenräubern fand. Ihr Kopf war niemand anderes als der amtierende Sheriff des Beaverhead County, Heny Plummer.

Im Westen Montanas war in jener Zeit kein Goldtransport mehr sicher. Postkutschen, einzelne Reisende, Warentransporte wurden nahezu täglich überfallen. Die Räubereien endeten nicht selten mit Morden. Im Laufe der Zeit kam heraus, das die Informationen an die sogenannten „Road Agents“ aus dem Büro des County Sheriffs kamen. Daraufhin bildete sich in der Alder Gulch eine Bürgerwehr. Die „Vigilanten“ gingen entschlossen und gnadenlos gegen den Terror der Straßenräuber vor. Am 14. Januar 1864 wurden Boone Helm und 4 weitere Banditen von den Vigilanten festgesetzt und von einem Bürgergericht in Virginia City zum Tode verurteilt. Sie hatten versucht, die Stadt anzuzünden – neben zahlreichen Räubereien, die ihnen zur Last gelegt wurden. Helm hatte, nach Zeugenaussagen, vorher eine Bibel geküßt und dann seinen Freund „Three Fingered“ Jack Gallagher (Deputy Sheriff des Beaverhead County) beschuldigt, die Überfälle und Morde ausgeführt zu haben, die er selbst begangen hatte. Es nützte ihm nichts.

Um die 6.000 Goldgräber versammelten sich in der Mainstreet von Virginia City vor dem Gerüst eines halbfertigen Hauses. Hier wurden Galgenschlingen über einen der Balken des offenen Daches geworfen. Helm und Gallagher teilten ihr Schicksal mit ihren Kumpanen Haze Lyons, Frank Parish und George „Club Foot“ Lane.

Teilnehmer des Vigilanz-Komitees erzählten später, das Helm und die anderen Delinquenten auf Holzkisten standen, als ihnen die Schlingen umgelegt wurden. Nachdem Jack Gallagher von der Kiste gestoßen worden war, forderte Helm die Vigilanten auf, ihm als nächsten die Kiste unter den Füßen wegzustoßen. Noch bevor der Henker ihn erreichte rief er zum reglos baumelnden Gallagher hinüber: „Ich werde in einer Minute mit dir in der Hölle sein.“ Dann sprang er selbst. Die Schlinge zog sich zusammen und brach sein Genick.

Am 15. Februar 1864 stand in der kanadischen Zeitschrift „Victoria Colonist“: „Endlich gehängt! Der berüchtigte Boon [sic] Helm, der es immer wieder schaffte, der Justiz zu entgehen, wurde … mit anderen Männern in den Bannock [sic] Minen gelyncht.“

Helm und die vier anderen Straßenräuber liegen auf dem Boothill oberhalb von Virginia City begraben. Wenig später griffen sich die Vigilanten auch den betrügerischen Sheriff Plummer in Bannack. Danach setzte eine Flucht der Banditen aus den Goldfeldern ein.


Dietmar Kuegler gibt viermal im Jahr das »Magazin für Amerikanistik« heraus. Bezug: amerikanistik(at)web.de

Das Magazin für Amerikanistik, September 2019Die aktuelle Ausgabe

 

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