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... Rebecca Gablé über den historischen Roman an und für sich

Rebecca Gablé

... Rebecca Gablé ...
...über den historischen Roman an und für sich

Nachdem wir die Waringham-Saga, Rebecca Gablés mögliche und tatsächliche Projekte diskutiert haben, fehlten eigentlich nur noch ein paar Fragen zum historischen Roman im allgemeinen.

Die Autorin nahm sich auch Zeit, diese Fragen zu beantworten. Dass sie uns gegen Ende des Interviews eingeladen hat, auf der nächsten Messe wieder mit ihr über ihr neues Buch (das Sachbuch über das englische Mittealter) zu reden, erfreut uns sehr.


Und mit Sicherheit werden sich dann wieder Fragen auftun und es wird wieder viel gelacht werden.

So füllten wir die mit der Presseabteilung der Verlagsgruppe Lübbe vereinbarte halbe Stunde locker aus. In diesem Zusammenhang unseren Dank an Frau Kossmann und die anderen Damen der Presseabteilung. Die Betreuung ist ausgezeichnet.

Damit schließen wir die Interview-Trilogie  ab, bedanken uns artig und nehmen die Einladung von Rebecca Gablé uns 2008 - wenn nichts dazwischen kommt - wieder zu treffen, um ein weiteres Interview zu führen.

Zauberspiegel: Ken Follett, der seine „Säulen der Erde“ gerade fortgesetzt hat, wählt den Weg seine Figuren vor einem historischen Hintergrund agieren zu lassen, während Sie ihre Figuren mit den historischen Ereignissen verweben. Sind das zwei der Grundrichtungen des Historischen Romans oder ist das eine Follett-typisch und das andere Gablé-typisch?
FotoRebecca Gablé: Es gibt ja drei Grundrichtungen des historischen Romans. Man kann es so machen wie Follett, eben nur oder fast nur von fiktiven Menschen erzählen. Diese aber zeittypisch gestalten. Anhand dessen eben Zeit- und Kulturgeschichte erzählen. Man kann das mischen wie ich es mache oder eben nur auf das historische Personal stützen, eben biographische Romane schreiben. Ich finde alle drei Untergattungen eigentlich gleich spannend und in jedem Fall auch gleich zulässig.
Zauberspiegel: Die dritte ist aber problematisch. Man muss als Autor die Taten ‚seiner’ historische Figuren rechtfertigen. Beispiel Richard Löwenherz, der 5.000 Gefangene niedermetzelt.
Rebecca Gablé: Ja, das ist ganz schwierig.
Zauberspiegel: Cædmon of Helmyby (Hauptfigur in Rebecca Gablés Roman „Das zweite Königreich“, Anmerkung hva) kann die Taten von Wilhelm dem Eroberer missbilligen.
Rebecca Gablé: Wenn man das fiktive Personal ganz raus lässt, hat man, glaube ich, ganz schnell das Problem, dass man den Vermittler zwischen dem Mittelalter und dem Leser von heute nicht mehr hat. Dieser Vermittler erklärt ja die Handlungen des mittelalterlichen Personals. In gewisser Weise lässt man den Leser auch allein mit dem mittelalterlichen Personal. Das macht es schwieriger, aber auf der anderen Seite auch sehr spannend. In gewisser Weise ist natürlich auch eine tolle Herausforderung.
Zauberspiegel: Die glaubhafte Schilderung dessen, was da dann teilweise angerichtet worden ist.
Rebecca Gablé: Ja genau.

Zauberspiegel: Welchen Fehler kann man beim Schreiben eines historischen Romans machen?
Rebecca Gablé: Tausende. (lacht)
Zauberspiegel: Gibt es da eine Art Kardinalfehler?
Rebecca Gablé: Ein Kardinalfehler, den ich relativ oft beobachte, ist der Infostau auf Seite eins bis Seite dreißig. Das ist mir selber auch passiert. Ich glaube, dass macht jeder, der zum ersten mal einen Historischen Roman schreibt. Wenn man Glück hat, merkt man es entweder selber oder hat einen guten Lektor, der einem sagt: „Hör mal. Das geht so nicht.“. Man hat sich unheimlich viel Wissen angelesen und man meint: Das muss ich jetzt alles mitteilen. Oder man meint: Ich muss alles erklären, damit das verständlich ist.
Beides ist tödlich. Man überfrachtet sein Publikum mit historischen Fakten. Die Leute kommen sich belehrt vor, was die überhaupt nicht mögen. Und es ist sterbenslangweilig. Also, das ist ein ganz weit verbreiteter Fehler.

Ein Kardinalfehler, den ich relativ oft beobachte, ist der Infostau auf Seite eins bis Seite dreißig.


Naja, natürlich können einem dann Recherchefehler unterlaufen. Das sind oft klitzekleine Kleinigkeiten. Gefährlich sind immer die Sachen, wo man gar nicht auf die Idee kommt, diese zu hinterfragen. Hat es dann denn schon gegeben. Irgendwann habe ich mal in einem Roman geschrieben, dass eine Kräuterfrau eine Salbe macht. Da kam Ringelblume rein und Johanniskraut und Kleehonig. Da schrieb mir eine Leserin: ‚Der Klee aus dem man Honig machen kann, der kommt aus Amerika.’
Zauberspiegel: Dumm gelaufen. (lacht)
Rebecca Gablé: Ja. Hätte ich einfach nur Honig geschrieben, wäre ich absolut im grünen Bereich gewesen. Da habe ich mir dann selber ins Knie geschossen, weil ich nun überhaupt nicht auf die Idee gekommen bin, das zu überprüfen.
Zauberspiegel: Aber der erste Fehler, sein Publikum zu überinformieren, ist wesentlich schlimmer. Denn die Geschichte mit dem Klee beeinträchtigt die Geschichte nicht bzw. langweilt den Leser nicht zu Tode.
Rebecca Gablé: Ich bin aber der Meinung, dass ein Roman zuverlässig recherchiert sein muss, wenn er sich denn als Historischer Roman bezeichnen will. Mich ärgert das immer, wenn ich so was dann erfahre. Aber okay, so was passiert einfach.
Vielleicht ist es Umberto Eco nicht passiert, weil seine Kenntnis vom Mittelalter so umfassend ist. Da gibt es vielleicht keinen zweiten Menschen, der soviel übers Mittelalter weiß wie er.
Zauberspiegel: Nicht jeder kann Umberto Eco sein.
Rebecca Gablé: Nein. Das wär auch schrecklich, denn er ist so ein furchtbarer Angeber. Das würde man nicht aushalten, wenn es viele Menschen gäbe wie ihn.

Nein. Das wär auch schrecklich, denn er ist so ein furchtbarer Angeber. Das würde man nicht aushalten, wenn es viele Menschen gäbe wie ihn.


Zauberspiegel: Welche Schwierigkeiten hat man denn beim recherchieren?
Rebecca Gablé: Die größte Schwierigkeit ist, dass man immer nur die Taten der Menschen sieht. Daraus muss man versuchen, Schlüsse über den Charakter zu ziehen. Sie sprachen ja eben William the Conqueror an. Der hat ja den Norden Englands quasi verhungern lassen. Dafür gab es ein politisches Motiv, aber es war natürlich trotzdem – schon in den Augen der Zeitgenossen - ein schreckliches Verbrechen. Nun sehen wir diesen Menschen, der alle diese furchtbaren taten begangen hat. Wir wissen auch, dass er eine schwere Kindheit hatte. In der Bibel heißt es so schön. ‚An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.’ Das ist das einzige, was wir mit den Menschen aus dem Mittelalter machen können. Wir können nur ihre Taten sehen und müssen daraus auf ihren Charakter schließen. Dabei kann man natürlich auch große Irrtümer begehen. Das ist glaube ich die größte Schwierigkeit.
Zauberspiegel: Wobei es doch wohl nicht möglich ist, die Recherche wertfrei zu machen?
Rebecca Gablé: Nein.
Zauberspiegel: Ich denke, es kommt ja noch dazu, dass wir mit ganz anderen Werten aufgewachsen sind, als es im Mittelalter der Fall war.
Rebecca Gablé: Natürlich. Im Mittelalter galt es als völlig legitim, irgendwo einzufallen und einen Landstrich total zu verwüsten, die Zivilbevölkerung abzuschlachten, die Frauen zu vergewaltigen und das war kein Kriegsverbrechen. Das war der Krieg. Das war völlig in Ordnung. Das ist ganz schwer zu vermitteln. Wir haben heute einen anderen Wertecodex und es gibt eine Genfer Konvention. So ticken wir.
Das muss man als Autor dem Publikum plausibel machen, dass das damals anders war, ohne schulmeisterlich zu sein.
Zauberspiegel: Ist das der Reiz des Historischen Romans, dass da ein ganz anderer Codex herrscht? Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Rebecca Gablé: Ja natürlich. Ich glaube, dass ist auch ein Grund, warum manche Leute das gerne lesen, weil man auch von der Fremdartigkeit fasziniert ist.

Zauberspiegel: Eine weitere Frage, die sich mir stellt. Es wird immer moderner, Frauen in den Mittelpunkt historischer Romane zu stellen. Ihre Hauptfiguren sind immer Männer. Es gibt zwar starke Frauen, aber die Helden sind eben Männer. Warum?
Rebecca Gablé: Ich schreibe eben gerne über Männer. In meinen Krimis, die ja in der Gegenwart spielen, sind die Hauptfiguren auch Männer.
Es gibt ganz viele gute historische Romane mit Frauen als Hauptfiguren, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber das kann auch ganz furchtbar nach hinten losgehen, weil diese Frauen (um einen Roman zu tragen) ja immer Ausnahmefrauen sein müssen. Die Normalfrau wurde irgendwann im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren mit irgendeinem Typen, den ihre Eltern aussuchten, verheiratet. Dann kriegte sie fünf, sechs, sieben, acht, neun Kinder oder ganze viele starben ach beim Dritten. Das war so die Welt. Küche, Kirche, Kinder, oder wie das so schön heißt.
Das trägt keinen Roman. Das ist ein furchtbar eintöniges Dasein. Wenn man eine Frau zur Hauptfigur machen will, dann muss das immer eine Ausbrecherin aus dieser Rolle sein. Das war Blanche Waringham (aus „Das Spiel der Könige“, Anmerkung hva) ja auch. Aber das möchte ich nicht in jedem Roman machen.

FotoZauberspiegel: Zu guter letzt noch: Was leistet Quo Vadis?
Rebecca Gablé: Erstaunlich viel – für eine so junge Organisation, finde ich. Quo Vadis gibt es ja erst seit 2001. Ich finde das ganz erstaunlich was dieser Autorenkreis in so wenigen Jahren auf die Beine gestellt hat: Mehrere Anthologien, inzwischen ist der dritte Kettenroman in Arbeit, es ist ein Literaturpreis ausgelobt worden, der letztes Jahr das erste Mal verliehen wurde und es wird jedes Jahr ein Treffen organisiert.
Das ist für mich persönlich, glaube ich, das Wichtigste, dieses Jahrestreffen, wo man hinfahren kann und Kollegen trifft, die das gleiche machen. Mit denen kann man sich austauschen. Wie machst Du das und das? Erzähl mal, worüber Du schreibst. Es ist auch spannend, weil alle Geschichtsversessen sind.
Durch diese Anthologien und Kettenromane findet eben auch Autorenförderung statt. Das finde ich ganz wichtig, eben gerade auch Nachwuchsförderung, wo das Genre ja boomt. Jüngere Autoren, Newcomer haben natürlich auch Startschwierigkeiten und suchen immer nach Wegen, um sich einen Namen zu machen. Da bietet Quo Vadis eigentlich ne ganze Menge.

Zauberspiegel: Auch Hilfestellung in Form von Lesen und Lektorat?
Rebecca Gablé: Es gibt das Angebot in unserem internen Forum. Dann kann also sagen: ‚Hier habe ich ne Passage, damit komm ich nicht klar. Wer würde da mal drüber lesen? Also das gibt es auch, dass Kollegen und Kolleginnen sich als Testleser einspannen lassen. Das iist natürlich, wenn man Bedarf hat und das möchte, eine ganz tolle Sache. Statt einen bezahlten Lektor engagieren zu müssen, das auch im Kollegenkreis machen zu können.

Zauberspiegel: Dann bedanke ich mich. Wünsche noch eine angenehme Messe.
Rebecca Gablé: Danke gleichfalls. Dann sehen wir uns im nächsten Jahr wieder, wenn das Sachbuch draußen ist.
Zauberspiegel: Darauf freuen wir uns und bedanken uns schon jetzt für die Einladung.

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