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Rönkä, Matti: Bruderland (Hardcover)

Cover - Bruderland, Matti RönkäBruderland
von Matti Rönkä
aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
finnisches Original erschienen 2003 unter dem Titel "Hyvä veli, paha veli"
Deutsche Ausgabe April 2008
222 Seiten, 17,90€
GRAFIT-Verlag
ISBN 978-3-89425-656-2

Krimifans kennen sie, die "Skandinavienkrimis". Sie sind meistens eher düster, schildern intensiv die sozialen Weiten und Untiefen der Länder, in denen sie spielen, und leben von den ausgeprägten Charakteren.

Auf dem deutschen Markt der breiten Leserschaft wohl noch (NOCH!) eher unbekannt ist der Finne Matti Rönkä. Ein Tipp gleich vorweg: LESEN!

Finnlands Geschichte ist - nicht nur aus geographischen Gründen - eng mit Russland verbunden. Nac dem schwedisch-russischen Krieg 1809, in dem Russland als Sieger hervor ging, wurde das heutige finnische Territorium ein russisches Großfürstentum.

1917 erklärte Finnland seine Unabhängigkeit. Im zweiten Weltkrieg zwischen den Interessen Hitlers und Stalins wurde das Land dem russischen "Interessensbereich" zugeordnet und verlor in einem kurzen Teilkrieg im Winter 1939/40 und endgültig mit Kriegsende die Region Karelien an die UdSSR.

In diesem kurzen Absatz zur finnisch-russischen Geschichte spiegelt sich der Hintergrund wider, auf dem der 2. Roman um Viktor Kärppäs spielt.

Kärppäs gehört zu den russisch-finnischen Rückwanderern, deren Familien finnischen Herkunft sind und nach dem Zusammenbruch der UdSSR aus politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Gründen nach Finnland kommen. 

Die Kärppäs waren alteingesessene Ingermanländer (Anmerkung: Das sind die russischen Finnen), wer weiß wann und woher eingewandert, sie hatte friedlich und geschäftig in Ingermanland gewohnt und gelebt, bis die Säuberung sie wegfegten wie Krümel vom Tisch und die Reste der Familie über die ganze Sowjetunion verstreut wurden. Vater war nicht fähig, darüber zu sprechen, wagte nicht, sich zu wundern, wieso sein Vater davon gekommen war und die Onkel nicht, wieso mein Großvater am Großen Vaterländischen Krieg teilnehmen durfte, sogar hinter den feindlichen Linien, obwohl in seinem Pass eigentlich ein Vermerk über untaugliche Nationalität hätte stehen müssen. (S. 126)

  

"Bruderland" ist das zweite Buch von Rönkä mit Viktor Kärppä als Protagonisten. Arte hatte den Roman im Juni 2008 auf seiner KrimiWelt-Bestenliste, sein Vorgänger "Grenzgänger" hatte deutschen und finnischen Krimipreis gewonnen.

Nach seiner Rückwanderung nach Finnland versucht Kärppä Fuss zu fassen und sein Überleben in dieser "anderen Welt" zu sichern. Ehemaliger Soldat in der UdSSR, immer wieder in seltsame Geschäfte verstrickt, lebt er nun von einer kleinen Detektei, die mehr oder weniger nebenbei läuft, arbeitet er halbseiden auf Baustellen mit einer nicht weniger kleinen Baufirma und handelt mit (fast) allem, das sich von Finnland aus in die ehemaligen russischen Staaten exportieren lässt: Autos, Elektrogeräte. 

Seine Kontakte nach Russland verursachen in "Bruderland" eine Menge Probleme. Sowohl Polizei als auch Rauschgifthändler fordern ihn unmissverständlich dazu auf, ihnen Informationen über einen neuen Händler zu verschaffen, der offensichtlich von Russland aus operiert. 

Als Inhaltsangabe zu kurz? Ich will nicht verraten, dass Kärppä nach St. Petersburg reist, dass er ein Sturmgewehr im Gepäck hat und die Rolle Mattis, des Sohnes eine Freundes, doch größer ist als man vermuten mag.

Die Meinungen zu Rönkäs Romanen sind gespalten. Von den einen bejubelt, stellen die anderen den kriminalistischen Wert der Bücher eher in Frage. Es stimmt: Die eher actiongehaltene Handlung kommt erst ab dem dritten Viertel so richtig in Gang, und teilweise fällt es nicht leicht, den eigentlichen Faden zu verfolgen. 

Dies tat - meiner Ansicht nach - der Qualität des Romans keinen Abbruch. Mir gefällt die von Rönkä geschaffene Figur von Viktor Kärppä ausgesprochen gut, der ein bisschen von allem ist: Hard-boiled, sentimental, Realist und gescheiterter Idealist, eigentlich nie um einen "coolen" Spruch verlegen. Er "hat einfach etwas". 

Rönkä schreibt in raschem, gut lesbarem Stil, ein Kompliment, das sicher auch an die Übersetzerin geht, die eine sehr passende Sprache gefunden hat. 

Ich mag skandinavische Krimis einfach, auch wenn ich zunehmend auf andere Autoren als Wallander zurückgreife und sie mir ab und an doch zu "heftig" schwermütig-sozial sind. Vielleicht versteige ich mich wenn ich jetzt behaupte, dass es in Deutschland vor allem die bildungsbürgerlichen Männer und Frauen sein dürften, die "Skandinavienkrimis" lesen und sich neben der Spannung an der sozialkritischen Komponente delektieren - wohl in dem Gefühl so neben der reinen Unterhaltung, die Krimis bieten, noch ein bisschen was für ihre gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu tun. Dies ist einer der Gründe, die ich mir als Grund für die Beliebtheit der Romane in Deutschland vorstellen könnte. 

Der Roman hat sehr gut gefallen, denn er eröffnete mir einen Blick auf ein anderes Land, das in ähnlicher Weise wie Deutschland mit der Herausforderung der Migration der russlandstämmigen Auswanderer konfrontiert ist. Auch wenn die Handlung die Erwartungen mancher Krimileser auf knallige Handlung nicht erfüllen werden, ist es ein sehr lesenswerter Krimi.

Zur Geschichte Finnlands:
Bundeszentrale für politische Bildung
Wikipedia

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