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Krieg um Troja - 3. "Timeo Danaos, ut donas ferentur!“ – Homers Ilias und andere Sagen um den Troja

Krieg um Troja3. „Timeo Danaos, ut donas ferentur!“
Homers Ilias und andere Sagen um den Trojanischen Krieg

a) Wieso ausgerechnet Troja?
An der Basis des Mythos steht eine Sammlung von Gedichten. Eine, die einen Krieg zum Thema hat, der ansonsten wohl in Vergessenheit geraten wäre. Einen, der längst nicht die Bedeutung hatte wie etwa die Schlacht von Kadesch 1275 v. Chr., und trotzdem kann heute kaum ein Mitteleuropäer mehr etwas mit dem letztgenannten Ort anfangen. Troja jedoch ist den meisten immer noch ein Begriff. Woran liegt das?

 

Zunächst einmal gehören viele der Sagen, welche die Belagerung und den Sturm auf die Stadt behandeln, zu den ältesten Geschichten überhaupt, in denen Europäer eine Rolle spielen, und die auf uns überkommen sind. Noch ältere Erzählungen, die sich über Jahrtausende erhalten haben, sind ähnlich populär. Ich denke hier vor allem an die Legende von der Sintflut.

Aber es wird auch andere Epen gegeben haben, vielleicht von der Eroberung Kretas durch mykenische Griechen um 1430 v. Chr., oder auch aus späterer Zeit, wie zum Beispiel der Kolonisation der Küste Kleinasiens. Hätten die es nicht mehr verdient, im Gedächtnis zu bleiben, als der Kampf um irgendeinen Ort im Nordwesten Anatoliens? Einen, der bestenfalls das Zentrum eines Stadtstaates war, aber keines Reiches? Ja, der vermutlich sogar nur ein Vasall war?

Vielleicht verrät uns der Inhalt mehr darüber, warum die Sage diesen Grad von Unsterblichkeit erlangt hat. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme stammt sie nicht von Homer. Es stimmt, daß seine „Ilias“ das erste und bedeutendste Stück Literatur zu diesem Thema darstellt, aber es konzentriert sich auf den Streit zwischen dem obersten Heerführer der Griechen, Agamemnon, und seinem bedeutendsten Helden, dem Myrmidonenkönig Achilles. Vorangegangene Ereignisse werden gerade mal in Rückblenden angerissen, zukünftige höchstens in Prophezeiungen angedeutet. Auf manche von ihnen wird in der Odyssee angespielt, doch ist hier schon fast sicher, daß sie nicht mehr von Homer, sondern von einem namenlos gebliebenen Nachfolger stammt. Eine ganze Reihe Details aber werden erst von späteren Dichtern geschildert. Die entsprechenden Werke des sogenannten „Epischen Zyklus“ sind die „Kypria“, die „Aithiopis“, die „Kleine Ilias“, die „Iliupersis“, die „Nostoi“ und die „Telegonie“, die allesamt etwa ein Jahrhundert nach der „Ilias“ verfaßt worden sind. Erhalten sind sie uns lediglich in Fragmenten, vor allem durch die Zusammenfassung des Proklos. Die Iliupersis wird allerdings auch ausgiebig in Vergils Aeneis zitiert.

Nun mag man vermuten, daß diese Einzelheiten gleichfalls erst von diesen später kommenden Poeten erdacht worden sein mögen. Dem aber widersprechen zwei andere Quellengattungen, nämlich die Künste der Gravur und der Malerei. Viele erst später schriftlich festgehaltene Szenen finden sich hier bereits zu Homers Zeiten dargestellt. Berühmt sind natürlich die Abbildungen auf Vasen, aber auch z. B. der „Nestor Becher“ und die „Böotische Fibel“.
Man kann also davon ausgehen, daß der Mythos älter ist als sein berühmtester Erzähler. Ja, daß es ihn schon gab, bevor die Hellenen das phönizische Alphabet nach 800 vor Christus übernommen und weiterentwickelt haben.

Im Folgenden werde ich (mehr oder weniger) kurz zusammenfassen, was uns Homer und seine Kollegen überliefert haben. Für das Thema dieses Aufsatzes sind die Odyssee und Vergils viel später (bis 19 vor Christus) entstandene Aeneis von eher untergeordneter Bedeutung, darum möge man es mir verzeihen, wenn ich sie stark vernachlässige.
Auch werde ich die geschilderten Vorkommnisse nicht den einzelnen Autoren zuordnen. Thema dieses Aufsatzes ist nicht die Werkrezension, sondern die Gesamthandlung und ihre mögliche Historizität.

b.) Der Trojanische Krieg
Die Geschichte beginnt ganz ähnlich wie das Märchen von Dornröschen. Da heiraten Peleos, König der Myrmidonen, und die Meernymphe Thetis, und es werden viele Gottheiten eingeladen. Eris aber, die Gebieterin der Zwietracht, übergeht man, damit das Fest in ruhigen Bahnen verläuft. Aber wie die böse Fee, erscheint sie trotzdem, um sich mit einem Fluch zu rächen. Einem Fluch, der keine Verwünschung ist, sondern ein goldener Apfel, den sie zwischen die Gäste rollt, wie einen Knäuel Garn in ein Rudel Katzen. „Der Schönsten“ steht darauf geschrieben, und schon werden auch Göttinnen zu Hyänen.

Am Schluss bleiben Hera, Aphrodite und die sonst eigentlich kluge Athene übrig, sich um das Obst zu zanken. Göttervater Zeus auf jeden Fall ist schlau genug, sich aus allem heraus zu halten, und so wenden sich die drei Streithennen an einen jungen Ziegenhirten in Kleinasien. Der hat zwei Namen, „Paris“ und „Alexander“, und ist so ganz nebenbei auch noch Prinz einer Stadt, die auch zwei Namen hat, nämlich „Ilion“ (ursprünglich „[W]Ilios“) und „Troja“ (ursprünglich ionisch „Troie“). Paris‘ Schicksal ist eigentlich mehr das von Schneewittchen, denn wegen einer bösen Prophezeiung, er würde großes Unglück über die Stadt bringen, wollte ihn sein Vater, König Priamos, eigentlich töten lassen. Der Mörder aber hat ihn aus Mitleid einfach nur ausgesetzt.

Schuld an dieser bösen Prognose ist übrigens ein Seher namens Kalchas gewesen. Er muß eine diabolische Freude daran gehabt haben, seine Mitmenschen in Angst und Mordlust zu stürzen, wie wir noch sehen werden.

Nun steht dieser zum hübschen Jüngling herangewachsene Prinz vor einer Wahl, vor der sich selbst der mächtige und mit allen Wassern gewaschene Zeus gedrückt hat. Nicht nur ist eine Göttin schöner als die andere, auch versuchen sie alle drei ganz unedel, ihn zu bestechen. Und hier erweist sich nicht etwa die Strategin Athene als die Gerissenste, sondern Aphrodite: Sie verspricht ihm die schönste Frau der Welt. Die Liebe siegt (insofern man das Schwärmen für körperliche Reize mal so bezeichnen darf), und Paris/ Alexander hat sich zwei mächtige Feindinnen geschaffen.

Diese versprochene Frau aber ist Helena, die Gattin von Menelaos, dem König von Sparta. Paris reist dorthin, wird im Palast empfangen und bewirtet (Vermutlich ist er inzwischen kein einfacher Ziegenhirte mehr). Als Menelaos allerdings seinen Kollegen in Kreta besucht, brennt der Gast einfach mit der Frau des Herrschers durch. Was sie an ihm findet, wird ein wenig verschämt mit „animalischer Anziehungskraft“ umschrieben; die Liebe ist zu dieser Zeit offenbar noch kein wirkliches Thema.

Erbost über den Bruch des Gastrechts, rüstet Menelaos zum Krieg, und läßt Boten zu allen Reichen Griechenlands schicken, ihm beizustehen. Die meisten von ihnen haben früher selbst um Helena gebuhlt, und darum ist ihnen der Schwur abgenommen worden, nicht wegen ihr untereinander in Zank zu geraten, sondern gemeinsam für sie einzustehen. Damit stehen sie in der Pflicht, just als ginge es um ein gemeinsames Heiligtum (so wie viel, viel später bei der Amphiktionie von Delphi).

Zwei der wichtigsten Fürsten allerdings wollen nicht so recht: Der eine, Odysseus von Ithaka, ist gerade Vater geworden, und meint, es lohne sich nicht, wegen einem Weibsbild einen Krieg anzuzetteln. Dem anderen, Achilles, Sohn von Peleos und Thetis, hat eben der oben erwähnte Seher Kalchas Folgendes geweissagt: Ohne ihn wird man die Stadt nicht nehmen können, aber die Eroberung selbst wird er nicht mehr miterleben. Also verbirgt man ihn in Frauenkleidern in einem Mädchenpensionat auf der Insel Skyros – Nur, einen knackigen Jüngling in der Pubertät, der als weiblich gelten soll, sperrt man besser nicht mit gleichaltrigen Damen zusammen. Mag seine Tarnung auch nach außen hin gewirkt haben, im Lycaeum selbst kann es damit nicht so weit her gewesen sein. Zumindest eines der Mädchen, Deidameia, wird von ihm schwanger.

So kann Odysseus, der sich selbst schon hat beschwatzen lassen, Achilles problemlos übertölpeln. Inmitten all der jungen Damen hat es der Prinz wohl nie gelernt, sich in Selbstbeherrschung zu üben, und greift gleich nach den Waffen, die der Fürst von Ithaka als Gastgeschenk mitgebracht hat. Damit ist er trotz femininer Tracht und Frisur als Mann erkannt.

Insgesamt 1086 Schiffe mit 120.000 Mann Besatzung sollen in der böotischen Hafenstadt Aulis in See gestochen sein. Sie gehört zwar zu Theben, doch den Oberbefehl führt der König von Mykene, Agamemnon. Er ist der Bruder des gehörnten Menelaos, und als Nachfahren eines „Atreus“ nennt man sie auch die „Atreiden“. Alle teilnehmenden Völker sind Griechen, doch weder der Begriff „Grieche“, noch die Vokabel „Hellene“ sind bekannt. Dafür haben sie gleich drei andere Namen: „Danaer“, „Achäer“ und „Argeier“.

Die Seefahrt verläuft ein wenig seltsam: Man landet in Kleinasien, aber zu weit südlich, und so schippert man nicht nordwärts, sondern kehrt erst einmal nach Aulis zurück. Beim zweiten Versuch dann hindert sie ein seit Tagen anhaltender Nordwind am Auslaufen. Natürlich ist es der Seher Kalchas, der weissagt, einer der Leute Agamemnons habe eine heilige Hirschkuh getötet, und darum müsse der König sein eigen Fleisch und Blut opfern. Also wird Prinzessin Iphigenie ermordet, damit ihr Onkel die Gemahlin zurückbekommt. Agamemnons eigene Gattin setzt die Prioritäten jedoch ein wenig anders, und wenn er in zehn Jahren von dem Feldzug heimkehren soll, wird sie ihn nicht nur mit dem Nudelholz empfangen.

Allerdings gibt es auch eine Version, die mehr mit der Bibelgeschichte von Abraham konform geht. Hier nämlich wird Iphigenie im letzten Moment von der beleidigten, aber durch den guten Willen besänftigten Jagdgöttin errettet, und durch eine weitere Hirschkuh auf dem Altar ersetzt. An der Bereitschaft ihres Vaters, sie um ihrer Tante willen zu töten, ändert das freilich nichts, und das weiß die Frau Mama auch ganz genau.

Aber noch jemand hat Anlaß zum Groll, denn Philoktet, Herrscher von Methone und Thaumakia, Gebieter über sieben Schiffe und hervorragender Bogenschütze, wird wenig fürstlich behandelt, als seine von einem Schlangenbiß herrührende Wunde zu schwären und stinken anfängt: Man setzt ihn einfach auf Lemnos aus.

Die Griechen landen in der Troas, befestigen das Schiffslager mit einer Palisade und versuchen neun Jahre lang, die Metropole auszuhungern, in dem man ihr den Zugang zum Umland verwehrt. Freilich ist Ilion eine Hafenstadt, so daß manch anderer Plan gewiß schlauer gewesen wäre. Zudem sind die Verteidiger nicht auf sich allein gestellt: mehrere Völker vom Balkan, sowie der Nord und Westküste Kleinasiens stehen ihnen zur Seite. Eine besondere Rolle übernehmen die Dardaner unter ihrem König Aeneas. Sie stammen zwar vom
Balkan, siedeln jedoch nun direkt im Umland Ilions, und sollen die Stadt der Überlieferung zufolge sogar gegründet haben.

Damit das Jahrzehnt nicht ganz so ereignislos verläuft, siegt mal hier der eine, und fällt mal dort der andere Held. Und da man natürlich seine Felder und Bauern nicht mitgenommen hat, plündert man die Küste auf und ab, um sich zu versorgen. Selbst die Gemahlinnen (beziehungsweise das Mädchenpensionat) hat man daheim gelassen, also gehört auch die holde Weiblichkeit zum Beutegut. So wird zum Beispiel Priamos‘ Tochter Polyxena verschleppt, während Achilles mal kurz ihren Bruder Troilos opfert.

Bei diesen Raubzügen allerdings vergreift sich Agamemnon und entführt die Tochter des Apollon Priesters Chryses. Sie trägt den phantasievollen Namen „Chryseis“. Als er auch noch ihren Vater verscheucht, der um ihre Rückgabe bettelt, bricht im Schiffslager die Pest aus. Achilles rät, den Seher Kalchas nach dem Grund zu fragen – Er hätte es besser wissen müssen!

Natürlich spricht der Wahrsager im Namen der Götter, als er von dem König Mykenes fordert, Chryseis heim zu schicken. Einem heiligen Mann tut man besser nicht an, also hält sich Agamemnon an denjenigen, der ihm die Suppe eingebrockt hat: Wenn er schon Chryseis aufgeben soll, muß ihm Achilles eben die eigene Favoritin zum Ersatz geben, eine Schönheit namens „Briseis“. Nur, damit alle sehen, „um wieviel höher“ Agamemnon gegenüber Achilles in Rang und Würden stehe.

Dem Gedemütigten bleibt nichts übrig, als zu gehorchen. Dafür boykottiert er von nun an das Kampfgeschehen, und mit ihm seine myrmidonischen Krieger. Auch eine Handvoll Städte in Messenien, die ihm Agamemnon anbietet (obwohl sie dem als König von Mykene eigentlich gar nicht gehören), schlägt er aus. Die Myrmidonen aber gelten als die Elite des Heeres, und ihr Herrscher als bester unter den Recken. Verwundbar soll er nur an der Stelle sein, an der ihn seine Mutter gehalten hat, als sie ihn durch ein Bad im Styx unverwundbar gemacht hat. Diese Stelle ist natürlich die Achillesferse; das mit dem Lindenblatt und der Schulter ist Siegfried. Und wie dem auch sei, der stolze Krieger hat trotzdem stets seine unbequeme Rüstung angelegt, wenn er ins Gefecht gezogen ist.

Nun aber ist er mit Schmollen beschäftigt, und seine Kameraden geraten in die Bredouille. Da bietet ihnen Hektor, Thronfolger in Ilion, an, sein Bruder Paris/ Alexander würde sich einem Zweikampf mit Menelaos stellen – Ein baldiges Kriegsende ist in Aussicht. Doch als der Königssohn und Hirtenjunge zu unterliegen droht, fühlen sich Hera und Athene noch nicht genug gerächt, und so wird Menelaos auf einmal von einer Lanze verletzt, die nicht sein Gegner geschleudert hat.

So geht der Krieg also weiter. Ohne Achilles‘ Teilnahme jedoch gewinnen die Trojaner die Oberhand, und treiben die Eindringlinge bis in ihr Schiffslager zurück. Das ist die Stunde des Patrokles, der Achilles offenbar noch näher steht, als es Briseis getan hat. Zumindest sind die beiden schon enge Freunde gewesen, als Achilles noch in Frauenkleidern herumgelaufen ist. Auch ist ihre Beziehung eng genug, daß sich Patrokles im Zelt seines Freundes an und umzieht. In diesem Fall legt er die Rüstung seines Gefährten an, und da der Helm auch das Gesicht verdeckt, hält ihn alle Welt für Achilles selbst. Er tötet sogar einen der Helden Trojas, den Lykerkönig Sarpedon, gerät aber dann an Hektor, hinter dem Apollo selbst steht. Patrokles fällt.

Selbstbeherrschung ist noch nie Achilles‘ Stärke gewesen, also ist er auch in seiner Wut unmäßig. Er greift wieder ins Schlachtgeschehen ein, führt die Wende herbei und erschlägt Hektor, dessen Leiche er am Streitwagen um die Mauern Ilions schleift. Anschließend läßt er zum Gedenken an Patrokles zwölf Trojaner niedermetzeln und Spiele abhalten. Dem getöteten Feind aber gönnt er weder die Heimkehr, noch eine angemessene Bestattung. Erst, als sich Priamos selbst ins Lager schleicht, um für die Herausgabe seines Sohnes zu betteln, liegen sich die beiden Männer in den Armen.

Das aber ist nur das Ende der Ilias, nicht aber das des Krieges. Hier greifen auf Seiten noch die Amazonen ein, deren Königin Penthesilea Achilles mit der für ihn typischen Selbstzucht noch in ihrem Tode vergewaltigt. Desweiteren schließen sich noch die „ägyptischen“ Aithiopen an, und hier wiederholt sich ein wenig die Patrokles Geschichte: Der Aithiopen König Memnon tötet Achills Kumpel Antilochos, und wird dafür wiederum von dem Myrmidonenkönig erschlagen. Schließlich ist es ausgerechnet Paris/ Alexander, der Letzteren – natürlich mit Unterstützung von Apoll – zur Stecke bringt: Ein vergifteter Pfeil trifft ihn just in die nach ihm benannte Ferse. Zu seiner Beerdigung wird Paris‘ Schwester Polyxena geopfert. Um seine Waffen bricht ein Streit unter den Recken aus, wie weiland um den Zankapfel.

Inzwischen ist Neoptolemos, Kind von Achilles und Deidameia, alt genug, um ein Schwert zu halten, und auch auf den ausgesetzten Philoktet möchte man nun nicht mehr verzichten. Beide werden per Schiff abgeholt, und Letzterer erschießt mit Pfeilen des legendären Herakles Paris/ Alexander. Doch auch dessen Tod führt nicht zu Helenas Auslieferung, und der Krieg geht weiter.

Unterdessen dringt Odysseus in die Stadt ein, eventuell zusammen mit Diomedes. Aber statt sich weiter zu verbergen, um bei Nacht die Tore zu öffnen, morden sie lieber ein bißchen im Tempel der Athene, um ein oder zwei Standbilder der Göttin zu rauben. Im Anschluß haben sie eigentlich kaum Probleme damit, die belagerte Metropole wieder zu verlassen. Und was tun sie? Sie nutzen nicht etwa die gefundenen Schleichwege, um den Krieg endlich zu gewinnen! Man mag es eigentlich erraten: Sie hadern miteinander, wie es damals die Lieblingsbeschäftigung gewesen zu sein scheint. Nur geht es diesmal nicht um Obst oder Waffen, sondern um die entwendete Statuette. Odysseus mag listig gewesen sein, aber wohl nicht immer klug und weise.

Doch immerhin hat man es schon mal ausprobiert, heimlich, statt mit lautem Schlachtengebrüll, in Ilion einzudringen. Aber statt es erneut zu tun, verlegt sich Odysseus auf etwas Spektakuläreres. Und als die anderen Fürsten murren, ein verstecktes Vorgehen wäre nicht ehrenvoll, behauptet er, Athene selbst hätte ihm diesen Plan eingegeben. Es geht natürlich um den Bau des hölzernen Pferdes, groß und hohl genug, um in seinem Bauch mehrere ganze Kerle aufzunehmen, die es auch schon einmal einen vollen Tag ohne Toilette aushalten. Philoktet mit seiner stinkenden Wunde muß es genossen haben, mit seinen Kameraden in diesem engen und stickigen Kabuff hocken zu dürfen.

Die anderen Griechen segeln davon, kaum daß das Roß steht, und täuschen damit einen Rückzug vor. Tatsächlich verbergen sie sich hinter der Insel Tenedos. Einen noch haben sie zurückgelassen, Sinon, der wohl ein recht patenter Schauspieler sein muß. Als die Trojaner feststellen, daß außer ihm nur noch ein aus Brettern gezimmerter Gaul zur Schlacht erschienen ist, erzählt er ihnen im wahrsten Sinne des Wortes „was vom Pferd“. Die bösen Griechen hätten ihn opfern wollen, um gutes Wetter für die Heimfahrt zu erbitten, aber er sei entkommen. Da hätten sie dieses Tier gebaut, als Gabe für Athene, und das so groß, damit es die Trojaner nicht in ihre Stadt ziehen können. Die Zerstörung würde natürlich großes Unglück über die Frevler bringen.

So überzeugend er sich gibt, er ist nicht Kalchas, und so glaubt ihm nicht jeder. Der offen skeptische Priester Laokoon möchte die Opfergabe draußen vor den Mauern verbrennen, wie man es nun mal mit Opfergaben tut. Doch er steht zu nahe am Wasser, und so wird er mal rasch mit einem bis zweien seiner Söhne von einer Seeschlange erwürgt. Die Bürger Ilions sind nun sehr überzeugt davon, daß es ungesund sein kann, dem Geschenk für Athene etwas anzutun. Ja, man reißt sogar das Westtor ein, nur um es in die Stadt ziehen zu können. Allein Prinzessin Kassandra warnt noch davor, doch niemand hört auf sie.

Die Angaben darüber schwanken, wer alles in dem Gaul gesteckt hat (Nach der „Kleinen Ilias“ haben sich über 3000 Recken dort hinein gequetscht). Einer der Helden (Echion) soll gestorben sein, als er bei dem Sprung ins Freie unglücklich gelandet ist. Desweiteren soll Antiklos von Odysseus höchstpersönlich ermordet worden sein, weil er vor Liebe blind auf Helenas Rufen hat antworten (und damit alles verraten) wollen.

Daß auch Thoas von seinen Kameraden erschlagen wurde, weil er stockbetrunken war (und schnarchte?), ist eine Wikipedia Ente. Zumindest hat ihn sein angeblicher Tod nicht daran gehindert, später mit dem Standbild der Athene (Das, um das sich Odysseus und Diomedes gezankt hatten?) in sein Königreich Aitolien zurückzukehren. Auch soll er in Italien noch die Stadt Temesa gründen. Und als Odysseus, der gerade die Freier seiner treuen Frau Penelope dahingeschlachtet hat, wieder einmal Reißaus nimmt, besucht er Thoas und nutzt die Gelegenheit gleich, wenig monogam die Tochter des Hauses zu heiraten.

Aber zurück zu dem in der Stadt herumstehenden Roß! Die Trojaner feiern ihren vermeintlichen Sieg, und niemand kriegt mit, daß dem Vieh bei Nacht ein paar finstere Gestalten entsteigen. Und obwohl das Westtor bereits kaputt gemacht worden ist, gehen die zum Haupttor, um es heimlich zu öffnen. Draußen lauert bereits das griechische Heer, das im Schutze der Dunkelheit von Tenedos zurückgekehrt ist. Es beginnt ein großes Morden und Brandschatzen. Allen voran stürmt Neoptolemos, der ohne Achilles nie geboren worden wäre, und damit erfüllt sich die Prophezeiung, daß die Stadt ohne den Vater nie eingenommen würde. Doch so jung der Sohnemann auch sein muß, er selbst ist es, der sowohl den greisen Priamos, als auch dessen noch jüngeren Enkel Astynax erschlägt. Ajax von Lokris hat keine Skrupel, Kassandra vor dem Standbild der Athene zu vergewaltigen – Helena aber nützt es, sich an diese Statue zu klammern. Sie, um derentwillen der ganze Krieg erst geführt worden ist, findet Vergebung von Menelaos, der erneut bei ihrem Anblick dahin schmilzt, und kehrt ohne ein gekrümmtes Haar nach Sparta zurück. Andere Helden haben etwas mehr Probleme mit dem Heimweg: Agamemnon wird zuhause von dem Liebhaber seiner Gattin ermordet, und Odysseus macht eine unfreiwillige Kreuzfahrt.

Was die Helden auf Seiten Ilions anbelangt, so entkommt allein der Dardanerkönig Aeneas, samt Vater und Sohn, und macht darüber noch ein Jahrtausend nach seinem Tod große Politik: Zuerst dient er – vor allem über Vergil – dazu, die Römer in die Geschichte um den Krieg mit einzubauen. Umgekehrt allerdings profitieren auch die Trojaner von der dadurch einsetzenden Popularität… Aber das alles soll nicht mehr Thema dieser Abhandlung sein.

c) Die Moral von der Geschicht‘
Das also war es, das Epos über den Trojanischen Krieg. Genau genommen handelt es sich um ein Sammelsurium von Einzelgeschichten, die allesamt an einem bestimmten Punkt in Raum und Zeit festgemacht sind, nämlich der Belagerung und Erstürmung einer Stadt an den Dardanellen. Was aber macht dieses Ereignis so besonders? An der Schlacht bei Kadesch 1275 v. Chr. war nahezu ganz Vorderasien (außer Assyrien, Babylon und Griechenland) beteiligt, die Eroberung von Kreta (zwischen 1420 und 1375 v. Chr.) hat den Mykenern weit mehr Landgewinn gebracht. Und wenn die Sage tatsächlich um 1200 v. Chr. spielt, hätten da die Umwälzungen des „Seevölkersturms“, die den ganzen Nahen Osten für immer veränderten, keinen größeren Eindruck hinterlassen, als so eine popelige Auseinandersetzung um ein Kaff irgendwo im Nordwesten Anatoliens?

Nun, nicht wenn ihr eine Schlüsselrolle zukommt. Wenn sie andere, weit größere Dinge ausgelöst hat. Den Seevölkersturm? Vielleicht, aber darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Denn eine Folge hatte der Krieg den Epen zufolge, und die bezieht sich auf all die stolzen Helden, die an dem Konflikt beteiligt gewesen sind.

Eine Geschichte wird für gewöhnlich wegen ihrer Botschaft erzählt. Wie also lautet sie hier?

Da ist zunächst einmal die Glorifizierung einer großen Vergangenheit mit ihren halb göttlichen Helden. Fürsten aus ganz Hellas konnten ihre Ahnenreihen auf diese Recken zurückführen, und wäre Homer nur jemals nach Griechenland selbst gekommen, hätte er beim Zug von Hof zu Hof gewiß ein gutes Auskommen gehabt. Doch er lebte nun mal in Kleinasien, und die aiolischen, ionischen und dorischen Kolonien dort konnten auf keine so weit reichende Geschichte zurückblicken. Die Troas selbst wurde erst gegen 800 vor Christus Teil dieses Siedlungsraumes.

Wichtiger dürften daher weniger die Heroen selbst gewesen sein, als die Tatsache, daß sie alle gemeinsam gegen Ilion gezogen sind. Daß sie zwar jeder für sich, aber doch Seite an Seite vor den Mauern der Stadt Legende geworden sind. Ithaker (Kephallenier), Thessalier, Böotier, Attiker, Lakedaimonier – Sie alle hatten ihre lokal nationalen Kämpen, und sie zogen gemeinsam als Griechen nach Asien.

Und das wird wohl das wichtigste Motiv gewesen sein: Zu Homers Zeit ist nirgendwo von „Argeoi“, „Danaoi“ oder „Achaioi“ die Rede, dafür aber von den Teilstämmen der Aioler, Ionier und Dorer. Zeitweise wurde sogar gegeneinander operiert, wenn man nur daran denkt, daß die Ionier nur rein ionische bzw. „ionisierte“ Städte in ihren Bund aufgenommen haben. Selbst die Sprache war in unterschiedliche Dialekte zersplittert.

Die Mythen vom Troianischen Krieg aber handeln von einem einig handelnden Griechenland, und so, wie sich die Ilias und ihre Nachfolger einer zunehmenden Popularität erfreuten, machte sich auch ein panhellenischer Geist bemerkbar.

Aber es gibt auch noch ein weiteres Leitmotiv, nämlich daß es Unheil bringt, den Eigensinn über das Gemeinschaftsinteresse zu stellen. Dies gilt sowohl für die Liebe zwischen Paris und Helena, als auch für den Groll des Achilles. Und auch das läßt sich unter panhellenischen Gesichtspunkten interpretieren: Es ist schlecht, wenn die eine oder andere Polis aus egoistischen Gründen gegen die Belange Gesamt Griechenlands handelt.

So hanebüchen uns die Botschaft heute auch vorkommen mag, so elementar muß sie zu Homers Zeit gewesen sein. Und auch noch in den Jahrhunderten danach, wann immer es galt, gemeinsam zu handeln. Das mächtige Persien sollte hierfür immer wieder Gründe liefern.

Wie beliebt der Mythos gewesen sein muß, zeigt eine Vasenmalerei aus dem Etrurien des siebten vorchristlichen Jahrhunderts. Hier sind mit der Aufschrift „Truia“ traditionelle Reiterspiele abgebildet, die auch noch in römischer Zeit abgehalten worden sind. Selbst wenn die Etrusker oder ihre Führungsschicht nicht kleinasiatischen (lydischen) Ursprungs sein sollten, so war der Mythos doch 100 Jahre nach Homer schon in Italien bekannt.

 

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