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Krieg um Troja - 8. Der Seevölkersturm: War Agamemnon beschnitten?

Krieg um Troja8.  Der Seevölkersturm:
War Agamemnon beschnitten?

Das Ende von Troia VIIa wird gerne in Verbindung gebracht mit einer Kette von Ereignissen, die Zerstörung und Vernichtung über den gesamten Nahen Osten gebracht haben, von Griechenland bis an die Grenzen Ägyptens. Von Letzterem sind uns zwei (bzw. drei) Berichte über zwei Schlachten bekannt, die von einem „Seevölkersturm“ erzählen. Die Namen der einzelnen Angreifer sind auch aufgelistet, und es wäre zu schön, würden sie sich mit denen aus Homers Schiffskatalog in Verbindung bringen lassen! Dem ist jedoch nicht so. Und trotzdem gibt es die eine oder andere Gemeinsamkeit.

 

Zum ersten Mal tauchen Seevölker als Verbündete der Libyer gegen Ägypten unter Pharao Merenptah auf. Genannt werden hier die Šardana, Šekeleša, Aqi waša, Luka, Turiša, Mešweš, Tjehenu (Thnw) und die Tjemehu (Tmhw). Im achten Regierungsjahr Ramses‘ III. dann drohen folgende Seevölker von Norden und Nordosten her einzufallen: Die Peleset, die Tjeker, die Šekeleš, die Danua und die Wašaš. Mit Ausnahme der Šekeleš werden die Letzteren mit Federkrone abgebildet; die Šardana sollen ein Stirnband oder einen Hörnerhelm getragen haben. In den Darstellungen sind die Seevölker meist glattrasiert; ihre Bewaffnung mit Schurz, Speer, Schwert, Brustpanzer und Rundschild entspricht dem, was man von Hellas her kennt.

Das ägyptische Wort für Seevölker, „Haunebut“, bedeutet auch: „Ägäisbewohner“. Dies mag wohl andeuten, wo der Ursprung der meisten von ihnen zu suchen sein mag. Nichtsdestotrotz ist ihre Zuordnung in fast allen Fällen umstritten. Lediglich die „Luka“ als „Lukka“, also „Lykier“, gelten als gesichert. Sie sind vor allem von hethitischer Seite her bekannt. Tatsächlich war Lukka zweifelsohne in den Krieg verwickelt, denn Suppiluliuma II., letzter Großkönig von Hattusa, rühmte sich, es erobert zu haben. Und vor der Küste des Landes stritt die Flotte von Ugarit, das damit keine Soldaten mehr hatte, um sich selbst zu schützen.

Neben den „Lukka“ (und den „D 3 r dn ji/ Dardanu“) sollen in der Schlacht von Kadesch auch „Šardana“ („Schardana“) gekämpft haben, diesmal allerdings auf ägyptischer Seite. Sie standen früher schon in Diensten des Pharaos, ursprünglich wohl als Kriegsgefangene. Zumeist sieht man in ihnen die „Sarden“, wenn auch nicht klar ist, ob sie damals schon Sardinien besiedelt haben.

Ähnlich ist es mit den „Šekeleša“ bestellt, die vermutlich mit den „Sikila“ Korsaren aus hethitischen Schriften identisch sind. Tatsächlich wurden die Bewohner Siziliens von den Griechen der klassischen Antike „Sekeleu“ genannt, was von „Šekeleša“ nicht weit entfernt ist. Allerdings ist noch völlig unklar, ob sie damals schon die Insel in Besitz genommen hatten, oder von einer früheren Heimat aus operierten.

Šardana und Šekeleša lassen sich in den ägyptischen Quellen auf jeden Fall bis ins achtzehnte vorchristliche Jahrhundert zurückverfolgen. Gleiches gilt für die „Turiša“, in denen man die „Tyrsener“ („Tyrrhener“), also die Etrusker sieht. Allerdings fällt die Ähnlichkeit zwischen „Turiša“ und dem auf Troja bezogenen Namen „Taruiša“ auf. Ihrer Überlieferung (und Herodot) zufolge haben sich die späteren Etrusker als Lyder und Nachbarn der Troianer gesehen. Und dies wohl schon im 7. Jahrhundert vor Christus, wie ein Vasenfund mit der Abbildung der traditionellen „Truia“ Reiterspiele (inklusive des geschriebenen Wortes „Truia“) andeutet.

Es gab allerdings auch Stimmen, die in den „Turiša“ die Dorer sehen wollten, doch wird diese Ansicht heute wohl nicht mehr vertreten.

Etwas unsicherer gleichzusetzen sind die „Peleset“ („Peleschet“), welche die Bibel als „Philister“ kennt. Bei ihnen mag es sich um „Pelasgoi“ bzw. „Pelastoi“ (Pelasger) handeln, also um hellenisierte Ureinwohner Griechenlands, der Ägäis und Kretas. Der biblische Prophet Amos hat geschrieben, sie wären aus „Caphtor“ gekommen – „Keftiu“ ist bei den Ägyptern der alte Name Kretas.

Die Keramik der Philister ist auf jeden Fall griechisch, entspricht aber schon dem Typus nach der Zerstörung der mykenischen Paläste. Auch manche im Alten Testament überlieferten Fürstennamen, z. B. „Achis“/ „Anchu“ („Anchises“ war laut Homer und Vergil der Name von Aeneas‘ Vater), deuten auf eine solche Herkunft hin. Freilich haben sie sehr rasch kanaanitische Kultur Elemente übernommen; der berühmte Name „Samson“ zum Beispiel korrespondiert mit dem bei den assyrischen Großkönigen beliebten „Samsi“.

Bei den „Mešweš“ („Maschwesch“), „Tjehenu“ und „Tjemehu“ handelt es sich wohl – wie auch die später zu Zeiten Ramses III. mitmischenden „Seped“ – um libysche Stämme. Allerdings sind Erstere auch mit den „Masa“ assoziiert worden, die mehrfach in hethitischen Quellen (und gleichfalls in der Schlacht von Kadesch) auftauchen. Wo genau sie ansässig gewesen sind, ist allerdings nicht gesichert; in Frage käme das östliche Mysien.

Die „Aqi waša“ („Akkawascha“) werden gern als „Ahhijawa“, also als Achäer gedeutet. In den Inschriften in Karnak und Atribis wird jedoch hervorgehoben, daß sie beschnitten seien, was gerade bei den alten Griechen eben nicht Sitte gewesen ist. Da die Beschneidung jedoch in Ägypten und der Levante Usus war, fällt die besondere Erwähnung auf. Zumal es sich um eine Eigenschaft handelt, die einem auf dem Schlachtfeld eher selten ins Auge sticht. So läßt sich vermuten, daß die Kriegsgefangenen erst nachträglich beschnitten worden sind, vielleicht um sie zu demütigen, vielleicht auch einfach nur „der Ordnung halber“. Immerhin weiß man von anderer Stelle her, daß die alten Ägypter auch schon mal die Genitalien getöteter Feinde gesammelt haben.

In eine ähnliche Richtung geht die Interpretation von „Danua“ als „Danaer“, also ebenfalls als Griechen. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten! Auf die häufige Verwendung des Namens „Dan“ bin ich bereits zu sprechen gekommen. Nun kann man zwar eine Beiteiligung viel zu früher Dänen am Seevölkersturm getrost ausschließen, aber Vorläufer der Daker oder die entfernt mit ihnen verwandten Dardaner ließen sich ebenso in Betracht ziehen, wie der israelitische Teilstamm Dan. Die „Danua“ müssen also nicht notwendigerweise Danaer gewesen sein.

Die Hebräer freilich waren den Ägyptern schon seit einer kleinen Weile bekannt. Mit „(Ch)Apiru“ bezeichneten sie und die Akkader Menschengruppen niederen sozialen Ranges – Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit stellt dieser Name die Vorform von „Hebräer“ dar.
Daß „Apiru“ keine Völker im engeren Sinn bezeichnete, ist vielleicht auch daran zu erkennen, daß die Assyrer zu Homers Zeiten mit „Aribu“ kämpfen, die in der Frühzeit von Königinnen regiert werden. Im Vergleich zu „Apiru“ sind bei den „Aribu“ eigentlich nur die Konsonanten vertauscht, aber sie waren „Arabu“, d. h. die Vorfahren der heutigen Araber.

Gesichert ist in puncto Hebräer, daß in dem Papyrus Anastasi I. aus der Zeit Ramses II. (geb. um 1303; 1279 – 1213 v. Chr.) von „Shasu Banden“ in Kanaan berichtet wird. Zu denen gehörte auch ein Stamm „Aser“, was vermutlich identisch ist mit „Asser“, einem der späteren Stämme Israels. Es wird vermutet, daß es sich bei diesen „Shasu Banden“ tatsächlich um die Nomadenvölker handelt, die sich später zum Staat Juda zusammenschließen sollten.
Und noch vor dem ersten Seevölkersturm, gleich zu Beginn seiner Herrschaft, hatte Merénptah (1213 – 1204 v. Chr.) eben dort einen Aufstand niederzuschlagen, und er verwüstete nach eigenen Angaben ein „Israel“, das nun „keinen Samen“ mehr hatte – Dieser Text auf einer Stele seines fünften Regierungsjahres stellt die früheste außerbiblische Erwähnung des Namens „Israels“ überhaupt dar.

Wenn mit den „Danua“ also der Stamm „Dan“ gemeint gewesen sein sollte, kann dieser bis in die Zeit Ramses III. (geb. um 1221; 1188/ 1187 – 1156 v. Chr.) hinein nicht Teil der Volks und Glaubensgemeinschaft gewesen sein. Auch irritiert es, daß ausgerechnet aus der Wüste kommende Nomaden zu den „Seevölkern“ zählen sollten.

Hier findet sich bei P. J. Blumenthal die gewagte Theorie, die „Dan“ seien im Norden Palästinas eingewanderte Danaer, also Griechen. Er stützt sie darauf, daß dieser hebräische Stamm laut Bibel nur der Sohn einer Dienerin sei, also nicht wirklich in die Gemeinschaft Israels gehört habe. Auch kennt die griechische Sage einen König Danaos, dessen Bruder Ägyptus, und dessen Vater Belos (= Baal; semitische Gottheit) gehießen hätte. Und ein König Spartas hätte dem Hohepriester Jerusalems später geschrieben, ihre beiden Völker würden beide von Abraham abstammen.

Bei Licht betrachtet sind dies jedoch allesamt frei interpretierbare und aus dem Zusammenhang gerissene Bruchstücke, die sich auf mythologische Texte beziehen. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte in der Geschichtsschreibung, aber auch keine eindeutigen Passagen in Sage und Legende, die eine mykenische (oder auch nur marine) Herkunft des Stammes Dan behandeln. Und auch keine archäologischen Indizien.

Doch weiter im Kontext! Ob „Wašaš“ eine Kurzform von „Aqiwaša“ sein mag, ist nicht geklärt. Von ihnen ist zu Zeiten Ramses III. die Rede, von den „Aqiwaša“ zu Zeiten seines Vorgängers Merenptah.

Wenn Achäer/ Danaer am Seevölkersturm beteiligt waren, ergäbe auch eine Tontafel aus der mykenischen Palaststadt Pylos einen neuen Sinn, die uns nur deswegen erhalten geblieben ist, weil sie von der Feuersbrunst gebrannt wurde, welche die Metropole vernichtete. Darin wurden 900 Männer und 730 Frauen mit einheimischen Namen aufgelistet, als wäre ein Heer samt Troß aufgestellt worden. Für die Verteidigung einer Siedlung braucht es eine solche Organisation nicht; da ist man für jede helfende Hand dankbar.

Endgültig spekulativ wird es, wenn man versucht, die „Tjeker“ („Zeker“) mit den einander benachbarten Inseln Zakynthos und Ith(z)aka in Verbindung zu bringen.
Ergänzt werden muß, daß es gleichzeitig auch zu Wanderungen kam, die nicht zu diesem „Sturm“ gerechnet worden sind. Beispielsweise zogen Hethiter aus dem Kernland in die südlichen Provinzen (Karkamis und Halpa).

Auf jeden Fall kamen die genannten Völkerschaften zu Schiff und zu Land, von Norden und (im Bündnis mit den Libyern) von Westen. Zumindest einige von ihnen lassen sich dem griechischen (Peleschet) und dem hethitischen (Luka) Raum zuordnen.

Pelasger, Achäer, Danaer und eventuell sogar Ithaker (bzw. Kephallener) – Die Möglichkeit böte sich schon, in einigen der Seevölker Heere aus der Schlacht um Troja erkennen zu wollen. Doch laut Ilias wären diese Gegner der Lyker gewesen, während die „Luka“ Seite an Seite mit den „Aqi waša“ gekämpft haben. Und dann wiederum ist keine der hellenischen Zuordnungen gesichert. Die „Aqi waša“ mögen genauso gut ein Stamm beschnittener Libyer gewesen sein, die „Danu“ spätere Israeliten und die mykenischen Kulturelemente der „Peleset“ könnten auch von Handelskontakten herrühren. Letzten Endes ist hier alles noch eine Frage der Interpretation.

 

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