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"Große Keilereien" - Die Schlacht von Waterloo (18. Juni 1815)

"Große" KeilereienWaterloo
(18. Juni 1815)

Eigentlich erscheint es mir völlig sinnlos, einen Beitrag über eine Schlacht zu schreiben, die wohl eine der meist beschriebenen der Menschheitsgeschichte ist. Unendlich viel Material wurde zusammengetragen, zusammengestoppelt, zusammengedacht und irgendwie zusammengezimmert. Es gibt minutiöse Beschreibungen wer wann wo gestanden haben muss, ob er dann dies oder jenes tun hat können oder nicht, wenn ja und wenn nein warum nicht...

Vieles davon hat mich fasziniert und interessiert - manches davon war eher nicht so wichtig. Ich werde mich einfach vom Ablauf der Ereignisse inspirieren lassen und frei von der Leber weg schreiben, was mir an dieser Schlacht auffällt und gefallen hat, bzw. nicht gefallen hat. Mal die Dinge erwähnen, die nicht getan wurden und auch persönlich gefärbtes bringen.

Napoleon Bonaparte Die Vorgeschichte
Der wohl unglaublichste Vorgang vorweg war wohl der Siegeszug von Napoleon durch Frankreich - wie konnte es sein, dass ein Mann, der noch ein Jahr zuvor aus dem Lande gejagt worden war, und über dessen Exilierung nach Elba sehr viele nicht traurig waren, umgehend  durch's Land zog und sein altes Reich wieder in Besitz nahm. Scheint wohl so gewesen zu sein, dass diejenigen, die aus ihrem Exil zurückkommend das Land wieder in ihren Besitz nahmen, diejenigen waren, die man im Zuge der Revolution entfernt hatte. Und dann war das ganze Blut für ... nix... geflossen? Der Korse war auch ein Kaiser von eigenen Gnaden, der Günstlingswirtschaft und Diktatur betrieb - und doch ließen sie ihn zurückkommen. Zuerst seine Soldaten, denn sie weigerten sich auf den Mann zu schießen, der ihnen die großen Siege gebracht hatte - und, nachdem ja die Geschichte von jenen Lebenden gemacht wurde, die die Schlachten überlebt hatten, war´s ja gar nicht soo schlimm gewesen ... vielleicht.

Eben dieser Kaiser wollte sofort wieder Frieden mit den Alliierten und sein Kaiserreich absichern, aber die wollten mit ihm gar nicht, und so brauten sie an militärischer Macht zusammen, was nur möglich war. Die Engländer unter Wellington und die Preußen unter Blücher waren die Ersten vor Ort im Norden Frankreichs, und die Russen und Österreicher würden sich auch im Bälde dazugesellen, und Frankreich auf´s Neue erobern. Keine Chance für den Kaiser, wenn einmal alle an der Startlinie standen und in Frankreich einfielen. Er musste die Wiedervereinigung der Armeen Europas verhindern. Er  musste sie einzeln schlagen und so Nation für Nation aus dem Rennen nehmen.

Wiewohl Napoleon im langen Rückzugskampf nach Leipzig 1813 bewiesen hatte was für ein genialer Defensivtaktiker er war, so lag seine Stärke immer schon in der Offensive, und die wollte er ergreifen, sobald es ihm möglich war. Die Gelegenheit schuf er sich am 15. Juni 1815 wo es ihm gelang, sehr zur Überraschung der Alliierten, bei Charleroi die Sambre zu überschreiten – aber wie überraschend kann ein Aufmarsch einer Armee von ca.130.000 Mann und rd. 360 Kanonen sein... Napoleon wurde von Wellington bei Mons erwartet – und das auch erst im Juli, und somit – weil ja nicht sein kann was nicht sein darf – der Glaube, dass der Vorstoß bei Charleroi nur eine Finte sei, bestand lange in Wellingtons Kopf. Als er dann während eines Balls in Brüssel Gewissheit erlangte, dass der Vorstoß Napoleons zwischen die beiden Armeen gezielt war, um sie auseinander zu treiben und sie dann einzeln zu schlagen, da musste der Ball abgebrochen werden; und in aller Eile wurden die Einheiten zusammengezogen, und mancher Offizier kämpfte, mancher starb in seiner Ausgehuniform, weil er keine Gelegenheit hatte sich noch umzuziehen.

So gesehen funktionierte das Täuschungsmanöver ausgezeichnet, und bis zum Ende des 18. Juni fürchtete Wellington den Angriff über Mons, welcher ihm dort den Rückzug nach England abschneiden würde. Napoleon ließ auch einen kavalleristischen Angriff in diese Richtung durchführen, um den Eindruck aufrecht zu erhalten. Ein Korps von ca. 17 000 Mann war dafür abgestellt - und die hätte Wellington dringend bei Waterloo gebrauchen können.

Napoleons Plan war so einfach wie genial – der linke Teil seiner Armee stürzt sich auf die Engländer und beschäftigt sie gut, der rechte Teil stürzt sich auf die Preußen und verwickelt sie in eine Schlacht, in die dann Napoleon mit dem Zentrum seiner Armee entscheidend eingreift und damit  einen Teil der Feinde schlägt. Im Plan liegt, dass die Preußen nach der Niederlage nach Hause flüchten, damit das Zentrum und die Hauptmacht des rechten Teils der Napoleonischen Armee frei werden. Dass stürzen sie sich, gemeinsam mit dem eher aktiv hinhaltend kämpfenden linken Teil, auf die Engländer. Sobald sie erkennen, dass die Preußen geschlagen sind, würden diese garantiert zurück auf die Schiffe stürmen und nach Hause fahren. Wenn das so gelaufen wäre, ist es wohl eine Frage, ob die Russen und Österreicher so forsch weitermarschiert wären, oder ob nicht doch über Verhandlungen eine napoleonische Erblinie mit dem späteren Herzog von Reichstadt als Kaisersohn entstanden wäre ... aber da gibt´s ein paar Momente in der Geschichte, die einfach nicht so wollen wie die Planer derselben, die Moiren werkeln immer dran herum...

Zuerst gibt´s ein Problem mit dem linken französischen Flügel – kein Oberkommandierender, der in die Vorbereitungen eingeweiht ist und alle Pläne gut kennt, ist von Napoleon installiert worden – im allerletzten Moment wird Marschall Michael Ney als Kommandierender des linken, auf die Engländer zielenden Flügels, eingesetzt. Mir scheint, Napoleon hat Ney nie verziehen, dass dieser dem damaligen Ludwig XVIII versprochen hat ihn - Napoleon - nach der Rückkehr aus Elba in einem Käfig nach Paris zu bringen. Das Vertrauen scheint mir gefehlt zu haben, und wenn ein Kommandierender in die Pläne seines Oberkommandierenden nur noch so husch pfusch eingeweiht wird und dann loslegen darf, kaum seine eigene Korpsstruktur kennen kann und erst eine halbe Stunde nachdem sein Korps losmarschiert ist als dessen Befehlshaber  eingesetzt wird – das kann auch bei einem erfahrenen (für seine Tapferkeit, nicht für sein Hirn bekanntem) General schwierig sein. Ney war ein sehr erfahrener Marschall und Angst scheint es in seinem Wortschatz nicht gegeben zu haben – beides wohl Gründe für Napoleon, ihn zu ernennen.

Den rechten Flügel führte Grouchy, der letzte all jener, durchaus außergewöhnlicher Männer, die Napoleon zum Marschall von Frankreich ernannt hatte, ein Reiterführer durchaus, ein Infanteriegeneral eher nicht.

Aber Napoleon hatte es sich schon in den letzten Jahren seiner Herrschaft wie alle Diktatoren zur Angewohnheit gemacht, fast jede Kleinigkeit selbst zu organisieren, und da geht halt immer was verloren, wird übersehen und wenn der Oberste etwas nicht befiehlt, passiert es auch nicht. Die immense Selbständigkeit der Korps der großen Napoleonischen Zeit war schon dahin – der Meister befahl, und die anderen folgten.

In der napoleonisch militärischen Hochblüte waren die Corpsgeneräle beinahe selbständig und agierten (fast immer) abgestimmt und gemeinsam nach einem groben Plan Napoleons, der dann jeweils nach Bedarf nur die Korrekturen oder sein Genie einbrachte. Die Herren Kommandeure saßen da nicht herum und warteten auf Befehle, sondern sich dachten sich ihre Befehle selber - und es funktionierte prächtig.

Andersrum rächt es sich, wenn die Eigeninitiative fehlt, denn in einer Zeit in der Nachrichten Stunden brauchen bis sie von A nach B sind, kann eine Momentaneinschätzung innerhalb von kürzester Zeit obsolet sein, und da bedarf es selbständigen Handelns.

Was machen die Alliierten? Sie ziehen ihre Truppen zusammen und versichern sich gegenseitig der Unterstützung – was einen sehr sehr wichtigen Faktor der Geschichte machen wird. Wellington schickt alles sinnvoll verfügbare gen Süden, und es etabliert sich ein kleiner Haufen Braunschweiger in Schwarz, mit dem Totenkopfemblem auf dem Tschako, der hinhaltend Widerstand bei Quatre Bras leistet. Blücher zieht ebenfalls zusammen was er kann, und wird bei Ligny auf Gruchy und Napoleon stoßen.
 
 
Die Vorgefechte
Quatre Bras (vier Arme) ist kein Ruhmesblatt für die Franzosen – lax geführt, vorsichtig, tastend, ohne Kraft – all die Eigenschaften, die zu den großen Erfolgen früherer Zeit geführt haben; im Zaudern der Kommandeure liegen geblieben. Als dann doch forsch angegriffen wird, sind genug Verbündete und Briten da, um Quatre Bras zu halten. So tapfer die Alliierten fochten – versiebt haben´s die Franzosen.

Parallel dazu kämpft Blücher einen heldenhaften Kampf mit den menschenverschlingenden Methoden und Taktiken der Zeit: Er stellt seine Soldaten ordentlich auf und versteckt sie nicht, wie Wellington die seinen immer hinter einem Hügel oder in einem Wald oder sonst wo. Schön aufgestellte Soldaten leiden schwer unter Artilleriefeuer – die Preußen sind tapfer, und ihr General Gottfried „Vorwärts“ Lebgerecht Blücher ist überall, wo der Kampf seiner bedarf. Ein alter Mann mit der Energie eines Dreißigjährigen, der im späteren Verlauf unter seinem Pferd zu liegen kommt - und weil so viele Feinde um ihn sind, erst später von einem Adjudanten gefunden wird. Aber mit Schnaps und Knoblauch ist der Alte Mann bald wieder auf den Beinen. Eine Stehernatur, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.

Es gelingt Napoleon die Preußen zu schlagen, wenngleich der Preis auch für die Franzosen hoch ist. Und wenn man bedenkt, dass das Korps d´Erlon zwischen Quatre Bras und Ligny herumkommandiert wird, und im entscheidenden Moment weder auf dem einen noch auf dem anderen Schauplatz eingreift - und dessen Eingreifen sicher beide Schlachten wesentlich beeinflusst hätte (und das ist kein „was wäre wenn Gedanke“) – ein schwerer Führungsfehler, für den im Endeffekt Napoleon selber verantwortlich ist.
 
Da ist der Beginn der Kampagne schon von einem Unstern begleitet. Warum auch immer die Nachrichten nicht ordentlich angekommen  sind oder auch nicht ordentlich verfasst wurden – es ist immer der Kopf, der die Verantwortung trägt. Schlampige Generalstabsarbeit ist es allemal, auch wenn das Thema Generalstab zu dieser Zeit noch nicht ganz ausgereift ist.

Die Preußen ziehen sich nach der Niederlage bei Ligny zurück. Das entscheidende Moment der Verfolgung wird von Napoleon nicht zur Wirkung gebracht. Einen geschlagenen Gegner muß man so lange unter Druck setzen und verfolgen, bis er sich zur Gänze auflöst oder so weit geflohen ist, wie man ihn haben will.  Ein Teil der Preußen, der ca. 8000 Mann umfasst, flieht in die Richtung, in welche Napoleon erwartet, dass sie es tun würden. Die Masse aber geht ziemlich geordnet zurück nach Wavre, einer Ortschaft an einem Fluß, die nur durch einen Wald vom kommenden Schlachtfeld bei La  Belle Alliance (Preussen) / Mont St.Jean (Franzosen) / Waterloo (Engländer) entfernt ist. Bei Wavre stößt auch ein Korps Preußen dazu, welches an der Schlacht von Ligny nicht teilnahm, und somit ohne Kampfschaden und relativ ausgeruht alle wichtigen Aufgaben übernehmen kann, um die  kampfmüden Kameraden zu entlasten.

Die Franzosen aber verfolgen, als der Kaiser am nächsten Tag die Verfolgung doch aufnimmt, die wenigen, die nach Namur ziehen, und sie kommen relativ spät darauf, dass sie hier nicht den Hauptteil der Preußen vor sich haben. So muß Grouchy  die Preußen erst finden, um sie zu bekämpfen.

Alldiweil bei Quatre Bras nach den abendlichen Gefechten des Vortags noch genug Zeit zu bleiben scheint für ein ausgiebiges Frühstück und ein bisserl Trödeln. Dann geht es ans Eingemachte – beide Kommandeure erhalten Verstärkungen, und diese werden umgehend in die Schlacht geworfen. Es ist eine verbissen geführte Auseinandersetzung, bei der Fahnen verloren gehen, unerfahrene Befehlshaber falsche Befehle - wider besserer Beratung - geben, und der Kampfgeist beider Seiten hoch ist. Auch an eben dieser Schlacht kann das Korps d´Erlon nicht teilnehmen – es wandert mit neuen Befehlen wieder zurück ... und ist so für niemanden verfügbar.

Egal – als die Niederlage der Preußen bei Ligny kund wird, ist Quatre Bras nicht mehr wichtig und wird aufgegeben. Es folgt ein Rückzug in schwerem Wetter. Den Rückzug deckt die Kavallerie  und reitende Artillerie, die immer wieder abprotzt (die Kanonen in Stellung bringt - im Regen und bei schwerem Boden eine Leistung enormen Ausmaßes), und dann zum letztmöglichen Zeitpunkt wieder aufsitzt und das Spiel ein paar hundert Meter später weiterspielt. Die Kavallerie beider Seiten versucht ihr Bestes – aber der Boden ist tief und nass und schwer zum Gehen und Reiten. Großartige Umgehungsmanöver lässt der Boden nicht zu, und so erstrecken sich die Gefechte entlang der Strasse gen Norden. Die britische Infanterie ist schon fleißig am Eintrudeln auf dem von Wellington ausgesuchten Schlachtfeld vor dem Wald von Waterloo, derweil die Artilleristen und Reiter den langen Tag dahinplänkeln.

Man sagt dass Wellington das Schlachtfeld schon bei einer früheren Gelegenheit für praktikabel befunden hat – er hatte aber immer ein gutes Auge für Defensivpositionen, wie seine spanischen Siege bewiesen haben.

Wellington18. Juni 1815 - der Tag der Schlacht
Man sagt, dass es das Dümmste sei, seine Armee vor einem Wald aufzustellen (Julius Caesar) – man hätte dann kaum Platz zum Manövrieren, und die Leute verlieren sich bei einem eventuellen Rückzug völlig.

Wellington hat sich genau so eine Position zum Sammeln für seine Soldaten ausgesucht, um im Fall der Niederlage keine konzentrierte Verfolgung erleiden zu müssen...(alles eine Frage der Betrachtungsweise).

Der Platz hat viele Namen, ist aber unter Waterloo berühmt geworden. Der Hügelrücken  ist krumm genug, dass sich hinter demselben die Truppen einigermaßen gut vor der kommenden Kanonade werden verstecken können – eine alte Taktik Wellingtons, der immer auf das Wohl seiner Soldaten achtete sofern es möglich war – nicht nur weil er sie nicht unnötig opfern wollte, sondern auch, weil er zu keiner Zeit zu viele davon hatte. Der Schwächere ist eben in der Defensive der Särkere, wenn er seine Position gut wählt.

Die Karte Gegenüber dem Hügelrücken befindet sich ein Rücken, auf dem sich die Franzosen aufstellen. In der Mitte eine Senke. Eine Straße führt in der Mitte von den Franzosen zu den Engländern. Ziemlich im Zentrum  beider Seiten am Unterhang steht La Haye Sainte – ein Gebäude, das die Soldaten in eine Festung verwandelt haben, aber doch ein wenig unglücklich, da die Soldaten teilweise die Läden und Türen zum Heizen verwendet haben, die dann doch ganz ordentlich Deckung gegeben hätten. Ein lästiger Fels in der Brandung.

An ihrem linken Flügel sehen sich die Franzosen dem Chateau Hougoumont gegenüber – ein echtes militärisches Bollwerk mit einigen Gebäuden – ihm vorgelagert ein Obstgarten und Gehölz, das der Artillerie einiges an Sicht und Wirkung nimmt. Es deckt den rechten englischen Flügel.

Seinen linken Flügel hat Wellington an zwei kleine Ortschaften angehängt, die zu verteidigen an sich nicht leicht ist und deren Halten ihm auch nicht ganz so wichtig ist – aus dieser Richtung erwartet er die Preußen – das ist eben der Wald, der zwischen Wavre und dem Schlachtfeld liegt. Die taktische Bedeutung ist auch für die Franzosen nicht so groß, dass sie alles daran setzen, dort Erfolge zu erringen, auch wenn dort hart gefochten wird.

Napoleon lässt seine Truppen ebenfalls entlang seines Höhenrückens aufstellen – geplant ist auch, dass die Kanonen in einer massierten Batterie die Mitte der Aufstellung einnehmen, das Alliierte Zentrum zermalmen und dann von den Kolonnen der Franzosen überrannt werden. Eine Wiederholung der Taktik der Vortage - nur in kleinerem Maßstab. Es ist die Schlacht aus dem Zentrum heraus, bei dem der Einbruch in die feindliche Stellung in der Mitte erfolgt, und dann zuerst die eine Hälfte des geschlagenen Gegners vernichtet wird und dann die andere. Altbewährt und bis dato gegen alle Truppen Europas erfolgreich – außer gegen die Engländer.

So sammeln sich die Truppen am Vorabend der Schlacht. Durchgeweicht und teilweise mit sehr mageren bis gar keinen Rationen seitens der Engländer. Es wird im Regen übernachtet. Da wird aus dem schönen rot/weiß der Briten ein stimmiges rosa, und so manche weißen Breeches und weißen Ledergürtel sollen ausgesehen haben wie von Laura Ashley. Die Färbequalität ließ doch oft zu wünschen übrig.

Der Morgen erwacht noch grau und feucht. Der Boden ist tief, was natürlich einerseits die Manövrierfähigkeit der dünnen Kanonenräder beeinträchtigt und andererseits auch die Schußwirkung hemmt – eine Kugel, die in den Gatsch fällt, ricoschettiert (das Prinzip des oftmaligen Aufschlagens des Geschoßes - wie beim Blatteln eines Steins am See) nicht, und auch die Lunten an den Kugeln mit Sprengladung werden in der Feuchtigkeit leicht gelöscht.

Napoleon ist sehr zuversichtlich und wischt beim Frühstück alle Einwände seiner Generäle vom Tisch – die meisten von ihnen Männer, die gegen Wellington in Spanien schon verloren haben – er ist zuversichtlich, dass es ihm gelingen wird. Wegen des „tiefen Bodens“ wird der Angriff auf 1100 verlegt – zwei Stunden, die dem Meister der Schlachten fehlen werden - und in Summe nichts bringen. Da steht wohl drauf „the early bird catches the worm“.

Um ca. 11 Uhr beginnt die Kanonade (interessant ist, dass es Zeitaufzeichnungen beider Seiten gibt, die ein Zeitspektrum für den ersten Schuss bis zu 1215 angeben – wieder ein Indiz für die Relativität von Zeitaufzeichnungen, aus denen ich mich nun weitgehend verabschieden werde). Die Männer Wellingtons liegen hinter der Hügelkuppe am Boden – eine Einheit wurde vorne vergessen und wird schlichtweg zusammengeschossen – ob dieses Irrtums ranken sich viele Gerüchte – den Toten wird´s egal sein.

Zeitgleich beginnt Prinz Jerome (ein Bruder Napoleons), den Angriff auf Hougoumont – ein durchgehendes Gemetzel mit Tagesdauer. Summarisch betrachtet darf es den Franzosen nicht in die Hände fallen, sonst ist der rechte  englische Flügel allerschwerst bedroht – die Schlacht wahrscheinlich dann sogar entschieden. Die englische Elite steht dort, und in Summe und über den Tag gerechnet verteidigen 2000 Briten sich gegen rd. 8000 Franzosen. Das Ganze findet über den Tag hinweg statt – eine Schlacht in der Schlacht mit unglaublichen Szenen ... So dringt eine Einheit Franzosen unter der Anführerschaft eines riesigen axtschwingenden Sergeanten in den Hof des Chateaus vor, um, nachdem es den Verteidigern gelungen ist das Tor zu schließen, dort abgeschnitten zu werden und bis auf einen kleinen Trommler zu fallen. Hier wird die Schlacht nur geführt, nicht entschieden.

La Haye Sainte im Zentrum an der Straße wird immer wieder angegriffen, aber eigentlich nicht allzu ernsthaft – als ob man es nicht für wichtig genug genommen hätte. Ein kurzes massives Sammelfeuer aller Kanonen hätte genügt, um diesen Dorn aus der Ferse der Franzosen zu nehmen – aber Napoleon leitet die Schlacht nicht wirklich selber. Man sagt er sei unpässlich gewesen, in sich versunken, ohne Animo und krank. Ney leitet sie und der ist nur der Tapferste ... aber der Gescheiteste ist er wohl nicht.

Um 13 Uhr beginnt der Angriff der Kolonnen auf das alliierte Zentrum. D´Erlon´s Corps trägt ihn vor. Jenem Corps, das ob der Kommandofehler weder an Quatre Bas noch an Ligny teilgenommen hat, wird nun die Ehre zu Teil den ersten, vielleicht schon alles Entscheidenden Angriff vorzutragen. Wieder einmal marschieren die Franzosen im Pas de Charge auf den Feind zu. Alle Armeen Europas sind daran zerbrochen – nur die Engländer nicht, wie sie in Spanien oftmals bewiesen hatten.

Die Angriffskolonnen weichen ein wenig aus, denn aus La Haye Sainte schlägt ihnen heftiges Flankenfeuer entgegen. Das Korn steht hoch und will erst zertreten werden, aber der Schritt ist stetig, die Kolonnen dicht und furchtlos. Erst auf 20 Schritte schlägt ihnen das Abwehrfeuer der „Thin red Line“ (ein Begriff, der übrigens erst im Krimkrieg geprägt wurde) entgegen, und es sieht so aus, als ob das Abwehrfeuer nicht reichen wird.
 
Da packt sich die englische Kavallerie zusammen und greift die Kolonnen, die sich durch den Vormarsch und das Abwehrfeuer aus Musketen und Artillerie auflockern, an. Ein unüblicher Vorgang (dichte geschlossene Infanterie ist nicht im kavalleristischen Beuteschema vorgesehen), der die Franzosen völlig überraschend trifft, denn sie sind ohne wesentliche kavalleristische oder artilleristische Bedeckung vorgerückt, und als solches einem so bestimmt vorgetragenen Angriff nicht gewachsen. Sie flüchten ... die Reiter hinterher. Ein Durcheinander !!!! ... und es zeigt sich wieder, dass die Engländer die beste Kavallerie der Welt haben – aber auch die am Schlechtesten geführte. Sie sind in ihrem Vormarsch nicht zu bändigen, reiten bis zu den französischen Kanonen am Gegenhang und haben doch nicht das Werkzeug, diese zu vernageln (Da werden in das Zündloch ein paar Nägel geschlagen - und bis diese ausgebohrt sind ist der Tag gelaufen - somit wären die Kanonen unbrauchbar). Am entferntesten Punkt ihres Vorstoßes werden die Reiter von den gefürchteten polnischen Lanzenreiter und französischen Husaren attackiert und schwerst geschlagen.

Mangelnde Disziplin bis in den Tod auch für den Anführer der Englischen Kavallerie. Wohl der berühmteste Angriff einer Kavallerie neben dem Angriff der leichten Brigade im Krimkrieg, und doch sehr schmerzhaft. Es kostet Wellington doch einen wichtigen Teil seiner Verteidigung und Flexibilität. Sie haben sich für den Tag aufgebraucht und fallen für die weitere taktische Planung aus.

Danach geht die Kanonade weiter – volles Rohr, und da der Boden im immer besser werdenden Wetter schön trocknet, beginnen die Kugeln auch unter den Verteidigern hinter dem Kamm ihren Tribut zu fordern. Wellington lässt die Männer niederlegen. Irgendwann muss Ney den Eindruck gewonnen haben, dass die Aktivität (Abtransport verwundeter durch Kameraden, kaum jemand zu sehen) auf  der englischen Seite wohl eine Art von Auflösungserscheinung sein muss, und ordert seinerseits einen Kavallerieangriff auf die englischen Stellungen an. Wohl einer der Größten in der Geschichte. Die englischen Bataillone formen Karrees (das sind Vierecke, die so gestellt sind, dass alle Mann nach außen sehen, die aufgepflanzten Bajonette wirken wie ein Speerwall, den Pferde nicht durchdringen können – die hinteren Reihen feuern). Wenn die Disziplin im Karree passt, kann ein Karree von Kavallerie nicht zerschlagen werden. Zumindest hört die Kanonade auf, und es sind nur noch die Reiter, die nichts bewirken und den Gewehrkugeln der alliierten Musketen ausgesetzt sind. Augenzeugen sagten, es  prasselten die Kugeln auf die Brustplatten der tapferen Kürassiere ... und wieder reiten 10000 Mann ohne jegliche Unterstützung ins Gefecht.
 
Man stelle sich vor, dass dahinter zwei bis zehn Bataillone Infanterie kämen und 10- 12 Kanonen Löcher in die Karrees schießen, in welche dann die Kavallerie hauend und stechend eindringen kann ... die Infanterie würde aufräumen. Zwei Stunden dauerte dieser Angriff; zwei Stunden, in denen der Meister nichts unternahm, den Sieg einzufahren.

Das wäre definitiv das Ende der Schlacht gewesen, aber die Reiter sind alleine und keiner hilft ihnen. So sterben sie tapfer wie kaum Ihresgleichen je zuvor und werden verheizt wie Strafbataillone an der Karreebrandung des Todes.  Sie erreichen nichts, außer dass danach die Kavallerie der Franzosen völlig erledigt ist. Man sagt, es wären bis zu zehn volle Attacken geritten worden.

Zu diesem Zeitpunkt ist bereits klar, dass die Preußen kommen - und auch schon da sind. Gruchy hat sie bei Wavre angegriffen und gewinnt eine Schlacht gegen das eine Korps, das Blücher ihm zum Bekämpfen hingestellt hat. Die anderen drei Preußischen Korps marschieren wider aller Umstände durch den Wald, um den verbündeten Alliierten beizustehen. Um 14 Uhr tauchen sie auf und begeben sich schnellstens in den Kampf, der bei Plancenoit ausgetragen wird – dieser Ort ist strategisch äußerst schmerzhaft für Napoleon. Der Ort liegt im Reservebereich, ein gutes Stück hinter der Hauptkampflinie und eine Einnahme des Ortes würde die Rückzugslinie bedrohen. Somit muß alles getan werden um einen  preußischen Erfolg zu verhindern. Ein Hin und Her, und die junge Garde kämpft so tapfer wie die Preußen. Diese aber erhalten immer mehr Verstärkungen – die Garde nicht.

Was würde Napoleon geben, die Truppen Gruchys bei sich zu haben. 30.000 Mann hat er zurückbefohlen, und selbst der Lärm der nahen Schlacht hat Grouchy nicht zu seinem Meister gerufen. Die Befehle hat er nicht erhalten / zu spät erhalten, und die eigene Entscheidungsfreiheit war nicht groß genug um selbst hinzureiten ... aber es wäre eine schlachtentscheidende Bewegung gewesen – daran ist nicht zu rütteln.

Böücher Ich frage mich wann Wellington den Satz „Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen" aka „give me night or give me Blücher“ gesagt hat. Wohl nach d`Erlons Angriff um 13 Uhr, denn um 14 Uhr wusste er sicher, dass die Preußen kommen – alles andere ist wohl Wunschliteratur...

Für Napoleon ist das Auftauchen der Preußen auch eine Bedrohung, und somit ordnet er nun ein rasches Räumen von La Haye Sainte an, damit  der entscheidende Angriff auf das Zentrum Wellingtons unbehindert von statten gehen kann.

La Haye Sainte fällt unter dem Druck der Franzosen und der fehlenden Munition der Verteidiger um ca. 18 Uhr – Verteidigerheldentum wie aus dem Bilderbuch.

Nun ist es für den Meister seiner der Epoche an der Zeit, die Schlacht zu beenden. Die Mittelgarde mit fünf Bataillonen soll den entscheidenden Schlag führen.

Was jetzt kommt haben die Briten den Franzosen in Spanien mehrfach gezeigt und vorgeführt und auch damit all die Schlachten gewonnen.
 
Wie dramatisch es die Geschichte auch darstellt – es ist ein mathematisches Rechenbeispiel, bei dem eine lange Linie mit vielen Musketen mehr Schüsse abfeuert als eine kompakte Masse mit nur einer beschränkten Zahl feuerbereiter Gewehre in der ersten Reihe (die auch immer im Beschuss stehen und so kaum selber zum Feuern kommen). Die lange Linie kann auch noch einschwenken, weil die Garde wieder ohne jegliche kavalleristische und artilleristische Unterstützung vorgehen muss – so viele Schlachten hat dies alles perfekt funktioniert und genau in der entscheidenden nicht. Die englischen Soldaten sind perfekt gedrillte Feuermaschinen – zwei bis drei Schüsse in einer Minute aus ca. 5000 Musketen erreichen, dass die Garde zum Stehen kommt – und dann gehen die Elitesoldaten Napoleons zurück... ein noch nie dagewesener Vorgang – „la garde recúle“ dringt durch die Reihen der Franzosen. Und das heißt wohl, dass der Untergang bevorsteht. Die Schlacht ist entschieden – die Alliierten rücken vor, und was auch immer noch an Kampfgeist in den Franzosen steckt, ist für diesen Tag nicht mehr auf diesem Schlachtfeld. Allein die alte Garde deckt ihren Kaiser und kämpft und stirbt, wie man es von ihr erwarten kann.

Es ist Blücher, der nach einem langen Tag Marsch und Kampf die Verfolgung der Franzosen aufnehmen lässt - und mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit bis Paris auch kaum zum Stehen kommt. Die Alliierten und Engländer haben die Kraft nicht mehr dazu.
 
Napoleon hat ganz sicher die Kampfkraft und Zähigkeit der Alliierten unterschätzt. Er glaubte die Preußen ganz geschlagen und erwartete ihre Ankunft nicht wirklich. Er mischte auch selber viel zu wenig im Schlachtgeschen mit – er ließ Ney werkeln und regte sich sogar noch darüber auf, dass dieser immer mehr Soldaten haben wollte.

Der Kavallerieangriff der Franzosen war wohl der Punkt, an dem die Schlacht für Napoleon deutlich und erfolgreich zu gewinnen war – danach ...

Selbst ein Sieg der Garde hätte es schwierig gemacht die Alliierten zu verfolgen – da hätte er noch die Preußen vom Platz fegen müssen. Und die Nacht war nahe.

Anmerkungen:
Korps: Ein kleine Armee, die aus allen Waffengattungen besteht und so kombiniert wirken kann. Artillerie, Infanterie, Kavallerie gut gemischt, aber so, dass diese einen Kampf alleine führen können. Die Größe schwankt von 10 000 bis zu 40 000 Mann.
Napoleon hat das Prinzip perfektioniert und seine Korps so organisiert, dass - sobald ein Korps auf den Feind trifft, es ihn in eine Schlacht verwickelt. Die anderen Korps, die meist nur einen halben bis ganzen Tagesmarsch entfernt sind, ziehen heran, stoßen dabei schon oftmals flankierend auf den Gegner. Und da meist vier  Korps in einer Art Trapezform marschieren, ist in Bälde eine Übermacht hergestellt, welcher der Gegner, der ja in eine Schlacht mit einem scheinbar unterlegenen Gegner gelockt wurde, nicht mehr widerstehen kann. Der Preußenfeldzug Napoleons war wohl das beste Beispiel dafür.

Befehle: Napoleon hat es sich ursprünglich zum Usus gemacht, einen Befehl drei mal auf  verschiedenen Routen an den Adressaten zu bringen. Der Erhalt musste bestätigt werden. Während des Waterloofeldzuges scheint dies nicht immer so gelaufen zu sein – wohl auch, weil Napoleons alter Stabschef Louis Berthier, der all die Schlachten und Feldzüge so perfekt in Befehle umgesetzt hat, bei der Waterlookampagne nicht zur Verfügung stand. Er war bei einem Fenstersturz Monate zuvor getötet worden und das Ganze riecht immer noch wie ein Selbstmord mit 20 Messerstichen im Rücken ...

Verluste: Bei den Franzosen waren ca. 25 000 Tote und Verwundete zu beklagen, dazu noch in etwa 8000 Gefangene. Die Alliierten hatten rd. 15 000 Tote und Verwundete, die Preußen ca. 7000.

Bellum Leonicum

 

Kommentare  

#1 Larandil 2010-10-31 09:17
Zitat:
Allein die alte Garde deckt ihren Kaiser und kämpft und stirbt, wie man es von ihr erwarten kann.
Na ja, die meisten. Aber nicht ihr Kommandeur Pierre Cambronne, von dem die Worte fielen: "Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht." Denn den wollten die Engländer danach lebend haben ...
secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Pierre_Cambronne
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#2 Pisanelli 2010-11-04 13:51
Ich weiß, ich wiederhole mich und vielleicht nerve ich auch, aber hier fehlen mir mal wieder Quellen- und Literaturangaben... :-?
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#3 Wolfgang Joachim Fischer 2015-09-02 00:16
Sauber, kann ich nur sagen.
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